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EU-Wahl: Rechtsparteien gewinnen, Grüne verlieren

Europawahl zeigt Rechtsruck – konservative und populistische Kräfte erstarken, Grüne verlieren massiv

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
EU-Wahl: Rechtsparteien gewinnen, Grüne verlieren

Rund 360 Millionen Europäerinnen und Europäer waren aufgerufen, über die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments zu entscheiden – und das Ergebnis hat die politische Landschaft des Kontinents nachhaltig verschoben: Rechtskonservative und rechtspopulistische Parteien legten in nahezu allen großen EU-Staaten deutlich zu, während die Grünen massive Verluste erlitten und die proeuropäische Mitte geschwächt aus dem Urnengang hervorging.

Ein Kontinent verschiebt sich nach rechts

Das Europäische Parlament wird in seiner neuen Zusammensetzung deutlich weiter rechts stehen als bisher. Die Europäische Volkspartei (EVP) bleibt zwar stärkste Kraft, konnte ihren Vorsprung aber nur halten, weil sie selbst in vielen Ländern nach rechts gerückt ist. Die Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformisten (EKR) sowie die Fraktion Identität und Demokratie (ID) verzeichneten teils zweistellige Zugewinne. Zusammen kommen rechtsorientierte Fraktionen auf einen historisch hohen Anteil der Sitze im Straßburger Parlament. (Quelle: Europäisches Parlament, offizielle Hochrechnung)

Reuters berichtete in seiner unmittelbaren Wahlnachtberichterstattung von einem „seismischen Verschiebung" in der europäischen Innenpolitik. AP sprach von einem „kontinentweiten Signal der Unzufriedenheit", das sich insbesondere in Frankreich, Italien, Österreich und Deutschland manifestiert habe. Die dpa bezeichnete das Ergebnis als „Denkzettel für die amtierenden Regierungen" in den wichtigsten EU-Mitgliedstaaten.

Besonders dramatisch ist die Entwicklung in Frankreich: Der Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen und Parteichef Jordan Bardella erreichte laut ersten Hochrechnungen rund 31 bis 32 Prozent der Stimmen – mehr als doppelt so viel wie das Lager von Präsident Emmanuel Macron. Das Ergebnis veranlasste Macron zu einer außergewöhnlichen Reaktion: Er löste die Nationalversammlung auf und rief vorgezogene Parlamentswahlen aus – ein Schritt, der ganz Europa in Aufruhr versetzte und die Frage nach der politischen Stabilität des zweitgrößten EU-Staates aufwarf.

Die Grünen: Ein Absturz mit Ansage

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Für die europäischen Grünen war die Abstimmung eine Zäsur. Die Fraktion der Grünen/EFA verlor gegenüber der vorherigen Wahl rund 18 bis 20 Mandate und fiel auf ihren niedrigsten Stand seit Jahren. In Deutschland stürzte die Partei von knapp 21 Prozent auf unter 12 Prozent ab – ein Ergebnis, das parteiintern unmittelbare Debatten über Führung, Programmatik und politische Positionierung auslöste. (Quelle: ARD/ZDF-Nachwahlbefragung)

Auch in Frankreich, den Niederlanden, Österreich und Belgien verloren die Grünen teils dramatisch. Analysten sehen darin eine Reaktion auf die als zu ambitioniert oder wirtschaftlich belastend wahrgenommene Klimapolitik der EU, den sogenannten Green Deal. Viele Wählerinnen und Wähler im ländlichen Raum und unter Pendlern assoziierten die grüne Agenda mit steigenden Energiekosten und Einschränkungen im Alltag – ein Narrativ, das rechte Parteien gezielt und erfolgreich befeuert hatten.

Protestwahl oder echte Überzeugung?

Politikwissenschaftler streiten darüber, ob der Rechtsruck primär ein Protestphänomen oder Ausdruck eines tiefgreifenden Wertewandels ist. Eine Nachwahlbefragung des European Council on Foreign Relations zeigte, dass Migration und wirtschaftliche Unsicherheit die meistgenannten Themen waren – noch vor Klimawandel und Ukraine-Krieg. In vielen Ländern gaben Wähler an, nicht für eine Partei, sondern gegen die etablierten Kräfte gestimmt zu haben. (Quelle: ECFR, European Council on Foreign Relations)

Gleichzeitig zeigen Langzeitdaten, dass rechtspopulistische Parteien in Europa seit Jahren konsistent zulegen – und zwar nicht nur bei Protestwählern, sondern auch bei jungen Erstwählern, die zunehmend von Parteien wie dem RN, der AfD oder den Fratelli d'Italia angezogen werden. Das macht eine reine Protest-Erklärung zu kurz. (Quelle: Bertelsmann Stiftung, Europastudie)

