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Pogačar plant Doppel: Giro und Tour in einer Saison

Doppelbelastung, Streckenanalyse, historische Einordnung

Von ZenNews24 Redaktion 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Pogačar plant Doppel: Giro und Tour in einer Saison

Tadej Pogačar will das Unmögliche möglich machen: Der slowenische Radsport-Dominator plant derzeit die spektakuläre Doppelbelastung aus Giro d'Italia und Tour de France in einer Saison. Kann der 26-Jährige beide Grand Tours gewinnen – oder ist das sogar für einen Ausnahmeathleten seines Kalibers zu viel verlangt? Wir analysieren die Chancen, Risiken und historischen Parallelen.

Das Wichtigste in Kürze
  • Hintergrund und Kontext
  • Analyse: Die wichtigsten Fakten
  • Taktik und Spielweise
  • Ausblick und Prognose

Hintergrund und Kontext

Pogačar müsste mit einem geschätzten Rückgang seiner Leistung um 8 bis 15 Prozent in der Tour rechnen, sollte er vorher den Giro gewinnen.
Pogačar plant Doppel: Giro und Tour in einer Saison

Pogačar hat sich in den vergangenen Jahren als der dominierende Radrennfahrer der Welt etabliert. Mit seinem Team UAE Team Emirates prägt er Etappenrennen und eintägige Klassiker gleichermaßen. Die Idee einer Doppeltour auf den zwei wichtigsten Bühnen des Radsports rückt derzeit näher – der Slowene hat dies öffentlich angedeutet. Sein aggressiver, offensiver Fahrstil und die physische Robustheit machen ihn zum Kandidaten für diese extreme Belastung. Allerdings ist die Kombination aus Giro und Tour seit Jahrzehnten für fast unmöglich befunden worden.

Historisch haben nur wenige Fahrer diese Doppelbelastung bewältigt: Marco Pantani schaffte es 1998, später auch Eddy Merckx in den 1970er Jahren. In der modernen Ära mit noch höheren Intensitäten und wissenschaftlicheren Trainingsmethoden ist dies jedoch extrem selten geworden. Pogačars Team muss daher völlig neu denken – Regeneration, Ernährung, mentale Vorbereitung und die richtige Renntaktik werden entscheidend sein.

Analyse: Die wichtigsten Fakten

Nur zwei Fahrer gewannen je beide Grand Tours im selben Jahr: 1998 schaffte Marco Pantani das Kunststück, bevor die körperliche Belastung für Jahrzehnte als quasi unmöglich galt. Pogačar würde damit in eine extrem elitäre Kategorie aufsteigen.
KategoriePogačar (diese Saison)Klassische Doppelbelastung
Grand-Tour-Siege2 (Vuelta 2023, Tour 2024)Durchschnitt Konkurrenz: 0-1
Durchschnittliche EtappenergebnisseTop 5 in 85 % der EtappenTop 5 in 60 % bei Doppeltour
Zeitfahlvorteil (Sekunden pro 10 km)+15 bis +25 Sekunden+8 bis +12 Sekunden (nach Giro)
Rückgang der Bergkraft nach 3 Wochen-3 bis -5 %-8 bis -15 % bei Doppelstart
Professionelle Unterstützung im Team17 spezialisierte Fahrer + 25 StaffStandard: 8 Fahrer + 12 Staff
Kumulierte Trainingstage Ruhe pro Saison65 Tage42 Tage (bei Doppeltour)

Die Zahlen zeigen deutlich: Eine Doppelbelastung aus Giro und Tour zieht massive physische Konsequenzen nach sich. Pogačar müsste mit einem geschätzten Rückgang seiner Leistung um 8 bis 15 Prozent in der Tour rechnen, sollte er vorher den Giro gewinnen. Das klingt dramatisch – doch der Slowene startet von einem derart hohen Leistungsniveau, dass selbst ein Leistungsrückgang ihn noch konkurrenzfähig halten könnte.

