Gesellschaft

Wohnungsnot trifft Familien: Mieten steigen auf Rekordniveau

In deutschen Großstädten fehlen Hunderttausende Wohnungen – besonders Familien mit Kindern leiden unter explodierenden Mietpreisen.

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit
Wohnungsnot trifft Familien: Mieten steigen auf Rekordniveau
Das Wichtigste in Kürze
  • Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt: In Berlin, München und Hamburg sind die Durchschnittsmieten seit 2023 um bis zu 22 Prozent gestiegen
  • Familien mit zwei oder mehr Kindern können sich Wohnungen in Innenstadtlagen kaum noch leisten
  • Sozialverbände fordern ein sofortiges Bundesbauprogramm – während die Regierung Merz auf steuerliche Anreize für private Investoren setzt

Rund 800.000 Wohnungen fehlen derzeit in deutschen Städten – und besonders Familien mit Kindern spüren diesen Mangel täglich. Die durchschnittliche Nettokaltmiete für eine Dreiraumwohnung liegt in Metropolen wie München, Frankfurt und Hamburg inzwischen bei über 20 Euro pro Quadratmeter, Tendenz weiter steigend.

Die Wohnungsnot in Deutschland hat ein Ausmaß erreicht, das Millionen von Familien in ihrer Lebensplanung direkt bedroht. Wer heute in einer deutschen Großstadt nach einer bezahlbaren Vier-Zimmer-Wohnung sucht, wartet oft jahrelang – oder gibt auf. Die Folgen sind weitreichend: beengte Verhältnisse, psychische Belastung, soziale Segregation und wachsende Ungleichheit zwischen Mietern und Eigentümern.

Studienlage: Das Statistische Bundesamt dokumentiert derzeit ein Defizit von rund 800.000 Wohnungen in Deutschland, davon entfallen etwa 400.000 auf die sieben größten Städte. Die Bertelsmann Stiftung hat in einer aktuellen Erhebung festgestellt, dass 34 Prozent der Familien mit Kindern mehr als 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für Miete und Nebenkosten aufwenden – deutlich über der international anerkannten Belastungsgrenze von 30 Prozent. Forsa ermittelte, dass 61 Prozent der Befragten die Wohnkosten als ihre größte finanzielle Sorge einstufen. Das Allensbach-Institut bestätigt: Das Thema Wohnen hat in der Sorgenlandschaft der Deutschen die Altersarmut als drängendste Zukunftsfrage überholt. (Quellen: Statistisches Bundesamt, Bertelsmann Stiftung, Forsa, Allensbach-Institut)

Rekordmieten: Wie weit sind die Preise gestiegen?

Die Mietentwicklung der vergangenen Jahre kennt in vielen deutschen Städten nur eine Richtung: nach oben. In München liegt die durchschnittliche Angebotsmiete für Neuverträge derzeit bei 22,80 Euro pro Quadratmeter nettokalt, in Frankfurt am Main bei 18,40 Euro, in Berlin bei 16,20 Euro – Werte, die selbst für Doppelverdiener-Haushalte die finanzielle Belastbarkeit strapazieren. Für eine Familie mit zwei Kindern, die eine 90-Quadratmeter-Wohnung benötigt, bedeutet das in München monatliche Mietkosten von über 2.000 Euro, noch ohne Heizung, Strom und sonstige Nebenkosten. (Quelle: Statistisches Bundesamt, empirica-Institut)

Besonders dramatisch ist die Lage im Segment der Sozialwohnungen. Deren Bestand ist in Deutschland seit Jahren rückläufig: Aktuell existieren noch knapp 1,1 Millionen Sozialwohnungen – gegenüber über vier Millionen in den 1980er Jahren. Jährlich fallen mehr Wohnungen aus der Sozialbindung heraus, als neue gebaut werden. Für einkommensschwache Familien, Alleinerziehende und Menschen mit Behinderungen ist die Wohnungssuche damit oft aussichtslos. (Quelle: Bundesministerium für Wohnen, Statistisches Bundesamt)

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Angebotsmieten versus Bestandsmieten: Die Schere öffnet sich

Ein strukturelles Problem verschärft die Lage zusätzlich: Die Spreizung zwischen Bestands- und Angebotsmieten. Wer in seiner Wohnung bleibt, zahlt oft noch vergleichsweise moderate Mieten – wer umziehen muss, zum Beispiel wegen Jobwechsel, Trennung oder Familienzuwachs, wird mit Angebotsmieten konfrontiert, die bis zu 60 Prozent über dem bestehenden Mietenniveau liegen. Das führt zu einer paradoxen Immobilität: Familien bleiben in zu kleinen Wohnungen, weil der Wechsel finanziell nicht möglich ist. (Quelle: empirica-Institut, Pestel Institut)

Für das Thema Wohnungsnot: Erschwingliche Mieten nur noch in 3 Städten zeigt sich exemplarisch, wie stark die geografische Dimension der Wohnungskrise ist: Für Normalverdiener ist bezahlbares Wohnen in der Breite der deutschen Großstädte schlicht nicht mehr vorhanden.

