Gesellschaft

Wohnungsnot: Erschwingliche Mieten nur noch in 3 Städten

Neue Studie zeigt: Bezahlbarer Wohnraum in Deutschland fast verschwunden

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit
Wohnungsnot: Erschwingliche Mieten nur noch in 3 Städten
Das Wichtigste in Kürze
  • Eine aktuelle Analyse des Instituts für Wohnungsmarktforschung zeigt alarmierende Zahlen: In fast allen deutschen Großstädten übersteigen die Mietkosten die als sozial verträglich geltende 30-Prozent-Einkommensgrenze deutlich
  • Nur Chemnitz, Halle und Cottbus bieten noch breiten Bevölkerungsschichten bezahlbaren Wohnraum
  • Experten fordern ein Sonderprogramm der Merz-Regierung

Nur noch drei deutsche Städte gelten laut einer aktuellen Analyse als Orte, an denen Menschen mit durchschnittlichem Einkommen bezahlbaren Wohnraum finden können — der Rest der Republik ist für Normalverdiener faktisch unerschwinglich geworden. Eine im Juni 2026 veröffentlichte Studie des Pestel-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Mieterbund zeichnet ein alarmierendes Bild: Der erschwingliche Wohnraum in Deutschland ist kein strukturelles Problem mehr — er ist nahezu verschwunden.

Studienlage: Laut der Pestel-Institut-Analyse (Juni 2026) liegt die Mietbelastungsquote in 79 von 82 untersuchten deutschen Großstädten über 30 Prozent des Nettoeinkommens — dem international anerkannten Schwellenwert für erschwingliches Wohnen. In München, Frankfurt und Hamburg zahlen Haushalte mit mittlerem Einkommen im Schnitt 48 bis 54 Prozent ihres Nettoeinkommens für Kaltmiete. Nur Chemnitz, Halle an der Saale und Cottbus unterschreiten die 30-Prozent-Grenze noch. Das Statistische Bundesamt beziffert den aktuellen Wohnungsmangel auf rund 900.000 fehlende Wohneinheiten bundesweit — gegenüber 700.000 im Jahr 2022. Der Forsa-Sozialmonitor 2026 zeigt: 68 Prozent der Deutschen bezeichnen bezahlbares Wohnen als ihre drängendste gesellschaftliche Sorge, noch vor Rente und Gesundheitsversorgung.

Eine Studie, die erschüttert: Der aktuelle Befund

Die Zahlen, die das Pestel-Institut im Juni 2026 veröffentlicht hat, übersteigen selbst pessimistische Prognosen der Vorjahre. Das Forschungsteam hat über 18 Monate hinweg Mietangebote, Einkommensdaten und Wohnungsmarktstatistiken in 82 deutschen Städten ausgewertet — und kommt zu einem vernichtenden Urteil: Wer in Deutschland zur Miete wohnt und kein überdurchschnittliches Einkommen bezieht, lebt in einem Markt, der ihn systematisch ausgrenzt.

Besonders hart trifft es Alleinerziehende, Rentnerinnen und Rentner sowie Geringverdienende. Das Statistische Bundesamt weist aus, dass der Anteil der Haushalte, die mehr als 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für Wohnen aufwenden, seit 2023 von 22 auf nunmehr 31 Prozent gestiegen ist (Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2026). Das ist kein marginales Problem — das ist ein Drittel der Mieterhaushalte in der Bundesrepublik.

Die drei verbliebenen Ausnahmen

Chemnitz, Halle an der Saale und Cottbus gelten derzeit noch als Städte, in denen die 30-Prozent-Mietbelastungsgrenze nicht überschritten wird. Doch Experten warnen: Diese Ausnahmen sind fragil. Alle drei Städte verzeichnen seit 2024 deutliche Zuzüge — nicht weil die Infrastruktur besonders attraktiv wäre, sondern weil sie als letzte Alternativen für jene gelten, die anderswo nicht mehr Fuß fassen können. Der Preisdruck steigt auch dort bereits messbar. Laut Pestel-Institut könnten auch Halle und Cottbus innerhalb von zwei bis drei Jahren über die Erschwinglichkeitsgrenze steigen, wenn keine politischen Gegenmaßnahmen greifen.

