ZenNews24› Gesellschaft› Senioren in der digitalen Welt: Ausgeschlossen vo… Gesellschaft Senioren in der digitalen Welt: Ausgeschlossen vom Fortschritt? Bankautomaten, Behörden, Online-Shopping — was nicht klappt Von Felix Braun 06.04.2026, 00:00 Uhr 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026 Das Wichtigste in Kürze ```html Margot K. (78) sitzt vor dem Geldautomaten und versteht die Welt nicht mehrDas Display zeigt Symbole statt Zahlen, die Bedienung funktioniert… Rund 14 Millionen Menschen über 65 Jahren leben in Deutschland — und mehr als die Hälfte von ihnen fühlt sich im digitalen Alltag überfordert oder ausgeschlossen. Was für jüngere Generationen selbstverständlich ist, wird für viele Seniorinnen und Senioren zur täglichen Hürde: der Gang zur Behörde, der Einkauf im Netz, der Blick aufs Konto.InhaltsverzeichnisEine Gesellschaft im Upgrade-Modus — und wer dabei zurückbleibtDer Bankautomat als erste HürdeBehörden im Netz: Recht auf Teilhabe oder Pflicht zur Eigenverantwortung?Online-Shopping: Komfort für viele, Ausschluss für einigeWas Politik und Gesellschaft schuldenAnlaufstellen und HandlungsempfehlungenKein technisches Problem — ein gesellschaftliches Eine Gesellschaft im Upgrade-Modus — und wer dabei zurückbleibt Die Digitalisierung verändert Deutschland in atemberaubendem Tempo. Bankfilialen schließen, Behörden verlagern ihre Dienstleistungen ins Netz, Arzttermine werden per App gebucht, Rentenbescheide kommen als PDF. Wer nicht mitmacht, fällt nicht nur praktisch zurück — er verliert auch gesellschaftliche Teilhabe. Und der Anteil derjenigen, die nicht mitmachen können, ist größer als die öffentliche Debatte oft vermuten lässt. Dabei geht es nicht um mangelnde Intelligenz oder Sturheit. Es geht um Barrieren: technische, sprachliche, physische und strukturelle. Wer mit zitternden Händen einen Touchscreen bedienen soll, wer keine Kreditkarte hat oder wessen Augen die Schrift auf dem Smartphone-Display kaum mehr lesen können, den schließt das System nicht versehentlich aus — sondern systematisch. Studienlage: Laut dem Statistischen Bundesamt nutzen derzeit nur 67 Prozent der 65- bis 74-Jährigen in Deutschland das Internet regelmäßig — bei den über 75-Jährigen sind es weniger als 45 Prozent. Eine Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt, dass rund 60 Prozent der Befragten über 70 angaben, sich bei digitalen Behördengängen unsicher oder überfordert zu fühlen. Der Bertelsmann-Monitor zur digitalen Verwaltung ermittelte, dass lediglich 28 Prozent der Seniorinnen und Senioren das Online-Angebot von Ämtern ohne Hilfe nutzen können. Forsa befragte im Auftrag eines Verbraucherverbands rund 1.200 Menschen über 60 und stellte fest, dass 43 Prozent mindestens einmal im Monat auf fremde Hilfe beim Bedienen digitaler Geräte angewiesen sind. (Quellen: Statistisches Bundesamt, Institut für Demoskopie Allensbach, Bertelsmann Stiftung, Forsa) Der Bankautomat als erste Hürde Es klingt banal, ist aber für Millionen Menschen Realität: Der Gang zum Geldautomaten wird zum Stresstest. Immer mehr Bankfilialen haben geschlossen — bundesweit verschwanden in den vergangenen Jahren Tausende Standorte. Was bleibt, sind Automaten. Und die werden zunehmend komplexer: Touchscreens statt Tasten, wechselnde Menüführungen, Zeitlimits bei der Eingabe.📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen „Ich stehe da, der Automat zeigt mir fünf Optionen auf einem kleinen Bildschirm, und ich habe dreißig Sekunden, um zu reagieren. Dann fängt er von vorne an", schildert eine 78-jährige Rentnerin aus Hannover ihre wöchentliche Erfahrung. „Ich schäme mich vor der Schlange hinter mir." Dieses Schamgefühl ist kein Einzelphänomen — es ist Ausdruck einer strukturellen Ignoranz gegenüber einer ganzen Altersgruppe. Hinzu kommt die faktische Abschaffung des Bargelds in weiten Teilen des Alltags. Parkautomaten akzeptieren nur noch Karten oder Apps, Kantinen stellen auf kontaktloses Zahlen um, Bustickets gibt es digital. Wer kein Smartphone besitzt oder keine funktionierende EC-Karte führt — und das betrifft einen beachtlichen Teil der über 75-Jährigen —, wird faktisch aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Behörden im Netz: Recht auf Teilhabe oder Pflicht zur Eigenverantwortung? Das Onlinezugangsgesetz verpflichtet Behörden in Deutschland dazu, ihre Leistungen digital anzubieten. In der Theorie ein Fortschritt. In der Praxis hat das für viele ältere Menschen keine Verbesserung gebracht — im Gegenteil. Denn mit der Einführung digitaler Portale wurde in vielen Kommunen gleichzeitig der persönliche Schalterverkehr eingeschränkt. Ein 82-jähriger Rentner aus Freiburg beschreibt, wie er versuchte, seinen Schwerbehindertenausweis zu verlängern. „Ich sollte ein Konto im Bürgerportal anlegen, einen Scan meiner Unterlagen hochladen und einen Termin buchen. Ich weiß nicht einmal, was ein Scan ist." Er bat seine Tochter um Hilfe — aber nicht jeder hat jemanden, den er fragen kann. Genau hier liegt ein zentrales Problem, das die digitale Kluft zwischen Senioren und jüngeren Generationen in ihrer ganzen sozialen Dimension zeigt: Digitale Ausgrenzung ist oft auch soziale Isolation. Wer allein lebt, wer keinen digital versierten Angehörigen hat, wer kein Geld für einen Kurs aufwenden kann — der bleibt zurück. Nicht weil er es will, sondern weil das System ihm keinen anderen Weg lässt. Verwaltung ohne Alternativen — ein strukturelles Versagen Verbraucherorganisationen und Sozialverbände kritisieren seit Jahren, dass die Digitalisierung der Verwaltung ohne ausreichende Begleitmaßnahmen erfolgt. Das Prinzip „Digital first" sei legitim — aber nur, wenn es das Prinzip „Niemand wird zurückgelassen" nicht unterläuft. Bis heute gibt es keine bundesweit einheitliche Regelung, die Seniorinnen und Senioren ein barrierefreies Alternativangebot garantiert. Der Sozialverband VdK spricht von einem „stillen Demokratiedefizit": Wer Leistungen nicht digital abrufen kann, verliert effektiv Zugang zu staatlichem Handeln. Das betrifft Wohngeld, Pflegeleistungen, Rentenauskünfte, aber auch alltäglichere Dinge wie die Ummeldung nach einem Umzug oder die Beantragung eines Personalausweises. Formulare, die früher am Schalter ausgefüllt wurden, müssen heute vielerorts online übermittelt werden. Online-Shopping: Komfort für viele, Ausschluss für einige Auch der Handel hat sich verändert. Stationäre Geschäfte schließen, innerstädtische Versorgungsstrukturen erodieren — besonders in ländlichen Regionen. Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, wer keinen Führerschein hat, wer auf dem Dorf lebt, für den war der Versandhandel einst eine Erleichterung. Heute ist er digital. Und das schließt aus.Bildmaterial: ZenNews24 Mediathek Benutzeroberflächen von Online-Shops sind selten auf ältere Nutzer ausgelegt: kleine Schaltflächen, komplizierte Rückgabeprozesse, erzwungene Kontoerstellung, Zahlung nur per PayPal oder Kreditkarte. Eine 74-jährige Frau aus einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt erzählt, dass sie versuchte, einen einfachen Wasserkocher online zu bestellen. „Ich habe fünfzehn Minuten gebraucht, um den Bestellbutton zu finden, und dann hat das System meine Kontonummer nicht akzeptiert. Ich habe aufgegeben." Hinzu kommen strukturelle Risiken: Ältere Menschen sind überdurchschnittlich häufig Opfer von Online-Betrug. Phishing-Mails, gefälschte Paketbenachrichtigungen, dubiose Gewinnspiele — wer weniger Erfahrung mit digitalen Mechanismen hat, erkennt diese Fallen seltener. Das Bundeskriminalamt verzeichnet steigende Fallzahlen bei Cyberkriminalität zu Lasten älterer Menschen. Gesundheit, Pflege, Notfälle: Wenn digitale Lücken existenzielle Folgen haben Besonders gravierend wird die digitale Ausgrenzung im Bereich Gesundheit. Arzttermine, die ausschließlich über Online-Portale vergeben werden. Medikamentenlieferungen, die eine App voraussetzen. Elektronische Patientenakten, die ohne Smartphone nicht aktiviert werden können. Der politische Wille zur Digitalisierung des Gesundheitswesens ist nachvollziehbar — die Umsetzung lässt jedoch viele im Stich. Auch Notrufsysteme und Fernüberwachung für pflegebedürftige Menschen zuhause setzen zunehmend auf vernetzte Geräte, die eine stabile Internetverbindung und technisches Grundverständnis erfordern. In einer Gesellschaft, in der das Durchschnittsalter steigt und immer mehr Menschen allein leben, ist das keine Randnotiz — es ist eine gesundheitspolitische Herausforderung ersten Ranges. Was Politik und Gesellschaft schulden Die politischen Reaktionen fallen bislang zögerlich aus. Zwar existieren Förderprogramme für digitale Kompetenzen im Alter — etwa über die Initiative „Digital-Kompass" des Bundesseniorenministeriums —, doch deren Reichweite ist begrenzt. Bundesseniorenministerin Lisa Paus (Grüne) betonte bei verschiedenen Gelegenheiten, dass „niemand zurückgelassen werden darf". Konkrete gesetzliche Verpflichtungen für Unternehmen und Behörden, analoge Zugangswege offenzuhalten, fehlen jedoch weitgehend. Auf EU-Ebene gibt es mit dem European Accessibility Act immerhin ein verbindliches Regelwerk, das ab diesem Jahr für digitale Produkte und Dienstleistungen gilt. Ob es in der Praxis zu spürbaren Verbesserungen führt, wird sich zeigen. Verbraucherverbände mahnen, dass die Umsetzung ohne entschiedene Kontrolle ins Leere laufen könnte. Sozialpolitikerinnen und -politiker verschiedener Parteien fordern unterdessen einen „analogen Mindeststandard": Jede öffentliche Dienstleistung, jede Bank, jedes Gesundheitsangebot solle auch ohne Smartphone oder Internet zugänglich sein. Das klingt selbstverständlich — ist es aber nicht. Die Realität zeigt das Gegenteil. Anlaufstellen und Handlungsempfehlungen Volkshochschulen (VHS): Nahezu jede deutsche Volkshochschule bietet Kurse zur digitalen Grundbildung speziell für ältere Menschen an — oft kostenlos oder stark vergünstigt. Inhalte reichen von Smartphone-Grundkurs bis zu sicherem Online-Banking. Digital-Kompass: Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert bundesweit rund 2.000 digitale Anlaufpunkte, sogenannte Digitalmentoren-Netzwerke, in Seniorenzentren, Bibliotheken und Gemeindehäusern. Hier helfen Ehrenamtliche individuell. Verbraucherzentralen: Die Verbraucherzentralen der Länder bieten kostenlose Beratung bei digitalem Betrug, unverständlichen Verträgen und Problemen mit Online-Dienstleistungen — auch für Menschen, die selbst keine digitalen Geräte