Stuttgart erfindet seine Mobilität neu
VW, Mercedes, Bosch und was danach kommt
Stuttgart steht an einem historischen Wendepunkt. Die baden-württembergische Landeshauptstadt, deren Identität seit über einem Jahrhundert eng mit dem Automobil verflochten ist, muss sich neu erfinden. Elektromobilität, Digitalisierung und der globale Strukturwandel stellen die Stadt vor Herausforderungen, die in ihrer Tragweite beispiellos sind. Nicht weniger als die gesamte Zukunftsstrategie einer Großstadt steht zur Debatte.
- Ein Jahrhundert Automobil – und dann?
- Wie die Transformation konkret aussieht
- Herausforderungen, die nicht kleingeredet werden sollten
- Fazit: Chancen nutzen, Risiken ehrlich benennen
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Stuttgart ohne das Automobil überleben kann – sondern wie die Stadt diese Transformation aktiv gestaltet und dabei ihre wirtschaftlichen Stärken bewahrt. Oberbürgermeister Frank Nopper und der Gemeinderat haben erkannt: Ohne mutige Diversifizierung gerät Stuttgart wirtschaftlich und gesellschaftlich unter erheblichen Druck. Die strukturelle Abhängigkeit von einer einzigen Leitindustrie ist ein Risiko, das sich die Stadt langfristig nicht leisten kann.
Ein Jahrhundert Automobil – und dann?

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Stuttgart gilt als das deutsche Musterbeispiel einer Autostadt. Gottlieb Daimler entwickelte hier wesentliche Grundlagen des Automobils, Ferdinand Porsche gründete in der Region sein Unternehmen, und seit dieser Zeit hat sich die urbane Infrastruktur, die Wirtschaft und die kollektive Identität der Stadt rund um den Verbrennungsmotor geformt. Mercedes-Benz, Porsche und der Zuliefererriese Bosch haben nicht nur Arbeitsplätze geschaffen – sie haben geprägt, wie Stuttgart sich selbst versteht.
Doch diese Ära befindet sich im Wandel. Die Elektromobilität gewinnt weltweit an Fahrt, asiatische Hersteller – allen voran chinesische Konzerne – dominieren zunehmend die Batterietechnologie, und der klassische Verbrennungsmotor verliert Schritt für Schritt an Marktbedeutung. Für Stuttgart bedeutet das konkret: Zehntausende direkt und indirekt von der Automobilindustrie abhängige Arbeitsplätze stehen unter Anpassungsdruck. Die Zulieferindustrie muss sich grundlegend umbauen, Produktionskapazitäten müssen neu ausgerichtet werden, und Fachkräfte aus der klassischen Fertigung brauchen neue berufliche Perspektiven.
Politikerinnen und Politiker sowie Wirtschaftsvertreter sprechen inzwischen offen darüber: Stuttgart braucht neue Wachstumsmotoren. Diese können nicht länger allein im Hubraum liegen. Innovationskraft, digitale Kompetenz und Zukunftsbranchen müssen her.
Lokale Zahlen: Stuttgart zählt rund 634.000 Einwohnerinnen und Einwohner und ist damit die größte Stadt Baden-Württembergs. Die Metropolregion Stuttgart umfasst etwa 2,8 Millionen Menschen. Schätzungsweise 130.000 bis 150.000 Beschäftigte arbeiten direkt oder indirekt in der Automobilindustrie und bei deren Zulieferern – exakte Gesamtzahlen variieren je nach Abgrenzungsmethodik. Die Automotive-Branche macht nach Angaben der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) rund 35 bis 40 Prozent der regionalen Wirtschaftsleistung aus. Das Durchschnittseinkommen in Stuttgart liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt, was maßgeblich auf die gut entlohnten Industrie-Arbeitsplätze zurückzuführen ist. Die Arbeitslosenquote bewegt sich derzeit bei etwa 4,2 Prozent (Stand: erstes Quartal 2025, Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Baden-Württemberg). Das regionale Bruttoinlandsprodukt der Metropolregion wird auf rund 150 bis 160 Milliarden Euro jährlich geschätzt.
