Jede dritte Geburt in Deutschland endet mit Kaiserschnitt
Die Kaiserschnittquote hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt, zeigt aber erhebliche regionale Unterschiede.
Die Kaiserschnittrate in Deutschland ist in den vergangenen drei Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen und hat mittlerweile ein Niveau erreicht, das Fachleute aus Geburtshilfe, Gynäkologie und Public Health mit wachsender Besorgnis beobachten. Während in den frühen 1990er Jahren noch etwa 15 bis 16 Prozent aller Geburten per Kaiserschnitt erfolgten, liegt die aktuelle Quote bei rund 30 bis 32 Prozent — eine Verdopplung innerhalb von drei Jahrzehnten. Besonders auffällig sind die erheblichen regionalen Unterschiede zwischen den Bundesländern, die von knapp 25 bis über 35 Prozent reichen. Diese Entwicklung wirft grundlegende Fragen zur medizinischen Notwendigkeit, zu wirtschaftlichen Anreizen im Krankenhaussystem und zur Qualität der geburtshilflichen Versorgung in Deutschland auf.
- Kaiserschnitt: Lebensrettendes Verfahren unter kritischer Beobachtung
- Regionale Unterschiede: Ein Hinweis auf Überversorgung?
- Die Rolle des Wunschkaiserschnitts
Kaiserschnitt: Lebensrettendes Verfahren unter kritischer Beobachtung

Der Kaiserschnitt ist zweifellos ein unverzichtbares medizinisches Verfahren, wenn Komplikationen eine vaginale Geburt unmöglich oder zu riskant machen. Anerkannte medizinische Indikationen umfassen unter anderem Plazentaprobleme wie die Placenta praevia, fetale Lageanomalie, ausgeprägte Wehenschwäche, ein zu enges Becken oder akute kindliche Notlagen. In diesen Fällen rettet der operative Eingriff Leben — und ist medizinisch vollständig gerechtfertigt.
Allerdings zeigen internationale Vergleichsdaten, dass die in Deutschland praktizierten Kaiserschnittraten deutlich über den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegen. Die WHO hält Kaiserschnittraten von 10 bis 15 Prozent für medizinisch begründbar. Raten, die diesen Schwellenwert übersteigen, seien laut WHO nicht mit besseren Gesundheitsergebnissen für Mutter oder Kind verbunden — können aber das Risiko vermeidbarer Komplikationen erhöhen. Dazu zählen bei der Mutter unter anderem stärkere Blutverluste, Wundinfektionen, Thrombosen sowie ein erhöhtes Risiko bei Folgeschwangerschaften. Für das Neugeborene werden unter anderem Atemprobleme durch das Ausbleiben des Geburtspressvorgangs diskutiert, der die Lunge des Kindes auf das Atemlebenstartet.
Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) fordert seit Jahren eine kritischere Prüfung der Indikationsstellung und hat entsprechende Leitlinien veröffentlicht, die klare Kriterien für einen medizinisch gerechtfertigten Kaiserschnitt definieren. Gleichzeitig betonen Expertinnen und Experten, dass der Anstieg der Kaiserschnittraten nicht monokausal erklärt werden kann: Neben einem tatsächlichen Wandel in der Patientenpopulation — etwa durch ein steigendes Durchschnittsalter der Gebärenden, häufigere Mehrlingsschwangerschaften infolge reproduktionsmedizinischer Behandlungen und eine Zunahme chronischer Vorerkrankungen — spielen auch organisatorische, personelle und finanzielle Faktoren eine bedeutende Rolle.
Studienlage: Die Auswertung von über 750.000 Geburten im Rahmen der deutschen Perinatalerhebung dokumentiert einen Anstieg der Kaiserschnittquote von 15,8 Prozent im Zeitraum 1990–1992 auf 32,1 Prozent im Zeitraum 2016–2018. Das Robert Koch-Institut (RKI) bestätigt diesen Trend in seiner Gesundheitsberichterstattung und weist auf ausgeprägte regionale Schwankungen zwischen 24,5 und 35,7 Prozent hin, abhängig vom Bundesland. OECD-Daten zeigen, dass Deutschland damit deutlich über dem Schnitt vergleichbarer Industrieländer liegt: Die Niederlande, Norwegen, Schweden und Finnland erzielen gute perinatale Ergebnisse bei Kaiserschnittraten von 15 bis 20 Prozent. Eine Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2019 legte zudem einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Trägerschaft einer Klinik und der Kaiserschnittrate nahe: Privatkliniken wiesen demnach im Durchschnitt höhere Raten auf als öffentliche oder gemeinnützige Häuser — auch nach Adjustierung für Patientenmerkmale.
