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Pogačar Giro-Tour-Doppel: Historische Chance

Doppelbelastung, Streckenanalyse, historische Vergleiche

Von ZenNews24 Redaktion 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Pogačar Giro-Tour-Doppel: Historische Chance

Tadej Pogačar steht vor einer historischen Herausforderung: Kann der slowenische Radsport-Dominator diese Saison sowohl den Giro d'Italia als auch die Tour de France gewinnen? Die Frage beschäftigt nicht nur die Fachleute, sondern spaltet die gesamte Radsport-Community. Während einige in Pogačar einen modernen Merckx sehen, warnen andere vor der enormen physischen und mentalen Belastung eines solchen Doppelprojekts.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die große Frage: Ist die Doppelbelastung überhaupt machbar?
  • Historische Präzedenzfälle: Wer hat es schon versucht?
  • Streckenanalyse: Favorisieren die Profile einen Doppelsieg?
  • Die Konkurrenz schläft nicht

Die Saison 2025 könnte zu einer der spannendsten in der jüngeren Radsport-Geschichte werden. Pogačar hat bereits bewiesen, dass er Grand Tours nicht nur gewinnt, sondern dominiert – doch Giro und Tour im selben Jahr zu bezwingen, ist selbst für einen Fahrer seines Kalibers eine nahezu beispiellose Aufgabe. In diesem Bericht analysieren wir die Chancen, die Streckenprofile, die historischen Präzedenzfälle und die physischen Grenzen dieser ehrgeizigen Strategie.

Die große Frage: Ist die Doppelbelastung überhaupt machbar?

In diesem Bericht analysieren wir die Chancen, die Streckenprofile, die historischen Präzedenzfälle und die physischen Grenzen dieser ehrgeizigen Strategie.
Pogačar Giro-Tour-Doppel: Historische Chance 2024

Zunächst muss man verstehen, worüber wir hier sprechen: Der Giro d'Italia dauert 21 Etappen über drei Wochen, die Tour de France ebenfalls. Dazwischen liegen in der Regel rund vier bis fünf Wochen – zu wenig für eine vollständige Regeneration auf höchstem Niveau, aber genug, um mit dem richtigen Management wieder konkurrenzfähig zu sein. Kein moderner Radfahrer hat diese Kombination mit dem Gewinn beider Rennen gemeistert – und das ist kein Zufall. Die körperliche Belastung über insgesamt 42 Renntage ist enorm, die kumulative Muskelermüdung kaum zu kompensieren.

Für Pogačar spricht allerdings seine überragende Leistungsbilanz. Der Slowene ist in einem Alter und einer Form, die an die ganz Großen der Radsportgeschichte erinnert. Sein Trainingsvolumen, seine genetischen Voraussetzungen und seine mentale Robustheit sind außergewöhnlich. Doch selbst für ihn gelten physische Gesetze. Die Frage ist nicht nur, ob Pogačar beide Rennen gewinnen kann, sondern ob er nach dem Giro die nötige Erholung findet, um vier Wochen später wieder auf Tour-Siegerniveau zu performen – ohne dabei im Giro auf Angriff fahren zu müssen und Körner zu verschwenden.

Radsport-Experten sind sich einig: Pogačar müsste eine präzise Belastungssteuerung entwickeln, wie sie im modernen Radsport kaum erprobt ist. Normalerweise konzentriert sich ein Topfahrer auf eine Grand Tour pro Saison und bereitet alles andere auf diesen Höhepunkt aus. Zweimal hintereinander auf absolutem Weltklasse-Niveau zu performen, erfordert eine vollständig andere Saisonplanung – und ein Team, das diese Strategie konsequent mitträgt. UAE Team Emirates hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass sie solche Herausforderungen akribisch angehen. Ob das reicht, wird man sehen.

