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Weniger ETF-Rendite in Zukunft? Finanztip warnt

Das Video hat viele Anleger verunsichert. Wir zeigen, was die Zahlen wirklich bedeuten

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
Weniger ETF-Rendite in Zukunft? Finanztip warnt

Sieben Prozent reale Rendite pro Jahr — das war über Jahrzehnte die Faustformel für breit gestreute Aktien-ETFs auf den MSCI World oder den S&P 500. Doch ein vielbeachtetes Video des gemeinnützigen Finanzratgebers Finanztip hat diese Annahme ins Wanken gebracht und unter Kleinanlegern eine Debatte ausgelöst, die längst überfällig war.

Was Finanztip tatsächlich gesagt hat

Das Video, das innerhalb weniger Tage Hunderttausende Aufrufe sammelte, referenzierte Prognosen großer Vermögensverwalter wie Vanguard und BlackRock sowie unabhängige Kapitalmarktforscher, die für die kommenden zehn bis fünfzehn Jahre deutlich niedrigere Erträge für Aktien-ETFs erwarten als in der Vergangenheit. Die genannten Schätzungen reichten von drei bis fünf Prozent nominaler Jahresrendite für einen globalen Aktien-ETF — und damit real, also nach Abzug der Inflation, möglicherweise nur noch ein bis drei Prozent.

Der Kern der These: Die außergewöhnlichen Renditen der vergangenen vier Jahrzehnte waren kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis einer einmaligen Kombination aus sinkenden Zinsen, Globalisierungsgewinnen, demografischem Rückenwind und einer Bewertungsexpansion, die sich rechnerisch nicht einfach wiederholen lässt. Wer heute ETFs kauft, zahlt für die gleichen Unternehmensgewinne schlicht einen deutlich höheren Preis als Anleger vor zwanzig Jahren.

Das hat in Kommentarspalten, Reddit-Foren und Finanzpodcasts erhebliche Verunsicherung ausgelöst. Viele Kleinanleger, die erst seit der Niedrigzinsphase mit dem systematischen ETF-Sparen begonnen haben, fragen sich seither: War der Plan, über Jahrzehnte mit monatlichen Sparraten ein Vermögen aufzubauen, von falschen Prämissen geleitet?

Die Bewertungsfrage: Was steckt hinter den niedrigeren Prognosen?

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Um zu verstehen, warum erfahrene Kapitalmarktforscher vorsichtiger geworden sind, muss man das sogenannte Shiller-KGV betrachten — das zyklisch bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis, das der Ökonom Robert Shiller entwickelt hat. Es setzt den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum durchschnittlichen Unternehmensgewinn der vergangenen zehn Jahre, bereinigt um Inflation. Dieses Maß gilt als einer der zuverlässigsten langfristigen Renditeprediktoren.

Derzeit liegt das Shiller-KGV für den US-amerikanischen Aktienmarkt auf einem historisch sehr hohen Niveau — vergleichbar nur mit den Phasen kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase und im Zeitraum kurz vor der Finanzkrise. Historisch gilt: Je höher dieses Maß zum Kaufzeitpunkt, desto niedriger die zu erwartende Rendite über die folgenden zehn bis fünfzehn Jahre (Quelle: Yale School of Management, Shiller-Datenbank).

Da der MSCI World zu rund zwei Dritteln aus US-amerikanischen Aktien besteht, überträgt sich diese Bewertungsproblematik direkt auf das beliebteste ETF-Portfolio deutscher Kleinanleger. Ein Anleger, der heute in einen MSCI World ETF investiert, kauft also einen Index, dessen größter Bestandteil historisch gemessen teuer ist.

Renditeprognosen der großen Häuser im Vergleich

Institution Prognosehorizont Erwartete nominale Jahresrendite (globale Aktien) Erwartete reale Jahresrendite
Vanguard (Capital Markets Model) 10 Jahre ca. 4,2 – 6,2 % ca. 2,0 – 4,0 %
BlackRock Investment Institute 10 Jahre ca. 5,0 – 7,0 % ca. 2,5 – 4,5 %
Research Affiliates 10 Jahre ca. 3,0 – 5,0 % ca. 1,0 – 3,0 %
Historischer Durchschnitt MSCI World (1970–heute) Rückblick ca. 10,0 % ca. 6,5 – 7,0 %
McKinsey Global Institute 20 Jahre ca. 4,0 – 6,5 % ca. 1,5 – 4,0 %

Diese Prognosen sind keine Gewissheiten, sondern statistische Erwartungswerte — mit erheblicher Bandbreite nach oben und unten. Wer heute in ETFs spart, sollte sie zur Kenntnis nehmen, ohne daraus überstürzte Handlungskonsequenzen zu ziehen.

Konjunkturindikator: Das ifo Geschäftsklimaindex für Deutschland signalisiert derzeit eine fragile konjunkturelle Erholung bei weiterhin gedämpften Wachstumserwartungen. Die Bundesbank prognostiziert für das laufende Jahr ein BIP-Wachstum von unter einem Prozent. Diese gesamtwirtschaftliche Schwäche drückt auch auf die Gewinnerwartungen europäischer Unternehmen — und damit mittelbar auf die Renditeaussichten europäischer Aktienindizes, die im Vergleich zum US-Markt allerdings deutlich günstiger bewertet sind (Quelle: ifo Institut, Deutsche Bundesbank).

