ZenNews24› Digital› Quantencomputer: IBM und Google melden historisch… Digital Quantencomputer: IBM und Google melden historischen Durchbruch Was die Durchbrüche bedeuten — und wann Quantencomputer praxisreif werden Von Markus Bauer 02.11.2024, 10:30 Uhr 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026 Das Wichtigste in Kürze Die Quantencomputer-Industrie hat im Jahr 2024 einen Reifegrad erreicht, der vor wenigen Jahren noch kaum denkbar schienIBM und Google präsentierten in… Innerhalb weniger Monate haben IBM und Google unabhängig voneinander Quantencomputer-Ergebnisse präsentiert, die selbst skeptische Physiker aufhorchen lassen — und die Frage, wann diese Technologie aus dem Labor in die Praxis findet, drängt sich mit neuer Schärfe auf.InhaltsverzeichnisWas IBM und Google tatsächlich erreicht habenDie Lücke zwischen Laborergebnis und PraxiseinsatzDeutschland und Europa im globalen WettbewerbIBMs und Googles unterschiedliche PhilosophienWas von den Ankündigungen zu halten istFazit: Fortschritt ja — Revolution noch nicht Kerndaten: IBM betreibt derzeit über 100 Quantencomputer weltweit und hat ein System mit mehr als 1.000 Qubits in Betrieb. Google demonstrierte mit seinem Willow-Chip eine Fehlerkorrekturrate, die frühere Generationen um Größenordnungen übertrifft. Laut Gartner befinden sich Quantencomputer noch in der Phase des "Peak of Inflated Expectations" im Hype-Zyklus, könnten jedoch innerhalb eines Jahrzehnts produktiv einsetzbar sein. Der weltweite Markt für Quantencomputing soll laut IDC bis Mitte der 2030er-Jahre auf über 8 Milliarden US-Dollar anwachsen. In Deutschland investieren erste Großkonzerne gezielt in Quanten-Startups — darunter die Schwarz-Gruppe. Was IBM und Google tatsächlich erreicht haben Die Meldungen klingen auf den ersten Blick wie Sci-Fi: Ein Computer löst in fünf Minuten ein Problem, für das der schnellste klassische Supercomputer Milliarden von Jahren bräuchte. Genau das behauptete Google für seinen Willow-Chip — und diesmal, so betonen unabhängige Forscher, ist das Ergebnis schwerer zu widerlegen als bei früheren Ankündigungen des Konzerns. Der entscheidende Unterschied zu Googles Sycamore-Demonstration aus dem Jahr 2019 liegt in der Fehlerkorrektur: Willow soll Rechenfehler, die bei Quantencomputern systemimmanent sind, aktiv während des Rechenvorgangs reduzieren können — je mehr Qubits man hinzufügt, desto geringer wird die Fehlerrate. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was bislang der Fall war. IBM verfolgt unterdessen eine andere Strategie: Statt spektakulärer Einzeldemonstrationen setzt der Konzern auf modulare Systeme und eine schrittweise Skalierung. Mit dem aktuellen Heron-Prozessor und der Roadmap zu noch leistungsfähigeren Architekturen will IBM zeigen, dass Quantencomputing kein Laborphänomen bleibt. IBMs angekündigtes 100.000-Qubit-System setzt dabei auf neuartige Verbindungsarchitekturen, die mehrere kleinere Quantenprozessoren zu einem größeren Netzwerk zusammenschließen — ein Ansatz, den IBM als "Quantum-Centric Supercomputing" bezeichnet. Was ein Qubit ist — und warum es so schwer zu kontrollieren ist Ein klassischer Computer rechnet mit Bits — Einsen und Nullen, immer eindeutig. Ein Quantenbit, kurz Qubit, kann dank eines physikalischen Phänomens namens Superposition gleichzeitig Eins und Null sein, solange es nicht gemessen wird. Das klingt abstrakt, hat aber praktische Konsequenzen: Quantencomputer können bestimmte Probleme exponentiell schneller durchsuchen als klassische Rechner. Hinzu kommt die sogenannte Verschränkung: Zwei Qubits können so miteinander verknüpft sein, dass der Zustand des einen sofort den Zustand des anderen bestimmt — egal wie weit sie voneinander entfernt sind.📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Das Problem liegt in der extremen Empfindlichkeit dieser Zustände. Schon minimale Wärme, Erschütterungen oder elektromagnetische Felder bringen Qubits aus dem Takt — Physiker nennen das Dekohärenz. Fehlerkorrektur ist deshalb die zentrale Herausforderung des gesamten Feldes. Google behauptet nun, genau hier einen strukturellen Durchbruch erzielt zu haben. Unabhängige Wissenschaftler bewerten die veröffentlichten Daten als belastbar, warnen aber vor voreiligen Schlüssen: Die getesteten Rechenaufgaben sind so konstruiert, dass Quantencomputer dort glänzen — für reale Anwendungen sei der Weg noch weit. Die Lücke zwischen Laborergebnis und Praxiseinsatz