Politik

CDU im freien Fall: Wie Armin Laschet die Bundestagswahl verlor

Das Kandidaten-Debakel der Union und der Aufstieg von Friedrich Merz

Von ZenNews24 Redaktion 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
CDU im freien Fall: Wie Armin Laschet die Bundestagswahl verlor

Der 26. September 2021 sollte ein Triumphtag für die Union werden. Stattdessen wurde er zum Schreckensszenario einer politischen Dynastie. Als die Wahllokale schlossen und die ersten Prognosen über die Bildschirme flimmerten, war klar: Die CDU/CSU hatte ihr schlechtestes Ergebnis seit der Wiedervereinigung eingefahren. Armin Laschet, der Kanzlerkandidat der Union, würde nicht ins Kanzleramt einziehen. Stattdessen übernahm Olaf Scholz mit der SPD das Ruder – eine historische Zäsur, deren Ursachen weit in die Vergangenheit zurückreichen und die das deutsche Parteiensystem bis heute prägen.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die Geschichte eines vermeidbaren Niedergangs
  • Was bleibt: Lehren aus einem historischen Scheitern

Was in der Debatte um diesen Wahlabend oft übersehen wird: Die Niederlage der Union war nicht das Ergebnis einer einzelnen Wahlnacht, sondern eines monatelangen Desasters aus gescheiterter Kandidatenfindung, giftigen internen Machtkämpfen und einer fatalen Fehleinschätzung der eigenen Stärke. Armin Laschet scheiterte nicht, weil die Wähler ihn am 26. September ablehnten – er scheiterte, weil die Union selbst längst an ihm gezweifelt hatte, bevor auch nur eine Urne geöffnet wurde.

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Die Geschichte eines vermeidbaren Niedergangs

Im Frühjahr 2021 hatte die Union noch komfortabel über 30 Prozent gelegen.

Um die Tragödie dieses Wahlkampfes zu verstehen, muss man sich ins Frühjahr 2021 zurückversetzen. Die Pandemie hatte die Bundesrepublik im Griff, die Impfkampagnen kamen nur schleppend voran, und Angela Merkel hatte nach 16 Jahren ihren Abschied aus der Politik angekündigt. Zum ersten Mal seit 2005 musste die Union einen neuen Kanzlerkandidaten bestimmen – eine Entscheidung mit historischer Tragweite.

Drei Namen dominierten die Diskussion: Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und seit Jahren als Merkels präferierter Nachfolger gehandelt; Markus Söder, der bayerische Ministerpräsident, in Umfragen populär und mit schärferem Profil; sowie Friedrich Merz, der wirtschaftsliberale Hardliner, der eine konservativere Linie innerhalb der CDU verkörperte. Der Machtkampf zwischen Laschet und Söder sollte sich zum destruktivsten innerparteilichen Konflikt der jüngeren Unionsgeschichte entwickeln – mit Folgen, die weit über den Wahlabend hinausreichten.

Laschet setzte sich durch – aber auf eine Art, die die Partei dauerhaft beschädigte. Er hatte zwar die formale Unterstützung der CDU-Gremien, doch Söder zog sich nicht geräuschlos zurück. Über Wochen hinweg signalisierte der Bayer seine Verfügbarkeit, beschädigte Laschets Glaubwürdigkeit systematisch und trieb die Partei in eine öffentliche Zerreißprobe. Was folgte, war ein Wahlkampf unter einem völlig anderen Vorzeichen: Die Union, einst Inbegriff von Stabilität und Gestaltungswillen, wirkte zerstritten, orientierungslos und vom eigenen Machtkampf zermürbt.