Wer profitiert, wer verliert — und welche Sektoren betroffen sind

Die Debatte um niedrigere ETF-Renditen ist keine abstrakte akademische Übung. Sie hat konkrete Konsequenzen für verschiedene Anlegergruppen — und für ganze Branchen.

Anlegergruppen im Vergleich

Junge Sparer mit langem Anlagehorizont: Für Anleger, die noch zwanzig oder dreißig Jahre vor sich haben, sind temporär niedrigere Renditen weniger dramatisch als oft dargestellt. Der Zinseszinseffekt wirkt auch bei vier Prozent real über lange Zeiträume erheblich. Wer monatlich zwei hundert Euro spart und dreißig Jahre lang vier Prozent reale Rendite erzielt, kommt am Ende auf ein deutlich geringeres Ergebnis als bei sieben Prozent — aber immer noch auf ein substanzielles Vermögen, das ohne Aktienanlage kaum erreichbar wäre. Der Vergleich mit dem Sparbuch oder Tagesgeld bleibt für diese Gruppe eindeutig zugunsten des ETF-Sparens (Quelle: Statista, Auswertung Sparerrenditen Deutschland).

Anleger kurz vor oder in der Rentenphase: Diese Gruppe trifft die Prognose härter. Wer in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf Entnahmen aus dem ETF-Depot angewiesen ist, hat kaum Zeit, schlechte Marktphasen auszusitzen. Das sogenannte Sequence-of-Returns-Risiko — also das Risiko, ausgerechnet in frühen Entnahmejahren auf schlechte Renditen zu treffen — ist bei hoher Bewertung und niedrigen Renditeperspektiven besonders relevant. Finanzökonomen empfehlen hier eine stärkere Diversifikation in weniger korrelierte Anlageklassen, wobei konkrete Produktempfehlungen nicht Gegenstand dieser Analyse sind.

Robo-Advisor und ETF-Plattformen: Diese Branche hat in den vergangenen Jahren stark von der Überzeugung profitiert, dass passive Investments langfristig zuverlässig attraktive Renditen liefern. Sollten die niedrigeren Prognosen zu einer Ernüchterung führen, könnte das Neukundengeschäft leiden — auch wenn langfristig orientierte Anbieter argumentieren werden, dass die Alternativen noch schlechter dastehen.

Aktiv gemanagte Fonds: Die Fondsbranche, die gegenüber passiven ETFs in den vergangenen Jahren erheblich Marktanteile verloren hat, könnte versuchen, das Argument zu nutzen: In einem Markt niedrigerer Gesamtrenditen sei aktives Management wichtiger. Die empirische Evidenz spricht allerdings nach wie vor dagegen — die überwiegende Mehrheit aktiv gemanagter Fonds schlägt ihren Vergleichsindex nach Kosten nicht (Quelle: S&P SPIVA Report, Statista).

Betroffene Sektoren: Besonders stark wirkt sich eine mögliche Renditedämpfung auf wachstumsabhängige Technologiebewertungen aus. US-amerikanische Tech-Schwergewichte, die den MSCI World dominieren, sind bei hohem Shiller-KGV besonders anfällig für Kurskorrekturen. Europäische und Schwellenländer-ETFs gelten demgegenüber nach Bewertungsmaßstäben als günstiger — was erklärt, warum manche Portfoliostrategen derzeit zu einer breiteren geografischen Streuung raten. Gleichzeitig bleibt die geopolitische Unsicherheit in relevanten Schwellenländerregionen ein nicht zu unterschätzendes Risiko, wie etwa die jüngsten Spannungen rund um den Persischen Golf zeigen — dazu hat ein Geostratege vor einem neuen Normalzustand nach der Hormus-Öffnung gewarnt.

Das Einmaleins der Renditequellen — und warum Bewertung allein nicht alles ist

Um die Prognosen richtig einzuordnen, lohnt ein Blick auf die drei grundlegenden Quellen von Aktienrenditen, die in der Finanzwissenschaft anerkannt sind: Dividendenrendite, Gewinnwachstum und Bewertungsveränderung.

Die aktuelle Dividendenrendite globaler Indizes liegt bei knapp unter zwei Prozent — historisch niedrig. Das Gewinnwachstum hängt langfristig am nominalen Wirtschaftswachstum, das in alternden Industriegesellschaften wie Deutschland, Japan oder der Eurozone strukturell gedämpft bleibt. Das DIW Berlin hat wiederholt auf die wachstumsdämpfenden Effekte des demografischen Wandels hingewiesen (Quelle: DIW Berlin, Konjunkturberichte). Die Bewertungsexpansion schließlich — also der Effekt, dass Anleger bereit waren, für den gleichen Euro Gewinn immer mehr zu zahlen — war ein wesentlicher Renditetreiber der vergangenen Dekaden, ist aber ein Einmaleffekt, der sich nicht beliebig wiederholen lässt.