Hier liegt der Kern der öffentlichen Debatte: Was nützt ein Quantencomputer, der theoretisch schneller als jeder Supercomputer ist, wenn er nur für hochspezialisierte mathematische Probleme eingesetzt werden kann und bei Raumtemperatur schlicht nicht funktioniert? Die aktuellen Systeme von IBM und Google müssen auf nahe dem absoluten Nullpunkt — rund minus 273 Grad Celsius — gekühlt werden. Das erfordert aufwändige Kryostaten und macht portable oder dezentrale Anwendungen auf absehbare Zeit unrealistisch. Laut Gartner werden praktisch nutzbare Quantencomputer für Unternehmen frühestens in zehn Jahren breit verfügbar sein. Statista-Prognosen zufolge rechnen nur wenige Prozent der befragten IT-Entscheider damit, Quantencomputing in den nächsten drei Jahren produktiv einzusetzen. Bitkom schätzt, dass zwar Interesse in der deutschen Industrie vorhanden ist, konkrete Pilotprojekte aber noch die Ausnahme darstellen. IDC wiederum betont, dass der Wert von Quantencomputing vorerst vor allem in hybriden Ansätzen liegen wird — also in der Kombination aus klassischen Hochleistungsrechnern und Quantenprozessoren, die bestimmte Teilaufgaben übernehmen. Welche Branchen als erste profitieren könnten Pharmaindustrie und Materialwissenschaft gelten als aussichtsreichste Kandidaten: Molekulare Simulationen, die heute selbst Supercomputer an ihre Grenzen bringen, könnten mit Quantencomputern präziser und schneller durchgeführt werden — mit direkten Konsequenzen für die Medikamentenentwicklung. Auch Logistik und Finanzwirtschaft werden häufig genannt: Optimierungsprobleme mit tausenden Variablen — etwa die effizienteste Route für ein globales Liefernetzwerk oder das optimale Portfolio aus Tausenden Wertpapieren — sind genau die Art von Aufgaben, bei denen Quantenalgorithmen theoretische Vorteile bieten. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Thema Kryptografie: Leistungsfähige Quantencomputer könnten gängige Verschlüsselungsverfahren wie RSA knacken, die heute als sicher gelten. Das hat Behörden und Sicherheitsforscher weltweit dazu veranlasst, sogenannte Post-Quanten-Kryptografie zu entwickeln — also Verschlüsselungsstandards, die auch gegen Quantenangriffe resistent sind. Das US-amerikanische National Institute of Standards and Technology (NIST) hat entsprechende Standards bereits verabschiedet. (Quelle: NIST) Für Verbraucher ist das zunächst irrelevant — Quantencomputer werden keine Smartphones ersetzen. Relevant wird es, wenn die Infrastruktur, die persönliche Daten schützt, unter Druck gerät. Banken, Krankenkassen und Behörden arbeiten deshalb bereits an der Migration zu quantensicheren Systemen — ein Prozess, der Jahre dauern wird. Deutschland und Europa im globalen Wettbewerb Die geopolitische Dimension des Quantenrennens ist kaum zu überschätzen. Die USA, China und die EU investieren massiv staatliche Mittel. Die Bundesregierung hat im Rahmen des Konjunkturpakets mehrere Milliarden Euro für Quantentechnologien bereitgestellt. Erste Ergebnisse zeigen sich: In Deutschland entstehen Startups, die eigene Quanten-Hardware entwickeln — ein ungewöhnlicher Ansatz in einem Feld, das lange von US-Konzernen dominiert wurde. Besonders auffällig ist das Engagement etablierter Konzerne: Die Schwarz-Gruppe, Mutterkonzern von Lidl und Kaufland, investiert in das Quantencomputer-Startup Eleqtron — ein Signal, dass auch der Handel Langzeitwetten auf die Technologie platziert. Eleqtron arbeitet mit einem anderen physikalischen Ansatz als IBM und Google: Statt supraleitender Schaltkreise setzt das Unternehmen auf ionengefangene Atome als Qubits, die theoretisch stabiler und skalierbarer sein könnten. Auf europäischer Ebene koordiniert das Quantum Flagship-Programm der EU Forschungsaktivitäten mit einem Budget von einer Milliarde Euro über zehn Jahre. (Quelle: Europäische Kommission) Das Ziel: technologische Souveränität in einem Bereich sichern, der als kritische Infrastruktur der Zukunft gilt. IBMs und Googles unterschiedliche Philosophien Wer die Entwicklungen beider Unternehmen verfolgt, erkennt fundamentale Unterschiede im Ansatz. Google setzt auf Schlagzeilen und wissenschaftliche Publikationen, die Überlegenheit gegenüber klassischen Computern demonstrieren — sogenannte "Quantum Supremacy"-Momente. IBM hingegen baut auf offene Ökosysteme: Mit der Plattform IBM Quantum Network können Unternehmen und Universitäten weltweit über die Cloud auf echte Quantenhardware