Wirtschaft

Altersvorsorge-Lücke: Wie groß sie ist — und was man tun kann

Gesetzliche Rente, Betriebsrente, private Vorsorge - das Drei-Saeulen-System

Von Thomas Weber 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
Altersvorsorge-Lücke: Wie groß sie ist — und was man tun kann

Die Altersvorsorge in Deutschland befindet sich in einer kritischen Phase. Während die gesetzliche Rente unter Druck gerät, zeigt sich bei vielen Bürgern ein erschreckendes Unwissen über ihre tatsächliche finanzielle Situation im Ruhestand. Die sogenannte Altersvorsorgelücke – der Unterschied zwischen dem gewohnten Einkommen im erwerbstätigen Alter und der später zur Verfügung stehenden Rente – hat sich in den letzten Jahren deutlich vergrößert. Experten warnen vor einem massiven Anstieg der Altersarmut, wenn nicht zeitnah Maßnahmen ergriffen werden. Dieser Artikel beleuchtet das Problem aus verschiedenen Blickwinkeln und zeigt auf, wie Arbeitnehmer, Selbstständige und Unternehmen gegensteuern können.

Wie groß ist die Altersvorsorgelücke wirklich?

Die Zahlen sind alarmierend. Nach aktuellen Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) liegt die Rentenlücke für einen durchschnittlichen Arbeitnehmer, der 45 Jahre lang in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt hat, bei etwa 40 bis 50 Prozent seines letzten Nettoeinkommens. Das bedeutet konkret: Wer derzeit 3.000 Euro netto verdient, kann mit einer gesetzlichen Rente in Höhe von etwa 1.500 bis 1.800 Euro rechnen – sofern er das Renteneintrittsalter von 67 Jahren erreicht. (Quelle: DIW Berlin)

Altersvorsorge-Lücke Wie groß sie wirklich ist  und was man tun kann
Altersvorsorge-Lücke Wie groß sie wirklich ist und was man tun kann

Die Situation verschärft sich durch mehrere Faktoren gleichzeitig. Erstens sinkt das Rentenniveau – also das Verhältnis zwischen Rente und durchschnittlichem Arbeitseinkommen – kontinuierlich. Derzeit liegt es bei rund 48 Prozent des Durchschnittslohns (Eckrente nach 45 Beitragsjahren, Bruttobasis) und soll laut Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung bis 2035 auf etwa 45 Prozent sinken. Zweitens steigen die Rentenbeitragssätze, was Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen belastet. Drittens wirkt eine demografische Schere: Während die Lebenserwartung steigt, sinkt die Zahl der Erwerbstätigen, die in die Rentenkasse einzahlen. Weniger Beitragszahler müssen für mehr Rentner aufkommen – eine mathematisch unausweichliche Lastenverschiebung.

Altersgruppe Durchschn. Altersersparnis Empfohlene Altersersparnis Deckungsquote
25–35 Jahre 12.500 Euro 75.000 Euro 16,7 %
35–45 Jahre 67.800 Euro 210.000 Euro 32,3 %
45–55 Jahre 148.900 Euro 385.000 Euro 38,7 %
55–65 Jahre 245.600 Euro 510.000 Euro 48,2 %

Die Tabelle zeigt deutlich: Besonders junge Menschen haben dramatische Defizite bei ihren Altersersparnissen. Selbst 55- bis 65-Jährige, die kurz vor der Rente stehen, haben im Schnitt nur etwa die Hälfte dessen angespart, was Experten als notwendig erachten. Diese Zahlen basieren auf einer repräsentativen Erhebung der Allianz Versicherungen und wurden durch Daten der Deutschen Bundesbank ergänzt. (Quellen: Allianz Deutschland, Deutsche Bundesbank)

Fakten zur Altersvorsorgelücke auf einen Blick

  • Rentenniveau 2024: rund 48 Prozent des Durchschnittslohns (Eckrente, Bruttobasis) – Tendenz sinkend
  • Prognose 2035: Absenkung auf ca. 45 Prozent laut Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung
  • Rentenbeitragssatz 2024: 18,6 Prozent (je hälftig von Arbeitnehmer und Arbeitgeber getragen)
  • Geburtenrate Deutschland: ca. 1,4 Kinder pro Frau (Statistisches Bundesamt) – bestandserhaltend wären 2,1
  • Grundsicherung im Alter: Regelbedarf für Singles ab 2024 bei ca. 563 Euro monatlich zzgl. anerkannter Wohnkosten – Gesamtniveau liegt individuell meist zwischen 800 und 1.000 Euro
  • Betriebsrentenanspruch: rund 54 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (BMAS 2023)
  • Riester-Verträge aktiv: ca. 16 Millionen (rückläufig seit 2018)

Das Drei-Säulen-System: Wie es funktionieren soll

Säule 1: Die gesetzliche Rentenversicherung unter Druck

Die erste Säule – die gesetzliche Rentenversicherung – war lange Zeit das Rückgrat der deutschen Altersvorsorge. Derzeit zahlen rund 40 Millionen Erwerbstätige in dieses System ein, während etwa 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner Leistungen erhalten. Dieses Verhältnis verschlechtert sich kontinuierlich. (Quelle: Statistisches Bundesamt) Der allgemeine Bundeszuschuss an die Rentenversicherung belief sich 2023 auf mehr als 100 Milliarden Euro – ein historischer Höchstwert, der zeigt, wie sehr das System bereits auf Steuermittel angewiesen ist.