Ländervergleich: Wo die Rechten am stärksten zulegten

Land Stärkste Rechtspartei Ergebnis aktuell Ergebnis vorherige Wahl Veränderung
Frankreich Rassemblement National ~32 % 23,3 % +8–9 Prozentpunkte
Deutschland AfD ~15,9 % 11,0 % +4–5 Prozentpunkte
Italien Fratelli d'Italia ~28 % 6,4 % +21 Prozentpunkte
Österreich FPÖ ~27 % 17,2 % +10 Prozentpunkte
Niederlande PVV (Wilders) ~17 % 3,5 % +13 Prozentpunkte
Belgien Vlaams Belang ~14 % 11,5 % +2–3 Prozentpunkte

Die Zahlen verdeutlichen: Der Rechtsruck ist kein nationales Randphänomen, sondern ein gesamteuropäischer Trend, der sich in unterschiedlichen politischen Systemen und Kulturen gleichermaßen abbildet.

Deutschland im europäischen Kontext

In Deutschland erzielte die AfD ihr bisher bestes Ergebnis bei einer Europawahl. Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP erlitt eine kollektive Niederlage: Alle drei Regierungsparteien verloren gegenüber der vorherigen Wahl, während die CDU/CSU als stärkste Kraft hervorging. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach von einem „ernüchternden Ergebnis", das die Bundesregierung zur Selbstreflexion zwinge.

Dass die innenpolitische Stimmung in Deutschland schon vor der Wahl unter Druck stand, hatte CDU-Chef Friedrich Merz selbst thematisiert: In Interviews hatte er Unbehagen über die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland geäußert und vor einer zunehmenden Polarisierung gewarnt. Das Wahlergebnis dürfte diese Einschätzung bestätigen.

Die AfD profitierte dabei von einem breiten Spektrum an Themen: Migration, Energiepreise, die wahrgenommene Bürgerferne der Berliner Politik – und nicht zuletzt die sicherheitspolitische Debatte. In einer Zeit, in der Russland seine Rekrutierungsprämien massiv erhöht und die Kriegsführung in der Ukraine intensiviert, werfen populistische Parteien der EU-Führung vor, Europa in einen Konflikt hineingezogen zu haben, der die eigene Bevölkerung wirtschaftlich belastet.

Deutschland-Bezug: Deutschland ist das bevölkerungsreichste und wirtschaftsstärkste EU-Mitglied – sein Wahlergebnis hat damit überproportionalen Einfluss auf die Zusammensetzung des Europaparlaments. Die AfD wurde zweitstärkste Kraft nach der CDU/CSU und entsendet damit deutlich mehr Abgeordnete nach Straßburg als bisher. Die Grünen stürzten von knapp 21 auf unter 12 Prozent ab, SPD und FDP verloren ebenfalls. Die neue Bundestagswahl, die voraussichtlich früher als geplant stattfinden könnte, wird stark von diesem europäischen Signal geprägt sein. Gleichzeitig steht Deutschland vor der Frage, wie es in einer EU mit gestärkten rechten Kräften seine Rolle als Anker für multilaterale Zusammenarbeit, freien Handel und Klimapolitik behaupten kann.

Was bedeutet das für die EU-Politik?

Die praktischen Konsequenzen für die Europäische Union sind erheblich. Ursula von der Leyen, die als Kandidatin der EVP erneut das Amt der Kommissionspräsidentin anstrebt, wird für eine Mehrheit im Parlament auf Koalitionspartner angewiesen sein, die weiter rechts stehen als bisher. Ob sie bereit ist, mit der EKR-Fraktion zu kooperieren – wie es Teile der EVP fordern –, ist eine der zentralen offenen Fragen der kommenden Wochen.

Der Green Deal der EU, das ambitionierteste Klimaschutzprogramm in der Geschichte der Union, steht damit auf der Kippe. Rechtsorientierte Parteien hatten im Wahlkampf offen dessen Abschwächung oder Abschaffung gefordert. Eine Verlangsamung bei erneuerbaren Energien, Pestizidverboten, CO2-Bepreisung und dem Verbrennerausstieg gilt als realistisches Szenario. Das hätte weitreichende Folgen für die Industrie, insbesondere die deutsche Automobilbranche.

