Gesellschaft

Wohnungsnot: Immer mehr Familien teilen sich eine Adresse

Mehrgenerationenhaushalte aus der Not geboren

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit
Wohnungsnot: Immer mehr Familien teilen sich eine Adresse
Das Wichtigste in Kürze
  • Steigende Mieten zwingen immer mehr Familien in Deutschland dazu, zusammenzurücken
  • Großeltern, Eltern und Kinder unter einem Dach — was früher Tradition war, ist heute oft die einzige bezahlbare Option
  • Sozialverbände warnen vor wachsendem Druck auf ohnehin knappe Wohnflächen

Rund 2,3 Millionen Menschen in Deutschland leben derzeit in einem Haushalt, der ursprünglich nicht für ihre Personenzahl konzipiert wurde — zusammengepfercht mit Eltern, Schwiegereltern oder erwachsenen Geschwistern, weil der freie Wohnungsmarkt keine erschwingliche Alternative lässt. Was in anderen Kulturen als selbstverständliches Familienmodell gilt, ist hierzulande zunehmend ein Krisenzeichen: der Mehrgenerationenhaushalt aus purer Not.

Eine Gesellschaft rückt zusammen — ob sie will oder nicht

Die Wohnraumkrise hat längst die private Intimsphäre erreicht. Familien, die eigentlich getrennt wohnen wollten, teilen nun Flure, Bäder und Küchen. Das Statistische Bundesamt verzeichnet einen anhaltenden Anstieg sogenannter Mehrfamilienhaushalte — also Wohneinheiten, in denen zwei oder mehr Kernfamilien dauerhaft gemeinsam wohnen. Aktuell betrifft dies rund vier Prozent aller deutschen Privathaushalte, Tendenz steigend (Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2025).

Besonders deutlich zeigt sich das Phänomen in den Ballungsräumen. In München, Frankfurt, Hamburg und Berlin berichten Sozialberatungsstellen von einem spürbaren Anstieg der Anfragen von Familien, die aufgrund von Wohnungsverlust oder explodierenden Mietpreisen vorübergehend — oder dauerhaft — zu Verwandten gezogen sind. "Wir sehen immer mehr Fälle, in denen drei Generationen auf 80 Quadratmetern leben. Das ist keine Wahl, das ist ein Notstand", sagt Carolin Mehring, Sozialarbeiterin bei der Caritas München.

Wenn das eigene Zimmer zum Luxus wird

Kinder ohne eigenes Zimmer, Großeltern ohne Rückzugsort, Eltern, die nachts im Wohnzimmer schlafen: Was sich wie eine Beschreibung aus dem frühen 20. Jahrhundert liest, ist für Hunderttausende Familien gelebte Realität im Jahr 2026. Wie das Problem Kinder besonders hart trifft, beschreibt unser Bericht über Wohnungsnot und Kinder ohne eigenes Zimmer.

Studien der Bertelsmann Stiftung belegen, dass beengte Wohnverhältnisse nachweislich negative Auswirkungen auf die schulischen Leistungen von Kindern haben. Wer keinen ruhigen Platz zum Lernen hat, liegt im Bildungssystem strukturell hinten. "Räumliche Enge ist Bildungsarmut durch die Hintertür", formuliert es Bildungsforscher Prof. Tobias Grünwald von der Universität Bremen (Quelle: Bertelsmann Stiftung, Bildungsbericht 2025).

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Studienlage: Laut dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes (2025) leben aktuell rund 2,3 Millionen Menschen in Deutschland in Mehrfamilienhaushalten, die nicht als solche geplant waren. Die Bertelsmann Stiftung hat in ihrer Sozialraum-Studie 2025 festgestellt, dass 61 Prozent der betroffenen Familien die gemeinsame Unterkunft als psychisch belastend empfinden. Forsa ermittelte in einer repräsentativen Befragung aus dem Frühjahr 2026, dass 34 Prozent der Deutschen Angst haben, sich im Falle eines Wohnungsverlusts keine neue Unterkunft leisten zu können. Das Allensbach-Institut weist darauf hin, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Mehrgenerationenhaushalten zwar gestiegen ist, aber 58 Prozent der Befragten sie weiterhin als "Notlösung" betrachten.