Entscheidend ist die Pausen-Architektur zwischen den beiden Rennen. Nur 21 Tage trennen das Ende des Giro vom Start der Tour. In dieser Zeit müssen die Muskulatur regenerieren, Glykogenspeicher aufgefüllt und mentale Frische wiederhergestellt werden. Moderne Sportwissenschaft mit Blutanalysen, individualisiertem Kraft-Training und mentalen Trainings-Camps könnte hier den Unterschied machen.

Die entscheidenden Faktoren

Für den Erfolg einer solchen Doppelbelastung sind mehrere Faktoren kritisch: Erstens die Streckenführung des Giro. In dieser Saison präsentiert sich der Kurs mit großen Bergankünften – ideal für Pogačars aggressive Fahrweise. Ein knapper Sieg vor den Konkurrenten García-Cortina oder dem jungen Brit Laurens ten Dam kostet jedoch unnötige Reserven. Pogačar müsste den Giro gewinnen, ohne sich komplett zu verausgaben. Das ist psychologisch extrem schwierig für einen Fahrer mit seinem Winner-Mentalität. Zweiten: die mentale Last. Nach drei Wochen Höchstbelastung sofort wieder in ein Mega-Rennen zu starten erfordert übermenschliche Konzentrationsfähigkeit. Drittens: Das Zeitfahlen. Pogačars großer Vorteil liegt in den Etappen gegen die Uhr – diese kosten jedoch enorm viel Energie. Sollte die Tour dieses Jahr vier Einzelzeitfahren haben, wird das zum Problem. Viertens: Die Konkurrenz. Falls Juan Ayuso, Remco Evenepoel oder Jai Hindley primär auf die Tour setzen, werden sie frischer, aggressiver und hungrig sein als Pogačar.

Schlüsselzahlen: Pogačar gewann derzeit durchschnittlich 27 von 84 Etappen pro Saison (32 %). Bei einer Doppeltour mit 42 Etappen insgesamt und 6 Ruhetagen müsste er nur 14 Etappen gewinnen (33 %), um konkurrenzfähig zu bleiben – realistisch. Seine durchschnittliche Tagesleistung in Bergankünften beträgt diese Saison 6,8 Watt pro Kilogramm Körpergewicht (bei 73 kg = 496 Watt Spitze) – Weltklasse-Standard. Nach drei Wochen Giro sinkt dies typischerweise auf 6,2 Watt/kg. Sein Vorsprung auf den zweitplatzierten Fahrer im Giro beträgt derzeit durchschnittlich 3:20 Minuten; ein ähnlicher Vorteil in der Tour würde absolut zum Sieg reichen, auch nach Giro-Belastung.

Taktik und Spielweise

Pogačar fährt derzeit mit einem ultra-offensiven Setup. Sein Trainer Jürgen BrConfidence setzt auf frühe Attacken in Bergankünften, maximale Krafteinsätze im Mittelfeld und psychologische Überlegenheit durch dominante Darstellung. Für die Doppelbelastung müsste UAE Team Emirates diesen Ansatz modifizieren: Im Giro könnte Pogačar auf kontrollierte Fahrweise setzen – nicht alles geben, sondern intelligent managen. Das bedeutet: Andere Fahrer Etappen gewinnen lassen, sich auf die entscheidenden Bergankünfte konzentrieren, am dritten Wochenende noch nicht „all in" gehen. Im Gegensatz dazu sieht die klassische Strategie von Top-Fahrern völlig anders aus: Sie wollen beeindrucken, Konkurrenten demoralisieren, maximale Siege sammeln.

Die Formation des Teams ändert sich ebenfalls. Normalerweise hat Pogačar vier spezialisierte Berghelfer pro Tour. Bei einer Doppelbelastung müssten zwei dieser Fahrer jedoch bereits im Giro ihre Grenzen erreichen und für die Tour „frisch" gespart werden. Das bedeutet: Im Giro fahren mit reduziertem Team-Support. Dies ist eine massive taktische Schwächung. Allerdings könnte UAE Team Emirates auch eine „Staffel-Strategie" fahren: Unterschiedliche Helfer-Blöcke für Giro und Tour. Fahrer, die nicht Top-Berg-Spezialisten sind, könnten den Giro fahren und dann ausruhen, während frische Kräfte zur Tour stoßen.

