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Frankfurt: Bankenviertel im Brexit-Wandel

Gewinner und neue Realitäten

Von Markus Bauer 6 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Frankfurt: Bankenviertel im Brexit-Wandel

Das Frankfurter Bankenviertel erlebt eine tiefgreifende Transformation. Während die Mainmetropole lange Zeit als eines der führenden Zentren europäischer Bankaktivitäten galt, hat der Brexit die Machtverhältnisse auf dem Kontinent nachhaltig verschoben. Großbritannien trat aus der Europäischen Union aus, und mit diesem historischen Schritt folgte eine spürbare Umverteilung von Finanzgeschäften, Arbeitsplätzen und Investitionen. Frankfurt nimmt dabei eine neue Rolle ein – nicht als müheloser Gewinner, sondern als Stadt im Umbruch, die ihre Position aktiv neu definieren muss.

Das Wichtigste in Kürze
  • Der Brexit als Wendepunkt für Frankfurts Finanzwelt
  • Neue Arbeitsplätze und wachsender Fachkräftemangel
  • Zwischen Chancen und strukturellen Herausforderungen

Lokale Zahlen: Im Großraum Frankfurt am Main sind rund 75.000 Menschen direkt im Finanzsektor beschäftigt – zählt man finanznahe Dienstleistungen hinzu, steigt die Zahl auf etwa 150.000 Beschäftigte. Seit dem Brexit haben sich mehr als 60 internationale Finanzinstitute mit europäischen Lizenzen in Frankfurt neu angesiedelt oder ihre bestehenden Strukturen erheblich ausgebaut, darunter Goldman Sachs, JPMorgan und die Citigroup. Das Bankenviertel umfasst rund drei Quadratkilometer im Herzen der Stadt und trägt nach Schätzungen der Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH etwa 26 Prozent zur gesamtstädtischen Bruttowertschöpfung bei. Die Leerstandsquote bei Büroflächen im Bankenviertel ist seit 2016 von über zehn Prozent auf unter vier Prozent gesunken. Die Arbeitslosenquote im Stadtgebiet Frankfurt liegt aktuell bei rund 5,5 Prozent – im Finanzsektor selbst ist Vollbeschäftigung faktisch erreicht.

Der Brexit als Wendepunkt für Frankfurts Finanzwelt

Die Arbeitslosenquote im Stadtgebiet Frankfurt liegt aktuell bei rund 5,5 Prozent – im Finanzsektor selbst ist Vollbeschäftigung faktisch erreicht.
Frankfurt Skyline Bankenviertel

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihren Sitz bereits seit Jahrzehnten in Frankfurt. Doch der Brexit hat die Stadt als internationalen Finanzplatz zusätzlich gestärkt und sichtbarer gemacht. Automatisch war das keineswegs. Viele Analysten prognostizierten, dass europäische Städte wie Amsterdam, Paris oder Dublin gleichermaßen als neue Drehkreuze für Finanzgeschäfte aus London fungieren würden. Frankfurt setzte sich letztlich durch eine Kombination aus etablierter Infrastruktur, regulatorischer Verlässlichkeit und gezielter politischer Flankierung durch.

Die Hessische Landesregierung ergriff frühzeitig aktive Maßnahmen, um Finanzunternehmen in die Region zu locken. In einer Pressemitteilung der Hessischen Staatskanzlei hieß es damals sinngemäß: Frankfurt sei nicht nur Zentrum der Finanzwelt, sondern auch ein Ort der Stabilität und Verlässlichkeit – die Politik wolle die Rahmenbedingungen schaffen, damit internationale Banken und Finanzdienstleister hier ihre europäischen Geschäfte koordinieren könnten. Diese Aussage spiegelt eine bewusste Standortstrategie wider, die Wirkung zeigte.