Regionale Unterschiede: Ein Hinweis auf Überversorgung?

Zu den auffälligsten Befunden gehört die ausgeprägte Heterogenität zwischen den Bundesländern. Bremen und Schleswig-Holstein melden Kaiserschnittraten von etwa 25 bis 26 Prozent, während Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen teilweise Quoten von über 33 Prozent verzeichnen. Diese Unterschiede lassen sich nicht allein durch demografische oder epidemiologische Besonderheiten der jeweiligen Bevölkerung erklären. Vielmehr deuten sie auf unterschiedliche klinische Entscheidungskulturen, divergierende Organisationsstrukturen und möglicherweise unterschiedliche wirtschaftliche Anreize innerhalb des deutschen Krankenhaussystems hin.
Ein zentraler Faktor ist dabei das Vergütungssystem: Im deutschen DRG-System (Diagnosis Related Groups) ist ein Kaiserschnitt in der Regel besser honoriert als eine unkomplizierte vaginale Geburt. Hinzu kommt, dass ein geplanter Kaiserschnitt aus Sicht des Klinikbetriebs planbarer ist, weniger Bereitschaftspersonal erfordert und den Kreißsaal-Betrieb rationaler strukturierbar macht. Kritiker weisen darauf hin, dass diese systemischen Anreize dazu beitragen können, dass medizinisch nicht zwingend notwendige Kaiserschnitte häufiger empfohlen oder durchgeführt werden als medizinisch geboten wäre. Die DGGG und der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) haben wiederholt auf diese Problematik hingewiesen und fordern eine Reform der Vergütungsstrukturen, die vaginale Geburten angemessener honoriert und den Hebammenberuf stärkt.
Die Rolle des Wunschkaiserschnitts
Ein weiterer Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion häufig genannt wird, ist der sogenannte Wunschkaiserschnitt — also ein Kaiserschnitt auf ausdrücklichen Wunsch der Schwangeren ohne zwingende medizinische Indikation. Schätzungen zufolge macht dieser Anteil in Deutschland jedoch nur etwa 3 bis 6 Prozent aller Kaiserschnitte aus; er erklärt den kontinuierlichen Anstieg der Gesamtrate also nur zu einem geringen Teil. Frauen, die einen Wunschkaiserschnitt in Betracht ziehen, haben laut der DGGG Anspruch auf eine umfassende, ausgewogene Aufklärung über Risiken und Vorteile beider Geburtsmethoden — ohne Bevormundung, aber auch ohne verharmlosende Darstellung operativer Risiken.
Folgen für Mutter und Kind: Was die Forschung zeigt
Die wissenschaftliche Forschung der vergangenen Jahre hat zunehmend Langzeitfolgen des Kaiserschnitts in den Blick genommen, die über den unmittelbaren Eingriff hinausgehen. Mehrere Studien, darunter Arbeiten aus dem Fachjournal The Lancet und dem British Medical Journal, weisen darauf hin, dass per Kaiserschnitt geborene Kinder ein leicht erhöhtes Risiko für Asthma, Allergien und Übergewicht aufweisen können — vermutlich weil sie während der Geburt nicht mit dem mütterlichen Vaginalflorabakterienmikrobiom in Kontakt kommen, was Auswirkungen auf die Entwicklung ihres Immunsystems haben könnte. Diese Befunde sind in der Wissenschaft noch nicht abschließend bewertet und sollten nicht überinterpretiert werden; sie unterstreichen jedoch, wie wichtig es ist, Kaiserschnitte auf medizinisch begründete Fälle zu beschränken.
Für die Mutter sind die unmittelbaren Risiken eines Kaiserschnitts jene eines größeren abdominalchirurgischen Eingriffs: erhöhter Blutverlust, mögliche Verletzung benachbarter Organe, Wundinfektionen, tiefe Venenthrombosen und eine längere Erholungszeit im Vergleich zur unkomplizierten Spontangeburt. Bei späteren Schwangerschaften kann eine Kaiserschnittnarbe die Schwangerschaft zusätzlich verkomplizieren, etwa durch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Placenta accreta oder einen Uterusriss.
