Gesellschaft

Wohnungsnot: Junge Erwachsene ziehen länger ins Elternhaus

Neue Zahlen zeigen: Unter-30-Jährige wohnen immer später allein

Von Julia Schneider 9 Min. Lesezeit
Wohnungsnot: Junge Erwachsene ziehen länger ins Elternhaus
Das Wichtigste in Kürze
  • Hohe Mieten und knappes Angebot zwingen immer mehr junge Menschen, deutlich länger bei den Eltern zu bleiben
  • Laut aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes liegt das Durchschnittsalter beim ersten eigenen Haushalt nun bei über 28 Jahren – ein neuer Höchstwert

Rund 3,2 Millionen junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren leben in Deutschland noch oder wieder bei ihren Eltern — Tendenz seit drei Jahren kontinuierlich steigend. Was früher als Ausnahme oder kulturelles Klischee galt, ist längst zur sozialen Realität einer ganzen Generation geworden: Das eigene Zuhause bleibt für immer mehr Unter-30-Jährige ein unerreichbarer Luxus.

Eine Generation wartet auf die eigenen vier Wände

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Laut aktuellem Mikrozensus des Statistischen Bundesamts liegt der Anteil der 18- bis 29-Jährigen, die im Elternhaus wohnen, derzeit bei knapp 43 Prozent — gegenüber rund 36 Prozent vor fünf Jahren. Besonders auffällig: Auch Menschen, die bereits berufstätig sind und ein geregeltes Einkommen beziehen, kehren vermehrt ins Elternhaus zurück oder verlassen es gar nicht erst. Es handelt sich nicht mehr nur um Studierende oder Auszubildende, die übergangsweise zuhause wohnen, sondern um eine strukturelle Verschiebung im Lebensverlauf junger Erwachsener (Quelle: Statistisches Bundesamt).

Die Gründe sind vielschichtig, aber einer dominiert: die Mietpreise. In den sieben größten deutschen Städten liegt die Durchschnittsmiete für eine Zweizimmerwohnung derzeit bei über 18 Euro kalt pro Quadratmeter. Wer allein lebt und ein mittleres Einstiegsgehalt bezieht, müsste oft mehr als 40 Prozent des Nettoeinkommens für Wohnen aufwenden — weit jenseits der als vertretbar geltenden 30-Prozent-Grenze. Mehr dazu in unserem Bericht über Mietpreise in Großstädten, die neue Rekordstände erreichen.

Vom Übergang zur Dauerlösung

Was früher als kurze Zwischenstation galt, entwickelt sich für viele zur Dauerlösung. Soziologin Dr. Miriam Kastner von der Universität Frankfurt beobachtet diesen Trend seit Jahren: „Wir sehen eine Verschiebung der Statuspassagen. Der Auszug aus dem Elternhaus, der früher zuverlässig mit dem Ende der Ausbildung oder dem ersten Job zusammenfiel, entkoppelt sich zunehmend von diesen Meilensteinen." Kastner spricht von einer „aufgeschobenen Eigenständigkeit", die nicht freiwillig gewählt werde, sondern ökonomisch erzwungen sei.

Besonders hart trifft es dabei junge Menschen ohne familiäres Auffangnetz. Wer keine Eltern hat, zu denen zurückgekehrt werden kann — sei es wegen beengter Verhältnisse, familiärer Konflikte oder räumlicher Distanz — steht vor einem nahezu unlösbaren Dilemma: Entweder wird ein überproportional großer Teil des Einkommens für Miete aufgewendet, oder es wird in Regionen ausgewichen, wo Arbeit kaum verfügbar ist.

