Bundestagswahl-Analyse: Warum die AfD so stark geworden ist
Sozioökonomische Verwerfungen, Medienversagen — die Ursachenanalyse
Die Bundestagswahl 2025 hat es deutlich gemacht: Die Alternative für Deutschland ist zur Schicksalsfrage der deutschen Politik geworden. Mit zweistelligen Ergebnissen in fast allen Bundesländern und einem Nationalergebnis von 20,8%, hat die AfD eine politische Gravitationskraft entwickelt, die das gesamte Parteiensystem zu reorganisieren beginnt. Doch wie konnte eine Partei, die vor 15 Jahren noch nicht existierte, innerhalb eines Jahrzehnts zu einer derart dominanten Kraft aufsteigen? Die Antwort liegt nicht in einer einzelnen Ursache, sondern in einem Zusammenspiel aus strukturellen wirtschaftlichen Verwerfungen, dem Versagen etablierter Parteien bei der Kommunikation und einer Medienlandschaft, die lange Zeit nicht adäquat auf diesen Aufstieg reagierte.
- Die ökonomische Basis des AfD-Aufstiegs
- Das Medienversagen und die digitale Fragmentierung
- Das Versagen der Etablierten
- Spaltung der Arbeiterschaften
Die ökonomische Basis des AfD-Aufstiegs
Wer verstehen möchte, warum die AfD 2025 so erfolgreich ist, muss zunächst die wirtschaftlichen Verwerfungen der letzten Dekade betrachten. Deutschland erlebte nach 2020 eine dreifache Krise: die andauernden Folgen der Pandemie, die Energiekrise infolge des Ukraine-Kriegs und eine strukturelle De-Industrialisierung, die sich über Jahre angebahnt hatte. Der Mittelstand verlor kontinuierlich an Kaufkraft. Rentner, die ihr ganzes Leben eingezahlt hatten, sahen ihre Ersparnisse durch Inflation aufgebraucht. Facharbeiter in Ostdeutschland, deren Fabriken seit 1991 abgebaut worden waren, erlebten erneut eine Phase der Unsicherheit.

Die etablierten Parteien — insbesondere SPD und Grüne unter SPD-Kanzlerkandidat Scholz — schafften es nicht, diese Realität adäquat zu adressieren. Stattdessen wurde von vielen Wählern wahrgenommen, dass die Regierungsparteien eher ideologische Prioritäten verfolgten, während ihre eigenen wirtschaftlichen Sorgen ignoriert wurden. Ein Handwerker in Baden-Württemberg, der mit explodierenden Energiekosten kämpfte, sah sich von einer Regierung nicht wahrgenommen, die gleichzeitig von Gendersternchen und Heizungsgesetzen sprach. Das ist keine objektive Betrachtung der Regierungspolitik — aber in der Politik zählt nicht die Objektivität, sondern die Wahrnehmung.
Die AfD hat diesen Raum besetzt. Sie sprach von »den normalen Menschen«, von »Mittelstandsförderung« und von »Energie statt Ideologie«. Dass ihre wirtschaftlichen Programme teilweise wissenschaftlich unhaltbar waren (etwa zur Lohnpolitik oder zu inflationären Effekten ihrer Forderungen), interessierte ihre Wähler weniger als die emotionale Botschaft: »Wir kümmern uns um euch, nicht um Berliner Eliten.«
Der Osten als Hochburg
Ostdeutschland bleibt das Kernterritorium der AfD-Stärke. Das ist historisch zu verstehen. Nach 1990 verlor der Osten 2,5 Millionen Menschen durch Abwanderung. Ganze Landstriche wurden entvölkert. Die Deindustrialisierung traf den Osten härter als den Westen. Gleichzeitig war die DDR-Elite (im Gegensatz zur westdeutschen) fast völlig ausgetauscht worden — eine kollektive Demütigung, auch wenn sie nicht immer bewusst war. Als dann ab 2015 die Flüchtlingskrise kam, erlebten Ostdeutsche dies als weitere Bedrohung ihrer ohnehin fragilen Situation.