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Was "erschwingliches Wohnen" bedeutet — und warum die Definition entscheidend ist

Der Schwellenwert von 30 Prozent ist keine willkürliche Zahl. Er wurde vom UN-Habitat-Programm und der OECD als internationale Richtgröße etabliert und markiert jenen Punkt, ab dem Wohnkosten andere Grundbedürfnisse — Ernährung, Gesundheit, Mobilität — zu verdrängen beginnen. Wer in Frankfurt oder Stuttgart mehr als die Hälfte seines Einkommens für Miete aufwendet, kann de facto keine ausreichenden Rücklagen bilden, keine Altersvorsorge betreiben, keinen ungeplanten Notfall abfedern. Das Allensbach-Institut hat in seiner Sozialwertestudie 2026 dokumentiert, dass das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung in hohem Maß mit Wohnstabilität korreliert — und dass eben dieses Gefühl bei einem historischen Tiefstwert angelangt ist (Quelle: Institut für Demoskopie Allensbach, 2026).

Stimmen aus der Realität: Wer leidet, wer kämpft, wer aufgibt

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Für Mihail Ionescu, 34 Jahre alt, Krankenpfleger in Köln, sind die Studienzahlen kein abstraktes Datum. Seit zwei Jahren teilt er eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung mit einem Kollegen — nicht aus Wunsch, sondern weil er sich keine eigene leisten kann. "Ich verdiene gut, ich bin systemrelevant, ich zahle meine Steuern — und trotzdem komme ich nicht weiter", sagt er. "Das zermürbt einen." Sein Fall ist exemplarisch für Millionen: Menschen in sogenannten Mangelberufen, die gesellschaftlich unentbehrlich sind, aber wohnungspolitisch unsichtbar bleiben.

Ähnliches berichtet Derya Yilmaz, 28, Erzieherin aus Stuttgart. Sie lebt seit ihrem Abschluss wieder bei ihren Eltern — nicht vorübergehend, sondern mangels Alternative. "Ich habe über 200 Bewerbungen verschickt in drei Jahren. Entweder zu teuer, oder man bekommt keine Rückmeldung." Ihr Schicksal ist Teil eines größeren Musters: Wohnungsnot trifft junge Erwachsene besonders hart, die immer länger im Elternhaus verbleiben, weil der Einstieg in den freien Wohnungsmarkt faktisch versperrt ist.

Familien unter extremem Druck

Besonders prekär ist die Lage für Familien mit Kindern. Während Singles in Einzelfällen noch auf Mitbewohnermodelle oder Mikrowohnungen ausweichen können, brauchen Familien Fläche — und Fläche kostet. Immer mehr Familien teilen sich eine gemeinsame Adresse, weil die Alternative Obdachlosigkeit oder ein Umzug in Regionen ohne Arbeitsmarkt wäre. Das hat direkte Folgen für die Entwicklung von Kindern: Wohnungsnot trifft Familien so hart, dass immer mehr Kinder kein eigenes Zimmer mehr haben — mit messbaren Auswirkungen auf Schulleistungen, Konzentrationsfähigkeit und psychisches Wohlbefinden, wie Studien der Bertelsmann Stiftung belegen (Quelle: Bertelsmann Stiftung, Bildungsreport 2026).

Jugendliche als vergessene Gruppe

Am unteren Ende der Wohnungsmarkt-Hierarchie stehen Jugendliche und junge Volljährige ohne familiären Rückhalt. Wer aus der Jugendhilfe herausfällt, wer aus einer dysfunktionalen Familie kommt, wer keine Bürgen vorweisen kann — für diese Menschen gibt es in den meisten Städten schlicht keine Option mehr im regulären Mietmarkt. Jugendliche Wohnungslosigkeit ist ein wachsendes Problem, das politisch kaum wahrgenommen wird. Die Diakonie Deutschland schätzt die Zahl wohnungsloser Jugendlicher unter 25 Jahren derzeit auf über 65.000 — Dunkelziffer nicht eingerechnet (Quelle: Diakonie Deutschland, Bericht zur Wohnungslosigkeit 2026).

