Klima

Rekord-Dürre: Bauern fordern Notprogramm vom Bund

Felder verdorren – Ernteausfälle bedrohen die Versorgung

Von Andreas Koch 8 Min. Lesezeit
Rekord-Dürre: Bauern fordern Notprogramm vom Bund
Das Wichtigste in Kürze
  • Der trockenste Frühsommer seit Jahrzehnten trifft Deutschlands Landwirte mit voller Wucht
  • Mehrere Bundesländer melden katastrophale Ernteprognosen
  • Bauernverbände verlangen von der Bundesregierung unter Kanzler Merz ein milliardenschweres Soforthilfeprogramm – und eine Klimaanpassungsstrategie mit echten Zähnen

Mehr als 68 Prozent der deutschen Ackerflächen sind in diesem Frühjahr von extremer Trockenheit betroffen — ein Wert, der selbst die verheerenden Dürrejahre der jüngeren Vergangenheit übertrifft. Bauernverbände sprechen von einer nationalen Notlage und drängen die Bundesregierung zu sofortigen Hilfsmaßnahmen im Umfang von mehreren Milliarden Euro.

CO2/Klimazahl: Die globale Mitteltemperatur lag im vergangenen Jahr um 1,6 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau — und damit bereits jenseits des im Pariser Abkommen angestrebten 1,5-Grad-Ziels. Für jeden zusätzlichen Grad Erwärmung steigt laut IPCC-Berechnungen das Risiko schwerer Dürren in Mitteleuropa um bis zu 40 Prozent. (Quelle: Copernicus Climate Change Service, IPCC AR6)

Felder ohne Wasser: Das Ausmaß der diesjährigen Dürre

Der Frühling war in weiten Teilen Deutschlands der trockenste seit Beginn der flächendeckenden Wetteraufzeichnungen. Vom Rheinland bis zur Uckermark meldeten Landwirte im Mai Bodenfeuchtewerte, die sonst erst im Hochsommer auftreten. In Bayern und Brandenburg haben einzelne Kreise bereits den Katastrophenfall ausgerufen, um schneller auf kommunale Fördermittel zurückgreifen zu können. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) bestätigte, dass die Niederschlagsmengen zwischen März und Mai in der Fläche bis zu 55 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt lagen. (Quelle: Deutscher Wetterdienst, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung)

Besonders hart trifft es Wintergetreide, das nach einem ebenfalls niederschlagsarmen Herbst und Winter nun in der kritischen Schossphase auf Regen angewiesen ist. Erste Ertragsschätzungen des Deutschen Bauernverbandes prognostizieren Einbußen von 25 bis 40 Prozent bei Weizen und Gerste gegenüber einem normalen Erntejahr. Für Mais und Zuckerrüben fällt die Prognose noch ungünstiger aus. (Quelle: Deutscher Bauernverband, Statistisches Bundesamt)

Bodenfeuchte auf historischem Tiefstand

Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung misst die Bodenfeuchte bundesweit über ein Netz von Messstationen. Aktuelle Daten zeigen, dass die pflanzenverfügbare Wassermenge in den oberen 25 Zentimetern des Bodens in 14 der 16 Bundesländer als "außergewöhnlich trocken" eingestuft wird — die schlechteste Kategorie auf der Dürre-Überwachungskarte. Selbst tiefe Grundwasserschichten, die sich während feuchter Winter eigentlich regenerieren, zeigen vielerorts keine Erholung. Die fehlende Regeneration über mehrere aufeinanderfolgende Jahre kumuliert zu einem strukturellen Wasserdefizit, das einzelne Regenereignisse kurzfristig nicht ausgleichen können. (Quelle: Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Ufz-Dürremonitor)

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Temperaturen verschärfen die Lage zusätzlich

Hohe Temperaturen verstärken den Effekt der Trockenheit durch gesteigerte Evapotranspiration: Pflanzen verlieren mehr Wasser über ihre Blätter, der Boden trocknet schneller aus. Wie Temperaturrekorde in Deutschland und die zugrunde liegenden Daten zeigen, hat sich die Zahl der Hitzetage über 30 Grad in Deutschland seit den 1980er Jahren mehr als verdoppelt. Dieser Trend setzt sich fort und macht Frühjahrsdürren wie die aktuelle wahrscheinlicher und intensiver.

