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Pogačar: "Ich bin nicht Eddy Merckx"

Der beste Radfahrer der Welt bremst die Euphorie selbst. Warum das so schlau ist.

Von Sarah Müller 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
Pogačar: "Ich bin nicht Eddy Merckx"

Tadej Pogačar lehnt sich zurück, lächelt in die Kamera und sagt etwas, das in der modernen Sportwelt eigentlich nicht mehr vorkommen sollte: „Ich bin nicht Eddy Merckx." Das ist nicht falsch gemeint, das ist die klügste Defensivstrategie, die ein Sportler in seiner Position treffen kann. Während die halbe Radsport-Welt ihn bereits als den größten Radrennfahrer aller Zeiten feiern möchte, bremst er selbst die Euphorie ab — und das macht ihn verdammt intelligent.

Das Wichtigste in Kürze
  • Was Tadej Pogačar wirklich gesagt hat
  • Unsere Analyse: Was dahintersteckt
  • Das große Bild: Was der Radsport von dieser Aussage lernen kann
  • Fazit: Stärke durch Selbstkenntnis

Was Tadej Pogačar wirklich gesagt hat

Aber noch wichtiger: Er machte klar, dass nicht der Vergleich mit Legenden ihn antreibt, sondern die Leidenschaft für seinen Sport und der innere Drang, sich selbst zu verbessern.
Pogačar:

Im Eurosport-Podcast äußerte sich der slowenische Radsportler zu den ständigen Vergleichen mit Eddy Merckx, Bernard Hinault und anderen Legenden des Radsports. Die Frage war eine, die ihm vermutlich täglich gestellt wird: Bist du der Größte aller Zeiten? Pogačar antwortete nicht mit der üblichen Bescheidenheitsphrase, sondern mit einer nachdenklichen Analyse. Er erklärte, dass solche Vergleiche für ihn wenig sinnvoll seien, weil jede Ära andere Bedingungen, andere Konkurrenz und andere Herausforderungen mit sich bringt. Aber noch wichtiger: Er machte klar, dass nicht der Vergleich mit Legenden ihn antreibt, sondern die Leidenschaft für seinen Sport und der innere Drang, sich selbst zu verbessern.

Die Kernaussage: Pogačar lehnt historische Vergleiche bewusst ab und betont stattdessen, dass ihn reine Leidenschaft und der persönliche Wille zur Verbesserung antreiben — nicht das Ego oder die Jagd nach Legendenstatus. Er erkennt an, dass die Größe von Merckx, Hinault oder Indurain in ihrer eigenen Zeit gemessen werden muss, und dass moderne Vergleiche dieser Realität nicht gerecht werden. Besonders interessant: Pogačar distanziert sich subtil von der Narrative des „kommenden GOAT" und rückt damit ab von einer medialen Erwartungshaltung, die gerade auf junge Superstars ausgeübt wird.

Das ist überraschend, weil es weder arrogant noch falsch bescheiden wirkt. Es ist ehrlich. Und diese Ehrlichkeit hat in der modernen Medienwelt, in der Superlative zur Standardsprache geworden sind, einen besonderen Wert. Wenn der beste Radrennfahrer der Welt selbst abbremst, wenn er sagt „lass mich nicht mit den Größten vergleichen", dann hat das Gewicht. Das ist nicht kalkuliert — das ist reif.

Unsere Analyse: Was dahintersteckt

Merckx gewann seine fünf Tour-de-France-Titel zwischen 1969 und 1974 — Pogačar müsste noch vier weitere Siege einfahren, um gleichzuziehen. Doch während die „Kannibale" seine Dominanz aggressiv auslebte, setzt der Slowene auf Demut als Erfolgsgeheimnis.

Der Kontext, den viele vergessen

Um diese Aussage richtig einzuordnen, muss man verstehen, unter welchem Druck junge Superstars derzeit stehen. Pogačar hat in den letzten Jahren einen Rennkalender absolviert, der früher unmöglich schien: Giro d'Italia und Tour de France im gleichen Jahr, Grand Tours in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren gewinnen, Monumente erobern, Weltmeisterschaften dominieren. Die Medien, die Sponsoren, die Fans — sie alle wollen sofort die Antwort auf die Frage: Ist das schon Merckx-Niveau? Die Erwartungshaltung ist erdrückend geworden. Und genau da setzt Pogačar an: Er weigert sich, dieses Spiel mitzuspielen.

Das ist brilliant, weil es ihm psychologische Freiheit gibt. Wenn du dich ständig mit Eddy Merckx vergleichst, verlierst du dich selbst. Du wirst zum Jäger eines Mythos statt zum Schöpfer deiner eigenen Legende. Pogačar weiß offenbar, dass er nicht gegen die Geschichte antreten kann — und will es auch nicht. Stattdessen sagt er: Ich baue meine eigene Karriere, mit meinen eigenen Zielen, in meiner eigenen Zeit. Das ist nicht nur bescheiden, das ist strategisch klug. Es befreit ihn von einem unmöglichen Standard.