Wie die Transformation konkret aussieht
Neue Branchen und Zukunftsindustrien
Die Stadt arbeitet bereits aktiv an einer Diversifizierung ihrer Wirtschaftsstruktur. Stuttgart hat sich zum Ziel gesetzt, als Standort für Künstliche Intelligenz, Software-Entwicklung und Cybersecurity in Deutschland stärker Fuß zu fassen. Biotechnologie, Medizintechnik und Gesundheitsinnovationen gelten als weitere Wachstumsfelder, in denen die Region auf vorhandene Forschungsinfrastruktur zurückgreifen kann.
Das Wirtschaftsförderamt der Stadt Stuttgart erklärte auf Anfrage: „Wir sehen Stuttgart nicht als Stadt, die an ihre Vergangenheit gebunden ist, sondern als innovative Metropole, die ihre technologische Expertise neu anwendet. Ingenieurinnen und Ingenieure, die heute Antriebssysteme entwickeln, bringen morgen dieselbe Präzision in die Entwicklung intelligenter Systeme ein." Die vorhandene Forschungsinfrastruktur – darunter das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) sowie die Universität Stuttgart – bilde dafür eine solide Grundlage.
Stadtplanung und Mobilität neu denken
Parallel zur wirtschaftlichen Neuausrichtung verändert sich auch das Stadtbild. Mit dem Großprojekt Stuttgart 21 entsteht rund um den neuen Tiefbahnhof ein urbanes Quartier, das auf autoarmes Wohnen und moderne Mobilität setzt. Der Ausbau des ÖPNV, neue Radverkehrsachsen und die Förderung des Fußverkehrs sollen die chronisch belastete Stuttgarter Innenstadt entlasten.
Stadtrat Ludwig Föll (CDU) betonte im Gemeinderat zuletzt: „Wir müssen aufpassen, dass wir in der Verkehrswende niemanden zurücklassen. Wer auf dem Land oder in den Hügellagen wohnt, ist auf das Auto angewiesen – das ist keine Ideologie, sondern Alltagsrealität." Diese Perspektive steht stellvertretend für eine breite Debatte im Rat, in der wirtschaftliche Notwendigkeit und soziale Verträglichkeit des Wandels gegeneinander abgewogen werden.
Was der Wandel für Bürgerinnen und Bürger bedeutet
Die Transformation ist kein abstraktes Wirtschaftsthema – sie verändert den Alltag der Stuttgarterinnen und Stuttgarter konkret:
- Arbeitsplätze im Wandel: Beschäftigte in klassischen Fertigungsberufen der Automobilindustrie stehen vor der Notwendigkeit, sich weiterzuqualifizieren. Umschulungsprogramme, finanziert durch Bundes- und Landesmittel sowie die Unternehmen selbst, gewinnen an Bedeutung.
- Günstigeres Pendeln möglich: Ein ausgebauter ÖPNV und neue Radwege könnten die monatlichen Mobilitätskosten für Haushalte ohne Pkw-Abhängigkeit senken – sofern die Infrastruktur tatsächlich flächendeckend ausgebaut wird.
- Steigende Lebenshaltungskosten: Der wirtschaftliche Strukturwandel birgt das Risiko sinkender Reallöhne in betroffenen Branchen, was den ohnehin angespannten Stuttgarter Wohnungsmarkt weiter belasten könnte.
- Neue Quartiere und Freiräume: Wo heute Parkflächen und Gewerbehöfe dominieren, sollen in den kommenden Jahren gemischte Stadtquartiere mit Grünflächen entstehen – insbesondere im Bereich des ehemaligen Gleisvorfelds rund um das Rosenstein-Quartier.
- Luftqualität und Gesundheit: Weniger Verbrennungsfahrzeuge bedeuten langfristig bessere Luft – ein nicht zu unterschätzender Faktor für eine Stadt, die wegen ihrer Kessellage immer wieder mit Feinstaubproblemen kämpft.
- Digitale Stadtdienste: Die Verwaltung investiert in die Digitalisierung kommunaler Dienstleistungen, was Behördengänge vereinfachen und die Effizienz erhöhen soll – allerdings auch neue Anforderungen an die digitale Kompetenz der Bevölkerung stellt.