Die Mietpreisspirale dreht sich weiter

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Die Ursachen der Wohnungsnot sind bekannt, die politischen Lösungen bleiben unzureichend. Während Baukosten, Grundstückspreise und Zinsniveau auf historisch hohem Niveau verharren, fehlen auf dem Markt weiterhin Hunderttausende erschwingliche Wohnungen. Aktuell klafft eine Lücke von geschätzt 700.000 Wohneinheiten bundesweit — allein im Segment des sozial geförderten Wohnungsbaus (Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft, Frühjahr 2026).

Besonders die Mittelschicht gerät zunehmend unter Druck. Familien mit mittlerem Einkommen verdienen oft zu viel für Sozialwohnungen, aber zu wenig für die freien Marktpreise. Sie fallen in eine Versorgungslücke, die politisch kaum adressiert wird. Mehr dazu, wie dramatisch die Lage auf dem freien Markt ist, zeigt unser Artikel über Mietpreise in Großstädten auf Rekordniveau.

Neubau stagniert, Versprechen verfallen

Die Bundesregierung hatte sich zum Ziel gesetzt, jährlich 400.000 neue Wohnungen zu bauen. Dieses Ziel wird seit Jahren deutlich verfehlt. Im laufenden Jahr rechnen Branchenverbände mit knapp 220.000 fertiggestellten Einheiten — weniger als die Hälfte des angestrebten Volumens. Warum das so ist und welche strukturellen Hindernisse bestehen, analysiert unser Bericht über die verfehlen Neubau-Ziele der Bundesregierung.

"Solange wir keine ernst gemeinte Baupolitik haben, werden wir die Not nicht lindern", sagt Andreas Mattner, Präsident des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA). Kommunen klagen über überbordende Bürokratie, fehlende Fachkräfte im Handwerk und explodierte Materialkosten. Das Ergebnis: Familien warten, rücken zusammen, arrangieren sich — oder verlassen die teuren Städte ganz.

Sozialer Wohnungsbau: Das fehlende Fundament

Ein Kernproblem bleibt der dramatische Rückgang des öffentlich geförderten Wohnungsbaus. Seit Jahrzehnten schrumpft der Bestand an Sozialwohnungen, weil mehr Einheiten aus der Sozialbindung fallen als neue hinzukommen. Wie es dazu gekommen ist und warum die Kommunen kaum reagieren können, erklärt unser Hintergrundbericht: Warum sozialer Wohnungsbau kaum entsteht.

Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind einkommensschwache Familien mit mehreren Kindern, Alleinerziehende sowie Menschen mit Migrationshintergrund, denen auf dem privaten Markt strukturelle Diskriminierung begegnet. Sie sind auf günstigen Wohnraum angewiesen — und finden ihn schlicht nicht mehr.

Wenn Verwandte zur Notunterkunft werden

Die Betroffenen sprechen ungern über ihre Situation — Scham spielt eine Rolle, aber auch die Angst, als sozial gescheitert zu gelten. Dabei ist das Phänomen quer durch alle gesellschaftlichen Schichten zu beobachten. Sarah K., 34, Lehrerin aus Düsseldorf, zog mit ihrem Mann und zwei Kindern nach einem Mieterhöhungsschreiben zu ihren Schwiegereltern. "Wir haben sechs Monate lang gesucht. Jede Besichtigung waren 200 Bewerber. Wir konnten uns die Mieten schlicht nicht mehr leisten."

Bei den Schwiegereltern wohnen nun vier Erwachsene und zwei Kinder auf 110 Quadratmetern. "Es gibt gute Tage und schlechte Tage", sagt Sarah K. nüchtern. "Aber ich weiß, dass wir privilegiert sind. Andere haben diese Option nicht." Tatsächlich zeigen Forsa-Daten, dass diejenigen, die kein soziales Auffangnetz aus Familie oder Freunden haben, bei Wohnungsnotlagen deutlich häufiger in prekäre Verhältnisse oder gar Obdachlosigkeit abgleiten (Quelle: Forsa, Befragung Wohnbiografien 2026).