Bauern unter Druck: Forderungen an die Bundesregierung

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Auf einer Sondersitzung des Deutschen Bauernverbandes in Berlin formulierten Vertreter aus allen Bundesländern ein konkretes Forderungspaket. Im Mittelpunkt steht ein Notfallfonds in Höhe von drei Milliarden Euro, der unbürokratisch als Direkthilfe ausgezahlt werden soll — ähnlich dem Corona-Hilfsprogramm für kleine Unternehmen, aber angepasst an die besonderen Anforderungen landwirtschaftlicher Betriebe. Darüber hinaus verlangen die Verbände Steuerstundungen, zinsgünstige Notfallkredite und eine schnelle Überprüfung der Mehrwertsteuerregelungen für Grundnahrungsmittel. (Quelle: Deutscher Bauernverband, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft)

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir II — Amtsinhaber in der aktuellen Koalition — hat erste Gespräche mit dem Finanzministerium bestätigt. Konkrete Zusagen fehlen bislang. Die Bundesregierung steht unter dem Druck eines ohnehin angespannten Haushalts und muss gleichzeitig Mittel für Energiewende, Verteidigung und Sozialleistungen priorisieren. Eine schnelle Einigung gilt intern als schwierig, aber politisch unumgänglich — Neuwahlen sind in zwei Jahren, und ländliche Wählerschichten reagieren sensibel auf wahrgenommene Untätigkeit in der Agrarkrise.

Versicherungslücke: Warum viele Betriebe schutzlos sind

Ein strukturelles Problem verschärft die Notlage: Lediglich rund 15 Prozent der deutschen Ackerbaubetriebe verfügen über eine Mehrgefahrenversicherung, die auch Dürrerrisiken abdeckt. Prämienhöhen von oft mehr als 2.000 Euro pro Hektar und komplizierte Schadensnachweis-Verfahren haben viele Landwirte bisher von einem Abschluss abgehalten. Länder wie Österreich und Spanien subventionieren solche Versicherungen staatlich mit bis zu 70 Prozent der Prämie — in Deutschland gibt es lediglich in Bayern ein begrenztes Pilotprogramm. (Quelle: Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, Europäische Kommission — Agrarbericht 2025)

Mittel- und langfristige Betriebsperspektive

Die unmittelbare finanzielle Not überlagert eine tieferliegende strukturelle Frage: Wie können konventionelle Ackerbaubetriebe in einer Welt mit häufigeren und intensiveren Dürren wirtschaftlich überleben? Agrarwissenschaftler der Universität Hohenheim plädieren für eine Kombination aus dürreresistenten Sorten, wasserretentionsfördernder Bodenbearbeitung und stärkerer Diversifizierung weg von wasserintensiven Monokulturen. Allerdings erfordern diese Umstellungen Zeit und Kapital — beides, was Betrieben in der akuten Krise fehlt. (Quelle: Universität Hohenheim, Thünen-Institut)

Was sagt der IPCC — und was bedeutet das für Deutschland?

