Gerd Kommer: Das Weltportfolio — was sich verändert hat
Deutschlands bekanntester ETF-Buchautor ueberdenkt seine Strategie.
Kommers Ausgangslage: Das klassische Weltportfolio unter Druck
Gerd Kommer hat über Jahrzehnte eine klare Philosophie vertreten: passive Geldanlage durch global diversifizierte ETF-Portfolios, basierend auf akademischer Forschung zum Kapitalmarktverhalten. Die Kernidee war bestechend einfach – Kosteneffizienz schlägt aktive Verwaltung, globale Streuung reduziert Risiken, und lange Zeiträume glätten Volatilität.
- Kommers Ausgangslage: Das klassische Weltportfolio unter Druck
- Was wir dazu sagen: Zwischen Dogma und Realität
- Das sagen die Zahlen
- Was bleibt – und was sich ändern sollte
Sein klassisches Weltportfolio sah für einen durchschnittlichen Anleger etwa so aus: 70 Prozent Aktien (davon rund 60 Prozent entwickelte Märkte, 40 Prozent Schwellenländer) sowie 30 Prozent Anleihen. Die Annahmen dahinter galten als robust – historische Renditen, niedrige Korrelationen zwischen Anlageklassen und die statistisch belegte Überlegenheit von Indexstrategien gegenüber aktiver Verwaltung.
Doch die Welt hat sich verändert. Und damit auch Kommers Selbstreflexion.

Was wir dazu sagen: Zwischen Dogma und Realität
Kommers Bereitschaft, seine eigenen Positionen zu überdenken, verdient Respekt. Zu viele Finanzautoren klammern sich an ihre Thesen, bis sie widerlegt sind – Kommer sucht proaktiv nach Schwachstellen. Das ist akademische Integrität im besten Sinne.
Allerdings zeigt sich hier eine wichtige Unterscheidung: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen „das Weltportfolio ist tot" und „das Weltportfolio muss modifiziert werden". Kommer scheint eher Letzteres zu vertreten – und das ist differenzierter, als es manchmal in der öffentlichen Wahrnehmung wirkt. Eine Totalabkehr von passivem Investieren wäre durch keine belastbare Datenlage gedeckt. Was sich aber verändert hat, sind die Gewichtungen, die Faktorannahmen und die geopolitische Risikoeinschätzung.
Konkret lassen sich mehrere Bereiche identifizieren, in denen der Finanzexperte seine ursprünglichen Positionen überdenkt:
1. Der Small-Cap-Tilt: Akademische Studien – insbesondere die Arbeiten von Fama und French – deuteten lange darauf hin, dass kleine Unternehmen langfristig höhere Renditen erzielen als große. Kommer baute diesen sogenannten Size-Faktor in seine Empfehlungen ein. Doch die letzten 15 Jahre haben ein anderes Bild gezeigt: Megacap-Konzerne wie Apple, Microsoft, Nvidia und Meta haben kleine Unternehmen kontinuierlich und deutlich übertroffen. Die Erklärung ist komplex – technologische Netzwerkeffekte, globale Skalierbarkeit, neomonopolistische Marktstrukturen – aber sie ist faktisch nicht wegzudiskutieren. Der Size-Faktor hat in seiner ursprünglichen Form erheblich an Überzeugungskraft verloren.
2. Die Emerging-Markets-These: Lange lautete die Annahme: Schwellenländer bieten höhere Wachstumsraten und günstigere Bewertungen. China, Indien und Brasilien sollten das Portfolio sinnvoll diversifizieren und zusätzliche Rendite liefern. Die Realität der letzten anderthalb Jahrzehnte sieht anders aus. China kämpft mit strukturellen Wachstumsproblemen, staatlicher Intervention und geopolitischer Isolation. Indien ist gemessen an seinen Fundamentaldaten teuer geworden. Geopolitische Risiken rund um Taiwan, den Ukraine-Krieg und die instabile Lage im Nahen Osten haben die ehemals als sicher geltende Diversifizierungslogik in Frage gestellt. In der Summe haben Schwellenländer-Positionen westliche Anleger in den letzten 15 Jahren erhebliche Rendite gekostet.
3. Die Faktor-Investing-Diskussion: Small ist besser, Value schlägt Growth, Low Volatility ist attraktiv – all diese akademisch hergeleiteten Anomalien wurden als sogenannte Faktoren in Portfolios integriert, und Kommer war ein überzeugter Vertreter dieses Ansatzes. Doch die Praxis zeigt: Faktorprämien sind nicht stabil. Value-Investing ist seit gut 15 Jahren strukturell im Nachteil, Growth dominiert, und viele Faktorprämien scheinen durch ihre eigene Popularität zunehmend wegarbitriert zu werden. Was in historischen Backtests glänzte, liefert in der Gegenwart häufig enttäuschende Ergebnisse.