Auch in der Sicherheitspolitik zeichnen sich Spannungen ab. Deutschland investiert derzeit massiv in seine Verteidigungskapazitäten: 35 Milliarden Euro fließen in Militär-Raumfahrt, und beim letzten großen Verteidigungsgipfel wurde die strategische Ausrichtung grundlegend neu bewertet. Ein Europaparlament mit starken rechten Kräften, von denen einige NATO-skeptisch oder offen russlandfreundlich sind, könnte diese Bemühungen erschweren. Dabei bleibt die NATO-Entscheidung zur Verstärkung der Ostflanke ein zentrales Koordinat europäischer Sicherheitspolitik – ein Beschluss, den populistische Kräfte zunehmend infrage stellen.

Migration bleibt das Leitthema

Über alle Ländergrenzen hinweg war Migration das dominierende Thema, das den Rechtsparteien Stimmen gebracht hat. Die EU-Asylreform, die im Frühjahr nach Jahren des Ringens verabschiedet wurde, wird von vielen rechten Parteien als unzureichend bezeichnet. Sie fordern schärfere Außengrenzkontrollen, schnellere Abschiebungen und eine grundlegende Überprüfung des Dublin-Systems. Ein gestärktes rechtes Lager im Parlament wird Druck auf die Kommission ausüben, diese Forderungen in konkrete Gesetzgebung zu überführen.

Dabei ist der Zusammenhang zwischen Migration, innerer Sicherheit und islamistischem Extremismus ein weiteres Thema, das in vielen Wahlkämpfen mobilisiert wurde. In Deutschland hatten zuletzt Ermittlungserfolge wie die Sicherung von IS-Mitgliederlisten durch deutsche Behörden die Debatte über die Gefährdungslage neu entfacht – und rechtspopulistischen Parteien argumentative Munition geliefert.

Die proeuropäische Mitte sucht Antworten

Sozialdemokraten, Liberale und Grüne stehen nach dieser Wahl unter erheblichem Druck, ihre politische Strategie zu überdenken. Die Frage ist nicht nur, wie man verlorene Wählerinnen und Wähler zurückgewinnt, sondern auch, ob die bisherige politische Erzählung – mehr Europa, mehr Klimaschutz, mehr Offenheit – noch mehrheitsfähig ist.

Einige Kommentatoren sehen in den Ergebnissen eine Parallele zu demografischen und wirtschaftlichen Transformationen, die Gesellschaften unter Druck setzen. Tatsächlich zeigen vergleichende Studien, dass in Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, stark gestiegenen Wohnkosten oder rückläufigen Reallöhnen rechtspopulistische Parteien überproportional zulegen. (Quelle: OECD, Wirtschaftsausblick)

Dass gesellschaftliche Umbrüche und demografische Verschiebungen politische Systeme destabilisieren können, zeigt ein Blick über Europa hinaus. In China etwa hat die Politik der Nachwuchsplanung, rund ein Jahrzehnt nach dem Ende der Ein-Kind-Politik, zu strukturellen Verwerfungen geführt, die das politische System unter Legitimationsdruck setzen. Der Vergleich mag weit hergeholt wirken – er verdeutlicht aber, dass demografische Ungleichgewichte und das Gefühl mangelnder staatlicher Fürsorge überall auf der Welt ähnliche politische Reflexe auslösen.

Ausblick: Wohin treibt Europa?

Die Europawahl ist keine Katastrophe für die EU als Institution – aber sie ist ein ernstes Warnsignal. Das Parlament bleibt funktionsfähig, die proeuropäische Mehrheit besteht formal noch. Doch sie ist schmaler geworden, fragiler und abhängig von Kompromissen, die inhaltliche Zugeständnisse an konservativere oder rechtsgerichtete Positionen erfordern.

Für Deutschland bedeutet das: mehr innenpolitischer Druck auf eine Bundesregierung, die ohnehin geschwächt ist, und gleichzeitig die Notwendigkeit, in Brüssel aktiv Koalitionen zu schmieden, um zentrale Interessen zu verteidigen – von der Industriepolitik über die Außenhandelspolitik bis hin zur Sicherheits- und Verteidigungszusammenarbeit. Die Europawahl hat nicht das Ende der EU eingeläutet, aber sie hat die Spielregeln verändert. Wer in den kommenden Jahren europäische Politik gestalten will, wird mit einer Volksvertretung umgehen müssen, die skeptischer, nationaler und wirtschaftsliberaler denkt als ihre Vorgängerin.

Reuters fasste die Lage nach Auszählung der letzten Stimmen knapp zusammen: „Europe has not turned its back on the EU — but it has sent a clear message that the status quo is no longer acceptable." Die Botschaft ist angekommen. Ob sie gehört wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten.

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

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