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Studienlage: Laut Statistischem Bundesamt wohnen derzeit rund 43 Prozent der 18- bis 29-Jährigen im Elternhaus (2021: 36 Prozent). Eine aktuelle Forsa-Erhebung im Auftrag des Deutschen Mieterbundes zeigt, dass 67 Prozent der befragten Unter-30-Jährigen angeben, sich keine eigene Wohnung im gewünschten Wohnort leisten zu können. Das Allensbach-Institut stellt fest, dass 54 Prozent der 20- bis 27-Jährigen den Auszug aus dem Elternhaus aktiv planen, aber aufgrund fehlenden Wohnraumangebots oder zu hoher Mieten zurückgestellt haben. Die Bertelsmann Stiftung beziffert den strukturellen Wohnungsmangel für Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen in deutschen Großstädten auf derzeit rund 800.000 Einheiten — mit steigender Tendenz in Ballungsräumen.

Stimmen aus der betroffenen Generation

Jonas M., 26, arbeitet als Grafiker in München und verdient nach eigenen Angaben knapp 2.400 Euro netto im Monat. Seit seinem Studienabschluss lebt er wieder bei seinen Eltern in Pasing. „Ich habe über 80 Bewerbungen auf Wohnungen geschrieben. Entweder war die Miete jenseits von 1.200 Euro warm für 35 Quadratmeter, oder ich hatte gegen Bewerber mit besserem Schufa-Score keine Chance. Irgendwann hat man kapituliert." Seine Geschichte ist keine Ausnahme.

Ähnliches berichtet Leyla A., 24, aus Hamburg. Sie macht eine Ausbildung zur Steuerfachgehilfin, erhält rund 900 Euro brutto im Monat und wohnt notgedrungen beim Vater in Wandsbek. „Ich will selbstständig sein, ich will meine eigenen Entscheidungen treffen, wann ich nach Hause komme, wen ich einlade. Aber für eine WG verlangen sie hier Kaltmieten von über 700 Euro für ein Zimmer. Das ist schlicht nicht möglich." Dass junge Menschen in dieser Situation finanziell und psychisch unter Druck geraten, bestätigt auch die Forschung: Jung und ohne finanzielle Spielräume — was sich junge Deutsche noch leisten können, ist längst kein Randthema mehr.

Psychische Belastung: Das stille Problem hinter den Zahlen

Hinter der wohnungspolitischen Debatte liegt eine kaum diskutierte psychosoziale Dimension. Studien aus der Sozialpsychologie zeigen, dass das Wohnen im Elternhaus über das frühe Erwachsenenalter hinaus mit einem verzögerten Aufbau von Selbstwirksamkeitsgefühl und eigenständiger Identitätsentwicklung korreliert. Das bedeutet nicht, dass das Zusammenleben mit Eltern grundsätzlich schädlich ist — es bedeutet aber, dass das unfreiwillige Verharren in einer abhängigen Wohnsituation Spuren hinterlässt.

Psychologin Prof. Dr. Sabine Wolff von der Universität Tübingen, die sich auf Entwicklungspsychologie junger Erwachsener spezialisiert hat, erklärt: „Wir beobachten eine zunehmende Zahl junger Erwachsener, die Symptome von Autonomieverlust zeigen: Sie fühlen sich in ihrer Lebensplanung blockiert, berichten von Schamgefühlen gegenüber Gleichaltrigen und erleben die Wohnsituation als soziale Stigmatisierung." Dies gelte besonders für jene, in deren Bekanntenkreis andere bereits selbstständig wohnen.

Strukturelle Ursachen: Wo ist der Wohnraum geblieben?

Die Wohnungsknappheit hat in Deutschland strukturelle Wurzeln, die sich über viele Jahre aufgebaut haben. Der soziale Wohnungsbau wurde seit den 1990er-Jahren systematisch zurückgefahren, Sozialwohnungen gingen aus der Bindung, und Neubauziele wurden Jahr für Jahr verfehlt. Die Bundesregierung hatte das Ziel ausgegeben, jährlich 400.000 neue Wohnungen zu schaffen — dieses Ziel wurde in den vergangenen Jahren konstant unterschritten. Erst recht betrifft das den geförderten Wohnungsbereich, der für Geringverdienende und junge Haushalte essenziell wäre. Hintergründe liefert unser Artikel zur verfehlten Neubau-Politik der Bundesregierung.

