Finanzen

Gerd Kommer: Das Weltportfolio — was sich verändert hat

Deutschlands bekanntester ETF-Buchautor ueberdenkt seine Strategie.

Von Laura Fischer 5 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Gerd Kommer: Das Weltportfolio — was sich verändert hat
Das Wichtigste in Kürze
  • Gerd Kommer hat über Jahrzehnte eine klare Philosophie vertreten: passive Geldanlage durch global diversifizierte ETF-Portfolios, basierend auf...

Gerd Kommer überdenkt sein Weltportfolio – was sich wirklich verändert hat

Gerd Kommer gilt als einer der einflussreichsten Finanzautoren im deutschsprachigen Raum. Seine Bücher, allen voran „Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs", haben Millionen von Privatanlegern inspiriert, ihre Vermögen selbstbestimmt und kostengünstig anzulegen. Doch der Experte, dessen Philosophie jahrzehntelang als Kompass für passive Geldanlage diente, justiert seine Strategie nach. Die Gründe sind gewichtig – und sie betreffen jeden, der sein Geld mit ETFs verwaltet.

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Das klassische Weltportfolio: Die alte Formel und ihre Grenzen

ETF Weltportfolio - So sieht mein ETF Depot aus | Gerd Kommer ETF Weltportfolio 2021

Kommers ursprüngliches Konzept war elegant in seiner Einfachheit. Für einen durchschnittlichen Anleger mit mittlerem Risikoprofil sah die Aufteilung etwa so aus: 70 Prozent Aktien, davon rund 60 Prozent in entwickelten Märkten (USA, Westeuropa, Japan) und 40 Prozent in Schwellenländern, kombiniert mit 30 Prozent festverzinslichen Wertpapieren. Diese Struktur basierte auf jahrzehnten akademischer Forschung zum Kapitalmarktverhalten und sollte zwei zentrale Ziele erfüllen: maximale Kosteneffizienz und optimale globale Diversifikation.

Die Logik war bestechend: Passive Indexfonds schlagen aktive Fondsmanager langfristig, weil diese ihre hohen Gebühren nicht durch Mehrrenditen ausgleichen können. Weltweite Streuung senkt das Risiko einer Überkonzentration auf einzelne Regionen oder Branchen. Und lange Anlagehorizonte glätten die natürliche Volatilität der Märkte aus – das zeigte die historische Datenreihe seit 1926 immer wieder.

Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Die Inflation fällt – doch das bedeutet nicht automatisch bessere Renditen, und die Zinswende der letzten Jahre hat die Attraktivität von Anleihen fundamental verändert. Gleichzeitig haben sich die Gewichtungen im globalen Aktienmarkt verschoben – der technologielastige US-Markt dominiert stärker als je zuvor. Kommers Überlegungen zielen genau auf diese neuen Realitäten.

Warum das 70-30-Modell unter Druck gerät

Drei zentrale Faktoren zwingen Anleger zur Neubewertung: erstens die Zinsentwicklung, zweitens die Marktkonzentration, drittens die geänderten Erwartungswerte für Anleihenrenditen.

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Nach Jahren historisch niedriger Zinsen sind Staatsanleihen wieder attraktiv geworden. Der Bundesbank-Bericht zur Geldpolitik dokumentiert, dass die Renditen deutscher Bundesanleihen von minus 0,5 Prozent (2021) auf über 2,5 Prozent (2023) gestiegen sind. Das ändert die Risiko-Nutzen-Rechnung grundlegend. War eine 30-Prozent-Quote in Anleihen bei Renditen von 0,5 Prozent für viele Anleger zu niedrig, kann sie bei drei bis vier Prozent Zinsertrag durchaus ausreichend sein – oder sogar zu hoch, je nach persönlicher Situation.

Der zweite Punkt betrifft die Konzentration. Die sieben größten börsennotierten Unternehmen weltweit (sogenannte „Magnificent Seven": Apple, Microsoft, Google, Amazon, Nvidia, Meta und Tesla) machen inzwischen etwa 30 Prozent des S&P 500 aus. Wer mit einem klassischen World-ETF investiert, bekommt diese Übergewichtung automatisch – eine Form von passiver Überkonzentration, die Kommer kritisch sieht. Ein echter Weltportfolio-Ansatz würde hingegen bewussト begrenzen wollen.

Der dritte Faktor ist subtiler, aber langfristig wichtiger: Die Erwartungsrenditen für Anleihen sind dauerhaft gestiegen. Wer heute eine zehnjährige Bundesanleihe kauft, kann mit knapp 2,5 Prozent realem Ertrag rechnen – nach Inflation und Steuern. Das ist mehr als in den 2010er-Jahren, aber immer noch weniger als die historische langfristige Aktienrendite von etwa 6 bis 7 Prozent real. Das Risiko-Ertrags-Verhältnis hat sich zugunsten von Anleihen verschoben.