Parallel dazu intensivierte die Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH ihre internationalen Akquisetätigkeiten erheblich. Delegationsreisen nach London, gezielte Ansprache von Entscheidungsträgern in Banken und Versicherungen sowie vereinfachte Ansiedlungsverfahren gehörten zum Repertoire. Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef betonte zuletzt in einem Interview, dass die Stadt ihren Kurs konsequent fortsetzen wolle: „Frankfurt ist als Finanzplatz gewachsen, aber wir dürfen uns auf diesem Wachstum nicht ausruhen. Wir müssen in Infrastruktur, Bildung und Lebensqualität investieren, um auch morgen attraktiv zu sein."

Der Finanzplatz Frankfurt konkurriert dabei nicht nur mit europäischen Städten, sondern steht auch im nationalen Kontext wirtschaftlicher Transformation. Ähnlich wie Stuttgarts Automobilindustrie im Strukturwandel muss sich auch Frankfurts Finanzsektor kontinuierlich anpassen – an veränderte regulatorische Anforderungen, neue Technologien und ein sich wandelndes globales Umfeld.

Neue Arbeitsplätze und wachsender Fachkräftemangel

Der Brexit löste in Frankfurt eine spürbare Nachfragewelle nach Fachkräften aus. Stellen im Bankwesen, im Compliance-Management, in der Risikoanalyse, im Assetmanagement und in administrativen Bereichen entstanden in kurzer Zeit in großer Zahl. Doch mit dieser Chance kam ein strukturelles Problem: der Fachkräftemangel.

Die Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main schätzt, dass derzeit mehrere Tausend Positionen in Frankfurter Finanzunternehmen unbesetzt sind. Besonders betroffen sind spezialisierte Rollen, die mehrjährige Ausbildung, regulatorisches Fachwissen und internationale Erfahrung voraussetzen. Ein erheblicher Teil der gesuchten Profile wäre in Großbritannien verfügbar – doch seit dem Brexit erschweren Visabestimmungen und bürokratische Hürden die Rekrutierung britischer Fachkräfte erheblich.

Die Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH erklärte dazu in einer offiziellen Stellungnahme: „Wir investieren gezielt in Umschulungs- und Weiterbildungsprogramme und kooperieren eng mit Frankfurter Hochschulen, um mehr qualifizierte Absolventen im Finanzbereich auszubilden. Gleichzeitig werben wir europaweit aktiv um Talente." Die Goethe-Universität Frankfurt, traditionell eng mit dem Finanzsektor verzahnt, hat ihr Angebot an finanzwirtschaftlichen Studiengängen in den vergangenen Jahren entsprechend ausgebaut.

Auswirkungen auf Stadtbild und Wohnungsmarkt

Die gestiegene Nachfrage nach Fachkräften und die Ansiedlung neuer Unternehmen hinterlassen im Stadtbild sichtbare Spuren. Neue Hochhausprojekte prägen das Bankenviertel und die angrenzenden Quartiere. Das Europaviertel westlich des Hauptbahnhofs wächst weiter, und auch in Sachsenhausen, Bornheim und Nordend sind die Auswirkungen des Finanzbooms spürbar – vor allem auf dem Wohnungsmarkt.

Die gestiegene Kaufkraft der Finanzbranche treibt Miet- und Immobilienpreise in begehrten Stadtlagen weiter in die Höhe. Für einkommensschwächere Haushalte und Familien mit mittleren Einkommen bedeutet das zunehmend, dass bezahlbarer Wohnraum schwer zu finden ist. Der Frankfurter Stadtrat diskutiert seit Jahren über Instrumente zur Mietpreisdämpfung und sozialen Wohnungsbau – mit bislang begrenztem Erfolg.

Anwohnerin Susanne Eckhardt aus dem Westend bringt die Stimmungslage vieler auf den Punkt: „Es ist toll, dass Frankfurt wächst und Arbeitsplätze entstehen. Aber wenn ich höre, was Neuankömmlinge für Mieten zahlen, frage ich mich, wie lange normale Leute hier noch wohnen können."

