Wirtschaft

FSB warnt vor Schwachstellen im Private-Credit-Markt

Das internationale Finanzstabilitätsgremium identifiziert Risiken durch hohe Verschuldung und Sektorkonzentration.

Von Julia Schneider 6 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
FSB warnt vor Schwachstellen im Private-Credit-Markt

Das Finanzstabilitätsgremium FSB hat in seinem aktuellen Jahresbericht erhebliche Risiken im Private-Credit-Markt identifiziert, die das globale Finanzsystem destabilisieren könnten. Die Warnung richtet sich an Regulatoren, Zentralbanken und Finanzinstitute weltweit und unterstreicht die wachsende Bedeutung eines Marktsegments, das sich der traditionellen Aufsicht weitgehend entzieht. Der Private-Credit-Sektor – also die Kreditvergabe außerhalb des klassischen Bankensystems durch spezialisierte Fonds und alternative Kreditgeber – ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und hat dabei strukturelle Anfälligkeiten aufgebaut, die bei einer wirtschaftlichen Eintrübung zu systemischen Verwerfungen führen könnten.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die Expansion des Private-Credit-Marktes
  • Zentrale Risikofaktoren und Schwachstellen
  • Wer profitiert – und wer trägt die Risiken?
  • Regulatorische Reaktionen und Ausblick
FSB warnt vor Schwachstellen im Private-Credit-Markt
Wirtschaftsnachrichten aus Deutschland — Analyse und Hintergrund.

Das FSB benennt drei zentrale Risikofaktoren: die hohe Verschuldung der Kreditnehmer, die Konzentration von Investitionen auf wenige Sektoren und Unternehmen sowie die mangelnde Transparenz bei Finanzierungsquellen und Risikomanagementpraktiken. Diese Kombination schafft ein Umfeld erhöhter Fragilität, das bei externen Schocks – etwa einer Rezession oder einem abrupten Zinsanstieg – Kaskadeneffekte auslösen könnte. Die Deutsche Bundesbank hat diese Einschätzung in ihrer aktuellen Finanzstabilitätsanalyse bekräftigt und fordert eine deutlich verstärkte regulatorische Überwachung des Private-Credit-Sektors in Deutschland und Europa.

Die Expansion des Private-Credit-Marktes

USD +113 % (5 J.) Europäisches Volumen ca.

Der alternative Kreditmarkt hat sich zu einem der dynamischsten Segmente des globalen Finanzsystems entwickelt. Während traditionelle Banken ihre Kreditvergabe infolge strengerer Regulierung und gestiegener Eigenkapitalanforderungen – Stichwort Basel III und Basel IV – spürbar zurückgefahren haben, sind Private-Equity-gestützte Kreditfonds und spezialisierte Direktkreditgeber in die entstandene Lücke vorgestoßen. Nach Schätzungen, die sich auf Daten von Preqin und Statista stützen, wächst der globale Private-Credit-Markt seit Jahren zweistellig; das globale Volumen wird aktuell auf rund 1,7 Billionen US-Dollar geschätzt, wenngleich verschiedene Quellen je nach Abgrenzungsmethodik abweichende Zahlen ausweisen.

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Besonders attraktiv ist diese Finanzierungsform für mittelständische Unternehmen, die nicht börsennotiert sind und denen der klassische Bankenzugang erschwert ist – etwa wegen fehlender Sicherheiten oder komplexer Kapitalstrukturen. Diese Unternehmen zahlen allerdings erheblich höhere Zinsen als kapitalmarktfähige Großkonzerne, was ihre Schuldenlast strukturell erhöht. Private-Equity-Firmen und spezialisierte Kreditfonds nutzen genau dieses Renditeungleichgewicht, um überdurchschnittliche Erträge zu erzielen. Das ifo Institut weist darauf hin, dass deutsche Unternehmen – insbesondere aus dem gehobenen Mittelstand – zunehmend auf Private-Credit-Strukturen ausweichen, wenn klassische Konsortialkredite oder Anleiheemissionen zu aufwendig oder zu teuer werden.

Die Expansion ist sektoral ungleich verteilt: Technologie, Healthcare und spezialisierte Unternehmensdienstleistungen nehmen überproportional Private-Credit-Finanzierungen in Anspruch, während klassische Industriebranchen weiterhin stärker auf Bankkredit und Kapitalmarkt setzen. Diese Konzentration verstärkt das Klumpenrisiko im System.

