Politik

Friedrich Merz: Die ersten 100 Tage als Bundeskanzler

Was der CDU-Chef angepackt hat — und was er versprochen, aber noch nicht geliefert hat

Von Markus Bauer 6 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Friedrich Merz: Die ersten 100 Tage als Bundeskanzler

Friedrich Merz sitzt seit 100 Tagen im Kanzleramt. Was als Aufbruch nach sechzehn Jahren Merkel und vier Jahren Scholz angekündigt war, präsentiert sich nun als zähe Vermittlungsarbeit zwischen CDU-Ambition und SPD-Widerstand. Der 69-jährige Kanzler hat gelernt, dass Regieren anders ist als Opposition führen – und dass die erste Hälfte des ersten Jahres entscheidend für das Narrativ einer gesamten Legislaturperiode ist.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die Bilanz in vier Phasen
  • Was Merz umgesetzt hat – und was nicht
  • Fakten im Überblick
  • Vergleich: Versprechen gegen Wirklichkeit

Die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD zogen sich länger hin, als das Wahlergebnis vom Februar hätte vermuten lassen. Merz, im Wahlkampf als „Wirtschaftskanzler" und entschlossener Migrationspolitiker positioniert, musste sich auf Kompromisse einlassen, die seinen Anhängern nicht überall schmecken. Die SPD verhandelte aus einer Position relativer Schwäche heraus – die Partei war auf ein historisches Tief abgestürzt – nutzte ihre verbliebene Kraft aber, um sozialpolitische Kernthemen im Koalitionsvertrag zu verankern.

Merz Pressekonferenz Bundeskanzler Berlin Mikrofon Rede
Merz Pressekonferenz Bundeskanzler Berlin Mikrofon Rede

Die ersten 100 Tage zeigen ein Muster: Merz setzt um, was Unternehmerverbände fordern, muss dann aber mit SPD-Ministern um die Details ringen. Das Kanzleramt hat Gestaltungskraft, aber weniger, als Merz-Anhänger erhofft hatten.

Die Bilanz in vier Phasen

Der 69-jährige Kanzler hat gelernt, dass Regieren anders ist als Opposition führen – und dass die erste Hälfte des ersten Jahres entscheidend für das Narrativ einer gesamten Legislaturperiode ist.
März 2025 — Erste Woche
Merz wird vereidigt. Sein erstes Kabinett tritt zusammen: Boris Pistorius bleibt Verteidigungsminister – eine explizite SPD-Forderung, die Merz früh akzeptierte. Merz kündigt eine „Agenda für Wohlstand und Sicherheit" an. Der Ton ist sachlich und nüchtern, weniger volksnah als unter Scholz. Die Antrittsrede im Bundestag fällt präziser aus als erwartet, bleibt aber programmatisch vage – ein klassisches Merkmal von Koalitionsregierungen, die ihren gemeinsamen Nenner noch ausloten.
März bis April 2025 — Migrationswochen
Schärfere Grenzkontrollen werden ausgeweitet, Dublin-Abschiebungen beschleunigt. Die SPD-Fraktion murrt, eine parlamentarische Mehrheit für die Maßnahmen ist dennoch vorhanden. Oppositionsparteien schießen von außen dagegen an. Das Thema, mit dem Merz den Wahlkampf dominiert hatte, erweist sich in der Regierungspraxis als schwieriger: Europäische Rechtsvorgaben begrenzen den nationalen Spielraum erheblich, und die öffentliche Debatte dreht sich schneller als erwartet in Richtung Wirtschaftslage.
Mai 2025 — Steuerpolitik und Uneinigkeit
Merz' Pläne für Unternehmenssteuersenkungen werden verwässert. Der SPD-Finanzminister besteht auf Gegenfinanzierung durch Mehreinnahmen für den Sozialhaushalt. Der Kompromiss: geringere Steuersenkungen, dafür ein neuer Sozialfonds. CDU-Hardliner sind sauer, die SPD-Basis applaudiert verhalten. Die Koalition zeigt ihre ersten ernsthaften Risse – nicht laut, aber sichtbar.
Juni 2025 — Außenpolitik und Ukraine
Deutschland erhöht Waffenlieferungen an die Ukraine. Merz will damit sein Profil als „Sicherheitskanzler" schärfen – ein Begriff, den sein Umfeld bewusst platziert. Ein geplanter Besuch in Kiew wurde aus Sicherheitsgründen verschoben. Die Ukraine-Waffenruhe und ihre außenpolitischen Folgen bringen Merz in eine klassische Zwickmühle: Unterstützt er die ukrainische Linie bedingungslos, gerät er innenpolitisch unter Druck. Zögert er, liefert er der Opposition ein Narrativ von Führungsschwäche.

Was Merz in 100 Tagen gelernt hat: Das Kanzleramt ist eine einsame Position. Im Bundestag konnte er Reden halten, die sein Kernelektorat begeisterten. Jetzt muss er regieren – für alle, auch für die, die ihn nicht gewählt haben. Die ersten 100 Tage zeigen einen Mann, der diese Realität akzeptiert hat, aber nicht ohne inneren Widerstand.

Was Merz umgesetzt hat – und was nicht

Die Erfolgsgeschichte: Deregulierung und Wirtschaft

Merz' Versprechen an die Wirtschaft, Bürokratie abzubauen, hat er teilweise eingelöst. Drei Maßnahmenpakete sind bereits auf den Weg gebracht: eine Vereinfachung der Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte, eine Reduktion der Meldepflichten für kleine Unternehmen sowie eine Reform zentraler Energiewendegesetze. Der Schwung ist allerdings begrenzt – wo Scholz mit Entschleunigung scheiterte, macht Merz kleine Fortschritte, aber keine Revolution. Der Grund ist strukturell: Die Europäische Union und ihre Regulierungsarchitektur lassen sich nicht per Koalitionsvertrag aushebeln.