Altersvorsorge-Lücke Wie groß sie wirklich ist  und was man tun kann
Altersvorsorge-Lücke Wie groß sie wirklich ist und was man tun kann

Die gesetzliche Rente basiert auf dem Umlageprinzip: Die Beitragszahler von heute finanzieren die Rentner von heute. Dieses solidarische System funktionierte gut, solange die demografischen Verhältnisse stabil waren. Genau diese Stabilität fehlt jedoch. Die Geburtenrate liegt in Deutschland bei etwa 1,4 Kindern pro Frau – deutlich unter der bestandserhaltenden Quote von 2,1. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung: Ein heute 65-jähriger Mann lebt statistisch noch knapp 18 Jahre, eine Frau sogar rund 21 Jahre. (Quelle: Statistisches Bundesamt, Sterbetafel 2020/2022)

Was bedeutet das konkret für den Einzelnen? Ein Arbeitnehmer mit 45 Beitragsjahren und einem Verdienst unterhalb des Durchschnittseinkommens riskiert, im Alter auf Grundsicherungsniveau zu landen. Die Grundsicherung im Alter setzt sich aus dem Regelbedarf sowie anerkannten Unterkunftskosten zusammen und liegt individuell meist zwischen 800 und 1.000 Euro monatlich – ein Leben am Existenzminimum für viele, die jahrzehntelang gearbeitet haben.

Säule 2: Betriebsrenten – das unterschätzte Potenzial

Die zweite Säule – die betriebliche Altersvorsorge (bAV) – hätte großes Potenzial, die Lücke zu schließen. Doch hier zeigt sich ein klassisches deutsches Problem: Zwar haben laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) rund 54 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eine Anwartschaft auf eine Betriebsrente, doch viele nutzen die ihnen zustehenden Möglichkeiten nicht optimal aus oder wissen schlicht nicht um ihre Ansprüche.

Besonders kleine und mittlere Unternehmen tun sich schwer mit der betrieblichen Altersvorsorge. Die Gründe sind vielfältig: administrative Komplexität, Haftungsrisiken für arbeitgeberfinanzierte Direktzusagen und fehlende Skalierbarkeit. Ein Handwerksbetrieb mit 20 Mitarbeitern hat völlig andere Möglichkeiten als ein Konzern mit 50.000 Beschäftigten. Branchenweite Tarifverträge zur bAV – etwa im Metallbereich oder im Bauhauptgewerbe – zeigen jedoch, dass kollektive Lösungen funktionieren können.

Seit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz von 2018 gilt: Schließt ein Arbeitnehmer eine Entgeltumwandlung ab, muss der Arbeitgeber 15 Prozent des umgewandelten Betrags als Zuschuss beisteuern – sofern er dadurch Sozialversicherungsbeiträge spart. Dieses Obligatorium gilt seit 2022 auch für Altverträge. Ein echter Hebel, den viele Beschäftigte noch nicht kennen oder nicht aktivieren.

Säule 3: Private Vorsorge – zwischen Riester-Krise und ETF-Boom

Die dritte Säule, die private Altersvorsorge, steht vor einem strukturellen Umbruch. Das staatlich geförderte Riester-Modell, einst als Ergänzung zur gesetzlichen Rente eingeführt, verliert seit Jahren an Bedeutung. Die Zahl aktiver Riester-Verträge ist von einem Höchststand von rund 16,5 Millionen im Jahr 2018 auf zuletzt etwa 16 Millionen gesunken – zahlreiche Verträge ruhen oder wurden beitragsfrei gestellt. Kritiker bemängeln zu hohe Verwaltungskosten, zu geringe Renditen und ein zu starres Regelwerk.

Gleichzeitig erlebt das eigenverantwortliche Sparen über Exchange Traded Funds (ETFs) und Aktiendepots einen regelrechten Boom. Laut einer Studie des Deutschen Aktieninstituts (DAI) investierten 2023 erstmals mehr als 12 Millionen Deutsche in Aktien oder Aktienfonds – ein Rekordwert. Gerade jüngere Generationen setzen verstärkt auf kostengünstige Indexfonds, die breit gestreut über Jahrzehnte erhebliche Vermögen aufbauen können.