Der sechste Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC ist eindeutig: Für Westeuropa und speziell für die gemäßigten Breiten Mitteleuropas prognostizieren alle Klimamodelle eine Zunahme von Dürrehäufigkeit und -intensität im Sommer, kombiniert mit höheren Wintertemperaturen, die den Schneerückhalt in den Alpen reduzieren. Deutschland liegt dabei in einer besonders exponierten Zone, weil es sowohl atlantisch-feuchte als auch kontinental-trockene Luftmassen empfängt — je nach Wetterlage. Das Risiko für sogenannte "compound events", also das gleichzeitige Auftreten von Hitze und Trockenheit, nimmt überproportional zu. (Quelle: IPCC AR6 Working Group I, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung)

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung rechnet damit, dass ohne deutliche Emissionsreduktionen Dürrejahre wie das aktuelle bis Mitte des Jahrhunderts zur Normalität werden könnten — und das, was wir derzeit als Extremereignis wahrnehmen, dann ein durchschnittliches Jahr darstellt. Diese Einschätzung unterstreicht, warum Sofortmaßnahmen für betroffene Bauern und strukturelle Klimaschutzpolitik keine Gegensätze sind, sondern beide dringend notwendig.

Einordnung: Ist Deutschland ausreichend vorbereitet?

Die Nationale Klimaanpassungsstrategie der Bundesregierung wurde zuletzt fortgeschrieben — allerdings bewerten unabhängige Experten die Umsetzungsgeschwindigkeit als unzureichend. Zwar existieren Programme zur Förderung von Wasserrückhalt in der Agrarlandschaft, zur Renaturierung von Feuchtgebieten und zur Beratung von Landwirten bei der Sortenwahl. Doch die bereitgestellten Mittel reichen nach Einschätzung des Umweltbundesamtes nicht aus, um die Anpassungsgeschwindigkeit an das Tempo des Klimawandels anzupassen. (Quelle: Umweltbundesamt, Sachverständigenrat für Umweltfragen)

Internationaler Vergleich: Wie gehen andere Länder mit Agrardürren um?

Land Staatliche Dürrehilfe Versicherungsförderung Klimaanpassungsbudget Landwirtschaft (jährlich)
Spanien Direktzahlungen + Steuererlass Bis zu 70 % Prämiensubvention ca. 1,2 Mrd. Euro
Frankreich Nationaler Katastrophenfonds (Agri) Bis zu 65 % Prämiensubvention ca. 900 Mio. Euro
Österreich Landesfonds + EU-Kofinanzierung Bis zu 55 % Prämiensubvention ca. 310 Mio. Euro
USA Federal Crop Insurance Program Bis zu 60 % Prämiensubvention ca. 8,5 Mrd. USD
Deutschland Fallweise Bundeshilfen (nicht strukturell) Bayern: Pilotprogramm (~30 %) ca. 180 Mio. Euro

Die Tabelle verdeutlicht: Deutschland gibt im europäischen Vergleich deutlich weniger für strukturelle Klimaanpassung in der Landwirtschaft aus und verfügt über kein systematisches Versicherungsförderungssystem. Frankreich und Spanien, die ebenfalls regelmäßig von Dürren betroffen sind, haben in den vergangenen Jahren robustere Sicherheitsnetze aufgebaut. Der politische Wille, hier aufzuholen, ist in Berlin deklariert — konkrete Gesetzgebung steht jedoch aus. (Quelle: Europäische Kommission — Agrarsubventionsbericht, OECD Agricultural Outlook)

EU-Agrarsubventionen: Chance oder Bürokratiehemmnis?

Über die Gemeinsame Agrarpolitik der EU stehen grundsätzlich Mittel für Klimaanpassung und Resilienzförderung bereit. Allerdings klagen Landwirte und Agrarverbände unisono über komplizierte Antragsprozesse, lange Bearbeitungszeiten und strenge Auflagen, die gerade für kleinere Familienbetriebe kaum zu erfüllen sind. Eine Studie des Thünen-Instituts kommt zu dem Schluss, dass weniger als 30 Prozent der theoretisch verfügbaren EU-Klimaanpassungsmittel tatsächlich bei den Betrieben ankommen. Eine Vereinfachung der Förderarchitektur wäre kurzfristig wirksamer als neue Fondsprogramme. (Quelle: Thünen-Institut, Europäischer Rechnungshof)

Versorgungssicherheit: Drohen Engpässe im Lebensmittelhandel?