Familien im Brennpunkt: Wer besonders leidet

Gesellschaft Spaltung Demokratie Protest
Gesellschaft Spaltung Demokratie Protest

Familien mit Kindern sind von der Wohnungsnot in mehrfacher Hinsicht betroffen. Sie benötigen nicht nur mehr Fläche, sondern auch ein stabiles Umfeld: erreichbare Schulen, sichere Spielmöglichkeiten, Nähe zu Kitas. Genau diese Kombination ist in Ballungsräumen kaum mehr erschwinglich. Viele Familien weichen auf das Umland aus – und nehmen dafür teils zweistündige Pendlerwege in Kauf.

Sandra K., 38, Lehrerin aus dem Großraum Stuttgart, beschreibt die Situation gegenüber ZenNews24 so: „Wir haben drei Jahre lang gesucht. Am Ende sind wir 45 Kilometer raus gezogen. Die Kinder sehen ihren Vater unter der Woche kaum noch, weil er so lange pendelt. Das zerreißt uns als Familie." Ihr Fall steht für Tausende ähnliche Schicksale.

Beengte Verhältnisse: Wenn Kinder kein eigenes Zimmer haben

Die räumliche Enge trifft Kinder unmittelbar. Wer keine Rückzugsmöglichkeit hat, kann schlechter lernen, schläft schlechter und entwickelt häufiger psychosomatische Beschwerden. Das Thema Wohnungsnot trifft Familien: Mehr Kinder ohne eigenes Zimmer dokumentiert eindrücklich, wie die Wohnungsknappheit in die Bildungsbiografien von Kindern hineinwirkt. Studien zeigen, dass Kinder ohne eigenen Rückzugsraum im Schnitt schlechtere Schulleistungen erzielen. (Quelle: Deutsches Jugendinstitut)

Das Phänomen des gemeinsamen Wohnens auf engstem Raum ist keine Randerscheinung mehr. Wohnungsnot: Immer mehr Familien teilen sich ein Zimmer – dieser Befund, der noch vor wenigen Jahren undenkbar schien, ist heute in deutschen Städten Realität. Der Anteil der Familien, in denen Kinder und Eltern dasselbe Schlafzimmer teilen, hat sich in Großstädten seit 2021 nahezu verdoppelt. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Mehrgenerationenhaushalte als Notlösung

Ein weiterer Trend, den die Wohnungskrise erzwingt: immer mehr Großfamilien, die unter einem Dach zusammenziehen – nicht aus kultureller Überzeugung, sondern aus wirtschaftlicher Not. Wie das Phänomen Wohnungsnot: Immer mehr Familien teilen sich eine Adresse zeigt, melden inzwischen mehrere Kernfamilien dieselbe Hauptwohnanschrift an. Das hat sozialrechtliche Konsequenzen und führt zu Konflikten bei der Berechnung von Sozialleistungen. (Quelle: Paritätischer Wohlfahrtsverband)

Stimmen aus Politik und Wissenschaft

Bundesbauministerin Klara Geywitz hatte als Ziel ausgegeben, jährlich 400.000 neue Wohnungen zu bauen. Dieses Ziel wurde nie erreicht. In diesem Jahr werden nach Schätzungen des Pestel Instituts lediglich rund 230.000 Wohneinheiten fertiggestellt – das dritte Jahr in Folge mit drastischer Zielverfehlung. Die Baukostensteigerungen, hohe Zinsen und Fachkräftemangel im Baugewerbe haben eine Baukrise erzeugt, die viele Projekte zum Stillstand gebracht hat. (Quelle: Pestel Institut, Zentralverband Deutsches Baugewerbe)

Prof. Dr. Harald Simons, Ökonom und Wohnungsmarktforscher, ordnet die Lage scharf ein: „Wir haben politisch jahrelang zugeschaut, wie der soziale Wohnungsbau ausgeblutet ist. Die Folgen tragen jetzt die Schwächsten: Familien mit geringem Einkommen, Alleinerziehende, Menschen mit Migrationshintergrund. Das ist nicht Schicksal – das ist das Ergebnis von Entscheidungen." (Quelle: empirica-Institut)

Die Rolle der Kommunen

Auf kommunaler Ebene fehlen Mittel und politischer Wille gleichermaßen. Viele Städte haben in den 2000er Jahren kommunale Wohnungsbaugesellschaften privatisiert – ein Fehler, der sich heute bitter rächt. Einige Städte wie Wien oder Zürich werden als Vorbilder für sozial ausgewogene Wohnungspolitik diskutiert, doch die deutschen Verhältnisse – zersplitterte Zuständigkeiten, knappe Haushaltsmittel, bürokratische Hürden – machen eine Übertragung solcher Modelle schwierig. (Quelle: Deutsches Institut für Urbanistik)

Die Forderungen aus der Wohnungswirtschaft und von Sozialverbänden sind klar: höhere Investitionsförderung für gemeinnützigen Wohnungsbau, eine Beschleunigung von Baugenehmigungsverfahren und ein Ende des spekulativen Leerstands in Innenstadtlagen. Städte wie Berlin und Hamburg haben erste Schritte unternommen, doch die Wirkung auf den angespannten Markt bleibt vorerst marginal.

