Wirtschaft

Fraport und Lufthansa streiten über Abfertigungsentgelte

Der Frankfurter Flughafen wirft der Lufthansa vor, von zu niedrigen Gebühren zu profitieren.

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit
Fraport und Lufthansa streiten über Abfertigungsentgelte
Das Wichtigste in Kürze
  • Fraport und Lufthansa geraten erneut aneinander – diesmal um die Abfertigungsentgelte am größten deutschen Flughafen
  • Fraport kritisiert, dass die Gebühren nicht kostendeckend seien
  • Ein Vorstand spricht von „Party ist vorbei"-Rhetorik

Rund 180 Millionen Euro jährlich stehen im Mittelpunkt eines der schärfsten Gebührenstreits in der deutschen Luftfahrtbranche: Fraport wirft der Lufthansa vor, seit Jahren von strukturell zu niedrig angesetzten Abfertigungsentgelten am Frankfurter Flughafen zu profitieren – und sieht darin eine systemische Wettbewerbsverzerrung zulasten des Flughafenbetreibers. Der Konflikt hat sich in den vergangenen Monaten deutlich zugespitzt und droht nun, vor der Bundesnetzagentur zu landen.

Der Kern des Streits: Was sind Abfertigungsentgelte – und wer setzt sie fest?

Abfertigungsentgelte sind die Gebühren, die Fluggesellschaften an Flughafenbetreiber für die Nutzung von Infrastruktur zahlen – darunter Start- und Landebahnen, Gepäckförderanlagen, Gates sowie Sicherheitsinfrastruktur. Am Frankfurter Flughafen, dem nach Passagierzahlen größten Luftverkehrsknotenpunkt Deutschlands, werden diese Entgelte zwischen Fraport und den Airlines ausgehandelt, unterliegen jedoch einer regulatorischen Aufsicht durch die Hessische Landesregierung sowie mittelbar durch europäisches Recht.

Fraport argumentiert, dass die geltende Entgeltstruktur nicht mehr die tatsächlichen Betriebskosten widerspiegelt. Investitionen in die Digitalisierung der Abfertigungsprozesse, gestiegene Energiekosten sowie Lohnsteigerungen im Bodenpersonal hätten die Kostenbasis erheblich verändert. Die Lufthansa als mit Abstand größte Kundin des Frankfurter Flughafens – sie wickelt dort rund 60 Prozent des gesamten Passagiervolumens ab – profitiere nach Ansicht von Fraport unverhältnismäßig stark von den bestehenden Tarifen.

Historisch gewachsene Sonderkonditionen

Der Hintergrund des Streits ist komplex. Zwischen Fraport und der Lufthansa bestehen seit Jahrzehnten bilateral ausgehandelte Vereinbarungen, die neben den regulierten Entgelten auch Mengenrabatte und Sonderkonditionen für das Hub-Geschäft beinhalten. Diese Vereinbarungen wurden in Zeiten geschlossen, in denen Lufthansa als nationaler Flag Carrier eine strategisch besondere Stellung am Heimatflughafen einnahm. Fraport hält diese historisch gewachsenen Konditionen angesichts veränderter Marktbedingungen und des gestiegenen Wettbewerbs durch Billigflieger für nicht mehr zeitgemäß. Mehr zum wirtschaftlichen Kontext des Frankfurter Flughafens in der aktuellen Konjunkturphase bietet der Bericht über Fraport verzeichnet Wachstum trotz Streiks und geopolitischer Verwerfungen.

Regulatorische Grauzone

Die Genehmigung von Flughafenentgelten in Deutschland ist ein zweistufiges Verfahren: Zunächst legen Flughafenbetreiber ihre Entgeltordnung vor, die anschließend von den zuständigen Landesbehörden geprüft und genehmigt wird. Die Bundesnetzagentur kann als Beschwerdeinstanz eingeschaltet werden, wenn eine Partei die Fairness des Verfahrens anzweifelt. Genau diesen Weg erwägt Fraport nach Informationen aus Branchenkreisen – ein ungewöhnlicher Schritt, der die regulatorische Spannung des Konflikts verdeutlicht.