Die AfD bot hier eine Identität an: »Ihr seid nicht überflüssig, ihr seid die eigentlichen Bürger, die echten Deutschen.« Das ist eine toxische Botschaft — aber sie wirkt. Und die SPD, die Grünen, selbst die Linke schafften es nicht, eine alternative Erzählung zu bieten, die für ostdeutsche Arbeiter attraktiver wäre.
| Region | AfD-Ergebnis 2025 | Zweitstimmen-Veränderung seit 2021 | Sozioökonomischer Kontext |
|---|---|---|---|
| Sachsen | 34,2 % | +8,5 % | Höchste Arbeitslosenquote unter jungen Menschen; Abwanderung ins Ausland; Mittelstand unter Druck |
| Brandenburg | 31,8 % | +9,1 % | Strukturschwäche außerhalb Berlins; Energiewende traf Kohleregionen hart; fehlende Perspektiven |
| Thüringen | 32,5 % | +7,8 % | Autoindustrie-Abhängigkeit; Sorge vor Jobverlust durch E-Mobilitätswechsel; ländlicher Raum verliert |
| Bayern | 16,2 % | +4,3 % | Relative Stabilität, aber Mittelstand verängstigt; CSU verliert konservative Wähler |
| Baden-Württemberg | 13,7 % | +3,2 % | Automobilindustrie-Sorgen; Energiekosten treffen Handwerk; Grüne-Dominanz erzeugt Gegenbewegung |
Das Medienversagen und die digitale Fragmentierung
Die deutsche Medienlandschaft hat bei der Analyse des AfD-Phänomens lange versagt — und trägt damit Mitverantwortung für den Aufstieg. Dabei geht es nicht um »Lügenpresse«-Vorwürfe (die selbst eine AfD-Propagandawaffe sind), sondern um strukturelle Probleme der deutschen Medien im digitalen Zeitalter.
Die großen Tageszeitungen und Rundfunkanstalten haben bis etwa 2020 die AfD eher als Randphänomen behandelt. Als der Aufstieg dann unübersehbar wurde, reagierten sie mit zwei Strategien: entweder totale Ignoranz oder totale Skandalisierung. Beides half der AfD. Ignoranz ließ sie von ihren Anhängern als »unterdrückt« wahrnehmen. Skandalisierung machte sie zum Gesprächsthema und bestätigte ihre Erzählung von »den Medien gegen uns«.
Parallel dazu beschleunigten sich Prozesse, die es vorher nur graduell gab: Die Fragmentierung der Medienlandschaft. Ein 55-jähriger Schreiner in Meißen liest nicht mehr die »Sächsische Zeitung«, sondern folgt auf YouTube Kanälen, die ihm täglich bestätigen, dass die Regierung ihn verraten hat. Seine Tochter bezieht ihre Informationen von TikTok-Creatorn. Ein Pensionär aus Neubrandenburg sitzt vor einer AfD-freundlichen Telegram-Gruppe. Es gibt kein gemeinsames Informationserlebnis mehr.
Das ist nicht neu — aber es hat sich 2021–2025 dramatisch verschärft. Die etablierten Medien verloren weitere Bedeutung. Die AfD war früher und professioneller bei der Besetzung dieser fragmentierten Räume. Sie hatte bessere TikTok-Videos. Sie hatte aktivere Telegram-Gruppen. Sie war dort, wo die Wähler waren.
Algorithmische Radikalisierung
Ein Mechanismus, den Politikredakteure lange unterschätzt haben: YouTube- und Telegram-Algorithmen schaffen Radikalisierungsfunnel, die es früher nicht gab. Ein Mann, der anfangs nur »kritische Gedanken zur Asylpolitik« sucht, wird innerhalb von Wochen mit extremeren Inhalten konfrontiert, weil die Algorithmen »Engagement« belohnen. Was Engagement bringt? Emotionale Inhalte. Angst. Wut.
Die AfD und ihre Unterstützer haben gelernt, diesen Algorithmen zu dienen. Etablierte Parteien, die sachlich argumentieren wollen, können nicht mithalten. Das ist die neue strukturelle Asymmetrie in der digitalen Öffentlichkeit.
Das Versagen der Etablierten
Ein weiterer Faktor ist nicht zu ignorieren: Die CDU unter Friedrich Merz übernimmt die CDU: Wie die Partei nach rechts rückte hat lange versucht, die AfD durch Ignorieren zu bekämpfen. Die »Brandmauer« — die Vereinbarung, mit der AfD nicht zu koalieren — war eine notwendige demokratische Grenzziehung. Aber sie war auch strategisch kontraproduktiv. Sie ließ die AfD als die einzige »echte Opposition« erscheinen.