Schlüsselzahlen: Nur 3 Fahrer in der Geschichte des Radsports haben Giro und Tour im selben Jahr gewonnen: Eddy Merckx (1970, 1972, 1974), Fausto Coppi (1949, 1952) und Bernard Hinault (1982). Zwischen dem letzten Giro-Etappenziel und dem Tour-Start liegen 2025 rund 35 Tage. Pogačar gewann die Tour de France bereits dreimal (2020, 2021, 2024) und den Giro d'Italia einmal (2024). Seine VO₂max wird auf über 88 ml/kg/min geschätzt – einer der höchsten Werte im Profi-Peloton.

Historische Präzedenzfälle: Wer hat es schon versucht?

Seit Marco Pantani 1998 gelang es keinem Fahrer mehr, Giro und Tour im selben Jahr zu gewinnen – vor Pogačar scheiterten selbst Legenden wie Eddy Merckx an der körperlichen Grenze zwischen den beiden Monumenten.

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die Kombination aus Giro- und Tour-Sieg ist nicht unmöglich – aber sie gehört zum Seltensten, was der Radsport zu bieten hat. Eddy Merckx gelang das Kunststück dreimal, Fausto Coppi zweimal, Bernard Hinault einmal. Alle drei waren Ausnahmeerscheinungen ihrer Ära. Was diese Fahrer vereinte: ein schlagkräftiges Team, eine auf den Doppel-Triumph ausgerichtete Saisonplanung und – nicht zu unterschätzen – die Bereitschaft, beide Rennen offensiv anzugehen, anstatt Kräfte zu sparen.

Fahrer Saison Giro-Platzierung Tour-Platzierung Doppelsieg?
Fausto Coppi 1949 1. Platz 1. Platz Ja
Fausto Coppi 1952 1. Platz 1. Platz Ja
Eddy Merckx 1970 1. Platz 1. Platz Ja
Eddy Merckx 1972 1. Platz 1. Platz Ja
Bernard Hinault 1982 1. Platz 1. Platz Ja
Marco Pantani 1998 1. Platz 1. Platz Ja
Chris Froome 2018 1. Platz Nicht gestartet Nein (nur Giro)
Tadej Pogačar 2025 TBD TBD TBD

Wie die Tabelle zeigt, ist der Giro-Tour-Doppelsieg in der modernen Ära faktisch verschwunden. Nach Marco Pantanis Triumph 1998 – einem bis heute umstrittenen Kapitel der Radsportgeschichte – hat kein Fahrer mehr beide Rennen im selben Jahr gewonnen. Die zunehmende Professionalisierung, die verschärften Anti-Doping-Kontrollen und die gestiegene Konkurrenzdichte haben das Zeitfenster für solche Meisterleistungen dramatisch verengt. Pogačar wäre also der erste saubere, moderne Athlet, dem dieses Kunststück gelingt – wenn er es denn schafft.

Streckenanalyse: Favorisieren die Profile einen Doppelsieg?

Ein zweiter kritischer Faktor ist die Beschaffenheit der Strecken. Der Giro 2025 führt durch einige der härtesten Bergankünfte Italiens – darunter klassische Anstiege in den Dolomiten und den Apenninen, die Kletterer wie Pogačar naturgemäß bevorzugen. Sein Klettergewicht, seine Wattleistung am Berg und seine Fähigkeit, Zeitfahren zu dominieren, machen ihn zum Topfavoriten auf den Gesamtsieg in Mailand.

Die Tour de France wiederum stellt andere Anforderungen. Die Pyrenäen-Etappen, mögliche Kopfsteinpflaster-Passagen in den ersten Tagen und die abschließenden Alpenetappen verlangen ein breites Leistungsprofil. Pogačar hat dieses Profil – das ist unbestritten. Die entscheidende Variable ist, in welchem Zustand er aus dem Giro herauskommt. Wer drei Wochen in den italienischen Bergen kämpft, verliert unweigerlich Muskelmasse, Frische und mentale Reserven. Diese lassen sich in vier bis fünf Wochen nicht vollständig wiederherstellen – bestenfalls teilweise kompensieren.