zugreifen. Dieser pragmatischere Weg zieht mehr Entwickler an und schafft ein Ökosystem aus Algorithmen und Anwendungsfällen — auch wenn die spektakulären Einzelergebnisse meist aus dem Google-Lager kommen. Google wiederum ist längst nicht nur Quantencomputing-Unternehmen: Der Konzern kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig. Ein US-Gericht erklärte Googles Suchmonopol für illegal — ein Urteil, das die strategische Zukunft des Unternehmens neu definieren könnte. Parallel investiert Google massiv in künstliche Intelligenz: Mit Bard und Gemini positioniert sich Google gegen OpenAI, und Gemini Advanced gilt intern als wichtigster KI-Vorstoß des Konzerns seit Jahren. Die Frage, wie viel Energie und Kapital Google für Quantencomputing reserviert, wenn die KI-Front gleichzeitig heiß umkämpft ist, bleibt offen. Was von den Ankündigungen zu halten ist Die Durchbrüche von IBM und Google sind real — in dem Sinne, dass technischer Fortschritt messbar stattgefunden hat. Fehlerkorrekturfortschritte bei Google und die zunehmende Systemstabilität bei IBM sind keine Marketingerfindungen. Dennoch ist Nüchternheit angebracht: Der Abstand zwischen dem, was im Labor möglich ist, und dem, was in drei oder fünf Jahren in Unternehmens-IT-Systemen läuft, ist enorm. Auch die Ankündigungsrhetorik beider Konzerne folgt eigenen Interessen: Investoren, Forschungsfördergelder und Talente folgen denjenigen, die Fortschritt öffentlich sichtbar machen. Die wissenschaftliche Gemeinschaft mahnt deshalb regelmäßig zu differenzierter Einordnung. Peer-reviewte Publikationen — wie Googles Willow-Paper im Fachjournal "Nature" — bieten mehr Substanz als Pressemitteilungen, reichen aber nicht aus, um die Praxisreife der Technologie zu belegen. Interessant wird es zudem, wie sich die KI-Entwicklung mit Quantencomputing verschränkt — nicht im physikalischen Sinne, sondern strategisch. Google arbeitet an KI-Steuerungssystemen, die klassische Computerhardware übernehmen sollen — ein Projekt, das zeigt, wie fließend die Grenzen zwischen verschiedenen Technologiegenerationen werden. Langfristig könnten KI-Systeme von Quantenhardware profitieren, die bestimmte Optimierungsprobleme des maschinellen Lernens schneller löst. Das ist jedoch Zukunftsmusik — Realität ist derzeit eine strikte Trennung beider Welten. Fazit: Fortschritt ja — Revolution noch nicht Der technische Fortschritt bei IBM und Google ist dokumentiert und bedeutsam. Die Fehlerkorrektur-Fortschritte, die Skalierungsansätze und das wachsende Ökosystem aus Entwicklern und Anwendungen legen eine Basis, die in einem Jahrzehnt tatsächlich praxisrelevant sein könnte. Wer heute jedoch erwartet, dass Quantencomputer bald klassische Rechenzentren ablösen oder persönliche Geräte revolutionieren, unterschätzt die physikalischen und ingenieurtechnischen Hürden erheblich. Für Unternehmen lohnt es sich, die Entwicklung zu beobachten und erste Experimente zu wagen — insbesondere in Branchen mit komplexen Optimierungsproblemen. Für alle anderen gilt: Die Quantenrevolution kommt, aber sie kündigt sich laut an, bevor sie eintrifft. (Quelle: Gartner Hype Cycle for Emerging Technologies) Anbieter Aktuelles System Qubit-Anzahl Technologie-Ansatz Stärke Einschränkung IBM Heron / Quantum Network über 1.000 (Condor) Supraleitende Qubits, modulare Architektur Offenes Ökosystem, Cloud-Zugang, breite Partnerbasis Fehlerraten noch hoch, Kryokühlung notwendig Google Willow-Chip 105 (physikalisch, hohe Qualität) Supraleitende Qubits, Fokus auf Fehlerkorrektur Nachgewiesene Fehlerkorrektur-Skalierung, wissenschaftliche Publikationen Bislang nur für spezialisierte Demonstrationsaufgaben gezeigt Eleqtron (Deutschland) Ionenfallen-Systeme Im Aufbau (zweistellig bis dreistellig) Ionengefangene Atome Theoretisch höhere Qubit-Qualität, längere Kohärenzzeiten Skalierung technisch aufwändig, frühe Entwicklungsphase IonQ (USA) IonQ Forte 35 algorithmische Qubits Ionenfallen Hohe Qubit-Qualität, geringere Fehlerraten als viele supraleitende Systeme Langsamer als supraleitende Systeme bei Gatteroperationen Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 Quantencomputer Wissenschaft Forschung M Markus Bauer Technologie & Digitales Markus Bauer verfolgt die Entwicklungen in Tech, KI und Digitalpolitik. Er analysiert, wie neue Technologien Gesellschaft und Wirtschaft verändern — von Datenschutz bis Plattformregulierung. 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