Kommers neue Gedanken: Flexibilität statt Dogmatik

Der Kernwechsel in Kommers Denken liegt weniger in der Aufgabe seiner Philosophie, sondern in ihrer Differenzierung. Er argumentiert zunehmend dafür, dass die richtige Quote zwischen Aktien und Anleihen weniger von einer starren Regel abhängen sollte, sondern von konkreten Faktoren:

  • Anlagehorizont: Wer weniger als fünf Jahre Zeit hat, sollte höhere Anleihequoten halten.
  • Einkommensstabilität: Freiberufler und Unternehmer brauchen größere Sicherheitspolster als Beamte.
  • Aktuelle Bewertungen: In Jahren mit sehr hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen am Aktienmarkt (wie 2021) könnte eine höhere Anleihenquote sinnvoll sein.
  • Persönliche Risikotoleranz: Das ist nicht identisch mit dem statistischen Risiko-Profil – manche Menschen schlafen nachts besser mit mehr Stabilität.

Das klingt weniger revolutionär, als es ist. Denn jahrelang hat Kommer eine Art „Set it and forget it"-Mentalität propagiert – Depot aufbauen, alljährlich rebalancieren, sonst in Ruhe lassen. Die neue Sichtweise erfordert mehr Reflexion und gelegentliche Anpassungen, ohne in aktives Timing zu verfallen.

Was Anleger konkret jetzt tun sollten

Für Privatanleger mit bestehendem Portfolio ist nicht sofort eine große Umstrukturierung nötig. Wer sein Depot regelmäßig rebalanciert, hat ohnehin einen natürlichen Anpassungsmechanismus eingebaut. Rebalancing bedeutet: Wenn die Aktienquote durch Kurssteigerungen auf 75 Prozent gewachsen ist, wird wieder zurück auf 70 Prozent reduziert – was automatisch die Anleihenquote erhöht.

Wer ein neues Portfolio aufbaut oder sein bestehendes überprüfen möchte, sollte sich diese Fragen stellen: Wie viel Geld benötige ich in den nächsten fünf Jahren? Wie stabil ist mein Einkommen? Bin ich emotional vorbereitet auf 30 bis 40 Prozent Kursverluste in schlechten Marktphasen? Die Antworten bestimmen, ob 70-30, 60-40 oder 50-50 die richtige Gewichtung ist – nicht Kommers alte Faustregeln.

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Die regionalen Gewichtungen im Aktienanteil verdienen ebenfalls Überprüfung. Das klassische Modell mit 60 Prozent entwickelte Märkte und 40 Prozent Schwellenländer reflektiert nicht die aktuelle ökonomische Realität. Die USA haben an Gewicht gewonnen, während Europa relativ an Bedeutung verliert. Kommers neuere Ansätze deuten auf eine flexiblere Gewichtung hin, die zyklisch angepasst wird – ohne dabei in den Fehler aktiven Timings zu verfallen.

Für Anleger, die unsicher sind, bleibt ein breiter, kostengünstiger Ansatz ohne Schnörkel eine solide Wahl. Ein Mix aus wenigen weltweiten Aktien-ETFs (etwa MSCI World und Emerging Markets) kombiniert mit Anleihen-ETFs je nach Situation – das funktioniert auch 2024 noch.

Der Ausblick: Passive Anlage bleibt, aber intelligenter

Kommers Überdenken seines Weltportfolios ist kein Bekenntnis zur aktiven Geldanlage. Es ist vielmehr eine Reifung seiner Philosophie. Passive Indexstrategien schlagen aktive Verwaltung immer noch systematisch – das ist durch Studien und Praxis belegt. Aber Passivität muss nicht bedeuten, starr die gleiche Struktur zu halten, egal welche neuen Informationen verfügbar sind.

Die wichtigsten Erkenntnisse für 2024 lauten also: Erstens, höhere Zinsen machen Anleihen wieder attraktiv – wer nur in Aktien investiert, verlässt Rendite-Chancen auf dem Tisch. Zweitens, globale Diversifikation bleibt zentral, aber regionale Gewichtungen sollten überprüft werden. Drittens, die passende Quote zwischen Aktien und Anleihen hängt von individuellen Umständen ab, nicht von einer universellen Regel.

Gerd Kommer hat damit gezeigt, dass echte intellektuelle Integrität bedeutet, die eigenen Positionen zu überprüfen – und sie bei Bedarf anzupassen. Das ist für einen Autor, dessen Karriere auf bestimmten klaren Prinzipien basierte, bemerkenswert. Und es macht sein Denken für Anleger heute noch wertvoller als damals, weil es sich der Realität stellt.

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Laura Fischer
Finanzen & Verbraucher

Laura Fischer schreibt über Geldanlage, Verbraucherrecht und wirtschaftliche Trends. Ihr Fokus liegt auf praxisnahen Einordnungen — von Zinsentscheidungen bis zu alltäglichen Finanzfragen.

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