AspektPogačar-PositionEinordnung
Karriere-Siege2× Giro d'Italia, 2× Tour de France, mehrere Monument-Siege, Weltmeister 2024Elite-Niveau, aber statistisch noch nicht auf Merckx-Rekord (11 Grand-Tour-Titel)
Altersfaktor26 Jahre alt, Karriere noch lange nicht abgeschlossenZeit für weitere Siege vorhanden, aber keine Garantie — Verletzungen und Konkurrenz können sich ändern
Ära-UnterschiedMedizin, Trainingsmethoden und Konkurrenzbreite heute völlig anders als bei Merckx (1965–1978)Direktvergleiche statistisch fragwürdig — Pogačar hat inhaltlich recht
Mentaler AnsatzFokus auf Leidenschaft statt auf historische RankingsPsychologisch kluge Strategie, die ihn von Erwartungsdruck befreit
Medialer DruckTäglich GOAT-Debatten in Presse und sozialen NetzwerkenPogačars Aussage ist eine bewusste Distanzierung von dieser Spirale

Warum diese Aussage mehr ist als Bescheidenheit

Man könnte jetzt sagen: Na ja, das sagen doch alle. Jeder Sportler, der groß genug ist, um mit Legenden verglichen zu werden, antwortet mit der gleichen Formel. „Ich bin noch nicht fertig", „ich konzentriere mich auf das Nächste", „Vergleiche interessieren mich nicht." Aber bei Pogačar fühlt es sich anders an — und das liegt an der Substanz hinter den Worten. Er erklärt nicht nur, dass er sich nicht vergleichen möchte. Er erklärt, warum solche Vergleiche strukturell problematisch sind. Das ist ein Unterschied, der zählt.

Merckx fuhr in einer Ära ohne strukturierten Teamkader im modernen Sinne, ohne die heutige Datenmessung, ohne Leistungsdiagnostik auf dem Niveau, das heute Standard ist. Pogačar hingegen operiert in einem System, in dem ein ganzes Team ausschließlich für seine Siege gebaut wird, in dem Wattmessung und Schlafanalyse genauso zur Vorbereitung gehören wie das Radfahren selbst. Wer diese Kontexte ignoriert und einfach Siegzahlen übereinanderlegt, versteht den Sport nicht — und Pogačar sagt das auf eine Art, die nicht herablassend klingt, sondern nachdenklich. Das ist selten.

Wer mehr über die taktischen Hintergründe moderner Grand-Tour-Strategien verstehen möchte, bekommt dort einen guten Überblick, wie sehr sich das Rennfahren in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

Was das über den Menschen Pogačar verrät

Hier wird es interessant — und hier trennt sich dieser Artikel von einer einfachen Nachricht. Denn wer Pogačar in Interviews verfolgt, stellt eines fest: Er ist nicht der typische Champion. Er lacht viel. Er wirkt aufrichtig überrascht von seiner eigenen Dominanz. Er redet über Rennen so, als würde er sie als Abenteuer erleben, nicht als strategische Pflichtübungen auf dem Weg zu Rekordbüchern. Dieser Zugang ist echte Freude am Sport — und er erklärt auch, warum ihn die GOAT-Debatte schlicht nicht interessiert.

Das macht ihn paradoxerweise zu einem besseren Kandidaten für eben diesen Titel. Die Athleten, die krampfhaft nach Rekorden jagen, verbrennen sich oft früh. Die, die ihren Sport lieben und den nächsten Sieg als Belohnung für gute Arbeit sehen — nicht als Eintrag in einer historischen Tabelle — halten länger durch. Wenn Pogačar mit 26 Jahren so redet, dann darf man sich ausrechnen, was noch kommt. Und das ist aufregend.

Wer die Entwicklung seiner Karriere seit dem Tour-Debüt 2020 im Detail nachverfolgen möchte, findet dort eine komplette Übersicht seiner wichtigsten Rennen und Ergebnisse.

Das große Bild: Was der Radsport von dieser Aussage lernen kann

Es gibt eine Sportkultur, die Superlativen braucht wie Sauerstoff. Die sofort fragt: Wer ist der Größte? Die jede Leistung sofort in eine Rangliste presst. Und diese Kultur ist nicht ohne Grund entstanden — Ranglisten erzeugen Debatten, Debatten erzeugen Klicks, Klicks erzeugen Umsatz. Das ist das Geschäftsmodell eines großen Teils des Sportjournalismus, und wir wären naiv, das zu ignorieren.

Aber Pogačar signalisiert etwas anderes. Er sagt: Die Frage nach dem GOAT ist nicht die interessante Frage. Die interessante Frage ist, ob er morgen besser ist als gestern. Das ist eine Haltung, die nicht nur für Radsportler gilt. Sie gilt für jeden Athleten, der unter medialem Erwartungsdruck steht — und es gibt gerade viele davon. Mentale Stärke im Leistungssport ist kein Nebenthema mehr, sondern entscheidend für nachhaltige Höchstleistung.

Pogačar hat mit einem einzigen, klar artikulierten Gedanken mehr über den Umgang mit Erwartung gesagt als viele Ratgeber auf 300 Seiten. Das verdient Respekt — und zwar unabhängig davon, ob er am Ende seiner Karriere mehr oder weniger Siege hat als Eddy Merckx.

Pogačar:

Fazit: Stärke durch Selbstkenntnis

„Ich bin nicht Eddy Merckx" ist nicht Kapitulation. Es ist kein Eingeständnis von Schwäche. Es ist die Aussage eines Mannes, der genau weiß, wer er ist, was er kann und wohin er will — ohne sich dabei von fremden Maßstäben treiben zu lassen. In einer Sportwelt, die ständig laut ist, ist das eine bemerkenswert leise, aber kraftvolle Position.

Tadej Pogačar baut gerade seine eigene Geschichte. Und wenn er mit dieser Haltung weitermacht, wird diese Geschichte gut sein. Besser vielleicht als jede, die sich je mit Eddy Merckx hätte messen wollen. Nicht trotz dieser Aussage — sondern genau wegen ihr.

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Quellen:
  • DFB — dfb.de
  • Kicker Sportmagazin — kicker.de
  • Sport1 — sport1.de

Weiterführende Informationen: DOSB Nationaler Olympischer Komitee

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Sarah Müller
Sport & Regional

Sarah Müller berichtet über Bundesliga, Leichtathletik und regionale Sportthemen. Sie verfolgt die Entwicklungen im deutschen Profisport und beleuchtet Hintergründe abseits der Tabelle.

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