Hamburgs ältester Paternoster endgültig abgebaut
Der älteste Paternoster Deutschlands fiel dem Umbau zum Opfer – trotz Denkmalschutz.
Hamburg verliert ein Stück seiner Industriegeschichte. Der älteste Paternoster Deutschlands, der sich jahrzehntelang in einem Bürogebäude in der Hamburger Innenstadt befand, wurde nach umfangreichen Sanierungsarbeiten abgebaut. Das historische Fahrstuhlsystem, das seit der Zwischenkriegszeit Generationen von Hamburgern und Besuchern beförderte, fiel wirtschaftlichen Überlegungen und modernen Sicherheitsstandards zum Opfer – trotz seines Status als geschütztes Kulturdenkmal. Eine Verschrottung des Systems wurde von der Denkmalschutzbehörde bislang nicht offiziell bestätigt; der Verbleib der Originalteile ist nach aktuellem Stand noch ungeklärt.
- Ein technisches Wunderwerk verschwindet aus der Hamburger Innenstadt
- Der Kampf zwischen Denkmalschutz und wirtschaftlicher Realität
- Stimmen aus der Stadt: Betroffene, Politik und Wirtschaft
Die Entscheidung sorgt für Diskussionen in der Hansestadt. Während Denkmalschützer das Aus für das technische Meisterwerk bedauern, argumentieren Eigentümer und Stadtplaner mit den erheblichen Kosten einer vollständigen Restaurierung sowie den strengen Anforderungen moderner Arbeitssicherheitsgesetze. Der Fall wirft grundsätzliche Fragen darüber auf, wie Hamburg mit seinem baulichen Erbe umgeht – insbesondere in einer Zeit, in der die Stadt gleichzeitig massiv in ihre Zukunft investiert.
Lokale Zahlen: Der abgebaute Paternoster stammte aus den 1920er Jahren und galt als ältestes noch in Betrieb befindliches Exemplar seiner Art in Deutschland. Die Gesamtsanierungskosten für das betreffende Bürogebäude wurden auf rund 45 Millionen Euro veranschlagt. Hamburg verfügt derzeit noch über etwa sieben weitere Paternostanlagen in verschiedenen Gebäuden der Stadt, von denen einige ebenfalls unter Denkmalschutz stehen. In ganz Deutschland existieren nach Angaben des Vereins zur Erhaltung historischer Aufzüge noch rund 200 funktionsfähige Paternostanlagen – vor dreißig Jahren waren es noch über 1.000. Die Hamburger Kulturbehörde verzeichnet in der Hansestadt insgesamt mehr als 2.400 Baudenkmäler, von denen knapp 400 als technische Denkmäler eingestuft sind.
Ein technisches Wunderwerk verschwindet aus der Hamburger Innenstadt

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Der Paternoster – benannt nach dem lateinischen Gebet „Vaterunser", da die umlaufenden Kabinen an eine Gebetskette erinnern – ist eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts. Das kontinuierlich umlaufende Fahrstuhlsystem funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Kleine, offene Kabinen sind an einer endlosen Kette befestigt und bewegen sich ununterbrochen nach oben und unten. Nutzer steigen während der Fahrt ein und aus, ohne dass das System anhält. Dieses Konstruktionsprinzip machte Paternostanlagen zu einem Symbol des modernen Bürobetriebs im 20. Jahrhundert und zu einem anerkannten Meisterwerk des Maschinenbaus.
Das Hamburger Exemplar befand sich im Gebäude eines Versicherungsunternehmens nahe der Innenstadt und war über Jahrzehnte eine Institution. Ehemalige Angestellte erinnern sich an die täglichen Fahrten in dem gemächlich ratternden System mit seinen offenen, dunkelgrünen Kabinen. Viele beschreiben das Erlebnis als eigentümlich meditativ – und berichten gleichzeitig von der respektablen Scheu, die der Paternoster bei Neuankömmlingen auslöste. Die Technik erforderte Aufmerksamkeit: Ein unvorsichtiger Schritt beim Ein- oder Aussteigen konnte zu Verletzungen führen, was den Anlagen stets einen Hauch des Abenteuerlichen verlieh.