Was bleibt, wenn man alle drei Komponenten nüchtern zusammenrechnet, kommt nahe an die Prognosen heran, die Finanztip in seinem Video zitiert hat. Das macht die Warnung nicht zu einer Panikmeldung, sondern zu einer faktenbasierten Neukalibrierung von Erwartungen.

Gleichzeitig ist Vorsicht vor Überinterpretation geboten. Prognosemodelle, die auf historischen Bewertungsrelationen basieren, haben in der Vergangenheit teils erhebliche Abweichungen nach oben produziert. Wer etwa auf Basis hoher Bewertungen Anfang der Nuller-Jahre dauerhaft auf Aktien verzichtet hätte, wäre langfristig schlechter gefahren als ein geduldiger Indexinvestor.

Was die Verunsicherung über ein grundsätzlicheres Problem sagt

Die Debatte rund um das Finanztip-Video ist letztlich symptomatisch für ein tieferes Problem: Ein erheblicher Teil der deutschen Bevölkerung hat erst in den vergangenen Jahren mit dem Wertpapierersparen begonnen — getrieben von Nullzinsen und einem wachsenden öffentlichen Bewusstsein für private Altersvorsorge. Viele dieser Anleger haben keine eigene Erfahrung mit Abschwüngen, mit Jahren ohne Rendite, mit dem psychologischen Druck fallender Depots.

Die staatliche Altersvorsorge steht derweil unter erheblichem Druck, wie die anhaltende Debatte um Rentenniveau und Beitragslasten zeigt. Zugleich reichen staatliche Sozialleistungen für viele Haushalte kaum aus, wie die Diskussion über Wohngeld-Kürzungen, vor denen der Mieterbund warnt, illustriert. Diese strukturellen Rahmenbedingungen erhöhen die gesellschaftliche Relevanz einer sachlichen Kapitalmarktbildung — und machen unkritische Renditeverheißungen besonders schädlich.

Es geht also nicht darum, Kleinanleger zu entmutigen. Es geht darum, realistische Erwartungen zu setzen — und dabei die gesamtgesellschaftliche Einbettung nicht zu vergessen. Demokratische Legitimation für Wirtschaftspolitik setzt informierte Bürger voraus, wie etwa die Debatte um Demokratiemüdigkeit und sinkende Wahlbeteiligung zeigt. Ähnliches gilt für den Finanzmarkt: Wer falsch informiert ist, trifft schlechte Entscheidungen — ob beim Wahlzettel oder beim Sparplan.

Die strukturellen Risiken am Finanzmarkt beschränken sich dabei nicht auf Aktien-ETFs. Institutionelle Anleger wie Pensionsfonds und Versicherungen haben in der Niedrigzinsphase verstärkt auf Private Credit gesetzt — ein Markt, dem der Finanzstabilitätsrat erhebliche Schwachstellen attestiert, wie ein Blick auf die FSB-Warnung vor Schwachstellen im Private-Credit-Markt zeigt. Auch technologische Disruptionen werden die Finanzmärkte in den kommenden Jahren erheblich verändern: KI-Agenten könnten den Finanzmarkt grundlegend transformieren, wie führende Stimmen aus der Branche warnen.

Einordnung: Was Anleger aus der Debatte mitnehmen sollten

Die Kernaussage des Finanztip-Videos ist keine Sensation, sondern eine längst überfällige Relativierung überzogener Erwartungen. Wer bisher geglaubt hat, ein ETF auf den MSCI World liefere automatisch sieben Prozent real pro Jahr — unabhängig von Kaufzeitpunkt, Bewertung und makroökonomischem Umfeld —, hat eine vereinfachte Botschaft für bare Münze genommen.

Drei bis fünf Prozent nominal über die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre sind kein Desaster. Sie sind eine Neukalibrierung. Wer daraufhin seinen Sparplan pausiert, in Panik verkauft oder in hochriskante Alternativen wechselt, macht mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Fehler. Wer hingegen seinen Anlagehorizont realistisch einschätzt, seine Sparrate anpasst, geografisch breit diversifiziert und Kosten konsequent niedrig hält, bleibt auch unter gedämpfteren Marktbedingungen auf dem richtigen Kurs.

Was das Finanztip-Video geleistet hat: Es hat eine Diskussion ausgelöst, die in einer Gesellschaft, die gerade dabei ist, Aktienkultur zu entwickeln, dringend geführt werden muss. Renditeerwartungen gehören regelmäßig auf den Prüfstand — nicht erst dann, wenn die Kurse fallen. Strukturelle Fragen — etwa wie der Föderalismus in Deutschland Wirtschaftspolitik beeinflusst und ob Zuständigkeiten effizienter verteilt werden könnten, wie die Föderalismus-Debatte um die Zahl der Bundesländer zeigt — prägen letztlich auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen Unternehmen Gewinne erwirtschaften und Anleger Renditen erzielen. Finanzbildung endet nicht bei der Produktauswahl.

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

Quelle: Finanztip (YouTube)
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