ZenNews24› Wirtschaft› Industriestandort Deutschland: Tomaso Duso warnt … Wirtschaft Industriestandort Deutschland: Tomaso Duso warnt vor mangelnder Risikobereitschaft Industriestandort Deutschland: Tomaso Duso warnt vor mangelnder Risikobereitschaft Von ZenNews24 Redaktion 10.07.2026, 09:54 Uhr 5 Min. Lesezeit Das Wichtigste in Kürze Der deutsche Industriestandort befindet sich in einer kritischen PhaseWährend Politiker und Unternehmensführer regelmäßig über fehlende Investitionen, hohe Energiekosten und mangelnde Infrastruktur klagen, identifiziert Tomaso Duso, Präsident der Monopolkommission, ein tieferes strukturelles Problem: die fehlende Risikobereitschaft in der gesamten Gesellschaft.… Der deutsche Industriestandort befindet sich in einer kritischen Phase. Während Politiker und Unternehmensführer regelmäßig über fehlende Investitionen, hohe Energiekosten und mangelnde Infrastruktur klagen, identifiziert Tomaso Duso, Präsident der Monopolkommission, ein tieferes strukturelles Problem: die fehlende Risikobereitschaft in der gesamten Gesellschaft. In einem aktuellen Gespräch mit ZenNews24 erklärt der renommierte Ökonom, warum nicht allein die politischen Rahmenbedingungen für den wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands verantwortlich sind, sondern auch eine kollektive Mentalität, die Innovation und unternehmerisches Wagnis behindert.InhaltsverzeichnisEin differenziertes Bild der deutschen WirtschaftskriseDie Mentalität als unsichtbares HindernisWer gewinnt, wer verliert?Was muss sich ändern?Ein Appell an Politik und Wirtschaft Ein differenziertes Bild der deutschen Wirtschaftskrise Duso betont, dass die häufig zitierten Gründe für Deutschlands Rückgang – hohe Steuern, regulatorische Lasten und Energiepreise, die den Industriestandort Deutschland belasten – nur einen Teil des Problems darstellen. Natürlich spielen diese Faktoren eine wichtige Rolle. Doch eine vollständige Analyse müsse auch die innere Haltung von Unternehmern, Investoren und der Gesellschaft insgesamt berücksichtigen. Der Chef der Monopolkommission verweist darauf, dass erfolgreiche Wirtschaftsstandorte nicht nur durch attraktive gesetzliche Rahmenbedingungen entstehen, sondern vor allem durch eine Kultur der Risikobereitschaft. Dies sei insbesondere in Zeiten technologischer Umbrüche entscheidend. Während andere Länder aggressiv in neue Technologien investieren und dabei bewusst Misserfolge in Kauf nehmen, verharrt Deutschland vielen Bereichen in einer defensiven Haltung. Diese Mentalität prägt nicht nur etablierte Konzerne, sondern auch das Gründungsökosystem und die Kapitalvergabe. Konjunkturindikator Deutschland – Aktuelle Kerndaten BIP-Wachstum: 0,3 % (Vorjahresvergleich) Industrieproduktion: −2,8 % (saisonbereinigt)📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Arbeitslosenquote: 6,1 % Geschäftsklimaindex (ifo): 84,7 Punkte Auslandsinvestitionen in Deutschland: 28,4 Milliarden Euro (Vorjahr: 42,1 Mrd. Euro) Innovationsausgaben (% des BIP): 3,2 % (internationale Konkurrenz: 3,8–4,5 %) Die Mentalität als unsichtbares Hindernis Ein zentraler Aspekt von Dusos Kritik ist das deutsche Sicherheitsdenken. Die klassisch deutschtypische Vorliebe für verlässliche Strukturen, gründliche Planung und kalkulierbare Risiken hat historisch zu Qualität und Zuverlässigkeit geführt. In der Innovationsökonomie jedoch werden solche Ansätze zum Hemmschuh. Startups und innovative Technologieunternehmen entstehen nicht in Umgebungen, wo jede Abweichung vom Plan als Versagen gilt. Duso beobachtet dies besonders bei der Kapitalvergabe. Deutsche Investoren und Bankiers zeigen sich häufig überaus vorsichtig. Sie bevorzugen bewährte Geschäftsmodelle mit nachgewiesener Rentabilität. Neue, disruptive Ideen finden deutlich schwerer Finanzierung als in den USA, Israel oder zunehmend in Asien. Dies führt zu einem fatalen Effekt: Die besten Köpfe und ambitioniertesten Gründer verlassen Deutschland, um anderswo ihre Visionen umzusetzen. Auch in etablierten Konzernen wirkt sich diese Mentalität negativ aus. Friedrich Merz deutet mit seinen Ausrufen zu »sehr guten Jahren« auf eine notwendige mentale Erneuerung hin, die über bloße politische Maßnahmen hinausgehen muss. Großunternehmen müssen interne Strukturen schaffen, die echte Experimentierräume erlauben – wo Fehlschläge nicht zum Karriereende führen, sondern als Lernchancen behandelt werden. Land Venture-Capital-Investitionen (Mrd. EUR) Erfolgreiche Startups pro Jahr Anteil der Bevölkerung in Tech-Jobs Deutschland 8,2 215 2,1 % Vereinigte Staaten 98,5 3.847 5,8 % Frankreich 5,4 156 1,9 % China 142,3 5.213 8,2 % Wer gewinnt, wer verliert? Die