Abnehmspritzen und Tabletten: Wirkung, Risiken und Alternativen
GLP-1-Agonisten und Tirzepatid zeigen Erfolg beim Abnehmen, doch Nebenwirkungen und Verfügbarkeit bleiben Herausforderungen.
Die Waage zeigt 95 Kilogramm, der Arzt spricht von Übergewicht, die Motivation sinkt: Millionen Menschen in Deutschland kämpfen mit ihrem Körpergewicht. Seit einigen Jahren werben Hersteller und Kliniken intensiv für sogenannte Abnehmspritzen und -tabletten, allen voran GLP-1-Agonisten wie Semaglutid sowie das neuere Tirzepatid. Sie versprechen deutliche, nachhaltige Gewichtsverluste – doch was steckt wirklich hinter diesen Medikamenten? Welche Wirkungen sind wissenschaftlich belegt, welche Risiken werden häufig unterschätzt? Und welche Alternativen existieren, um langfristig und gesundheitlich sicher abzunehmen?
- Wie GLP-1-Agonisten und Tirzepatid wirken
- Nebenwirkungen: Häufiger und vielfältiger als oft dargestellt
- Für wen kommen diese Medikamente infrage?
- Alternativen und komplementäre Strategien
Wie GLP-1-Agonisten und Tirzepatid wirken

GLP-1 steht für Glucagon-like peptide-1, einen körpereigenen Botenstoff, der normalerweise nach der Nahrungsaufnahme ausgeschüttet wird. Er signalisiert dem Gehirn Sättigung, verlangsamt die Magenentleerung und reguliert den Blutzuckerspiegel. Medikamentöse GLP-1-Agonisten wie Semaglutid, Liraglutid und Dulaglutid ahmen diese natürliche Wirkung nach und verstärken sie. Das Resultat: Betroffene essen weniger, fühlen sich schneller satt und nehmen schrittweise an Gewicht ab.
Tirzepatid ist ein noch neueres Präparat, das zwei Hormone gleichzeitig imitiert – GLP-1 und GIP (Glucose-dependent insulinotropic polypeptide). Diese duale Wirkweise erzielt in Studien stärkere Gewichtsverluste als reine GLP-1-Agonisten. Bemerkenswert ist: Ursprünglich wurden beide Wirkstoffklassen für die Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt. Ihre ausgeprägte appetitreduzierende Wirkung wurde zunächst als Nebeneffekt wahrgenommen, später jedoch zum primären Therapieziel erhoben.
Die Anwendung erfolgt derzeit überwiegend als wöchentliche Injektion unter die Haut. Orale Formen existieren zwar (etwa Semaglutid-Tabletten unter dem Handelsnamen Rybelsus), gelten jedoch als weniger wirksam als injizierbare Varianten, da der Wirkstoff im Magen-Darm-Trakt teilweise abgebaut wird. Die Dosierung wird grundsätzlich schrittweise gesteigert, um Verträglichkeit zu verbessern und Nebenwirkungen zu minimieren.
Studienlage: Die SURMOUNT-1-Studie (2022, New England Journal of Medicine) untersuchte Tirzepatid bei knapp 2.540 Erwachsenen mit Adipositas ohne Typ-2-Diabetes. Bei der höchsten Dosierung (15 mg wöchentlich) wurde nach 72 Wochen ein mittlerer Gewichtsverlust von 22,5 Prozent des Ausgangskörpergewichts dokumentiert; die Placebo-Gruppe verlor im gleichen Zeitraum 2,4 Prozent. Etwa 57 Prozent der Teilnehmer in der höchsten Dosisgruppe erreichten einen Gewichtsverlust von mindestens 20 Prozent. Für Semaglutid (2,4 mg, Handelsname Wegovy) zeigte die STEP-1-Studie (2021, New England Journal of Medicine) einen durchschnittlichen Gewichtsverlust von 14,9 Prozent gegenüber 2,4 Prozent in der Placebo-Gruppe nach 68 Wochen. Die SELECT-Studie (2023) belegte zusätzlich eine signifikante Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse unter Semaglutid bei übergewichtigen Patienten ohne Diabetes. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) betonen jedoch, dass Langzeitdaten über fünf Jahre oder mehr für beide Substanzen noch ausstehen und die Studienpopulationen nicht immer die breite Allgemeinheit repräsentieren.