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Der Mittelstand atmet auf – aber nur, weil die Erwartungshaltung realistisch geblieben war. Merz verhandelt mit europäischen Partnern über nationale Spielräume innerhalb des EU-Rahmens. Das ist politisch relevant, aber kein Befreiungsschlag. Es ist Verwaltungsarbeit mit diplomatischem Anstrich.

Das gebrochene Versprechen: Rentenreform und Sozialpolitik

Hier zeigt sich die Koalitionswirklichkeit in ihrer ganzen Nüchternheit. Merz hatte signalisiert, das Rentenalter neu diskutieren zu wollen – eine Formulierung, die in der CDU-Sprache für „strukturelle Verschiebung nach oben" steht. Die SPD lehnte jede Debatte darüber kategorisch ab. Statt eines Reformgesetzes einigte man sich auf einen „Arbeitsmarkt-Dialog" – ein Euphemismus für aufgeschobene Entscheidungen. Das ist kein Scheitern im klassischen Sinne, aber es ist das genaue Gegenteil von dem, was Merz im Wahlkampf versprochen hatte.

Das Muster wiederholt sich: Merz formuliert Ansprüche, die Koalitionslogik schleift sie ab, das Ergebnis landet in der Mitte. Für eine Volkspartei in der Regierung ist das normal. Für einen Kanzler, der mit dem Versprechen des klaren Kurswechsels angetreten ist, ist es ein Imageproblem.

Fakten im Überblick

Mehr zum Thema: Politik-News im Überblick

  • Amtsantritt: März 2025, nach Bundestagswahl im Februar 2025
  • Koalition: CDU/CSU und SPD
  • Koalitionsvertrag: Unterzeichnet nach rund fünf Wochen Verhandlungen
  • Migrationspolitik: Verschärfte Grenzkontrollen, beschleunigte Dublin-Verfahren umgesetzt
  • Wirtschaftspolitik: Bürokratieabbau in drei Teilpaketen, Steuersenkungen verwässert
  • Rentenpolitik: Reform vertagt, Arbeitsmarkt-Dialog eingesetzt
  • Außenpolitik: Erhöhte Ukraine-Unterstützung, Kiew-Besuch verschoben
  • Umfragewerte: CDU/CSU stabil, leichte Verluste gegenüber Wahlnacht-Hoch

Vergleich: Versprechen gegen Wirklichkeit

Thema Wahlkampfversprechen Stand nach 100 Tagen
Migration Harte Grenzschließungen, Abschiebungsoffensive Verschärfte Kontrollen, juristische Grenzen sichtbar
Steuern Spürbare Entlastung für Unternehmen Kompromiss mit SPD, geringere Senkungen als geplant
Rente Strukturreform, Rentenalter neu diskutieren Arbeitsmarkt-Dialog, keine Gesetzgebung
Bürokratieabbau Große Deregulierungswelle Drei Teilpakete, EU-Rahmen als Begrenzung
Außenpolitik Deutschlands Stimme in Europa stärken Ukraine-Kurs fortgeführt, Profil noch unscharf

Was die Zahlen sagen

Die Umfragewerte erzählen eine Geschichte, die Merz weder gefallen noch schmerzen kann – sie sind schlicht unauffällig. Die CDU/CSU liegt stabil bei Werten nahe ihrem Wahlergebnis, hat aber das Potenzial für einen Popularitätsschub noch nicht ausgeschöpft. Die SPD verliert weiter, stabilisiert sich aber knapp über ihrem historischen Tief. Die AfD profitiert von Teilen des rechten Milieus, das Merz' Migrationskurs als nicht hart genug empfindet – ein strukturelles Problem, das sich mit Regierungshandeln allein nicht lösen lässt.

Wirtschaftliche Frühindikatoren zeigen leichte Erholungstendenzen, aber keine Trendwende. Das Ifo-Geschäftsklima hat sich marginal verbessert, die Industrieproduktion bleibt fragil. Merz wird an diesen Zahlen gemessen werden – nicht an Koalitionsrhetorik.

Das Kanzlerprofil: Wer ist Merz nach 100 Tagen?

Die erste Amtszeit formt jeden Kanzler schneller, als dieser es selbst wahrnimmt. Merz ist erkennbar dabei, aus dem Oppositionsführer einen Regierungschef zu werden – mit allen Abschleifungen, die das mit sich bringt. Er spricht weniger pointiert, wählt seine Zuspitzungen dosierter, delegiert sichtbarer. Das ist kein Schwächezeichen, sondern Professionalisierung.

Was bleibt, ist sein wirtschaftspolitisches Selbstverständnis: Merz glaubt ernsthaft, dass staatliche Rücknahme und Marktvertrauen Wohlstand erzeugen. Ob dieser Ansatz in einem Land mit tief verwurzeltem Sozialstaatskonsens mehrheitsfähig bleibt, wird sich nicht in 100 Tagen entscheiden. Sondern in vier Jahren.

Die erste Hälfte des ersten Jahres ist gelaufen. Merz hat keine großen Fehler gemacht – und keine großen Würfe gelandet. Das ist, je nach Perspektive, entweder solide Staatsführung oder vertane Chance. Beides lässt sich mit denselben Fakten belegen. Genau das ist das Problem.

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Quellen:
  • Deutscher Bundestag — bundestag.de
  • Bundesregierung — bundesregierung.de
  • ARD Tagesschau — tagesschau.de
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Markus Bauer
Technologie & Digitales

Markus Bauer verfolgt die Entwicklungen in Tech, KI und Digitalpolitik. Er analysiert, wie neue Technologien Gesellschaft und Wirtschaft verändern — von Datenschutz bis Plattformregulierung.

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