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Hamburg bewirbt sich um Olympische Spiele 2036, 2040 oder 2044

Der Senat startet Bewerbungsprozess – Hamburger können bis 31. Mai abstimmen.

Von ZenNews24 Redaktion 6 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
Hamburg bewirbt sich um Olympische Spiele 2036, 2040 oder 2044

Hamburg steht vor einer historischen Entscheidung: Die Hansestadt prüft eine Bewerbung um die Ausrichtung der Olympischen Spiele – wahlweise für das Jahr 2036, 2040 oder 2044. Der Senat hat einen förmlichen Bewerbungsprozess gestartet, der die Hamburgerinnen und Hamburger erstmals per direktdemokratischer Abstimmung einbindet. Bis zum 31. Mai können stimmberechtigte Einwohnerinnen und Einwohner darüber befinden, ob ihre Stadt den nächsten Schritt in Richtung Olympia-Kandidatur unternimmt. Die Entscheidung reicht weit über Sport hinaus: Sie betrifft Stadtentwicklung, Infrastruktur, Haushalt und das Selbstverständnis Hamburgs als internationale Metropole.

Das Wichtigste in Kürze
  • Der Senat startet den Bewerbungsprozess
  • Abstimmung am 31. Mai: Was Hamburgerinnen und Hamburger wissen müssen
  • Infrastruktur: Chancen und Risiken für die Stadt
  • Vergleich mit der gescheiterten Bewerbung 2015

Der Senat startet den Bewerbungsprozess

Lokale Zahlen: Hamburg zählt rund 1,85 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner und ist damit die zweitgrößte Stadt Deutschlands.
Hamburg Hafen Containerschiffe Kraene Nacht Spiegelung

Die Hamburger Senatskanzlei hat den Startschuss für ein mehrstufiges Bewerbungsverfahren gegeben, das eine breite Bürgerbeteiligung als zentrales Element vorsieht. Erstmals in der Geschichte der Stadt werden die Einwohnerinnen und Einwohner nicht nur nachträglich informiert, sondern vor einer wegweisenden Entscheidung aktiv eingebunden. Bürgermeister Peter Tschentscher betonte: „Wir wollen, dass die Menschen in Hamburg selbst entscheiden, ob wir diesen Weg gehen. Olympische Spiele verändern eine Stadt – das muss ein breiter gesellschaftlicher Konsens tragen."

Strategisch bemerkenswert ist die Flexibilität der Bewerbung: Hamburg tritt nicht starr für ein einzelnes Jahr an, sondern hält sich mit den Optionen 2036, 2040 und 2044 mehrere Zeitfenster offen. Das verschafft Planungsspielraum bei Infrastruktur und Finanzierung. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat sein Vergabeverfahren in den vergangenen Jahren reformiert und setzt verstärkt auf Nachhaltigkeit und Kostenkontrolle – Anforderungen, die Hamburg nach eigenen Angaben erfüllen will.

Entscheidend für die Außenwirkung: Der Senat distanziert sich ausdrücklich vom klassischen Olympia-Modell mit massivem Neubau auf der grünen Wiese. Stattdessen setzt Hamburg auf ein dezentrales Konzept, das vorhandene Sportstätten einbezieht und Neubauten auf ein Minimum beschränkt. „Wir bauen für die Stadt, nicht für zwei Wochen Sport", heißt es aus der Senatskanzlei. Ob dieses Konzept trägt, muss eine noch laufende Machbarkeitsstudie zeigen – belastbare Kostenschätzungen liegen bislang nicht öffentlich vor.

