ZenNews24› Politik› SPD-Kanzlerkandidat Scholz: Der unterschätzte Cou… Politik SPD-Kanzlerkandidat Scholz: Der unterschätzte Coup der Wie Olaf Scholz den Favoriten Laschet überholte Von Julia Schneider 16.11.2022, 16:26 Uhr 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026 Das Wichtigste in Kürze Um die Sensation des Scholz-Coups richtig einzuordnen, muss man sich die Ausgangslage vergegenwärtigen. In der politischen Geschichtsschreibung der Bundesrepublik gibt es Momente, die im Rückblick wie unvermeidlich wirken, obwohl sie in Echtzeit als überraschend empfunden wurden. Der Aufstieg von Olaf Scholz zur Kanzlerkandidatur der SPD im Jahr 2021 gehört zweifellos zu diesen Momenten. Was heute als logische Konsequenz erscheint – ein pragmatischer, ruhiger Finanzminister, der eine zersplitterte Partei wieder zur Regierungsfähigkeit führt – war damals keineswegs ausgemacht. Im Gegenteil: Lange Zeit galt Armin Laschet als gesetzter Favorit für das Kanzleramt. Dass Scholz ihn überholte, war weniger das Ergebnis einer großen strategischen Offensive als vielmehr die Konsequenz von Fehlentscheidungen der Union, internem SPD-Pragmatismus und einer Portion politischen Geschicks, das die Berliner Politszene lange nicht von dem ehemaligen Hamburger Ersten Bürgermeister erwartet hatte.InhaltsverzeichnisDer lange Weg aus dem Tief: Wie die SPD wieder ins Rennen kamDie Union strauchelt: Laschet und die Fehler der FavoritenScholz und die Strategie des Anti-ChaosDer unterschätzte Faktor: Annalena Baerbocks Aufstieg und FallWas der Scholz-Coup über die SPD verrät Das Wichtigste in KürzeDer lange Weg aus dem Tief: Wie die SPD wieder ins Rennen kamDie Union strauchelt: Laschet und die Fehler der FavoritenScholz und die Strategie des Anti-ChaosDer unterschätzte Faktor: Annalena Baerbocks Aufstieg und Fall Der lange Weg aus dem Tief: Wie die SPD wieder ins Rennen kam Die Partei hatte unter Angela Merkel Jahre der Marginalisierung erduldet, war in Wahlumfragen regelmäßig unter 20 Prozent zu finden und wirkte strukturell fragmentiert. Um die Sensation des Scholz-Coups richtig einzuordnen, muss man sich die Ausgangslage vergegenwärtigen. Die SPD war 2020/2021 ein angeschlagenes Wrack. Die Partei hatte unter Angela Merkel Jahre der Marginalisierung erduldet, war in Wahlumfragen regelmäßig unter 20 Prozent zu finden und wirkte strukturell fragmentiert. Zwischen einem linken Flügel unter Saskia Esken und Kevin Kühnert sowie dem eher pragmatischen Establishment herrschte eine gespannte Koexistenz, die wenig hoffnungsvoll für eine baldige Rückkehr zur Macht wirkte. Olaf Scholz Gibt Zeitenwende Rede Im Bundestag 20220227 Scholz war während dieser Jahre nicht die prominenteste Figur der SPD. Als Finanzminister in Merkels letzter Kabinettkoalition (bis 2021), später als Kanzler bis Februar 2025 hatte er sich zwar profiliert – insbesondere durch sein entschlossenes Handeln während der Corona-Pandemie mit massiven Hilfsprogrammen –, doch bei vielen Parteimitgliedern galt er als zu moderat, zu kühl kalkulierend, zu wenig emotional. Seine Direktheit und sein Mangel an politischer Theatralik waren eher Schwachstellen als Stärken in einer Partei, die sich nach charismatischer Führung sehnte. Und doch: Diese vermeintlichen Schwächen sollten sich genau zum richtigen Zeitpunkt in Stärken verwandeln. März 2020 Olaf Scholz agiert als Finanzminister in Angela Merkels letztem Kabinett; die SPD kämpft mit katastrophalen Umfragewerten, zeitweise unter 15 Prozent August 2021 Die SPD nominiert Scholz als Kanzlerkandidat; die Union unter Armin Laschet gilt weiterhin als Favoritin, steht jedoch bereits unter erheblichem Druck nach einer Serie von Kommunikationsfehlern September 2021 Scholz inszeniert sich konsequent als Stabilitätsgarant und „Kanzler in spe"; Laschet schwächelt durch die Lach-Videoaffäre beim Hochwasserbesuch und ungeschickte Auftritte in entscheidenden Momenten 26. September 2021 Bundestagswahl: Die SPD gewinnt mit 25,7 Prozent, die