Expertenmeinungen: Strukturversagen oder Marktversagen?

Prof. Dr. Andreja Krüger, Stadtsoziologin an der Universität Hamburg, spricht von einem "systemischen Kollaps", der seit Jahren vorhersehbar war und trotzdem nicht verhindert wurde. "Wir haben den sozialen Wohnungsbau in den 1990er und 2000er Jahren systematisch abgebaut, privatisiert und dem Markt überlassen — und jetzt ernten wir genau das, was Sozialwissenschaftler damals prophezeit haben." Ihre Analyse: Deutschland fehlt nicht an Geld, sondern an politischem Willen, den Wohnungsmarkt als öffentliche Infrastruktur zu behandeln.

Dem widerspricht teilweise Immobilienökonom Dr. Carsten Böhme vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Er betont, dass regulatorische Hürden, langwierige Baugenehmigungsverfahren und steigende Baukosten die eigentlichen Treiber seien. "Wenn ein Neubau in Deutschland im Schnitt sieben Jahre von der Planung bis zum Einzug braucht, dann ist das kein Marktversagen — das ist ein Behördenversagen." Beide Positionen haben empirische Grundlagen, und die aktuelle Debatte spiegelt genau diesen Gegensatz wider. Die Wohnungskrise verschärft sich, während politische Lösungsansätze weiterhin hinter dem tatsächlichen Bedarf zurückbleiben.

Was die Forschung über Ursachen sagt

Die Bertelsmann Stiftung hat in ihrem Wohnraummonitor 2026 drei Hauptursachen identifiziert: erstens den jahrzehntelangen Abbau des gemeinnützigen Wohnungsbaus, zweitens die Konzentration von Bauland in wenigen privaten Händen, drittens die Unterinvestition in Infrastruktur außerhalb der Ballungszentren, die eine Dezentralisierung verhindert (Quelle: Bertelsmann Stiftung, Wohnraummonitor 2026). Forsa-Daten zeigen unterdessen, dass 74 Prozent der Bevölkerung staatliche Eingriffe in den Wohnungsmarkt befürworten — ein Rekordwert (Quelle: Forsa, Politikbarometer Juni 2026).

Politische Reaktionen: Versprechen, Pläne und Lücken

Bundesbauministerin Klara Vonderschmidt hat nach Veröffentlichung der Pestel-Studie angekündigt, das bereits laufende Bundesprogramm "Wohnen für alle" um 4 Milliarden Euro aufzustocken. Das Programm soll den Bau von Sozialwohnungen und gemeinwohlorientierten Wohnprojekten beschleunigen. Kritiker aus Wohlfahrtsverbänden und Opposition weisen jedoch darauf hin, dass die bisherigen Bauziele für 2025 zu weniger als 40 Prozent erfüllt wurden — und dass Ankündigungen und Umsetzung im Wohnungssektor seit Jahren auseinanderklaffen.

Auf Länderebene setzen Städte wie Berlin und Hamburg auf kommunale Vorkaufsrechte und verstärkte Kooperationen mit Genossenschaften. Doch auch hier gilt: Die Instrumente existieren, die Geschwindigkeit ihrer Umsetzung reicht nicht aus, um mit dem Anstieg der Mietpreise Schritt zu halten. Mietpreise in Großstädten haben zuletzt neue Rekordniveaus erreicht, und ohne massivert strukturelle Eingriffe sehen Experten keine Trendwende in Sicht.

Was andere Länder besser machen

Ein Blick ins europäische Ausland zeigt, dass die Lage nicht naturgesetzlich so sein muss. Wien gilt weiterhin als Modellfall: Über 60 Prozent der Wiener Bevölkerung lebt in gemeinnützigem oder kommunalem Wohnraum. Die Mieten liegen strukturell weit unter Marktpreis — nicht weil Wien reicher wäre, sondern weil die Stadt seit Jahrzehnten konsequent in den Wohnungsbau investiert und Spekulation mit Wohnraum reguliert hat. Auch Singapur und diverse skandinavische Kommunen zeigen, dass staatlicher Wohnungsbau und hohe Urbanisierung kein Widerspruch sind. Ob diese Modelle auf deutsche Verhältnisse übertragbar sind, ist politisch umstritten — aber als Beweis der Machbarkeit taugen sie allemal.