Lokale Zahlen: Hamburg zählt rund 1,85 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner und ist damit die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Die Stadt verwaltet mehr als 40 städtische Sportstätten, darunter das Volksparkstadion (Kapazität: 57.000 Plätze), die Barclays Arena sowie zahlreiche Hallen und Freianlagen. Das Hamburger Hotelbett-Angebot umfasst rund 70.000 Betten (Quelle: Hamburg Tourismus GmbH, 2023). Der Hamburger Hafen schlägt jährlich rund 8,3 Millionen TEU (Standardcontainer) um. Das städtische Haushaltsvolumen beträgt etwa 18 Milliarden Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Die Olympischen Spiele in London 2012 kosteten offiziell rund 11 Milliarden Pfund – rund dreimal mehr als ursprünglich geplant.

Abstimmung am 31. Mai: Was Hamburgerinnen und Hamburger wissen müssen

Modalitäten und politisches Gewicht

Die Abstimmung am 31. Mai ist rechtlich nicht bindend, besitzt jedoch erhebliches politisches Gewicht. Senat und Bürgerschaft haben sich darauf verständigt, das Ergebnis als maßgebliche Orientierung zu behandeln. Ein klares Nein der Bevölkerung würde die Bewerbung faktisch beenden – so die einhellige politische Zusage. Die Beteiligung steht allen Hamburgerinnen und Hamburgern ab 16 Jahren offen, die im Melderegister erfasst sind.

Vorangehen soll eine intensive Informationsphase: Öffentliche Veranstaltungen in allen sieben Bezirken, eine eigens eingerichtete Informationswebsite sowie unabhängige Gutachten sollen sicherstellen, dass die Bevölkerung auf fundierter Basis entscheidet. Die Handelskammer Hamburg begrüßt den Prozess: „Transparenz ist die Voraussetzung für Akzeptanz. Wir unterstützen das Verfahren, fordern aber klare Zahlen zu Kosten und Nutzen, bevor eine finale Kandidatur eingereicht wird", erklärte Hauptgeschäftsführer Malte Heyne.

Kritische Stimmen und offene Fragen

Nicht alle stehen dem Vorhaben vorbehaltlos gegenüber. Stadtentwicklungsexperten verweisen auf die Erfahrungen anderer Olympia-Städte: In Rio de Janeiro verfallen zahlreiche Sportstätten aus den Spielen 2016, Athen kämpft noch heute mit den Altlasten von 2004. Auch in Hamburg selbst ist die Erinnerung an die gescheiterte Bewerbung für die Spiele 2024 präsent – damals hatte ein Volksentscheid im November 2015 die Kandidatur mit 51,6 Prozent Nein-Stimmen gestoppt.

Der BUND Hamburg mahnt: „Großveranstaltungen dieser Größenordnung sind mit erheblichem Flächenverbrauch, Verkehr und CO₂-Emissionen verbunden. Wir erwarten, dass Klimaziele nicht der Olympia-Euphorie geopfert werden." Auch in der Bürgerschaft gibt es skeptische Stimmen. SPD-Fraktionschefin Dirk Kienscherf betonte zwar die Chancen, forderte aber parallel eine realistische Kosten-Nutzen-Analyse: „Wir dürfen uns nicht in Euphorie verlieren. Hamburg muss wissen, worauf es sich einlässt."

  • Kosten und Haushalt: Noch fehlen belastbare Zahlen. Bürgerinnen und Bürger sollten wissen, dass die bisherigen Planungskosten allein schon mehrere Millionen Euro betragen – unabhängig davon, ob die Bewerbung erfolgreich ist.
  • Verkehr und Lärm: Olympische Spiele ziehen über mehrere Wochen Millionen Besucherinnen und Besucher an. Der öffentliche Nahverkehr müsste massiv ausgebaut werden – Anwohnende in der Nähe geplanter Wettkampfstätten müssen mit erheblichen Einschränkungen rechnen.
  • Wohnraum und Mieten: Internationale Großveranstaltungen befeuern erfahrungsgemäß den Wohnungsmarkt. Expertinnen und Experten des Pestel-Instituts warnen vor zusätzlichem Druck auf Mieten in einem ohnehin angespannten Markt.
  • Wirtschaftliche Chancen: Die Wirtschaftsförderung Hamburg schätzt mögliche touristische Mehreinnahmen und Investitionsimpulse, legt aber bislang keine gesicherten Prognosen vor.
  • Nachnutzung der Sportstätten: Hamburgerinnen und Hamburger profitieren nur dann dauerhaft, wenn neue oder modernisierte Anlagen auch nach den Spielen sinnvoll genutzt werden – ein Punkt, den der Senat in der Machbarkeitsstudie verbindlich klären muss.
  • Mitsprache: Das Votum am 31. Mai ist die zentrale Möglichkeit zur Einflussnahme. Wer nicht abstimmt, überlässt anderen die Entscheidung über die künftige Ausrichtung der Stadt.