Nebenwirkungen: Häufiger und vielfältiger als oft dargestellt

Magen-Darm-Beschwerden
Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung zählen zu den am häufigsten berichteten Nebenwirkungen. In den Zulassungsstudien gaben 40 bis 60 Prozent der Anwenderinnen und Anwender mindestens eine gastrointestinale Beschwerde an. Diese Symptome klingen bei einem Großteil der Betroffenen nach einigen Wochen ab, können aber bei einem relevanten Anteil über Monate anhalten. Einige Patienten brechen die Therapie deshalb vorzeitig ab.
Weniger öffentlich diskutiert wird ein Phänomen, das in der Fachliteratur als beschleunigte Hauterschlaffung bei raschem Gewichtsverlust beschrieben wird – umgangssprachlich mitunter als „Ozempic-Gesicht" oder „Ozempic-Körper" bezeichnet. Manche Menschen entwickeln infolge des schnellen Gewichtsverlusts schlaffe Haut, insbesondere im Gesichts- und Bauchbereich. Dies kann psychologisch belastend sein und ist ohne operative Maßnahmen nicht reversibel. Dermatologen empfehlen daher begleitende Hautpflege und moderate Gewichtsabnahme-Geschwindigkeit.
Muskelabbau und metabolische Konsequenzen
Ein kritischer Aspekt, den die Forschung zunehmend in den Fokus rückt: Diese Medikamente bewirken nicht nur Fettabbau, sondern gehen auch mit einem Verlust an Muskelmasse einher. Analysen aus der STEP-Studienreihe sowie Untersuchungen der Duke University (veröffentlicht 2023/2024) deuten darauf hin, dass ein erheblicher Teil – in manchen Auswertungen bis zu 25 bis 40 Prozent – des Gesamtgewichtsverlusts auf Muskelmasse entfällt, insbesondere wenn keine begleitende Kraftsporttherapie stattfindet. Der Verlust von Skelettmuskulatur ist problematisch, da Muskeln den Grundumsatz stützen, die Insulinsensitivität verbessern und für alltägliche Mobilität unverzichtbar sind.
Nach dem Absetzen des Medikaments kehrt das Körpergewicht bei vielen Betroffenen rasch zurück – häufig schneller als die verlorene Muskelmasse regeneriert werden kann. Dieses sogenannte Rebound-Phänomen ist in der STEP-4-Studie dokumentiert: Ein Jahr nach Therapieende hatten die Teilnehmer im Mittel zwei Drittel des verlorenen Gewichts wieder zugenommen. Fachgesellschaften leiten daraus ab, dass GLP-1-Agonisten derzeit eher als Langzeit- oder Dauermedikation konzipiert sind – mit den entsprechenden finanziellen und gesundheitlichen Implikationen.
Seltene, aber ernste Risiken
Für bestimmte Personengruppen bestehen spezifische Kontraindikationen. Personen mit einer persönlichen oder familiären Vorgeschichte eines medullären Schilddrüsenkarzinoms oder einer multiplen endokrinen Neoplasie Typ 2 (MEN2) dürfen diese Medikamente nicht einnehmen, da Tierstudien ein erhöhtes Risiko für Schilddrüsentumoren zeigten – ob dies auf den Menschen übertragbar ist, bleibt Gegenstand der Forschung. Zudem werden in der Fachliteratur Fälle von Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) und – seltener – Gallensteinbildung im Zusammenhang mit der Therapie beschrieben. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beobachten die Sicherheitssignale laufend.