nutzen. Sozialverbände wie AWO, Caritas und VdK: Diese Organisationen unterstützen Seniorinnen und Senioren nicht nur bei Antragstellungen und Behördengängen, sondern bieten zunehmend auch digitale Begleitung an — persönlich und telefonisch. Lokale Bibliotheken: Viele öffentliche Bibliotheken haben sich zu digitalen Bürgerservicestellen entwickelt und stellen nicht nur Geräte zur Verfügung, sondern bieten auch Beratungsgespräche und Sprechstunden für ältere Nutzerinnen und Nutzer an. Mehrgenerationenhäuser: Das Bundesfamilienministerium unterstützt deutschlandweit über 500 Mehrgenerationenhäuser, in denen Jüngere Älteren bei digitalen Fragen helfen — ein niedrigschwelliges, soziales Format ohne Scham-Barriere. Kein technisches Problem — ein gesellschaftliches Digitale Ausgrenzung im Alter ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen — in Unternehmen, Behörden, der Politik. Wer Bankfilialen schließt, ohne Alternativen zu schaffen, trifft eine Entscheidung. Wer Verwaltungsleistungen ausschließlich online anbietet, ohne analoge Rückfallebenen, trifft eine Entscheidung. Wer Apps entwickelt, ohne ältere Nutzerinnen und Nutzer in den Designprozess einzubeziehen, trifft eine Entscheidung. Die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren älteren Mitgliedern umgeht, ist immer auch eine Frage nach deren Werten. Effizienz und Digitalisierung sind wichtige Ziele — aber keine absoluten. Eine Gesellschaft, die Millionen Menschen systematisch aus zentralen Lebensbereichen ausschließt, hat ein Integrationsproblem. Und das lässt sich nicht mit einem weiteren App-Update lösen. Auch breitere gesellschaftliche Fragen nach Teilhabe und Ausgrenzung spielen in diesen Kontext hinein: So zeigt etwa der Fall eines Verdächtigen der Amokfahrt in Leipzig, wie gesellschaftliche Isolation und mangelnde Unterstützungsstrukturen sich in extremen Einzelfällen manifestieren können — wenngleich die Ursachen dort andere sind. Und wenn internationale Gerichte zunehmend auf strukturelle Gewalt aufmerksam machen, wie etwa das schottische Gericht im Fall eines Suizids nach häuslicher Gewalt, zeigt das: Unsichtbare Ausgrenzungsmechanismen werden in der Rechtsprechung und im öffentlichen Diskurs endlich sichtbar gemacht — ein Vorbild auch für den Umgang mit digitaler Benachteiligung. Wie politische Öffentlichkeit und Medien dabei eine Rolle spielen, zeigt indessen die Debatte um Medienfreiheit in anderen Ländern: In Tschechien protestieren Tausende gegen Medienpläne der Regierung — auch dort geht es letztlich darum, wer am gesellschaftlichen Diskurs teilhaben darf und wer nicht. Was bleibt, ist eine klare Forderung: Digitalisierung darf kein Selektionsinstrument sein. Wer sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen will, muss das können — unabhängig davon, ob er ein Smartphone bedienen kann oder nicht. Das ist keine Frage der Technik. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Mehr zum ThemaEin KI-Pionier warnt vor dem FortschrittNVIDIA: Die unwahrscheinlichste Erfolgsgeschichte der Tech-WeltWarum Deutschland beim Digitalen immer hinterherhinkt Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 Gesellschaft Senioren Welt Ausgeschlossen Fortschritt F Felix Braun Investigativ & Analyse Felix Braun recherchiert tief, wo andere an der Oberfläche bleiben. Er deckt Missstände auf, hinterfragt offizielle Aussagen und bringt Hintergründe ans Licht, die sonst verborgen blieben. 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