Infrastruktur: Chancen und Risiken für die Stadt

Befürworterinnen und Befürworter einer Olympia-Bewerbung verweisen auf mögliche Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr, die Hafenlogistik und die digitale Infrastruktur. Der Senat betont, dass viele dieser Projekte ohnehin notwendig seien – Olympia könnte als Katalysator dienen und Bundesmittel mobilisieren. „Was wir für Olympia bauen, bauen wir für Hamburg", heißt es aus der Stadtentwicklungsbehörde.

Skeptikerinnen und Skeptiker halten dagegen: Erfahrungsgemäß werden Infrastrukturprojekte im Olympia-Kontext teurer, weil der Zeitdruck Wettbewerb und Kostenkontrolle erschwert. Zudem besteht die Gefahr, dass reguläre städtische Investitionen in Schulen, Sozialwohnungen und Klimaschutz zugunsten olympiabezogener Ausgaben zurückgestellt werden.

Für den Einzelhandel und die Tourismuswirtschaft wäre eine erfolgreiche Olympiade ein erheblicher Umsatzschub. Die Hamburger Hotelbranche blickt auf Kapazitätsgrenzen: Selbst mit 70.000 Betten müsste die Stadt deutlich ausbauen oder auf Kreuzfahrtschiffe als temporäre Unterkunft zurückgreifen – ein Konzept, das zuletzt bei anderen Großveranstaltungen erprobt wurde.

Vergleich mit der gescheiterten Bewerbung 2015

Es wäre fahrlässig, den aktuellen Prozess ohne Blick auf 2015 zu bewerten. Damals war die Bewerbung für die Spiele 2024 weit vorangeschritten, bevor die Hamburgerinnen und Hamburger abstimmten – und sie votierten mehrheitlich dagegen. Aus diesem Fehler hat der Senat offenbar gelernt: Die Abstimmung findet nun am Anfang des Prozesses statt, nicht am Ende. Das ist ein substanzieller Unterschied. Dennoch bleibt die Frage, wie viel tatsächlich bekannt sein wird, wenn die Bürgerinnen und Bürger am 31. Mai an die Urne gehen – zentrale Kostenfragen sind noch ungeklärt.

Wer sich über die Stadtentwicklung in Hamburg informieren möchte oder die Debatte rund um Olympia-Bewerbungen in Deutschland verfolgt, findet auf ZenNews24 laufend aktuelle Berichte. Auch das Thema Hamburger Haushalt und Großprojekte wird dort kontinuierlich beleuchtet.

Was jetzt zählt

Die kommenden Wochen sind entscheidend. Der Senat steht in der Pflicht, bis zum 31. Mai belastbare Informationen zu liefern – keine Hochglanzbroschüren, sondern ehrliche Zahlen zu Kosten, Risiken und realistischen Nachnutzungskonzepten. Nur so kann das Bürgerinnen- und Bürgervotum das sein, was es sein soll: eine informierte demokratische Entscheidung. Hamburg hat 2015 gezeigt, dass es Olympia ablehnen kann. Nun muss die Stadt zeigen, dass es auch Olympia wollen kann – aus gutem Grund und mit offenen Augen.

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Quelle: Zeit Hamburg
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