Zulassungsstatus in Deutschland: Semaglutid (Wegovy, 2,4 mg) ist seit 2023 in der EU für die Behandlung von Adipositas (BMI ≥ 30 oder BMI ≥ 27 mit gewichtsbedingten Begleiterkrankungen) zugelassen. Tirzepatid (Mounjaro) ist in der EU zunächst für Typ-2-Diabetes zugelassen; die Zulassung für die reine Adipositastherapie wurde von der EMA im Jahr 2024 erteilt. Beide Präparate sind in Deutschland verschreibungspflichtig und werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht erstattet – die monatlichen Kosten liegen zwischen 200 und 400 Euro. Die WHO hat Adipositas als chronische Erkrankung anerkannt und empfiehlt multimodale Therapieansätze, die Pharmakotherapie als einen – nicht als alleinigen – Baustein einschließen können.
Für wen kommen diese Medikamente infrage?
Weder Abnehmspritzen noch -tabletten sind für jeden geeignet, der abnehmen möchte. Laut den Leitlinien der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) gelten medikamentöse Maßnahmen als Ergänzung – nicht als Ersatz – für eine Lebensstilintervention bestehend aus Ernährungstherapie, Bewegungsprogramm und psychologischer Unterstützung. Eine medikamentöse Therapie sollte grundsätzlich erst dann erwogen werden, wenn nicht-medikamentöse Maßnahmen über einen ausreichenden Zeitraum nicht zu ausreichendem Erfolg geführt haben.
Schwangere, stillende Frauen sowie Personen mit schweren Nieren- oder Lebererkrankungen sind von der Therapie ausgeschlossen. Jugendliche unter 18 Jahren sollten nur in begründeten Ausnahmefällen und unter strenger ärztlicher Aufsicht behandelt werden. Das Robert Koch-Institut (RKI) weist zudem darauf hin, dass Übergewicht und Adipositas komplexe, multifaktorielle Erkrankungen sind, bei denen sozioökonomische, genetische und psychologische Faktoren berücksichtigt werden müssen.
Alternativen und komplementäre Strategien
Die gute Nachricht: Es gibt gut belegte, nachhaltige Alternativen zur medikamentösen Therapie – und diese Methoden verlieren auch nach dem Absetzen keine Wirkung, weil sie Verhaltens- und Stoffwechselmuster dauerhaft verändern.
Ernährungsumstellung: Eine kalorienreduzierte, pflanzenbasierte Ernährung mit ausreichend Protein (mindestens 1,2 g pro Kilogramm Körpergewicht täglich) schützt die Muskelmasse beim Abnehmen und fördert eine nachhaltige Gewichtsreduktion. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt keine Radikaldiäten, sondern ein moderates Kaloriendefizit von 300 bis 500 kcal pro Tag.
Bewegungstherapie: Kombiniertes Ausdauer- und Krafttraining ist die wirksamste nicht-medikamentöse Strategie gegen Adipositas. Krafttraining ist besonders wichtig, um Muskelmasse zu erhalten oder aufzubauen – auch beim medikamentös unterstützten Abnehmen.
Verhaltenstherapie: Kognitiv-behaviorale Therapieansätze helfen dabei, Essmuster und -auslöser zu verstehen und dauerhaft zu verändern. Studien zeigen, dass Verhaltenstherapie in Kombination mit Lebensstiländerungen zu Gewichtsverlusten von 5 bis 10 Prozent führen kann – ohne medikamentöse Intervention.
Bariatrische Chirurgie: Bei hochgradiger Adipositas (BMI ≥ 40 oder BMI ≥ 35 mit schwerwiegenden Begleiterkrankungen) kann ein chirurgischer Eingriff bei Adipositas wie ein Magenbypass oder eine Schlauchmagen-Operation in Betracht gezogen werden. Diese Methoden erzielen die stärksten und dauerhaftesten Gewichtsverluste, sind jedoch mit operativen Risiken verbunden und erfordern lebenslange Nachsorge.
Symptome, die einen Arztbesuch erfordern
Wer GLP-1-Agonisten oder Tirzepatid einnimmt, sollte die folgenden Warnsignale kennen und bei deren Auftreten umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen:
- Bundesgesundheitsministerium — bundesgesundheitsministerium.de
- Robert Koch-Institut — rki.de
- Ärzteblatt — aerzteblatt.de


