Die Bundesregierung diskutiert derzeit eine Reform der staatlich geförderten Altersvorsorge. Das geplante „Altersvorsorgedepot" soll eine flexiblere, kapitalmarktbasierte Alternative zum Riester-Modell schaffen – mit geringeren Kosten und breiteren Anlagemöglichkeiten. Ob dieses Modell tatsächlich kommt und wie es ausgestaltet wird, ist zum Redaktionsschluss noch offen.

Selbstständige: Die vergessene Risikogruppe

Besonders dramatisch ist die Lage für Selbstständige ohne Pflichtmitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung. Schätzungsweise zwei bis drei Millionen Solo-Selbstständige in Deutschland betreiben keine oder nur unzureichende private Altersvorsorge, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wiederholt festgestellt hat. Sie sind weder in der gesetzlichen Rentenversicherung, noch in einem Versorgungswerk pflichtversichert – und bauen oft auch kein ausreichendes privates Vermögen auf.

Für diese Gruppe droht im Alter ein direkter Absturz in die Grundsicherung. Eine Pflichtversicherung für Selbstständige wird politisch seit Jahren diskutiert, scheiterte bislang jedoch an Umsetzungsfragen und Widerstand aus der Branche. Das Thema dürfte in der laufenden Legislaturperiode erneut auf die Agenda kommen.

Was kann man konkret tun? Fünf Handlungsempfehlungen

1. Rentenlücke berechnen lassen: Die Deutsche Rentenversicherung bietet kostenlose Beratungsgespräche an. Wer seinen tatsächlichen Rentenanspruch kennt, kann gezielt planen. Die jährliche Renteninformation gibt einen ersten Anhaltspunkt – reicht aber allein nicht aus.

2. Betriebliche Altersvorsorge voll ausschöpfen: Wer noch keine Entgeltumwandlung nutzt, verschenkt bares Geld. Bis zu 4 Prozent der Beitragsbemessungsgrenze (2024: 3.024 Euro jährlich) können steuer- und sozialabgabenfrei in eine bAV eingezahlt werden. Hinzu kommt der gesetzliche Arbeitgeberzuschuss von mindestens 15 Prozent.

3. Früh mit dem etf-sparplan-altersvorsorge">ETF-Sparplan für die Altersvorsorge beginnen: Der Zinseszinseffekt belohnt frühes Handeln überproportional. Wer mit 25 Jahren monatlich 150 Euro in einen breit gestreuten Weltaktienindex investiert, kann bis zum 67. Lebensjahr bei historisch durchschnittlichen Renditen von rund 7 Prozent jährlich ein Vermögen von über 400.000 Euro aufbauen.

4. Immobilien als Altersvorsorge kritisch prüfen: Wohneigentum kann die Altersvorsorge sinnvoll ergänzen – mietfrei im Alter zu wohnen ist ein echter Vorteil. Doch Klumpenrisiken, Instandhaltungskosten und regionale Preisschwankungen sollten nüchtern einkalkuliert werden. Immobilien ersetzen keine diversifizierte Finanzanlage.

5. Beratung durch unabhängige Honorarberater suchen: Provisionsgetriebene Versicherungsvertreter haben strukturelle Interessenkonflikte. Unabhängige Honorarberater für Altersvorsorge arbeiten auf Stundenbasis und sind gesetzlich verpflichtet, im Kundeninteresse zu handeln. Die Kosten für eine solche Beratung amortisieren sich in der Regel schnell.

Politischer Handlungsbedarf: Was die Bundesregierung tun muss

Die individuelle Vorsorge allein kann das strukturelle Problem nicht lösen. Politisch sind mehrere Weichenstellungen überfällig. Erstens braucht Deutschland eine verlässliche Regelung zur langfristigen Stabilisierung des Rentenniveaus – ohne permanente Ad-hoc-Eingriffe. Zweitens muss die betriebliche Altersvorsorge für Geringverdiener attraktiver werden; hier zeigen skandinavische Modelle mit obligatorischer Betriebsrente, wie es gehen kann. Drittens sollte die Reform der privaten Altersvorsorgeförderung zügig umgesetzt werden – das geplante Altersvorsorgedepot wäre ein Schritt in die richtige Richtung, wenn es tatsächlich einfacher und günstiger als Riester wird.

Die demografische Uhr tickt. Wer heute nicht handelt – weder als Einzelperson noch als Staat –, wird morgen mit den Konsequenzen konfront

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Thomas Weber
Politik & Wirtschaft

Thomas Weber beobachtet seit über 15 Jahren die deutsche Bundespolitik und europäische Wirtschaftsentwicklungen. Sein Schwerpunkt liegt auf Haushaltspolitik, Koalitionsdynamiken und internationaler Handelspolitik.

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