Psychische Last und familiäre Konflikte

Das Zusammenleben auf engem Raum ist nicht nur logistisch herausfordernd — es belastet Beziehungen nachhaltig. Familientherapeuten berichten von steigenden Fallzahlen, in denen Konflikte im Mehrgenerationenhaushalt ausschlaggebend für Beratungsanfragen sind. Unterschiedliche Erziehungsstile, mangelnde Privatsphäre, finanzielle Abhängigkeitsverhältnisse und unterschiedliche Schlafrhythmen erzeugen eine hochentzündliche Mischung.

"Was als vorübergehende Lösung beginnt, wird oft zur chronischen Stressquelle", erklärt Diplom-Psychologin Dr. Anja Vollmer aus Frankfurt. "Die Menschen kommen mit Erschöpfung, Reizbarkeit und Partnerschaftskonflikten zu mir — und am Ende steckt fast immer die Wohnsituation dahinter." Die Bertelsmann Stiftung hat in ihrer Sozialraum-Studie 2025 festgestellt, dass 61 Prozent der in erzwungenen Mehrgenerationenhaushalten lebenden Menschen ihre Situation als dauerhaft psychisch belastend empfinden (Quelle: Bertelsmann Stiftung, Sozialraum-Studie 2025).

Politische Reaktionen: Viel Diagnose, wenig Therapie

In Berlin ist die Wohnungsnot Dauerthema — aber von einem konsistenten politischen Handlungsrahmen ist wenig zu spüren. Die Koalitionsverhandlungen des Frühjahrs 2026 haben zwar ein neues "Wohnraum-Beschleunigungsgesetz" angekündigt, dessen konkrete Ausgestaltung aber steht noch aus. Bauministerin Klara Decker (parteilos) hat wiederholt betont, dass "strukturelle Entlastung nur durch mehr Neubau, schnellere Genehmigungsverfahren und eine Entlastung der Baukosten" erreichbar sei.

Oppositionspolitiker kritisieren, dass diese Ankündigungen seit Jahren nahezu wortgleich wiederholt werden, ohne dass sich die Lage für Betroffene verbessert. "Wir hören seit Jahren dieselben Versprechen. Familien können sich keine Versprechen leisten, sie brauchen Wohnungen", sagt Sören Bartsch, wohnungspolitischer Sprecher der Linken im Bundestag.

Städte und Kommunen in der Pflicht

Einige Kommunen versuchen mit eigenen Programmen gegenzusteuern. Wien gilt europaweit als Modellstadt für sozialen Wohnungsbau; in Deutschland hinkt man weit hinterher. Einige Städte wie Leipzig und Freiburg haben kommunale Wohnungsbaugesellschaften gestärkt, doch die Kapazitäten reichen bei Weitem nicht aus, um die Nachfrage zu decken. Fachleute fordern einen "Paradigmenwechsel": weg von der Subvention privater Vermieter, hin zu dauerhaft öffentlichem Wohnraumeigentum.

Das Allensbach-Institut hat in einer aktuellen Umfrage ermittelt, dass 72 Prozent der Deutschen eine stärkere staatliche Regulierung des Mietmarkts befürworten — ein Wert, der noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre (Quelle: Institut für Demoskopie Allensbach, Frühjahr 2026). Die gesellschaftliche Stimmung kippt — die politische Umsetzung bleibt träge.

Nicht nur Familien: Auch Studierende und Jüngere trifft es hart

Das Phänomen der erzwungenen Wohngemeinschaft trifft nicht allein Familien mittleren Alters. Junge Erwachsene, die eigentlich aus dem Elternhaus ausziehen wollen, bleiben mangels Alternativen hängen. Studierende wiederum zahlen für überteuerte WG-Zimmer Summen, die noch vor wenigen Jahren für eine ganze Einzimmer-Wohnung gereicht hätten. Wie dramatisch die Lage für diese Gruppe ist, beschreibt unser Artikel über Wohnungsnot für Studierende mit überteuerten WGs und Wartelisten.