Jugendliche und junge Erwachsene: Besonders vulnerable Gruppe

Die Wohnungsnot trifft nicht nur Familien, sondern auch junge Menschen in einer der entscheidendsten Lebensphasen. Jugendliche, die aus dem Elternhaus ausziehen wollen oder müssen – sei es nach einer Ausbildung, einem Studium oder weil familiäre Verhältnisse es erfordern – finden kaum bezahlbare Optionen. WG-Zimmer in Universitätsstädten kosten inzwischen im Schnitt über 700 Euro warm. Für Auszubildende, die häufig nur 800 bis 1.000 Euro monatlich verdienen, ist das schlicht nicht darstellbar.

Das Problem eskaliert bis hin zu jugendlicher Obdachlosigkeit – eine Realität, über die Jugendliche auf der Straße: Wohnungsnot trifft die Jüngsten ausführlich berichtet. Sozialarbeiter und Jugendämter berichten von steigenden Zahlen junger Menschen ohne festen Wohnsitz, die zwischen Notunterkünften, Sofas bei Bekannten und dem Übergangsraum zwischen Straße und System pendeln. (Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, Caritas)

Der Generationenkonflikt um Wohnraum

Forsa hat ermittelt, dass über 70 Prozent der unter 35-Jährigen den Erwerb von Wohneigentum für sich persönlich als unrealistisch betrachten. Das schafft eine neue Gerechtigkeitsdebatte: Wer bereits Eigentum besitzt – meist ältere Generationen – profitiert von Wertsteigerungen, während junge Familien und Berufseinsteiger dauerhaft im Mietverhältnis verbleiben und damit Vermögen aufbauen, das sie selbst nie haben werden. Die Vermögensspreizung zwischen Mietern und Eigentümern wächst seit Jahren. (Quelle: Forsa, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung)

Was jetzt zu tun ist: Handlungsoptionen und Anlaufstellen

Die Wohnungskrise verschärft sich – Mieten steigen weiter, und ohne strukturelle Eingriffe ist keine Entspannung in Sicht. Dabei gibt es sowohl auf politischer als auch auf individueller Ebene konkrete Wege, die beschritten werden können – auch wenn sie die Krise nicht im Alleingang lösen.

  • Wohngeld und Lastenzuschuss beantragen: Familien mit geringem Einkommen können beim zuständigen Wohngeldamt einen Antrag auf Wohngeld stellen. Seit der Reform gelten erhöhte Einkommensgrenzen, die mehr Haushalte anspruchsberechtigt machen. Informationen bieten die Jobcenter und kommunalen Sozialämter.
  • Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften kontaktieren: Städtische Wohnungsbaugesellschaften wie die SAGA (Hamburg), Gewobag (Berlin) oder die GWG (München) vergeben Wohnungen nach sozialen Kriterien. Frühzeitige Registrierung auf den Wartelisten ist essenziell.
  • Mietervereine und Mieterrechtsberatung nutzen: Der Deutsche Mieterbund und lokale Mietervereine beraten bei unrechtmäßigen Mieterhöhungen, Eigenbedarfskündigungen und Betriebskostenabrechnungen. Eine Mitgliedschaft ist häufig günstiger als ein Anwalt.
  • Wohnberatung für Familien beim Jugendamt: Familien in akuter Wohnungsnot können sich an das Jugendamt wenden. Dieses ist verpflichtet, bei drohender Obdachlosigkeit mit Kindern im Haushalt unterstützend einzugreifen – bis hin zur Kostenübernahme für Übergangswohnungen.
  • Förderung der KfW für familiengerechtes Bauen und Erwerb prüfen: Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bietet spezifische Förderprogramme für Familien mit Kindern an, die erstmals Wohneigentum erwerben oder ein Haus energetisch sanieren möchten. Beratung erfolgt über Banken und unabhängige Energieberatungsstellen.
  • Bundesweites Wohnungsnotfalltelefon der BAG-W: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe betreibt Beratungsangebote und vermittelt regional an spezialisierte Hilfsdienste – besonders für Alleinerziehende und Familien am Rand der Obdachlosigkeit.

Die Wohnungsnot in Deutschland ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Weichenstellungen, die soziale Wohnraumversorgung dem Markt überlassen haben. Solange der Neubau stagniert, der Sozialwohnungsbestand schwindet und Familien mehr als ein Drittel ihres Einkommens für das Grundbedürfnis Wohnen aufwenden müssen, bleibt die gesellschaftliche Sprengkraft dieses Themas enorm. Für Hunderttausende Kinder in Deutschland bedeutet das: schlechtere Bildungschancen, weniger Stabilität, weniger Zukunft – nicht wegen eigenen Versagens, sondern wegen eines Systems, das sie vergessen hat.

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

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