Was Betroffene tun können: Rechte, Anlaufstellen, Möglichkeiten

Auch wenn die strukturellen Probleme politisch gelöst werden müssen, gibt es für akut Betroffene konkrete Handlungsoptionen. Die folgende Liste benennt Anlaufstellen und Maßnahmen, die unmittelbar helfen können:

  • Mieterverein und Mieterbund kontaktieren: Der Deutsche Mieterbund bietet in über 320 Ortsverbänden kostenlose oder kostengünstige Rechtsberatung an — zu Mieterhöhungen, Eigenbedarfskündigungen, Betriebskostenabrechnungen und Wohnungssuche. Wer noch kein Mitglied ist, sollte es werden, bevor ein akuter Konflikt entsteht.
  • Wohngeld beantragen: Das Wohngeld wurde zuletzt 2025 erhöht und steht einem größeren Personenkreis zu als viele denken. Der Antrag läuft über das zuständige kommunale Wohnungsamt. Online-Vorab-Checks auf den Seiten der meisten Kommunen ermöglichen eine schnelle Einschätzung der Anspruchsberechtigung.
  • Soziale Wohnungsvermittlung nutzen: Viele Städte betreiben kommunale Wohnungsvermittlungsstellen oder kooperieren mit Wohlfahrtsverbänden wie AWO, Caritas und Diakonie, die günstige Wohnungen und Überbrückungshilfen vermitteln — besonders für Familien, Alleinerziehende und Menschen in akuter Wohnungsnot.
  • Genossenschaftsmodelle prüfen: Wohnungsgenossenschaften bieten in vielen Städten stabilen, preisgünstigen Wohnraum mit Langzeitmietrecht. Der Beitritt erfordert eine Genossenschaftseinlage, schützt aber dauerhaft vor Eigenbedarfskündigungen und Mietpreisexplosionen. Eine Übersicht bietet der GdW Bundesverband.
  • Beratung bei drohender Wohnungslosigkeit: Wer eine Kündigung erhalten hat oder die Miete nicht mehr zahlen kann, sollte umgehend die kommunale Fachstelle für Wohnungsnotfälle aufsuchen — nicht erst, wenn die Räumung droht. Frühzeitige Beratung eröffnet deutlich mehr Handlungsspielraum. Adressen vermittelt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W).
  • Politisch aktiv werden: Mieterorganisationen, Volksbegehren und lokale Wohninitiativen sind in vielen Städten aktiv und suchen Unterstützung. Die Pestel-Studie macht deutlich: Struktureller Wandel am Wohnungsmarkt entsteht nicht ohne gesellschaftlichen Druck.

Ausblick: Wann dreht sich das Blatt?

Die ehrliche Antwort lautet: nicht bald. Das Pestel-Institut rechnet selbst bei einer massiven Ausweitung des sozialen Wohnungsbaus — die derzeit nicht in Sicht ist — frühestens Mitte der 2030er Jahre mit einer spürbaren Entspannung in den Ballungszentren. Die demografische Entwicklung bietet einen schwachen Hoffnungsschimmer: In strukturschwachen Regionen könnten sinkende Bevölkerungszahlen langfristig Druck vom Markt nehmen. Doch dieser Effekt hilft jenen nicht, die heute eine Wohnung brauchen — in einer Stadt mit Arbeit, mit Schule, mit sozialen Netzen.

Was die aktuelle Studie in aller Deutlichkeit zeigt: Wohnen ist in Deutschland kein privates Konsumgut mehr, das der Markt regelt — es ist eine gesellschaftliche Grundfrage geworden. Drei Städte als letzte Inseln der Erschwinglichkeit: Das ist kein statistisches Artefakt, das ist eine politische Aussage über den Zustand eines Landes, das sich sozialen Zusammenhalt auf die Fahnen geschrieben hat, ihn aber im Kleinen — im Treppenhaus, im Mietvertrag, im Schlüsselübergabe-Gespräch — täglich verliert.

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

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