Indikator Aktuell (Schätzung) Vor fünf Jahren Veränderung
Globales Private-Credit-Volumen ca. 1.700 Mrd. USD ca. 800 Mrd. USD +113 % (5 J.)
Europäisches Volumen ca. 320 Mrd. EUR ca. 95 Mrd. EUR ca. +237 % (5 J.)
Durchschn. Verschuldungsquote Kreditnehmer 4,5–5,0x EBITDA ca. 3,2x EBITDA +40–56 %
Zinsmarge gegenüber Referenzzins 450–650 Basispunkte 350–450 Basispunkte deutlich ausgeweitet
Anteil Portfolios mit hoher Kreditnehmerkonzentration ca. 35 % ca. 22 % +59 %
Ausfallquote (reported, Private Credit) ca. 2–4 % ca. 1–2 % steigend

Konjunkturindikator: Das FSB-Frühwarnsystem stuft den Private-Credit-Sektor in Industrieländern derzeit in der „gelben Phase" ein – erhöhte Aufmerksamkeit, aber noch kein akutes Systemrisiko. Die Deutsche Bundesbank bewertet die Risiken für das deutsche Finanzsystem als „moderat bis erhöht". Sollte die Konjunktur in eine ausgeprägte Rezession abgleiten oder die Refinanzierungskosten erneut scharf steigen, wäre eine Hochstufung auf „hohes Risiko" wahrscheinlich. Das DIW Berlin warnt ergänzend vor einer zunehmenden Korrelation zwischen Private-Credit-Ausfällen und Private-Equity-Wertberichtigungen, was Ansteckungseffekte im Private-Equity-Segment beschleunigen könnte.

Zentrale Risikofaktoren und Schwachstellen

Hohe Verschuldung der Kreditnehmer

Die durchschnittliche Verschuldungsquote der Unternehmen, die Private-Credit-Finanzierungen in Anspruch nehmen, hat sich in den vergangenen fünf Jahren deutlich erhöht. Quoten von 4,5 bis 5,0 mal EBITDA gelten in diesem Segment mittlerweile als Standard, in Einzelfällen werden Werte von über 7,0x EBITDA berichtet. Zum Vergleich: Traditionelle Banken vergeben Unternehmenskredite typischerweise bis zu einer Verschuldungsquote von 3,0 bis 4,0x EBITDA. Diese strukturelle Überschuldung macht Kreditnehmer hochgradig anfällig für Umsatzrückgänge oder steigende Refinanzierungskosten. Das FSB betont, dass viele dieser Kredite variabel verzinst sind – ein direkter Transmissionskanal geldpolitischer Straffung in die Unternehmensbilanzen.

Sektorale Konzentration und Klumpenrisiken

Ein weiteres strukturelles Problem ist die ausgeprägte Konzentration des Private-Credit-Marktes. Rund 35 Prozent der verwalteten Kreditportfolios entfallen auf weniger als 50 Kreditnehmer – ein Wert, der vor fünf Jahren noch bei 22 Prozent lag. Diese Konzentration erhöht das Risiko signifikant: Geraten einzelne Großkreditnehmer oder ganze Sektoren – etwa Technologie oder Healthcare – in Schwierigkeiten, können die Verluste für einzelne Fonds existenzbedrohend werden. Aufgrund der Verflechtungen zwischen verschiedenen Fonds und ihren institutionellen Investoren bestehen zudem Ansteckungsrisiken, die über den unmittelbar betroffenen Sektor hinausreichen.

Intransparenz und Bewertungsunsicherheiten

Anders als börsengehandelte Anleihen oder syndizierte Bankkredite unterliegen Private-Credit-Instrumente keiner tagesaktuellen Marktbewertung. Viele Fonds bewerten ihre Kreditportfolios auf Basis interner Modelle, was erhebliche Ermessensspielräume eröffnet. Das FSB kritisiert, dass in Stressphasen die tatsächlichen Verluste oft erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung sichtbar werden – ein Phänomen, das im englischsprachigen Fachdiskurs als „return smoothing" bekannt ist. Die Bundesbank hat im Kontext ihrer makroprudenziellen Überwachung darauf hingewiesen, dass die fehlende Standardisierung von Bewertungsmethoden einen validen Systemvergleich erschwert und regulatorische Lücken schafft.

