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Gaza: UN spricht von humanitärer Katastrophe

Vereinte Nationen warnen vor beispiellosem Leid und fordern sofortiges Handeln im Gazastreifen.

Von Julia Schneider 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 10.05.2026
Gaza: UN spricht von humanitärer Katastrophe

Mehr als zwei Millionen Menschen stehen nach Einschätzung der Vereinten Nationen vor dem Hungertod — der Gazastreifen erlebt nach Monaten des Krieges eine humanitäre Katastrophe, die UN-Generalsekretär António Guterres als „beschämend für die gesamte Menschheit" bezeichnet hat. Die internationale Gemeinschaft steht unter wachsendem Druck, endlich zu handeln.

Ein Landstrich am Rande des Kollapses

Die Zahlen, die aus dem Gazastreifen gemeldet werden, sind schwer zu fassen. Laut dem UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) haben seit Beginn der israelischen Militäroffensive im Oktober des Vorjahres mehr als 85 Prozent der Bevölkerung Gazas ihre Wohnungen verlassen müssen. Krankenhäuser operieren weit jenseits ihrer Kapazitätsgrenzen oder sind vollständig außer Betrieb. Sauberes Wasser ist in weiten Teilen des Gebiets knapp geworden, die Lebensmittelversorgung ist nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) faktisch zusammengebrochen.

„Wir beobachten Bedingungen, die einer Hungersnot entsprechen oder ihr unmittelbar vorausgehen", erklärte WFP-Direktorin Cindy McCain in einer offiziellen Stellungnahme. Das UN-Menschenrechtsbüro berichtete zudem von systematischen Angriffen auf zivile Infrastruktur, die eine unabhängige humanitäre Versorgung nahezu unmöglich machen. (Quelle: OHCHR)

Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörden im Gazastreifen, die von UN-Stellen als weitgehend verlässlich eingestuft werden, sind seit Beginn der Kampfhandlungen Zehntausende Menschen ums Leben gekommen, darunter ein unverhältnismäßig hoher Anteil an Frauen und Kindern. Israel bestreitet die Angaben in Teilen und verweist auf eigene Verluststatistiken sowie auf die militärische Notwendigkeit der Operationen. (Quelle: Reuters, AP)

Die UN im Zentrum des Drucks

Selten zuvor hat die Weltgemeinschaft einer einzelnen Krisenregion so intensiv zugeschaut — und so wenig erreicht. Der UN-Sicherheitsrat hat seit Beginn des aktuellen Konflikts mehrfach über Waffenstillstandsresolutionen abgestimmt, die jedoch wiederholt durch Vetos blockiert wurden. Die Vereinten Nationen befinden sich in einem institutionellen Dilemma: einerseits mit dem Mandat ausgestattet, Frieden und humanitäre Hilfe zu sichern, andererseits strukturell gelähmt durch die Vetomächte im Sicherheitsrat.

UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths hat in einem Brief an alle Mitgliedsstaaten eindringlich vor einem vollständigen Zusammenbruch der humanitären Lieferketten gewarnt. „Der Zugang für Hilfsorganisationen ist auf einem historischen Tiefpunkt", schrieb Griffiths. „Wenn jetzt nicht gehandelt wird, sterben Menschen, die gerettet werden könnten." (Quelle: UN-Pressedienst)

UNRWA, das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge, steht dabei besonders im Fokus. Nachdem mehrere westliche Staaten — darunter auch Deutschland — ihre Finanzierung vorübergehend eingefroren hatten, nachdem Israel Mitarbeiter der Organisation der Terrorunterstützung beschuldigt hatte, wurde der Großteil der Gelder nach einer unabhängigen Untersuchung wieder freigegeben. Das UN-Hilfswerk bleibt dennoch in einem Legitimationsstreit gefangen, der seine operative Arbeit erheblich beeinträchtigt. (Quelle: dpa)

Hilfskorridore als politisches Werkzeug

Ein zentrales Problem ist die Kontrolle über Hilfskorridore. Israel hat nach internationalem Druck zeitweise erweiterten Zugang gestattet, diesen jedoch immer wieder eingeschränkt. Die Öffnung des Grenzübergangs Kerem Shalom für Hilfsgüter brachte kurzfristige Erleichterung, doch Hilfsorganisationen berichten von systematischen Verzögerungen bei der Inspektion von Konvois, Angriffen auf Lagerkapazitäten sowie dem Diebstahl von Hilfsgütern durch bewaffnete Gruppen. Ärzte ohne Grenzen beschrieb die Lage öffentlich als „absichtlich herbeigeführte Katastrophe". (Quelle: Reuters)