Unmittelbare Versorgungsengpässe bei Grundnahrungsmitteln sind nach aktuellem Stand unwahrscheinlich, da Deutschland in den Sektoren Getreide und Ölsaaten auf internationalen Handel und Lagerbestände zurückgreifen kann. Allerdings dürften steigende Importpreise und sinkende inländische Produktion die Lebensmittelpreise unter Druck setzen. Das Statistische Bundesamt verweist darauf, dass Nahrungsmittel in den vergangenen drei Jahren bereits überproportional zur Gesamtinflation beigetragen haben — ein weiterer Preisschub trifft einkommensschwache Haushalte besonders hart. (Quelle: Statistisches Bundesamt, Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels)

Für bestimmte Frischgemüse, die weniger global handelbar sind — Salate, Kürbis, Kartoffeln — könnten regionale Lieferengpässe im Spätsommer durchaus eintreten. Supermarktketten haben nach Informationen aus der Branche bereits begonnen, Lieferverträge mit ausländischen Produzenten vorzuziehen. Dies zeigt die systemische Verletzlichkeit einer Lebensmittelversorgung, die stark von regionaler Produktion abhängt, aber keine ausreichenden Resilienzpuffer eingeplant hat.

Energieverbrauch der Bewässerungslandwirtschaft

Eine wenig beachtete Nebenwirkung der Dürre ist der steigende Energiebedarf für künstliche Bewässerung. Betriebe, die auf Beregnung umstellen, benötigen erhebliche Mengen Strom für Pumpen — was die Nachfrage erhöht und die Betriebskosten weiter belastet. Gleichzeitig eröffnet dies eine Schnittstelle zum Ausbau erneuerbarer Energien: Betriebe, die eigene Solarenergie-Anlagen auf Privatdächern und Scheunen betreiben, können Bewässerungsstrom selbst erzeugen und Kosten senken. Der Solarboom, der erneuerbare Energien auf über 60 Prozent Stromanteil gebracht hat, schafft zumindest strukturelle Voraussetzungen dafür. (Quelle: Fraunhofer ISE, Bundesnetzagentur)

Klimaschutz als Langzeitantwort: Was jetzt politisch geschehen muss

Die aktuelle Dürre ist kein singuläres Naturereignis — sie ist ein Signal, das die Wissenschaft seit Jahren ankündigt. Der politische Reflex, mit einmaligen Notprogrammen zu reagieren, greift zu kurz. Agrarwissenschaftler, Klimaökonomen und Umweltverbände sind sich einig: Was gebraucht wird, ist eine strukturelle Neuausrichtung der Agrarpolitik, verbunden mit entschlossenem Klimaschutz zur Begrenzung künftiger Schäden.

Konkret bedeutet das: stärkere Förderung wassereffizienter Anbaumethoden, verpflichtende Wasserrückhaltemaßnahmen auf Ackerflächen, Renaturierung von Auen und Mooren als natürliche Wasserspeicher sowie eine Neugestaltung der Versicherungsarchitektur nach europäischen Vorbildern. Parallel dazu bleibt der Ausbau erneuerbarer Energien ein zentraler Hebel — denn jedes Grad weniger Erwärmung reduziert das Dürrerisiko messbar. Wie der Rekordzubau bei Windkraft und Solar zeigt und wie Deutschland beim Solarausbau aktuell Maßstäbe setzt, gibt es in diesem Bereich durchaus Fortschritte zu verzeichnen — doch das Tempo muss weiter steigen. (Quelle: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Umweltbundesamt, Agora Agrar)

Die Bundesregierung steht vor der Entscheidung

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Andreas Koch
Gesundheit & Klima

Andreas Koch analysiert medizinische Studien, Gesundheitspolitik und Klimaforschung. Er übersetzt komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse in verständliche Berichte für ein breites Publikum.

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