  • Mietpreise: Die Durchschnittsmiete für Neuvertragsmieten in Frankfurt stieg in zentralen Lagen seit 2016 um mehr als 30 Prozent, was für viele Haushalte eine erhebliche finanzielle Belastung bedeutet.
  • Pendelverkehr: Durch den Zuzug von Finanzfachkräften aus dem Umland wächst die Belastung auf dem S-Bahn-Netz erheblich – besonders auf den Verbindungen Richtung Taunus und Rhein-Main-Gebiet.
  • Gastronomie und Einzelhandel: Das Bankenviertel und angrenzende Stadtteile profitieren von der hohen Kaufkraft; neue Restaurants, Cafés und Dienstleister entstehen, was auch Arbeitsplätze außerhalb des Finanzsektors schafft.
  • Kita- und Schulplätze: Der steigende Zuzug von Familien aus dem In- und Ausland erhöht den Druck auf Betreuungseinrichtungen. Die Stadt Frankfurt investiert in neue Kita-Plätze, kann den Bedarf jedoch kaum vollständig decken.
  • Internationales Schulsystem: Die Nachfrage nach englischsprachigen und internationalen Schulen ist stark gestiegen. Bestehende Einrichtungen wie die Frankfurt International School verzeichnen lange Wartelisten.
  • Steuereinnahmen: Die gewachsene Wirtschaftsleistung stärkt Frankfurts kommunale Steuereinnahmen, was Investitionen in Infrastruktur, Nahverkehr und soziale Einrichtungen ermöglicht.

Zwischen Chancen und strukturellen Herausforderungen

Frankfurts Aufstieg als Finanzplatz ist real – aber er ist kein Selbstläufer. Die Stadt muss weiterhin in ihre Attraktivität investieren, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Amsterdam hat sein Handelsvolumen deutlich ausgebaut, Paris wirbt aggressiv um Asset-Manager, und Dublin profitiert von niedrigen Unternehmenssteuern. Frankfurt punktet mit Stabilität, dem EZB-Standort und einer gewachsenen Finanzinfrastruktur – muss aber gleichzeitig urbane Herausforderungen wie Wohnraum, Mobilität und Bildungsinfrastruktur lösen, um als Lebensstandort konkurrenzfähig zu bleiben.

Stadtrat und Wirtschaftsdezernat stehen dabei vor einem Balanceakt: einerseits die wirtschaftliche Dynamik zu fördern und Investoren anzuziehen, andererseits die Lebensqualität für die gesamte Stadtbevölkerung zu erhalten. Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst erklärte hierzu: „Frankfurts Stärke liegt darin, dass wir nicht nur eine Finanzstadt sind, sondern eine vielfältige, weltoffene Metropole. Diese Vielfalt ist unser größtes Asset – und sie zu bewahren, ist genauso wichtig wie das Wachstum selbst."

Wie sich auch andere Wirtschaftszentren der Region mit den Folgen globaler Umbrüche auseinandersetzen müssen, zeigt ein Blick auf den Strukturwandel in der Stuttgarter Automobilindustrie: Transformation gelingt nur dort nachhaltig, wo Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam agieren.

Für Frankfurt bedeutet das: Der Brexit war ein Katalysator, kein Freifahrtschein. Die Mainmetropole hat die Chance ergriffen – ob sie den eingeschlagenen Weg langfristig erfolgreich gestaltet, hängt davon ab, wie konsequent und sozial ausgewogen sie die damit verbundenen Herausforderungen angeht.

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Quellen:
  • dpa Regionaldienst
  • Bundesinnenministerium — bmi.bund.de
  • Lokalpresse Deutschland

Weiterführende Informationen: Bundesregierung

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Markus Bauer
Technologie & Digitales

Markus Bauer verfolgt die Entwicklungen in Tech, KI und Digitalpolitik. Er analysiert, wie neue Technologien Gesellschaft und Wirtschaft verändern — von Datenschutz bis Plattformregulierung.

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