Genau diese offene Bauweise wurde zum zentralen Problem bei der Sanierungsplanung. Moderne Arbeitsschutzstandards verlangen Sicherheitsvorrichtungen, die mit der ursprünglichen Konstruktion eines Paternosters strukturell unvereinbar sind. Eine vollständige Modernisierung hätte bedeutet, das System in seinem Kern umzugestalten – und damit seinen historischen Charakter unwiederbringlich zu zerstören. Vor diesem Dilemma standen die Verantwortlichen über mehrere Jahre.
Der Kampf zwischen Denkmalschutz und wirtschaftlicher Realität
Die Entscheidung zum Abbau fiel nicht kurzfristig. Das Gebäude und der Paternoster standen unter Denkmalschutz. Die Hamburger Denkmalschutzbehörde musste dem Eingriff förmlich zustimmen – und tat dies schließlich, wie aus behördlichen Stellungnahmen hervorgeht, mit ausdrücklichem Bedauern. Man erkannte die Unmöglichkeit an, das System unter den gegebenen rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dauerhaft zu erhalten. Die ohnehin auf rund 45 Millionen Euro geschätzten Sanierungskosten für das Gesamtgebäude hätten sich durch die notwendigen Sicherheitsaufrüstungen am Paternoster um mehrere Millionen Euro erhöht.
Ein Sprecher der Hamburger Denkmalschutzbehörde erklärte gegenüber lokalen Medien: „Wir mussten abwägen zwischen dem Erhalt eines technischen Denkmals und der wirtschaftlichen und rechtlichen Realität moderner Gebäudebetriebsstandards. Am Ende war es nicht zu verantworten, das System in seiner ursprünglichen Form weiter zu betreiben, und eine Modernisierung hätte den Denkmalwert selbst aufgehoben." Die Behörde betonte gleichzeitig, dass man sich für eine museale Sicherung einzelner Originalteile einsetze.
Aus dem Umfeld der Hamburger Kulturbehörde verlautete, man prüfe, ob Komponenten des Paternosters dem Museum der Arbeit in Hamburg-Barmbek als Dauerleihgabe übergeben werden könnten. Eine offizielle Bestätigung steht jedoch noch aus. Das Museum der Arbeit gilt als zentrale Einrichtung für die Dokumentation Hamburger Industrie- und Arbeitsgeschichte und beherbergt bereits mehrere technische Großexponate.
Stimmen aus der Stadt: Betroffene, Politik und Wirtschaft
Der Abbau hat in Hamburg unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Anwohner und frühere Nutzer des Gebäudes zeigen sich überwiegend enttäuscht. „Dieser Paternoster war kein Fahrstuhl – er war ein Erlebnis, ein Stück lebendiger Stadtgeschichte", sagt eine Hamburgerin, die über zwanzig Jahre in dem Versicherungsgebäude gearbeitet hat. „Man kann so etwas nicht einfach durch eine moderne Aufzugskabine ersetzen."
Aus dem Hamburger Senat heißt es auf Anfrage, man nehme den Verlust ernst, sehe sich aber nicht in der Lage, private Eigentümer unbegrenzt zur Erhaltung wirtschaftlich unrentabler Denkmäler zu verpflichten. Ein Sprecher der Stadtentwicklungsbehörde verwies auf bestehende Förderprogramme für denkmalgeschützte Gebäude und kündigte an, diese künftig gezielter auf technische Denkmäler auszuweiten: „Wir wollen verhindern, dass ähnliche Entscheidungen in Zukunft allein aus wirtschaftlichem Druck getroffen werden müssen."
Der zuständige Bezirksamtsleiter äußerte sich zurückhaltend: Er bedaure den Verlust, betonte jedoch, dass die Denkmalschutzbehörde das Verfahren korrekt durchgeführt habe. Eine politische Verantwortung des Bezirks sehe er nicht unmittelbar, wohl aber eine gesellschaftliche Debatte, die geführt werden müsse.