Was können Schwangere tun? Orientierung im Vorfeld der Geburt
- Frühzeitig das Gespräch suchen: Besprechen Sie Ihre Wünsche, Bedenken und gesundheitliche Vorgeschichte offen mit Ihrer Gynäkologin oder Ihrem Gynäkologen sowie mit Ihrer Hebamme — idealerweise bereits im zweiten Trimester.
- Geburtsplanung realistisch gestalten: Ein Geburtsplan ist sinnvoll, sollte jedoch flexible Szenarien einschließen, da Geburtsverläufe nicht vollständig planbar sind.
- Klinik gezielt auswählen: Informieren Sie sich über die Kaiserschnitt- und Spontangeburtenrate der Kliniken in Ihrer Region. Qualitätsberichte der Krankenhäuser sind online einsehbar und liefern vergleichbare Kennzahlen.
- Geburtsvorbereitungskurs besuchen: Evidenzbasierte Geburtsvorbereitungskurse stärken das Vertrauen in den eigenen Körper und vermitteln Techniken zur Schmerzverarbeitung, die einen positiven Einfluss auf den Geburtsverlauf haben können.
- Zweitmeinung einholen: Bei einer empfohlenen elektiven (geplanten) Sectio ohne akute Notsituation haben Sie das Recht, eine zweite medizinische Meinung einzuholen.
- Über Risiken beider Wege informieren: Sowohl die vaginale Geburt als auch der Kaiserschnitt tragen spezifische Risiken. Lassen Sie sich neutral und vollständig aufklären — und vertrauen Sie keiner Darstellung, die eine Option ausschließlich positiv zeichnet.
- Hebammenbetreuung sicherstellen: Eine kontinuierliche Hebammenbetreuung vor, während und nach der Geburt ist nachweislich mit besseren Geburtsergebnissen und einer niedrigeren Kaiserschnittrate verbunden.
Systemische Lösungsansätze: Was Politik und Medizin tun müssen
Fachgesellschaften, Patientenorganisationen und Gesundheitspolitikerinnen und -politiker sind sich weitgehend einig, dass ein Bündel an Maßnahmen notwendig ist, um die Kaiserschnittrate auf ein medizinisch vertretbares Niveau zu senken. An erster Stelle steht eine Reform der Vergütungsstrukturen, die vaginale Geburten fairer honoriert und damit den finanziellen Anreiz für medizinisch nicht indizierte Kaiserschnitte reduziert. Darüber hinaus werden flächendeckende Qualitätszirkel in Geburtskliniken gefordert, in denen Kaiserschnittindikationen regelmäßig kollegial überprüft werden.
Die Stärkung des Hebammenwesens gilt ebenfalls als Schlüsselelement: Studien zeigen konsistent, dass eine kontinuierliche Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Hebamme unter der Geburt die Rate medizinischer Interventionen — einschließlich Kaiserschnitte — signifikant senkt. Deutschland leidet jedoch seit Jahren unter einem strukturellen Hebammenmangel, der durch die gestiegene Haftpflichtversicherungspflicht und vergleichsweise niedrige Vergütungen mitverursacht wird. Hier ist politischer Handlungsbedarf unbestritten.
Transparenz und Vergleichbarkeit von Klinikergebnissen können darüber hinaus einen Beitrag leisten: Wenn Schwangere einfach und verständlich auf Qualitätsindikatoren wie Kaiserschnitt- und Dammrissraten zugreifen können, stärkt das ihre informierte Entscheidungsfähigkeit und setzt Kliniken einem heilsamen Qualitätswettbewerb aus.
Internationale Perspektive: Was Deutschland von anderen Ländern lernen kann
Der Blick ins Ausland liefert wichtige Impulse. Die Niederlande gelten traditionell als Vorbild für eine Geburtshilfe mit hohem Anteil an außerklinischen Geburten, starker Hebammenversorgung und einer der niedrigsten Kaiserschnittraten Europas bei gleichzeitig guten perinatalen Ergebnissen. Skandinavische Länder setzen auf eine starke Integration von Hebammen in die stationäre Geburtshilfe und eine Kultur der abwartenden Begleitung unter der Geburt, solange Mutter und Kind keine Gefährdungszeichen zeigen. Diese Modelle lassen sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen, bieten jedoch wertvolle Anregungen für eine Neuausrichtung der deutschen Geburtshilfe.
- Bundesgesundheitsministerium — bundesgesundheitsministerium.de
- Robert Koch-Institut — rki.de
- Ärzteblatt — aerzteblatt.de




