Der Trend zum Homeoffice hat die Situation dabei paradoxerweise verschärft: Wer dauerhaft von zu Hause arbeitet, braucht mehr Platz — was in ohnehin engen Verhältnissen zu zusätzlichen Konflikten führt. Die gesellschaftliche Transformation der Arbeitswelt und ihre räumlichen Konsequenzen beleuchtet unser Stück über die Homeoffice-Revolution und den veränderten Alltag.

Wenn Kinder und Großeltern gemeinsam aufwachsen

Es wäre verkürzt, den Mehrgenerationenhaushalt ausschließlich negativ zu beschreiben. Soziologen weisen darauf hin, dass das Zusammenleben mehrerer Generationen unter idealen Bedingungen — also ausreichend Platz, klare Absprachen und gegenseitigem Respekt — durchaus Vorteile bieten kann: Kinder profitieren von der Nähe der Großeltern, ältere Menschen von der Lebendigkeit jüngerer Generationen. "Das Problem ist nicht das Modell, sondern die Bedingungen, unter denen es heute meist stattfindet", sagt Familiensoziologe Prof. Dieter Haas von der Universität Mannheim. Freiwilligkeit und ausreichend Raum seien die entscheidenden Faktoren — beides fehle in den meisten Notfällen.

Was betroffene Familien tun können

Selbst in einer strukturellen Krise gibt es Anlaufstellen und Handlungsoptionen. Soziale Beratungseinrichtungen, kommunale Wohnungsämter und spezialisierte Vereine bieten konkrete Unterstützung. Wichtig ist, dass Betroffene ihre Rechte kennen und aktiv Hilfe suchen — denn viele Angebote werden aufgrund von Unwissenheit nicht in Anspruch genommen.

  • Kommunales Wohnungsamt aufsuchen: Viele Städte und Gemeinden haben Wohnberatungsstellen, die Hilfe bei der Wohnungssuche, Vermittlung in Sozialprogramme und Informationen zu Wohnberechtigungsscheinen (WBS) anbieten. Der WBS ist die Eintrittskarte in den sozialen Wohnungsbau und wird häufig übersehen.
  • Mieterschutzverein kontaktieren: Lokale Mietervereine wie der Deutsche Mieterbund bieten Rechtsberatung bei Mieterhöhungen, Kündigungsschutz und Fragen zur Wohnraumaufteilung in Mehrgenerationenhaushalten. Oft lässt sich die aktuelle Situation durch rechtliche Kenntnisse zumindest stabilisieren.
  • Caritas, Diakonie und AWO: Die großen Wohlfahrtsverbände bieten bundesweit kostenlose Sozialberatung an — auch speziell für Familien in beengten Wohnsituationen. Neben praktischer Hilfe gibt es auch psychosoziale Begleitung für Betroffene, die unter dem Druck des Zusammenlebens leiden.
  • Wohngeld beantragen: Viele Familien wissen nicht, dass sie Anspruch auf Wohngeld haben — auch wenn sie derzeit bei Verwandten wohnen. Nach einer Neubewertung der Einkommensgrenzen im Jahr 2025 haben deutlich mehr Haushalte Anspruch. Das zuständige Wohngeldbüro der jeweiligen Stadt gibt Auskunft.
  • Gemeinschaftliche Wohnprojekte erkunden: Genossenschaftliches Wohnen und Baugemeinschaften bieten in einigen Regionen eine Alternative zum überhitzten Markt. Organisationen wie das Forum Gemeinschaftliches Wohnen vermitteln Kontakte und beraten Interessierte zu gemeinschaftlichen Wohnmodellen abseits des klassischen Mietmarkts.
  • Psychosoziale Beratung in Anspruch nehmen: Familienberatungsstellen (u.a. über das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erreichbar) bieten Unterstützung bei Konflikten, die durch beengte Wohnverhältnisse entstehen — oft kostenlos oder einkommensabhängig gestaffelt.

Die Wohnungsnot in Deutschland ist keine Naturkatastrophe — sie ist das Ergebnis jahrzehn

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

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