Unser Fazit an dieser Stelle: Die Kritik an Kommers ursprünglichem Ansatz ist berechtigt und analytisch nachvollziehbar. Aber die Konsequenz kann nicht sein, dass aktive Verwaltung zurückkommt oder Einzelaktien als Lösung präsentiert werden. Die sinnvollere Antwort ist pragmatischer – eine Aktualisierung der Gewichtungen, eine ehrliche Bewertung der letzten 20 Jahre Marktgeschichte und eine Reduktion von akademischen Annahmen, die sich empirisch nicht konsistent bewährt haben.
Das sagen die Zahlen
| Szenario | Klassisches Weltportfolio (2010–2024) | US-Übergewicht (2010–2024) | Anleihen-Heavy (2010–2024) |
|---|---|---|---|
| Durchschnittliche Jahresrendite | 7,8 % | 10,2 % | 5,4 % |
| Maximaler Drawdown (Krise) | −28 % | −32 % | −18 % |
| Volatilität (Standardabweichung) | 11,2 % | 13,8 % | 7,1 % |
| Sharpe-Ratio (Rendite pro Risiko) | 0,56 | 0,62 | 0,48 |
| Bestes Jahr | +18,4 % (2021) | +21,7 % (2021) | +9,2 % (2021) |
| Schlechtestes Jahr | −12,3 % (2022) | −15,1 % (2022) | −8,7 % (2022) |
(Quelle: Morningstar, MSCI-Datenbank, simulierte historische Szenarien basierend auf ETF-Performances – Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung)
📊 Fact-Box: Was das Weltportfolio 2025 leisten kann – und was nicht
- Kein Timing-Instrument: Das Weltportfolio ist keine Strategie für kurzfristige Marktbewegungen. Wer 2022 verkaufte, realisierte Verluste. Wer hielt, erholte sich.
- US-Übergewicht ist real: Ein marktkapitalisierungsgewichteter Weltindex besteht heute zu über 60 Prozent aus US-Aktien – de facto eine starke Wette auf die amerikanische Wirtschaft.
- Emerging Markets ≠ Wachstum: Hohes BIP-Wachstum eines Landes korreliert historisch schwach mit Aktienrenditen für Auslandsinvestoren.
- Faktorprämien verblassen: Small Cap, Value und Momentum funktionieren im Backtesting besser als in der Echtzeit-Anwendung – ein bekanntes Problem der Finanzforschung.
- Kosteneffizienz bleibt entscheidend: Unabhängig aller Anpassungen gilt: Niedrige Kosten (TER unter 0,2 %) sind einer der wenigen verlässlichen Renditetreiber.
- Keine Anlageberatung: Alle Angaben sind redaktioneller Natur und ersetzen keine individuelle Finanzberatung durch zugelassene Fachleute.
Was bleibt – und was sich ändern sollte
Trotz aller berechtigten Kritik an einzelnen Elementen bleibt die Grundlogik des passiven, breit diversifizierten Investierens unangefochten. Die Grundlagen des ETF-Investierens haben sich nicht verändert – wohl aber die optimale Umsetzung. Wer heute ein Weltportfolio aufbaut, sollte realistisch einkalkulieren, dass ein marktkapitalisierungsgewichteter globaler Index bereits eine starke US-Gewichtung mitbringt. Wer diese bewusst reduzieren möchte, trifft damit eine aktive Entscheidung – und sollte sich über die damit verbundene Tracking-Error-Problematik im Klaren sein.
Ebenfalls wichtig: Die Wechselwirkung zwischen Inflation und Portfoliorenditen hat in den Jahren 2021 bis 2023 gezeigt, dass Anleihen in einem Hochinflationsumfeld ihren Diversifikationsvorteil verlieren können. Wer Anleihen primär als Sicherheitsanker hält, muss verstehen, dass dieser Anker in bestimmten Marktphasen versagt.
Was wir Anlegern mit auf den Weg geben: Kommers Selbstreflexion ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von intellektueller Redlichkeit. Die Konsequenz für Privatanleger sollte keine Panik sein – sondern eine ruhige Überprüfung der eigenen Strategie. Stimmen die Gewichtungen noch? Ist der Anlagehorizont klar definiert? Sind die Kosten im Griff? Diese Fragen sind wichtiger als jede akademische Debatte über Faktorprämien.
Das Weltportfolio 2025 ist nicht gescheitert. Es wächst – und wer mit ihm wächst, ist gut aufgestellt.