Die SPD unter Scholz bot lange kein attraktives Alternativprogramm. Bilanz nach einem Jahr Koalition: Regierung zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigte schnell: Die Ampel-Koalition war zerstritten, ineffektiv und konnte ihre eigene Agenda nicht umsetzen. Das schwächte die Regierungsfähigkeit-Narrative erheblich.
Die Grünen, einst Partei der Zukunft, erlebten einen massiven Backlash. Grüne nach der Wahlniederlage: Auf der Suche nach Neuanfang — diese Suche begann bereits 2023/2024. Zu viele ihrer Wähler erlebten die Heizungsnovelle als ideologisches Experiment auf ihrem Rücken. Die Diskrepanz zwischen Anspruch (Klimaschutz) und Umsetzung (chaotische Kommunikation) war fatal.
Die Linke kollabierte unter Druck. BSW-Phänomen: Warum Sahra Wagenknecht die Linke spaltete — Wagenknechts neue Partei stahl der Linken ihre Wähler, indem sie verssprach, »gegen die Eliten« zu kämpfen, ohne sich dabei mit der Linken-Historie zu belasten. Das BSW wurde für viele enttäuschte Linke-Wähler die Fluchtmöglichkeit nach rechts.
Spaltung der Arbeiterschaften
Ein historisch signifikanter Prozess: Die Arbeiterschaften Deutschlands fragmentierten sich 2021–2025 völlig. Traditionelle Arbeiter-Milieus, die lange SPD oder Linke wählten, orientierten sich massiv zur AfD um. Das ist nicht neu (es begann 2015), aber es wurde 2025 zur neuen Normalität. Eine klassische Arbeiter-Familie in Sachsen könnte 2025 AfD wählen, während eine Akademiker-Familie in München Grüne wählt. Das bedeutet: Klassische linke Koalitionen (SPD + Linke + Grüne) verlieren ihre soziologische Basis.
Die AfD schaffte es, sich als »Arbeiterpartei« zu inszenieren — ohne echte Arbeiter-Politik zu haben, sondern mit Versprechen von »Stärke«, »Ordnung« und »Wiederherstellung«. Das sind nicht-ökonomische Kategorien, aber sie sprechen auf ein Gefühl an: Kontrollverlust und Demütigung.
Migration und Identität als Supersymbol
Während die Ökonomie der untergrund-liegende Grund für AfD-Wachstum ist, ist Migration das Supersymbol, das alles zusammenbindet. Ein arbeitsloser Maschinenbauer in Chemnitz, der AfD wählt, tut dies nicht primär, weil er gegen »Zuwanderung« ist (obwohl auch das eine Rolle spielt), sondern weil Migration die Chiffre ist für »alles läuft falsch«. Migration symbolisiert: Kontrollverlust. Bevölkerungswechsel. Kulturelle Auflösung. Versprechen, die nicht eingelöst wurden.
Die AfD hat verstanden, dass man nicht mit isolierten Migrationsstatistiken argumentiert (die zeigen oft, dass Migration wirtschaftlich neutral bis positiv ist), sondern mit Ängsten. Und Ängste sind rational nicht zu bekämpfen — sie müssen anerkannt werden. Die etablierten Parteien versuchten oft, Ängste zu leugnen (»Das ist alles nicht so schlimm«), statt sie zu adressieren.
Die internationale Dimension
Ein Faktor, den deutsche Politologen lange unterschätzten: Der globale Rechtsruck. Trump in den USA, Orban in Ungarn, FdI in Italien — Deutschland ist nicht isoliert, sondern Teil einer globalen Bewegung. Diese schafft Rückenwind und Legitimation. AfD-Wähler sehen sich als Teil einer globalen Gegenbewegung gegen »progressive Eliten«. Das macht die AfD für sie nicht weniger attraktiv, sondern mehr.
Geopolitik und Energiekrise
Die Energiekrise 2022–2023 war für die AfD ein Geschenk. Sie konnte argumentieren: »Wir hätten nicht auf Grün-Ideologie gehört, wir hätten mit Russland bleiben sollen, wir hätten Atomkraft ausgebaut.« Diese Argumente sind teilweise faktisch falsch oder unverantwortlich (eine »Pro-Putin«-Haltung in Zeiten eines Angriffskriegs ist demokratiepolitisch inakzeptabel). Aber sie sprechen
- Deutscher Bundestag — bundestag.de
- Bundesregierung — bundesregierung.de
- ARD Tagesschau — tagesschau.de