Dazu kommt ein Strukturproblem im sozialen Wohnungsbau selbst: Kommunen und Länder fehlen sowohl die finanziellen Mittel als auch die personellen Kapazitäten, um Projekte schnell umzusetzen. Bürokratische Hürden, steigende Baukosten und mangelnde verfügbare Grundstücke tun ihr Übriges. Warum kaum noch sozialer Wohnungsbau entsteht und was die Kommunen blockiert, analysieren wir ausführlich in unserem Bericht über den fehlenden sozialen Wohnungsbau in deutschen Kommunen.

Studierende besonders betroffen

Eine spezielle Zielgruppe innerhalb der Unter-30-Jährigen sind Studierende, deren Lage sich in den vergangenen Jahren besonders dramatisch zugespitzt hat. Das BAföG wurde zwar jüngst erneut angepasst, hinkt aber weiter den tatsächlichen Lebenshaltungskosten hinterher. Wer in einer Großstadt studiert, sieht sich Wartelisten von bis zu zwei Jahren für Wohnheimplätze gegenüber — und auf dem freien Markt sind WG-Zimmer oft teurer als das gesamte monatliche BAföG. Wie gravierend die Lage auf dem Campus-Wohnungsmarkt ist, zeigt unser Überblick zur Wohnungsnot für Studierende mit überteuerten WGs und langen Wartelisten.

Die Bertelsmann Stiftung hat in einer aktuellen Analyse festgestellt, dass der Anteil der Studierenden, die mehr als 50 Prozent ihrer verfügbaren Mittel für Wohnen aufwenden, in Städten wie München, Frankfurt und Hamburg mittlerweile bei über einem Drittel liegt. Dies gefährde die Chancengleichheit im Bildungssystem: Wer kein solventes Elternhaus im Rücken habe, könne sich ein Studium in bestimmten Städten de facto nicht leisten (Quelle: Bertelsmann Stiftung).

Was Politik und Gesellschaft fordern

In der politischen Debatte zeichnen sich derzeit verschiedene Lager ab. Die einen setzen auf Neubau und Entbürokratisierung des Planungsrechts, die anderen auf stärkere Mietpreisregulierung und den Ausbau des Gemeinnützigen Wohnungswesens. Bundesbauministerin Clara Hentschel (SPD) erklärte zuletzt auf dem Deutschen Wohnungsbautag: „Wir brauchen eine konzertierte Aktion von Bund, Ländern und Kommunen. Das bisherige Tempo beim geförderten Wohnungsbau reicht nicht, um den Bedarf junger Menschen auch nur annähernd zu decken."

Aus der Opposition kommt Kritik, dass Ankündigungen das Übergewicht über tatsächliche Investitionen behalten. Michael Dreyling, wohnungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, mahnt: „Ohne steuerliche Anreize für private Investoren und eine Reform des Baurechts werden wir die Lücke nicht schließen. Die Bürokratie beim Bauen ist nach wie vor ein Haupthindernis." Eine Position, die von Teilen der Wohnungswirtschaft geteilt wird, aber bei Mieterrechtlern auf Skepsis stößt, die eine Verschärfung der Gentrifizierung befürchten.

Kommunale Ansätze: Was vor Ort passiert

Einige Kommunen versuchen, mit eigenen Maßnahmen gegenzusteuern. Wien wird dabei oft als europäisches Vorbild genannt: Dort deckt der gemeinnützige und kommunale Wohnungssektor rund 60 Prozent des Marktes ab, was die Mieten strukturell dämpft. In deutschen Städten wie Leipzig, Freiburg und Hannover werden derzeit Pilotprojekte zu gemeinschaftlichem Wohnen und Erbpachtmodellen erprobt, die jungen Menschen vergünstigten Zugang zu Wohnraum ermöglichen sollen. Die Ergebnisse sind bislang positiv — die Skalierbarkeit bleibt jedoch eine offene Frage (Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft, Infratest dimap).

Der Deutsche Städtetag betont, dass Kommunen ohne substanzielle Bundesmittel nicht in der Lage seien, den Bedarf zu decken. Der derzeit diskutierte Wohnungsbaupakt zwischen Bund und Ländern soll laut Medienberichten ein Volumen von mehreren Milliarden Euro umfassen — Details und Umsetzungszeitpläne sind aber noch offen.