Parallel dazu laufen diplomatische Bemühungen um eine Waffenstillstandsvereinbarung unter ägyptischer, katarischer und US-amerikanischer Vermittlung. Nach zähen Verhandlungen, die immer wieder kurz vor dem Durchbruch schienen und dann scheiterten, ist derzeit unklar, ob eine dauerhafte Einigung in Sichtweite liegt. Die Hamas besteht auf einem vollständigen israelischen Truppenabzug als Vorbedingung, Israel lehnt dies ab. (Quelle: AP)

Internationale Reaktionen: zwischen Empörung und Ohnmacht

Das Spektrum der internationalen Reaktionen reicht von scharfer Verurteilung bis hin zu zurückhaltender Diplomatie. Südafrika hat vor dem Internationalen Gerichtshof eine Klage wegen Völkermords gegen Israel eingereicht — ein Schritt, der in der westlichen Welt überwiegend auf Ablehnung stieß, in Teilen des Globalen Südens jedoch breite Unterstützung fand. Der IGH hat Israel vorläufige Maßnahmen auferlegt, um eine Eskalation zu verhindern, verfügt jedoch über keine Durchsetzungsmechanismen. (Quelle: UN-Pressedienst)

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat unterdessen Haftbefehle sowohl gegen hochrangige Hamas-Vertreter als auch gegen israelische Regierungsmitglieder beantragt — ein historisch beispielloser Schritt, der die geopolitischen Spannungen weiter verschärft. Mehrere westliche Regierungen haben diesen Schritt öffentlich kritisiert, darunter die USA, die dem IStGH nicht angehören. Der Vergleich mit anderen Krisenherden zeigt dabei, wie selektiv internationale Strafverfolgung wahrgenommen wird — ein Problem, das auch im Zusammenhang mit dem Sudan: Größte humanitäre Katastrophe der Welt immer wieder diskutiert wird.

Zahlen im Vergleich: Gaza und andere humanitäre Krisen

Region Betroffene Zivilisten (geschätzt) Binnenvertriebene UN-Nothilfestufe
Gazastreifen ca. 2,1 Millionen > 1,7 Millionen Stufe 3 (höchste)
Sudan ca. 25 Millionen > 8 Millionen Stufe 3 (höchste)
Jemen ca. 21 Millionen ca. 4,5 Millionen Stufe 3 (höchste)
Ukraine ca. 14 Millionen ca. 5,9 Millionen Stufe 3 (höchste)
Syrien ca. 16 Millionen ca. 6,8 Millionen Stufe 3 (höchste)

Quellen: OCHA, WFP, UNHCR — Schätzwerte, Stand aktuell verfügbarer UN-Berichte

Die Tabelle zeigt: Gaza ist — gemessen an der Bevölkerungsdichte und dem geografisch begrenzten Raum — die am stärksten verdichtete humanitäre Krise der Gegenwart. Auf einer Fläche von etwa 365 Quadratkilometern befinden sich mehr als zwei Millionen Menschen unter aktiven Kampfbedingungen. Das macht den Gazastreifen zu einem Extremfall, der in der Geschichte moderner Konflikte kaum Parallelen hat.

Was bedeutet das für Deutschland und Europa?

Die Krise in Gaza ist keine regionale Angelegenheit, die Deutschland von ferne betrachten kann. Die Bundesrepublik ist aus historischen, politischen und wirtschaftlichen Gründen tief in den Konflikt eingebunden — und steht dabei unter erheblichem innenpolitischen Druck.

Zunächst zur Außenpolitik: Deutschland hat Israel seine historisch gewachsene Solidarität bekräftigt und hält an der sogenannten Staatsräson fest. Gleichzeitig hat die Bundesregierung mehrfach humanitäre Pausen und die Einhaltung des Völkerrechts gefordert — eine Balance, die zunehmend schwieriger aufrechtzuerhalten ist. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock hat Israel mehrfach aufgefordert, den Zugang für Hilfsorganisationen zu erleichtern, ohne dabei die Grundlage der Partnerschaft in Frage zu stellen. (Quelle: dpa)

Die Debatte über deutsche Rüstungsexporte nach Israel hat das Land politisch gespalten. Deutschland hatte nach dem Hamas-Angriff vom Oktober des Vorjahres Rüstungsgüter geliefert, diese Lieferungen jedoch im weiteren Verlauf erheblich reduziert. Vor dem Internationalen Gerichtshof wurde Deutschland als möglicher Mitverantwortlicher in einem von Nicaragua angestrengten Verfahren wegen Rüstungsexporten benannt — ein Vorgang, der auch innenpolitisch Merz äußert Unbehagen über Stimmung in Deutschland thematisiert wurde.