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Fraports Argumentation: Investitionsstau und Kostendruck

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Fraport-Chef Stefan Schulte hatte bereits im ersten Quartal dieses Jahres öffentlich darauf hingewiesen, dass der Frankfurter Flughafen vor erheblichen Investitionen steht. Allein für die Modernisierung des Terminal 3, den Ausbau der Gepäcklogistik sowie die Implementierung biometrischer Abfertigungssysteme sind bis 2030 Investitionen in Höhe von mehreren Milliarden Euro eingeplant. Fraport argumentiert, dass diese Kosten nur dann finanzierbar seien, wenn die Entgeltstruktur zeitnah an die wirtschaftliche Realität angepasst werde.

Konkret fordert Fraport eine Anhebung der durchschnittlichen Abfertigungsentgelte um rund 12 bis 15 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Für Lufthansa würde das nach eigenen Hochrechnungen des Flughafenbetreibers Mehrkosten im dreistelligen Millionenbereich pro Jahr bedeuten. Der Konzern lehnt dies kategorisch ab und verweist auf eigene Margenprobleme im Kerngeschäft sowie auf die Bedeutung des Frankfurter Hubs für die gesamte Netzwerkstrategie der Gruppe.

Energiekosten als Treiber der Entgeltdebatte

Ein wesentlicher Faktor in der Argumentation von Fraport sind die gestiegenen Energiekosten. Flughäfen gehören zu den energieintensivsten Infrastrukturbetreibern überhaupt: Klimatisierung großer Terminalgebäude, Befeuerung von Rollfeldern, Betrieb von Gepäckförderanlagen und die Versorgung von Bodenstromgeräten verursachen Energiekosten in neunstelliger Höhe jährlich. Das ifo Institut hat in seiner aktuellen Analyse zur Infrastrukturwirtschaft darauf hingewiesen, dass Flughäfen im Vergleich zu anderen regulierten Infrastrukturunternehmen besonders stark von Energiepreissteigerungen betroffen sind, da die Weitergabe dieser Kosten an Nutzer regulatorisch verzögert erfolgt (Quelle: ifo Institut).

Lufthansas Gegenposition: Wettbewerbsfähigkeit auf dem Spiel

Die Lufthansa Group weist die Vorwürfe in dieser Form zurück. Aus Konzernsicht sind die bestehenden Entgeltvereinbarungen das Ergebnis fairer Verhandlungen und regulatorisch ordnungsgemäß genehmigt. Eine einseitige Nachforderung – so die interne Lesart – sei weder rechtlich noch wirtschaftlich begründbar. Lufthansa-Finanzvorständin Simone Menne hat in einem Gespräch mit Analysten betont, dass überdurchschnittliche Entgeltsteigerungen in Frankfurt die Wettbewerbsfähigkeit der Hub-Strategie gegenüber Drehkreuzen in Amsterdam, Paris und Istanbul gefährden würden.

Der Hintergrund ist nachvollziehbar: In einem globalisierten Luftverkehrsmarkt können Airlines ihren Heimatflughafen zumindest teilweise gegen günstigere Alternativen austauschen oder Verbindungen auf andere Drehkreuze umlenken. Lufthansas Tochter Swiss wickelt erhebliche Teile des Interkontinentalverkehrs über Zürich ab, Austrian Airlines über Wien – beide Flughäfen gelten gemessen an den Gesamtkosten für Airlines als kompetitiver gegenüber Frankfurt.

Lufthansas Kostensituation unter der Lupe

Gleichzeitig muss die Lufthansa Group selbst mit erheblichem Kostendruck umgehen. Höhere Treibstoffkosten, gestiegene Personalausgaben und Investitionen in die Flottenmodernisierung belasten die Margen. Ein detaillierter Überblick über die Gehaltsentwicklung im Cockpit findet sich im Bericht Lufthansa-Piloten 2026: Gehälter im Überblick. Dass die Airline gleichzeitig höhere Flughafengebühren stemmen soll, stößt intern auf erheblichen Widerstand. Die aktuellen strategischen Planungen des Konzerns sind Thema des Artikels Lufthansa peilt höhere Gewinne trotz geopolitischer Unsicherheit.