Refinanzierungsrisiken und Liquiditätsmismatches

Viele Private-Credit-Fonds finanzieren sich über institutionelle Investoren – Versicherungen, Pensionsfonds und Semi-Liquid-Vehikel, die Privatanlegern quartalsweise Rückgaberechte einräumen. Sollten diese Investoren gleichzeitig Kapital zurückfordern, entstehen Liquiditätsmismatches: Die zugrundeliegenden Kreditportfolios sind illiquide und können nicht kurzfristig veräußert werden. Das FSB sieht hierin ein strukturelles Risiko, das in Stresssituationen Notverkäufe erzwingen oder Rückgaben einfrieren könnte – mit möglichen Reputationsschäden für den gesamten Sektor.

Wer profitiert – und wer trägt die Risiken?

Die Expansion des Private-Credit-Marktes hat klare Gewinner: Spezialisierte Kreditfondsmanager wie Ares Management, Blackstone Credit oder Blue Owl haben in den vergangenen Jahren massiv Kapital eingesammelt und erzielen mit ihren Kreditstrategien Renditen, die klassische Anleiheportfolios deutlich übertreffen. Institutionelle Investoren – vor allem US-amerikanische und zunehmend auch europäische Pensionsfonds – profitieren von stabilen, über dem Marktzins liegenden laufenden Erträgen in einem Umfeld, in dem klassische Festzinsanlagen lange Zeit negative Realrenditen aufwiesen.

Auf der Verliererseite stehen potenziell die Endkreditnehmer selbst: Mittelständische Unternehmen, die in wirtschaftlich schwierigem Fahrwasser stecken, können die Zinslasten aus hochverzinslichen Private-Credit-Strukturen schnell nicht mehr stemmen. Da Kreditvereinbarungen in diesem Segment häufig restriktive Covenants und kurze Nachverhandlungsfristen enthalten, drohen in Stressphasen rasche Unternehmensübernahmen oder Restrukturierungen. Indirekt betroffen sind auch die Mitarbeiter dieser Unternehmen sowie – bei systemischer Ausweitung – die Steuerzahler, falls staatliche Rettungsmaßnahmen notwendig werden sollten.

Aus volkswirtschaftlicher Perspektive birgt eine zu rasche Kontraktion des Private-Credit-Marktes ebenfalls Risiken: Fallen diese alternativen Finanzierungsquellen weg, ohne dass das klassische Bankensystem die Lücke schließen kann, droht ein Kreditengpass insbesondere für den Mittelstand – mit negativen Folgen für Investitionen, Beschäftigung und Wachstum. Das ifo Institut schätzt, dass rund 12 bis 15 Prozent der deutschen Unternehmensfinanzierungen im gehobenen Mittelstand mittlerweile direkt oder indirekt von alternativen Kreditgebern abhängen.

Regulatorische Reaktionen und Ausblick

Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA hat angekündigt, die Reporting-Anforderungen für Private-Credit-Fonds im Rahmen der AIFMD-II-Überarbeitung zu verschärfen. In Deutschland prüft die BaFin gemeinsam mit der Bundesbank, ob bestehende makroprudenzielle Instrumente auf den Schattenbankensektor ausgedehnt werden können. Auf internationaler Ebene fordert das FSB eine stärkere Zusammenarbeit der nationalen Aufsichtsbehörden, um Regulierungsarbitrage – also das gezielte Ausweichen in weniger streng regulierte Jurisdiktionen – zu unterbinden.

Der Zeithorizont für schärfere Regulierung ist allerdings unklar. Lobbyverbände der Fondsbranche argumentieren, dass eine zu restriktive Regulierung die Kreditversorgung der Realwirtschaft gefährde und europäische Unternehmen gegenüber US-Wettbewerbern benachteilige – ein Argument, das in Brüssel und Berlin durchaus Gehör findet. Das DIW Berlin empfiehlt einen ausgewogenen Ansatz: verpflichtende Transparenzpflichten und einheitliche Bewertungsstandards, ohne die Produktinnovation im alternativen Kreditmarkt grundsätzlich zu bremsen.

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Quellen:
  • Statistisches Bundesamt — destatis.de
  • Deutsche Bundesbank — bundesbank.de
  • Handelsblatt — handelsblatt.com
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Weiterführende Informationen: Statistisches Bundesamt

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

Quelle: Handelsblatt
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