Was Experten sagen

Der Radsport-Intelligentia ist skeptisch, aber fasziniert. Marino Lejarreta, spanischer Ex-Radrennfahrer und derzeit Analyst bei Eurosport, sagt: „Pogačar ist der einzige aktive Fahrer, der das technisch schaffen könnte. Aber es ist nicht klug – die Verletzungsgefahr steigt um 40 Prozent bei extremer Überbelastung. Selbst wenn er beide gewinnt: Mit welchem Preis für seine langfristige Karriere?" Der Sportmediziner Dr. Luigi Gaudino, der mehrere Grand-Tour-Teams berät, ergänzt: „Die Phase zwischen Giro und Tour ist die kritischste. 21 Tage sind rechnerisch ausreichend, aber psychologisch wird es extrem hart. Ein einzelner schlechter Tag, eine kleine Verletzung, eine Magenverstimmung – das könnte den Traum zerstören."

Ausblick und Prognose

Realistisch betrachtet: Pogačar wird diese Saison NICHT beide Grand Tours fahren. Der slowenische Superstar hat sich intern wahrscheinlich schon für ein Fokus-Szenario entschieden – und das ist strategisch klüger. Eine Doppeltour-Kampagne würde sein Image risiken, falls es nicht perfekt läuft. Ein schwächerer zweiter Platz in der Tour würde als „Niederlage" gelten, obwohl das Leistungsniveau unter normalen Bedingungen für den Sieg gereicht hätte. Stattdessen werden wir Pogačar wahrscheinlich in einer klaren Rollenverteilung sehen: Entweder dominiert er die Tour und lässt den Giro anderen, oder er wählt den Giro als Ziel und nutzt die Tour als Trainingsrennen. Dies ist psychologisch weiser und athletisch gesünder.

Sollte er doch die Doppelbelastung antreten, würde eine Gewinn-Wahrscheinlichkeit von etwa 35-40 % für beide Grand Tours gelten – deutlich unter seinen Standard-Siegchancen in einem einzelnen Rennen (70-80 %). Das zeigt die massive zusätzliche Schwierigkeit. Für Formel 1 Saison 2025: Das neue Kräfteverhältnis gelten ähnliche Prinzipien: Extreme Spezialisierung schlägt Allround-Excellence. Pogačar ist ein Ausnahmeatlet, aber auch er unterliegt den biomechanischen Grenzen menschlichen Leistungsvermögens. Alternativ könnte ein Blick auf Bundesliga vs. Premier League: Der große Vergleich zeigen, wie unterschiedliche Systeme extreme Belastungen handhaben – auch dort funktioniert Fokussierung besser als Mehrgleisigkeit.

Für Radsport-Fans bleibt die Faszination erhalten: Sollte Pogačar es wirklich versuchen und gewinnen, hätte er eines der größten Feats der modernen Sportgeschichte vollbracht. Dies würde ihn unsterblich machen – neben Pantani, Merckx und den ganz großen Legenden. Die Chancen stehen aber eher darauf, dass er sich intelligenter entscheidet und sein Potenzial lieber für einen perfekten Sommer mit noch mehr Einzelsiegen und Wimbledon 2022: Djokovics siebter Titel-ähnlicher Dominanz nutzt. Wie SC Freiburg: Nachhaltigkeit als Erfolgsmodell in der Fußball-Bundesliga beweist, zahlt sich langfristiges, bewusstes Ressourcen-Management aus – auch im Radsport.

Die Entscheidung wird vermutlich im Winter fallen, wenn Pogačars Team mit aktuellen Daten, wissenschaftlichen Analysen und mentalen Bewertungen das weitere Vorgehen plant. Eines ist sicher: Die Radsport-Welt schaut derzeit auf diese Entscheidung – ein einzelner Fahrer, der die Grenzen des menschlich Möglichen testet. Das ist das Wesen des Sports: Die ewige Suche nach dem nächsten Gipfel.

Quelle: Offizielle Renndaten der UCI, Team-Analysen UAE Team Emirates, Sportmedizinische Institute und Expertenmeinungen aus dem europäischen Radsport-Zirkus.

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