Staatshilfen und Glaubwürdigkeit der Kostenklage

Kritiker werfen der Lufthansa allerdings vor, ihre Kostenargumente selektiv einzusetzen. Der Konzern hat in der Vergangenheit erhebliche staatliche Unterstützung erhalten, deren vollständige Rückzahlung und bilanzielle Aufarbeitung nach wie vor Gegenstand öffentlicher Diskussion ist – ausführlicher dazu in dem Bericht über Lufthansa und die Staatshilfen: Wie der Konzern die Krise überstand. Aus dieser Perspektive erscheint es für einige Beobachter widersprüchlich, einerseits staatliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen und andererseits bei regulierten Infrastrukturgebühren auf Sonderkonditionen zu beharren.

Konjunkturindikator: Der ifo Geschäftsklimaindex für den Bereich Verkehr und Logistik signalisiert im Mai 2026 eine verhaltene, aber stabile Geschäftslage. Die Kapazitätsauslastung an deutschen Großflughäfen liegt laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bei rund 87 Prozent – ein Niveau, das einerseits Investitionen rechtfertigt, andererseits aber auch die Verhandlungsmacht der Airlines gegenüber Flughafenbetreibern stärkt, da Ausweichoptionen begrenzt sind (Quellen: ifo Institut, DIW Berlin).

Marktstruktur und betroffene Sektoren: Wer gewinnt, wer verliert?

Der Streit zwischen Fraport und Lufthansa ist kein rein bilateraler Konflikt – er hat weitreichende Konsequenzen für das gesamte Ökosystem des Frankfurter Flughafens und mittelbar für den deutschen Luftverkehrsstandort insgesamt.

Auf der Gewinnerseite stehen kurzfristig die Wettbewerber der Lufthansa. Sollte eine Entgelterhöhung durchgesetzt werden, die Lufthansa zu Streckenverschiebungen zwingt, könnten günstigere Carrier wie Ryanair oder Wizz Air Marktanteile in Frankfurt übernehmen – und würden von niedrigeren Einstiegspreisen profitieren, die ihnen im Rahmen der regulierten Tarifordnung zugutekämen. Für die Passagiere könnte dies zumindest im Segment Kurz- und Mittelstrecke zu mehr Wettbewerb und günstigeren Preisen führen.

Verlierer wären vor allem die rund 22.000 Beschäftigten, deren Arbeitsplätze direkt vom Hub-Betrieb der Lufthansa in Frankfurt abhängen, sowie der Einzelhandel und die Gastronomie im Terminal, die vom hohen Passagieraufkommen der Lufthansa profitieren. Das Statistische Bundesamt hat den direkten Wertschöpfungseffekt des Frankfurter Flughafens für die Rhein-Main-Region zuletzt auf über 11 Milliarden Euro jährlich beziffert (Quelle: Statistisches Bundesamt).

Bodenabfertiger im Kreuzfeuer

Besonders sensibel ist die Lage für die unabhängigen Bodenabfertigungsunternehmen, die am Frankfurter Flughafen tätig sind. Diese Dienstleister – darunter Swissport, Menzies Aviation und die Fraport-eigene FraGround – stehen im Fall einer Entgeltneuordnung vor der Frage, ob sie höhere Infrastrukturkosten an ihre Airline-Kunden weitergeben können oder selbst die Marge komprimieren müssen. Angesichts der ohnehin engen Margen im Bodendienstleistungssektor wäre letzteres existenzbedrohend für kleinere Anbieter.