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Fakten zur Bundestagswahl 2021

  • Wahltag: 26. September 2021
  • CDU/CSU-Ergebnis: 24,1 Prozent – schlechtestes Unionsergebnis seit der Wiedervereinigung 1990
  • SPD-Ergebnis: 25,7 Prozent – stärkste Kraft im neuen Bundestag
  • Grüne: 14,8 Prozent – bestes Ergebnis der Parteigeschichte
  • Wahlbeteiligung: 76,6 Prozent
  • Koalition: SPD, Grüne und FDP bildeten die erste Ampelkoalition auf Bundesebene
  • Kanzler: Olaf Scholz (SPD) wurde am 8. Dezember 2021 vereidigt

Das erste Desaster: Der Lacher im Flutgebiet

Mitte Juli 2021, während Teile Westdeutschlands unter einer der schlimmsten Hochwasserkatastrophen der Nachkriegsgeschichte versanken, besuchte Laschet das Flutgebiet in Nordrhein-Westfalen. Dort wurde er fotografiert, wie er während einer Ansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lachte und scherzte – wenige Kilometer entfernt von Orten, in denen Menschen ums Leben gekommen waren. Die Bilder verbreiteten sich innerhalb von Stunden. Laschets Büro versuchte zu erklären, zu entschuldigen, den Kontext zu liefern. Es half nichts.

Dieser Moment war kein isolierter Ausrutscher. Er wurde zum Symbol für etwas Tieferliegendes: für eine Kandidatur, die nie wirklich überzeugt hatte, für eine Partei, die ihren eigenen Mann nicht vollständig hinter sich vereinen konnte, und für einen Kanzlerkandidaten, dem in entscheidenden Momenten das politische Gespür fehlte. Laschets Kampagne erholte sich davon nicht mehr.

Während die SPD mit Olaf Scholz Kompetenz, Ruhe und staatsmännische Nüchternheit projizierte und die Grünen mit Annalena Baerbock und Robert Habeck frischen Gestaltungswillen versprachen, wirkte Laschet zunehmend wie ein Kandidat der Vergangenheit. Die Umfragewerte drifteten kontinuierlich ab. Im Frühjahr 2021 hatte die Union noch komfortabel über 30 Prozent gelegen. Im September notierte sie bei 24 Prozent – ein historisches Debakel für eine Partei, die jahrzehntelang die Hegemonialmacht der deutschen Politiklandschaft gewesen war.

Januar 2021 Armin Laschet wird auf einem digitalen Parteitag zum CDU-Bundesvorsitzenden gewählt – knapp vor Friedrich Merz.
April 2021 Nach wochenlangem öffentlichem Ringen einigt sich die Union auf Laschet als gemeinsamen Kanzlerkandidaten. Söder akzeptiert widerwillig.
Juli 2021 Die Flutkatastrophe im Ahrtal und im Bergischen Land fordert über 180 Todesopfer. Laschets Lacher im Flutgebiet wird zum viralen Wendepunkt des Wahlkampfs.
August 2021 Die SPD überholt die Union in bundesweiten Umfragen erstmals seit Jahren. Der Scholz-Effekt ist in vollem Gange.
26. September 2021 Bundestagswahl. CDU/CSU erhält 24,1 Prozent, die SPD 25,7 Prozent. Laschet erkennt die Niederlage zunächst nicht an und erklärt, Koalitionsverhandlungen führen zu wollen.
Dezember 2021 Laschet tritt als CDU-Vorsitzender zurück. Die Partei beginnt die Suche nach einem Neuanfang.
Februar 2022 Friedrich Merz wird beim CDU-Parteitag mit deutlicher Mehrheit zum neuen Parteivorsitzenden gewählt.

Die Nacht, in der Laschet die Niederlage nicht sah

Was dem Wahlabend selbst eine besondere Bitterkeit verleiht: Laschet weigerte sich zunächst, das Ergebnis als eindeutige Niederlage zu akzeptieren. Noch am Wahlabend erklärte er, die Union werde Sondierungsgespräche führen und einen Regierungsbildungsauftrag beanspruchen – obwohl die SPD stärkste Kraft geworden war. Dieser Schritt, politisch zwar formal nicht unzulässig, wirkte in der Öffentlichkeit wie das Klammern an Macht um jeden Preis. Er kostete Laschet das letzte verbliebene Kapital an Sympathie.

In den Wochen nach der Wahl versuchten sowohl die Union als auch die SPD, Koalitionsgespräche mit Grünen und FDP zu führen. Doch schnell wurde klar, dass Scholz die besseren Karten hatte – nicht nur arithmetisch, sondern atmosphärisch. Die Ampelkoalition nahm Gestalt an, und Laschet stand vor den Scherben seiner Kanzlerkandidatur.