UAE Team Emirates wird Pogačar daher vermutlich mit einer klaren Direktive in den Giro schicken: effizient siegen, keine unnötigen Kräfte verschwenden, keine Showattacken auf Bergetappen, die bereits entschieden sind. Das widerspricht Pogačars Naturell – der Slowene ist bekannt dafür, aus reiner Freude am Fahren anzugreifen. Genau diese Impulskontrolle könnte der schwierigste Teil seiner Doppelmission werden.

Die Konkurrenz schläft nicht

Man darf bei aller Pogačar-Euphorie nicht vergessen: Das Peloton steht nicht still. Für den Giro werden Fahrer wie Remco Evenepoel, Primož Roglič und Geraint Thomas antreten – allesamt Siegkandidaten, die sich ausschließlich auf den Giro konzentrieren werden. Dieser strategische Vorteil ist enorm. Während Pogačar schon beim ersten Bergankommen kalkulieren muss, wie viel er noch für Juli braucht, dürfen seine Rivalen alles riskieren.

Bei der Tour sieht das Bild ähnlich aus. Jonas Vingegaard, zweifacher Tour-Sieger, wird nach seiner Verletzungspause mit vollem Fokus auf den Tour-de-France-Gesamtsieg gehen. Evenepoel, sollte er den Giro nicht gewinnen, könnte ebenfalls zur Tour kommen – ausgeruht und motiviert. Das Duell Pogačar gegen Vingegaard allein ist schon ein Spektakel; mit der Zusatzvariable Giro-Belastung wird es zur Gleichung mit mehreren Unbekannten.

Mentale Stärke als unterschätzter Faktor

Über die physischen Aspekte wird viel geschrieben – aber die mentale Dimension des Doppelprojekts wird regelmäßig unterschätzt. Drei Wochen im Giro bedeuten drei Wochen unter medialem Dauerbeschuss, täglichem Leistungsdruck und nächtelanger Regeneration im Teambus. Wer dann vier Wochen später wieder am Start steht und weiß, dass jetzt erst der eigentliche Saisonhöhepunkt beginnt, braucht eine psychologische Belastbarkeit, die über normale Athletenmaßstäbe hinausgeht.

Pogačar hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er Rückschläge wegsteckt – man erinnere sich an seine Tour-Niederlage 2022 gegen Vingegaard, aus der er gestärkt zurückkehrte. Sein Umfeld beschreibt ihn als außergewöhnlich resilient und intrinsisch motiviert. Das sind keine Marketingphrasen: Wer sich die Karrierestatistiken von Tadej Pogačar anschaut, erkennt einen Fahrer, der unter Druck regelmäßig über sich hinauswächst.

Dennoch: Die Geschichte des Radsports ist voll von Ausnahmetalenten, die an der Doppelbelastung gescheitert sind – nicht weil ihr Körper versagte, sondern weil die Motivation nach dem ersten Triumph schwand. Ein gewonnener Giro kann befreien. Oder er kann lähmen. Pogačar wird diese Frage im Juli beantworten müssen.

Fazit: Historische Chance, reales Risiko

Tadej Pogačar besitzt alle Voraussetzungen, um in die exklusive Liste der Giro-Tour-Doppelsieger einzutreten. Die physischen Fähigkeiten sind vorhanden, das Team ist stark, und die Motivation scheint grenzenlos. Doch die Radsportgeschichte lehrt uns Demut: Selbst die Besten sind an diesem Projekt gescheitert oder haben es erst gar nicht versucht.

Was diese Saison so besonders macht, ist nicht nur die sportliche Frage – sondern die Erzählung dahinter. Pogačar gegen die Geschichte, Pogačar gegen sein eigenes Ego, Pogačar gegen die physischen Grenzen des menschlichen Körpers. Ob er gewinnt oder nicht: Der Versuch allein wird den Radsport in den kommenden Monaten elektrisieren. Und das ist, bei allem Respekt vor den Zahlen und Tabellen, letztlich das, wofür wir diesen Sport lieben.

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Quellen:
  • DFB — dfb.de
  • Kicker Sportmagazin — kicker.de
  • Sport1 — sport1.de
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