Stimmen aus der Wirtschaft
Die ansässigen Großunternehmen kommunizieren die Transformation unterschiedlich. Mercedes-Benz hat seinen Elektrifizierungskurs zuletzt zwar leicht zurückgerudert und räumt Verbrennern wieder mehr Raum ein, hält aber offiziell an der langfristigen Elektrostrategie fest. Porsche setzt auf Hybridtechnologie und synthetische Kraftstoffe als Brückentechnologie. Bosch wiederum investiert massiv in Halbleiter, Software und Wasserstofftechnologie – und signalisiert damit, dass der Konzern den Wandel aktiv mitgestalten will.
Clemens Maier, Vorstandsmitglied bei Bosch und Sprecher für den Stuttgarter Standort, sagte gegenüber lokalen Medien: „Wir sind kein Automobilzulieferer mehr im klassischen Sinne. Wir sind ein Technologieunternehmen, das Lösungen für vernetzte, elektrifizierte und automatisierte Mobilität liefert." Dieses Selbstverständnis steht exemplarisch für den Wandel, den die gesamte Branche vollzieht.
Die Perspektive der Anwohnerinnen und Anwohner
In den Stadtteilen, in denen Automobilwerke und Zulieferbetriebe traditionell prägen – etwa in Untertürkheim, Zuffenhausen oder Feuerbach – ist die Stimmung gemischt. Viele Beschäftigte begrüßen die Investitionen in neue Technologien, sorgen sich aber um die Geschwindigkeit des Wandels. „Ich arbeite seit 22 Jahren bei Mercedes. Die neuen Modelle sind toll, aber ich frage mich, ob mein Job in zehn Jahren noch so aussieht wie heute", sagt ein Mitarbeiter aus Untertürkheim, der namentlich nicht genannt werden möchte. Solche Stimmen sind symptomatisch: Die Akzeptanz des Wandels hängt maßgeblich davon ab, ob die soziale Absicherung Schritt hält.
Herausforderungen, die nicht kleingeredet werden sollten
Es wäre unehrlich, die Risiken dieser Transformation zu verschweigen. Die Diversifizierung einer so tief verwurzelten Industriestruktur dauert Jahrzehnte, nicht Jahre. Neue Technologiecluster entstehen nicht per Ratsbeschluss. Und der globale Wettbewerb um Talente und Investitionen ist intensiv: Städte wie München, Berlin und Hamburg buhlen ebenfalls um KI-Unternehmen und Tech-Startups.
Zudem besteht die Gefahr, dass der wirtschaftliche Wandel sozial ungleich verteilt wird: Hochqualifizierte Fachkräfte profitieren von neuen Jobmöglichkeiten in der Digitalwirtschaft, während angelernte Produktionsarbeiterinnen und -arbeiter ohne gezielte Unterstützung ins Hintertreffen geraten. Die Entwicklung des Arbeitsmarkts in der Region Stuttgart wird in den kommenden Jahren ein zentrales politisches Thema bleiben.
Fazit: Chancen nutzen, Risiken ehrlich benennen
Stuttgart hat günstige Ausgangsbedingungen für den Strukturwandel: exzellente Forschungseinrichtungen, hochqualifizierte Arbeitskräfte, eine international vernetzte Unternehmenslandschaft und eine Verwaltung, die die Notwendigkeit des Wandels erkannt hat. Doch Potenzial allein reicht nicht. Es braucht konkrete Investitionen, kluge Weiterbildungspolitik, bezahlbaren Wohnraum für neue Fachkräfte und eine Stadtentwicklung, die alle Bevölkerungsgruppen mitnimmt.
Ob Stuttgart diesen Balanceakt gelingt, wird nicht allein in Rathaussitzungen entschieden – sondern in den Betrieben, Bildungseinrichtungen und Wohnzimmern einer Stadt, die sich gerade neu erfindet. Die Voraussetzungen sind vorhanden. Die Arbeit hat begonnen. Der Ausgang bleibt offen.






