Friedrich Merz und die ideologische Neuausrichtung

Während Laschet langsam abtrat, vollzog sich in der Union eine stille, aber folgenreiche Revolution. Friedrich Merz, der 2018 die Kampfabstimmung um den CDU-Vorsitz gegen Annegret Kramp-Karrenbauer verloren hatte und 2021 erneut Laschet unterlegen war, positionierte sich nach der Wahlnacht mit bemerkenswerter Entschlossenheit. Er trat öffentlich auf, formulierte klare Analysen des Scheiterns und machte unmissverständlich deutlich, dass er bereit war, Verantwortung zu übernehmen.

Als Laschet im Dezember 2021 den Parteivorsitz aufgab, war Merz' Kandidatur nur noch eine Frage des Zeitpunkts. Im Februar 2022 wählte ihn der CDU-Parteitag mit breiter Mehrheit zum neuen Vorsitzenden – ein Ergebnis, das mehr als nur ein Führungswechsel war. Es war eine ideologische Richtungsentscheidung. Merz steht für einen dezidiert wirtschaftsliberaleren Kurs, für eine schärfere Abgrenzung nach links und für eine Rückbesinnung auf konservative Kernthemen, die in der Merkel-Ära bewusst zurückgestellt worden waren.

Kandidat Partei Ergebnis 2021 Bewertung
Olaf Scholz SPD 25,7 % Stärkste Kraft, Kanzler
Armin Laschet CDU/CSU 24,1 % Historische Niederlage, Rücktritt
Annalena Baerbock Grüne 14,8 % Bestes Grünen-Ergebnis, Außenministerin
Christian Lindner FDP 11,5 % Koalitionspartner, Finanzminister
Alice Weidel / Tino Chrupalla AfD 10,3 % Stärkste Oppositionskraft rechts der Union

Was bleibt: Lehren aus einem historischen Scheitern

Die Bundestagswahl 2021 ist kein abgeschlossenes Kapitel der deutschen Politikgeschichte – sie ist eine Blaupause für die strukturellen Schwächen, die eine große Volkspartei in den Niedergang treiben können. Die Union hatte 16 Jahre lang von Angela Merkels Integrationskraft profitiert, ohne eine eigene Zukunftsvision zu entwickeln. Als Merkel abtrat, fehlte nicht nur ein Nachfolger mit vergleichbarer Ausstrahlung. Es fehlte auch ein inhaltliches Angebot, das über das Versprechen der Kontinuität hinausging.

Laschet scheiterte, weil er in einer Zeit, die nach Orientierung verlangte, keine überzeugende Antwort auf die Frage geben konnte, wofür die Union im Jahr 2021 eigentlich stand. Er scheiterte, weil sein Aufstieg zum Kandidaten durch einen internen Machtkampf vergiftet worden war, der der Partei nie ermöglichte, geschlossen hinter ihm zu stehen. Und er scheiterte, weil er in einem entscheidenden symbolischen Moment – dem Lacher im Flutgebiet – zeigte, dass Empathie und politisches Gespür nicht auf Abruf verfügbar sind.

Reaktionen und Ausblick

Für die Union begann nach dem 26. September 2021 ein schmerzhafter, aber notwendiger Prozess der Selbstbefragung. Dass dieser Prozess mit Friedrich Merz an der Spitze stattfindet, ist selbst ein historisches Signal: Die Partei hat sich bewusst für eine Abkehr von der Merkel-Doktrin entschieden und setzt auf ein schärferes, konservativeres Profil. Ob das der richtige Weg ist, wird sich an künftigen Wahlen erweisen. Was jedoch feststeht: Der 26. September 2021 hat die CDU verändert – und mit ihr die Koordinaten der deutschen Politik.

Quellen: Bundeswahlleiter, Ergebnisse der Bundestagswahl 2021; ARD/ZDF-Wahlabendberichterstattung, 26. September 2021; Süddeutsche Zeitung, Analyse zur Unionsführungsfrage, April 2021; Der Spiegel, Titelgeschichte zur Kandidatenkrise, Juli 2021; Forschungsgruppe Wahlen, Umfragedaten Bundestagswahlkampf 2021.

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