Ein weiteres zentrales Thema ist die innenpolitische Stimmungslage. Die Debatten über den Gaza-Krieg haben in Deutschland zu einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung geführt. Hochschulen wurden zu Schauplätzen von Protestcamps. Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus sind nach Angaben von Sicherheitsbehörden im Jahresvergleich deutlich angestiegen. Behörden verfolgen dabei auch mögliche Verbindungen zu extremistischen Netzwerken — ein Thema, das direkt an die Arbeit der Nachrichtendienste anknüpft, die auch in anderen Kontexten im Fokus stehen, etwa wenn Deutsche Behörden IS-Mitgliederlisten sichern.

Auch auf europäischer Ebene entstehen Risse. Spanien, Irland und Norwegen haben Palästina offiziell als Staat anerkannt — ein Schritt, den Deutschland bislang verweigert. Die EU als Ganzes ringt um eine gemeinsame Position, die kaum zu finden ist, weil die Mitgliedsstaaten fundamental unterschiedliche Interessen und historische Bindungen mitbringen. Der Zusammenhalt Europas steht auf dem Prüfstand — nicht anders als in der Frage des Ukraine-Kriegs, wo die Geschlossenheit der westlichen Allianz täglich neu errungen werden muss, wie die Berichte über Russland erhöht Rekrutierungsprämien massiv zeigen.

Deutschland-Bezug: Deutschland ist nach den USA und der EU einer der größten Geldgeber für UNRWA und hat seine Zahlungen nach vorübergehendem Einfrieren wieder aufgenommen. Gleichzeitig steht die Bundesrepublik vor der schwierigen Aufgabe, ihre historische Verantwortung gegenüber Israel mit den wachsenden humanitären Forderungen der internationalen Gemeinschaft in Einklang zu bringen. Innenpolitisch hat der Gaza-Krieg die gesellschaftliche Debatte über Antisemitismus, Islamophobie und Meinungsfreiheit neu entfacht. Deutsche Gerichte und Behörden befassen sich zunehmend mit Fällen, die direkt mit dem Konflikt in Zusammenhang stehen. Die Bundesregierung steht unter Druck, eine konsistente Nahostpolitik zu formulieren — ein Ziel, das angesichts der Komplexität des Konflikts schwer zu erreichen ist. (Quellen: dpa, Bundesministerium des Äußeren)

Die humanitäre Frage jenseits der Politik

Was in den geopolitischen Debatten oft untergeht, ist das schlichte Leid der Zivilbevölkerung. Hilfsorganisationen berichten von Kindern, die an vermeidbaren Infektionskrankheiten sterben, weil Antibiotika fehlen. Von Schwangeren, die ohne medizinische Versorgung entbinden. Von alten Menschen, die nicht mehr evakuiert werden können. Das Kinderhilfswerk UNICEF hat erklärt, dass Gaza „der gefährlichste Ort der Welt für ein Kind" sei — eine Aussage, die von UN-Vertretern in dieser Deutlichkeit selten so formuliert wird. (Quelle: UNICEF, Reuters)

Die Frage, die sich die internationale Gemeinschaft stellen muss, ist nicht nur eine des politischen Willens, sondern eine der institutionellen Handlungsfähigkeit. Ein System, das immer wieder auf multiple gleichzeitige Krisen trifft — ob im Sudan, in der Ukraine oder in Gaza — und dabei strukturell überfordert erscheint, steht vor einer Legitimitätskrise. Der Vergleich mit anderen Konflikten zeigt, dass das globale Aufmerksamkeitsfenster eng ist und dass politische Nähe bestimmt, welche Krisen Resonanz finden. Geopolitische Berechnungen — ähnlich wie sie auch Analysen über Experte widerspricht Geheimdienstbericht zu russischen Aktivitäten begleiten — prägen letztlich, wer Schutz erhält und wer nicht.

Für Deutschland und Europa ist Gaza damit mehr als ein fernes Kriegsgebiet. Es ist ein Stresstest für das Selbstverständnis des Westens als wertebasierte Gemeinschaft — und für die Fähigkeit internationaler Institutionen, in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung handlungsfähig zu bleiben. Ob dieser Test bestanden wird, ist derzeit offen.

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

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