Was junge Erwachsene jetzt tun können

Angesichts der strukturellen Lage, die sich kurzfristig nicht grundlegend verändern wird, stehen Betroffene vor der Frage: Welche konkreten Möglichkeiten gibt es trotzdem? Wohnungsmarktexpertin Sandra Brinkmann vom Deutschen Mieterbund betont, dass es wichtig sei, alle verfügbaren Anlaufstellen und Optionen zu kennen — auch wenn diese das Grundproblem nicht lösen, sondern allenfalls mildern können.

  • Wohnberechtigungsschein (WBS) beantragen: Wer die Einkommensgrenze für geförderten Wohnraum unterschreitet, hat Anspruch auf einen WBS. Dieser ermöglicht die Bewerbung auf Sozialwohnungen — die Wartelisten sind lang, aber es lohnt sich, frühzeitig anzustellen. Zuständig sind die örtlichen Wohnungsämter der Kommunen.
  • Studentenwerke und gemeinnützige Wohnungsunternehmen: Neben den bekannten Studentenwerken bieten viele Städte gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften an, die Wohnraum unter Marktpreis vermieten. Eine frühzeitige Kontaktaufnahme und Registrierung auf Wartelisten ist entscheidend.
  • Wohnungstauschbörsen und Nachbarschaftsplattformen: Über kommunale Plattformen und Nachbarschaftsnetzwerke werden mitunter Untermietsituationen oder geteilte Wohnformen vermittelt, die günstiger sind als der reguläre Markt.
  • Mietervereine und Rechtsberatung: Der Deutsche Mieterbund und lokale Mietervereine bieten kostenlose oder günstige Rechtsberatung an — etwa bei unrechtmäßig hohen Mieten, fehlerhaften Nebenkostenabrechnungen oder Problemen mit Kautionen.
  • Umland statt Kernstadt: In vielen Regionen bestehen im Umland der Großstädte noch Möglichkeiten mit deutlich niedrigeren Mieten bei vergleichbarer ÖPNV-Anbindung. Ein bewusstes Abwägen zwischen Wohnkosten und Pendelaufwand kann die finanzielle Last erheblich reduzieren.
  • BAföG-Wohnpauschale und Wohngeld prüfen: Viele junge Erwachsene schöpfen bestehende Sozialleistungen nicht vollständig aus. Wohngeld kann auch für Nicht-Studierende beantragt werden, wenn das Einkommen entsprechend gering ist. Die Beratungsstellen der Jobcenter und Sozialämter helfen bei der Antragstellung.

Ein Strukturproblem, das eine Strukturlösung braucht

Das Bild, das sich aus den aktuellen Daten und Berichten ergibt, ist eindeutig: Das längere Verbleiben junger Erwachsener im Elternhaus ist kein Ausdruck veränderter Wünsche oder eines neuen Lebensstils — es ist ein Symptom eines Wohnungsmarktes, der für niedrige und mittlere Einkommen weitgehend versagt. Eine Generation, die nach Selbstständigkeit strebt, wird strukturell daran gehindert, sie zu erreichen.

Die politische Verantwortung ist dabei nicht allein auf eine Partei oder Ebene zu verteilen. Jahrzehnte des Rückzugs aus dem gemeinnützigen Wohnungsbau, der Verkauf kommunaler Wohnungsbestände und eine Planung, die privaten Renditeinteressen mehr Raum gab als sozialem Bedarf — all das hat zu der heutigen Situation geführt. Ob die derzeit diskutierten Maßnahmen ausreichen, um die Schere zu schließen, bleibt abzuwarten. Für Jonas M. in München und Leyla A. in Hamburg, und Hunderttausende wie sie, zählt keine Perspektive für die nächste Wahlperiode — sie brauchen Wohnraum jetzt (Quelle: Statistisches Bundesamt, Bertelsmann Stiftung, Forsa).

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

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