Aus der Hamburger Wirtschaft kommen gemischte Signale. Der Eigentümer des Gebäudes, ein institutioneller Immobilienfonds, wollte sich gegenüber den Medien nicht im Detail äußern. Über eine Sprecherin ließ das Unternehmen mitteilen, man habe alle rechtlichen Möglichkeiten zur Erhaltung geprüft und bedauere den Ausgang. Die Hamburger Wirtschaftsförderung Hamburg Invest betonte in einer Stellungnahme, dass die Modernisierung des Gebäudebestands grundsätzlich im Interesse der Standortentwicklung liege – schloss sich jedoch der Forderung nach besseren Förderinstrumenten für technische Denkmäler an.
- Frühere Nutzer und Beschäftigte des Gebäudes verlieren ein identitätsstiftendes Stück Arbeitsalltag, das nicht ersetzt werden kann.
- Denkmalschutzorganisationen und Geschichtsvereine fordern nun eine Überprüfung der bestehenden Förderrichtlinien für technische Baudenkmäler in Hamburg.
- Das Denkmalschutzamt Hamburg steht unter zunehmendem Druck, verbindlichere Schutzinstrumente für gefährdete technische Anlagen zu entwickeln.
- Die verbleibenden sieben Paternostanlagen in der Stadt geraten nun stärker in den Fokus: Eigentümer und Behörden müssen zeitnah klären, wie deren langfristiger Erhalt gesichert werden kann.
- Hamburgs Ruf als Stadt mit starkem Industrie- und Kulturerbe könnte leiden, wenn weitere technische Denkmäler ohne nachhaltige Lösung aufgegeben werden.
- Touristen und Besucher, die Hamburg auch wegen seiner historischen Bausubstanz schätzen, verlieren mit dem Paternoster eine authentische Sehenswürdigkeit, die sich nicht rekonstruieren lässt.
Was bedeutet das für Hamburgs verbleibende Paternostanlagen?
Der Fall hat eine Debatte ausgelöst, die über das einzelne Gebäude hinausweist. Hamburg besitzt noch rund sieben weitere funktionierende Paternostanlagen, verteilt auf Büro- und Verwaltungsgebäude verschiedener Eigentümer. Einige davon stehen ebenfalls unter Denkmalschutz, andere nicht. Für alle gilt: Die rechtliche Grundlage für ihren Weiterbetrieb ist unsicher. Die EU-Aufzugsrichtlinie sowie nationale Arbeitssicherheitsvorschriften setzen Betreibern enge Grenzen, die mit steigendem Sanierungsdruck immer schwerer einzuhalten sind.
Der Verein zur Erhaltung historischer Aufzüge hat die Hamburger Politik aufgefordert, ein stadtweites Konzept für den Erhalt der verbliebenen Anlagen zu erarbeiten. „Hamburg hat die Chance, Vorbild für andere deutsche Städte zu werden", heißt es in einer Stellungnahme des Vereins. „Dafür braucht es politischen Willen und konkrete Finanzierungsmodelle – und beides muss jetzt entwickelt werden, nicht erst wenn die nächste Anlage abgebaut wird."
Diskutiert werden unter anderem ein Sonderfördertopf für technische Denkmäler, die Einrichtung eines städtischen Expertengremiums sowie die Möglichkeit, besonders bedeutsame Anlagen in öffentliche Trägerschaft zu überführen. Ob der Hamburger Senat diese Vorschläge aufgreift, bleibt abzuwarten. Die Stadtentwicklung in Hamburg steht vor der Herausforderung, wirtschaftliche Modernisierungsinteressen und den Schutz authentischer Stadtgeschichte in Einklang zu bringen – eine Aufgabe, die angesichts des Drucks auf den Hamburger Immobilienmarkt nicht leichter werden dürfte.
Der abgebaute Paternoster bleibt vorerst ein mahnendes Beispiel. Er steht für die strukturelle Schwäche im Umgang mit technischen Denkmälern – und für die Notwendigkeit, Schutzinstrumente weiterzuentwickeln, bevor das nächste Stück Hamburger Geschichte verschwindet. Weitere Informationen zum Thema finden sich in der laufenden Berichterstattung über den Denkmalschutz und Industriekultur in Hamburg.
- dpa Regionaldienst
- Bundesinnenministerium — bmi.bund.de
- Lokalpresse Deutschland





