Regulatorische Dimension: Bundesebene und EU-Recht

Der Streit berührt nicht nur die bilaterale Vertragsebene, sondern auch fundamentale Fragen der Flughafenentgelt-Regulierung in Deutschland und Europa. Die EU-Richtlinie 2009/12/EG über Flughafenentgelte schreibt Transparenz, Nichtdiskriminierung und Konsultationsverfahren vor – gibt aber den nationalen Regulatoren erheblichen Spielraum bei der konkreten Ausgestaltung. Die Bundesrepublik hat diese Richtlinie durch das Luftverkehrsgesetz und ergänzende Verordnungen umgesetzt, ohne eine schlagkräftige zentrale Regulierungsbehörde zu schaffen.

Die Bundesbank hat in ihrem jüngsten Monatsbericht auf den strukturellen Investitionsbedarf bei Verkehrsinfrastruktur hingewiesen und warnt vor regulatorischen Fehlanreizen, die Betreiber davon abhalten könnten, notwendige Modernisierungsinvestitionen zu tätigen (Quelle: Deutsche Bundesbank). Genau dieses Argument macht Fraport sich zunutze: Ohne adäquate Entgeltanpassungen sei eine wettbewerbsfähige Infrastruktur langfristig nicht finanzierbar.

Vergleich mit europäischen Wettbewerbern

Flughafen Durchschnittliches Entgelt pro Abflug (€) Passagiere 2025 (Mio.) Hauptkunde (Anteil) Regulierungsmodell
Frankfurt (FRA) ca. 2.850 64,2 Lufthansa (~60 %) Landesbehörde Hessen
Amsterdam (AMS) ca. 3.100 61,8 KLM (~52 %) ACM (NL-Regulierer)
Paris CDG ca. 2.700 67,5 Air France (~48 %) DGAC / staatlich
Istanbul (IST) ca. 1.950 83,1 Turkish Airlines (~65 %) Konzessionsvertrag
London Heathrow (LHR) ca. 3.480 79,4 British Airways (~42 %) CAA (UK-Regulierer)

Die Tabelle verdeutlicht, dass Frankfurt im europäischen Vergleich eher im mittleren Segment liegt. Fraport leitet daraus ab, dass Spielraum für Anhebungen bestehe, ohne die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts grundlegend zu gefährden. Lufthansa hingegen argumentiert, dass der Vergleich die Netzwerkkosten in ihrer Gesamtheit ignoriere – am Londoner Heathrow etwa seien die Bodendienste und Abstellkosten in der Gesamtrechnung günstiger.

Ausblick: Eskalation oder Einigung?

Aus Verhandlungskreisen ist zu hören, dass beide Parteien eine regulatorische Eskalation eigentlich vermeiden wollen. Ein langer Rechtsstreit vor der Bundesnetzagentur oder gar dem Verwaltungsgericht würde beide Unternehmen erhebliche Ressourcen kosten und die Planungssicherheit für Investitionsentscheidungen empfindlich einschränken. Dennoch ist die Verhandlungsposition beider Seiten derzeit so verhärtet, dass eine schnelle gütliche Einigung unwahrscheinlich erscheint.

Branchenbeobachter rechnen damit, dass eine Einigung bis Ende des dritten Quartals zustande kommen könnte – mit einer moderaten Entgelterhöhung unterhalb der Fraport-Forderung, kombiniert mit einer langfristigen Planungsvereinbarung für weitere Anpassungsschritte. Ein solches Modell hätte den Vorteil, dass Fraport Investitionssicherheit erhält, während Lufthansa die unmittelbare Kostenwirkung abfedern kann.

Digitalisierung als möglicher Kompromissweg

Ein interessanter Ansatz in den Verhandlungen betrifft offenbar den Einsatz digitaler Abfertigungstechnologien. Fraport hat vorgeschlagen, Teile der Entgeltsteigerung durch gemeinsam finanzierte Effizienzgewinne durch KI-gestützte Gepäckabfertigung und automatisierte Passagierprozesse zu kompensieren. Ähnliche Digitalisierungsansätze in anderen Bran

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

Quelle: FAZ Wirtschaft
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