Gesellschaft

Senioren in der digitalen Welt: Ausgeschlossen vom Fortschritt?

Bankautomaten, Behörden, Online-Shopping — was nicht klappt

Von ZenNews24 Redaktion 3 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Senioren in der digitalen Welt: Ausgeschlossen vom Fortschritt?

Margot K. (78) sitzt vor dem Geldautomaten und versteht die Welt nicht mehr. Das Display zeigt Symbole statt Zahlen, die Bedienung funktioniert anders als früher. Sie verlässt die Bank ohne Geld – und nicht allein mit diesem Problem. Millionen Seniorinnen und Senioren in Deutschland erleben täglich, wie die digitale Welt sie abhängt. Banken schließen Filialen, Behörden kommunizieren nur noch online, selbst der Einkauf im Supermarkt erfordert mittlerweile eine App. Doch während die Gesellschaft rasant voranschreitet, bleiben viele ältere Menschen zurück – nicht aus Unwilligkeit, sondern aus Überforderung.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die alltägliche digitale Ausgrenzung
  • Banking: Das Geldabheben wird zur Odyssee
  • Behörden ohne Schalter: Wenn der Staat digital wird
  • Online-Shopping: Zu kompliziert und zu unsicher

Die alltägliche digitale Ausgrenzung

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Das Problem beginnt im Kleinen und wächst ins Existenzielle. Bankautomaten mit Touchscreen-Bedienung, die keinen Münzeinzug mehr haben. Online-Plattformen für Arzttermine, bei denen die Schriftgröße kaum lesbar ist. Behördengänge, die nur noch digital möglich sind – ein Albtraum für alle, die mit Computern nicht aufgewachsen sind.

Die Situation wird verschärft durch ein gesellschaftliches Phänomen, das über die reine Technik hinausgeht. Einsamkeit in Deutschland ist ein unsichtbares Problem, das durch digitale Ausgrenzung dramatisch verschärft wird. Wer nicht online ist, kann nicht mit der Familie chatten, verliert den Anschluss an Freundeskreise und wird zunehmend isoliert.

📊 Die Zahlen sprechen Bände:
Nach Angaben des Digital-Index 2024 können etwa 32 % der über 65-Jährigen grundlegende digitale Aufgaben nicht bewältigen. Bei den über 75-Jährigen ist es sogar jeder Zweite. Das Bundesamt für Familie hat ermittelt, dass Seniorinnen und Senioren ohne digitale Grundkompetenzen massiv höhere Arzttermin-Ausfallquoten haben.

Banking: Das Geldabheben wird zur Odyssee

💡 Wusstest du schon?

56 Prozent der über 65-Jährigen in Deutschland nutzen das Internet nicht regelmäßig – während es bei der Gesamtbevölkerung nur 18 Prozent sind. (Quelle: Statistisches Bundesamt 2023)

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Was mit dem Bankautomaten beginnt, setzt sich bei Online-Überweisungen fort. Viele Geldinstitute haben ihre Filialen drastisch reduziert. Der Kundenservice läuft hauptsächlich über Chat-Bots, die Kontoführung über Apps, die ständig aktualisiert werden und deren Bedienung sich regelmäßig ändert.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein 76-jähriger Kunde wollte sein Testament ändern und benötigte dafür einen Kontoauszug. Die Bank teilte ihm mit, dass dieser nur noch online verfügbar sei. Der Mann hatte keinen Computer – und plötzlich war selbst diese grundlegende Verwaltungsaufgabe für ihn unerreichbar geworden.

Behörden ohne Schalter: Wenn der Staat digital wird

Noch gravierender ist die Situation bei Behörden. Rentenversicherungsanträge, Grundsteuer-Erklärungen, sogar Standesamtsangelegenheiten: Vieles läuft derzeit nur noch digital. Das Online-Zugangsgesetz (OZG) verpflichtet Verwaltungen zur Digitalisierung – ohne Rücksicht auf diejenigen, die damit überfordert sind.

Das Dilemma: Wer keine E-ID hat, keine digitale Unterschrift leisten kann und keinen Internetanschluss besitzt, wird von seinen Grundrechten abgeschnitten. Der Anspruch auf Rente wird zur Hürde, die Behördengänge zur Belastung.

Online-Shopping: Zu kompliziert und zu unsicher

Selbst das Einkaufen im Internet bleibt für Millionen Senioren ein Buch mit sieben Siegeln. Passwörter merken, Zahlungsarten verstehen, Betrug erkennen – das erfordert Medienkompetenz, die nicht alle haben. Das Phishing-Risiko ist für ältere Menschen überdurchschnittlich hoch, weshalb viele dem Online-Shopping grundsätzlich misstrauen. Eine nachvollziehbare Haltung, wenn man täglich von Betrugsfällen liest.

Was muss sich ändern?

Konkrete Lösungsansätze:

  • Digitale Grundkurse in Volkshochschulen: Kostenlose und altersgerechte Schulungen müssen flächendeckend verfügbar sein
  • Barrierefreie Webseiten: Größere Schriftarten, einfachere Navigation, sprechende Funktionen
  • Hybride Lösungen: Behörden und Banken sollten weiterhin analoge Optionen bieten
  • Digitale Helfer vor Ort: Ehrenamtler in Bürgerzentren, die beim Ausfüllen von Online-Formularen helfen

Die Technologie selbst ist nicht das Problem – es ist der Tempo des Wandels ohne Rücksicht auf Verletzliche. Eine zivilisierte Gesellschaft muss ihre ältesten Mitglieder mitnehmen, nicht abhängen lassen.

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