Analyse zeigt differenzierte Gewinner und Verlierer im deutschen Wirtschaftsgefüge. Von der aktuellen Konstellation profitieren vor allem etablierte Mittelstandsunternehmen in traditionellen Branchen, die sich auf bewährte Technologien und Prozesse verlassen. Automobilzulieferer, Maschinenbauer und chemische Industrie können derzeit noch auf ihre Reputation und Qualitätsstandards zehren. Doch auch für diese Branchen gilt: Ohne radikale Innovation werden sie mittelfristig an Boden verlieren. Die großen Verlierer sind junge Unternehmen, Gründer mit disruptiven Ideen und Deutschland insgesamt als Innovationsstandort. Während die USA durch ihre Risikokultur Silicon Valley hervorbrachte, entstehen in Deutschland eher schrittweise Verbesserungen bestehender Produkte. Dies mag kurzfristig kostengünstig wirken, führt langfristig aber zu einer technologischen Abhängigkeit. Besonders dramatisch ist die Situation in Regionen, die sich wirtschaftlich umorientieren müssen. Sachsen und andere ostdeutsche Bundesländer zeigen als unterschätzte Industriestandorte, dass regionale Entwicklung möglich ist, wenn die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden – darunter auch Toleranz für Experimente und Fehlversuche. Was muss sich ändern? Duso fordert nicht weniger als einen Mentalitätswandel auf mehreren Ebenen. Zunächst müssen Schulen und Universitäten stärker eine Kultur der Risikoakzeptanz fördern. Scheitern sollte nicht stigmatisiert, sondern als natürlicher Teil des Lernprozesses verstanden werden. Dies betrifft sowohl technische Ausbildung als auch wirtschaftliche Grundlagen. Zweitens braucht Deutschland einen anderen Ansatz zur Kapitalvergabe. Hier sieht Duso die Politik in der Pflicht, durch gezielte Steuerreformen und neue Finanzierungsinstrumente Risikokapital attraktiver zu machen. Darüber hinaus könnten öffentlich-private Partnerschaften helfen, das Risiko bei Investitionen in innovative Technologien breiter zu verteilen. Drittens müssen Großunternehmen ihre internen Kulturen transformieren. Dies bedeutet flachere Hierarchien, schnellere Entscheidungswege und die Akzeptanz, dass nicht alle Innovationsprojekte erfolgreich sein werden. Einige der erfolgreichsten Tech-Konzerne weltweit investieren bewusst in hundert Projekte, um ein großes Erfolgsprodukt zu generieren. Auch externe Faktoren spielen eine Rolle. Während Wetter und Klimakatastrophen wie die Warnungen des Deutschen Wetterdienstes vor Unwettern kurzfristige Störungen darstellen, sind langfristige Energieinfrastruktur und Klimatransformation strategische Chancen für mutige Investitionen. Ein Appell an Politik und Wirtschaft Dusos zentrale Botschaft lautet: Deutschland darf nicht in einer defensive Haltung verharren und auf anderen zukunftssichernde Technologien entwickeln lassen. Die Monopolkommission, die sich mit Wettbewerb und Marktstrukturen befasst, sieht hier auch ihre Aufgabe darin, Wettbewerbshindernisse zu identifizieren, die Risikobereitschaft blockieren. Konkret schlägt Duso vor, dass regulatorische Rahmenbedingungen bei neuen Technologien schneller angepasst werden – nicht, um Standards zu senken, sondern um Innovation zu ermöglichen. Sandbox-Modelle, in denen Unternehmen unter definierten Bedingungen neue Konzepte testen können, sollten ausgebaut werden. Auch die Steuergesetzgebung muss überprüft werden. Während Fehlschläge in anderen Ländern oft absetzbar sind, wird Deutschland von Unternehmern, die scheitern, oft unverhältnismäßig belastet. Eine differenziertere Behandlung von innovativen Investitionen könnte das Risikokalkül verschieben. Letztlich, so Duso, geht es um die Frage: Wollen wir ein Land sein, das die Zukunft gestaltet oder ein Land, das die Zukunft anderer adaptiert? Die Ressourcen, das Wissen und die Infrastruktur sind vorhanden. Was fehlt, ist der Mut, sie anders einzusetzen. Die Verantwortung liegt nicht nur bei der Politik. Sie liegt ebenso bei Investoren, bei Unternehmern und bei jedem Einzelnen, der in Schulen und Universitäten lernt oder lehrt. Ein Industriestandort Deutschland, der in zehn Jahren noch wettbewerbsfähig sein soll, muss heute beginnen, anders zu denken – mutiger, experimenteller und fehlertoleranter. (Quelle: Interview mit Tomaso Duso, Präsident der Monopolkommission) Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 wirtschaft Z ZenNews24 Redaktion Redaktion Die ZenNews24-Redaktion berichtet rund um die Uhr über die wichtigsten Ereignisse aus Deutschland und der Welt. Unsere Journalistinnen und Journalisten recherchieren, analysieren und ordnen ein — unabhängig und verlässlich. 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