Union rutscht auf historisch schwache 24,1 Prozent ab; Scholz bildet eine Ampelkoalition und wird Bundeskanzler Die Union strauchelt: Laschet und die Fehler der Favoriten Armin Laschet war aus strukturellen Gründen fast schon automatisch der Kanzlerkandidat der Union. Als Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, des bevölkerungsreichsten Bundeslandes, kam ihm eine gewisse institutionelle Legitimität zu. Die CSU unter Markus Söder hätte alternative Ansprüche anmelden können – und tat dies intern durchaus –, doch die klassische Balance in der Unionsgeschichte sprach letztlich für einen CDU-Kandidaten. Laschet wurde gewählt, weil er die naheliegende Wahl war. Nicht, weil er die beste war. Und genau dort lag das Problem. Laschet war kein schlechter Politiker, aber es fehlte ihm das, was man in Berlin schlicht „Durchschlagskraft" nennt. Seine Reden waren konventionell, seine Auftritte bisweilen verkrampft, seine Medienpräsenz unruhig. Im Gegensatz zu Scholz, der sich bewusst in die Position des ruhigen Krisenmanagers manövrierte, wirkte Laschet gehetzt und reaktiv. Als er im Juli 2021 beim Besuch eines Hochwassergebiets in Nordrhein-Westfalen gefilmt wurde, wie er lachte, während im Vordergrund die Ausmaße der Katastrophe sichtbar waren, war dies kein isolierter Skandal – es war die Verkörperung eines tieferen Unbehagens, das viele Wählerinnen und Wähler bereits empfanden: Laschet wirkte nicht ganz passend für den Moment.📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Lib Gesellschaft Alltag 01 Hinzu kam eine strukturelle Schwäche der Union, die in der öffentlichen Debatte zu wenig Beachtung fand. Die CDU/CSU war unter Merkel zu einem weitgehend auf Verwaltung ausgerichteten Apparat geworden. Das Personal in den mittleren Ebenen war ausgedünnt, die Wahlkampforganisation vergleichsweise schwach aufgestellt, die Botschaften unscharf. Die Partei hatte sich viel zu sehr darauf verlassen, dass Merkel die Wahlen gewinnen würde – was sie stets tat. Doch ohne Merkel fehlten plötzlich jene Muskeln, die man für einen angreifenden, offensiven Wahlkampf braucht. Zahlen zur Bundestagswahl 2021 SPD: 25,7 Prozent (+5,2 Punkte gegenüber 2017) CDU/CSU: 24,1 Prozent (historisches Nachkriegstief) Grüne: 14,8 Prozent (bestes Ergebnis der Parteigeschichte) FDP: 11,5 Prozent Wahlbeteiligung: 76,6 Prozent Koalition: SPD, Grüne, FDP (sogenannte Ampelkoalition) Quelle: Bundeswahlleiter, endgültiges amtliches Ergebnis der Bundestagswahl vom 26. September 2021 Scholz und die Strategie des Anti-Chaos Während die Union sich in Widersprüchen verfing, verfolgte die SPD unter Scholz eine brillant simple Strategie: Stabilität als Wahlversprechen. In einer Zeit, in der die Gesellschaft von Pandemie, Hochwasserkatastrophen und wirtschaftlicher Unsicherheit erschöpft war, bot Scholz sich als das Gegenteil von Chaos an. Er sprach wenig, aber präzise. Er vermied große Ankündigungen, machte dafür aber handwerklich saubere Aussagen zu konkreten Vorhaben. Sein berühmtes, scheinbar schlichtes Mantra – „Wer Führung bestellt, bekommt Führung" – war kein Zufall. Es war das Ergebnis einer gezielten Positionierung. Entscheidend war dabei auch die visuelle und kommunikative Anlehnung an Angela Merkel. Scholz mimte bewusst – und das wurde von Kritikerinnen und Kritikern sogar spöttisch kommentiert – den ruhigen, nüchternen Regierungsstil der scheidenden Kanzlerin. Er verschränkte die Hände in der „Merkel-Raute", vermied emotional aufgeladene Gesten und sprach in einem sachlichen Duktus, der für viele Wählerinnen und Wähler nach Verlässlichkeit klang. In einer politischen Landschaft, in der Lautstärke und Dramatik oft als Kompetenz verkleidet werden, war diese demonstrative Ruhe ein kluger Kontrapunkt. Kandidat Partei Stärken im Wahlkampf Schwächen im Wahlkampf Olaf Scholz SPD Ruhe, Merkel-Analogie, Krisenmanagement-Image Geringe Begeisterungsfähigkeit, Cum-Ex-Vorwürfe Armin Laschet CDU/CSU Institutionelle Legitimität, NRW-Rückhalt Lach-Affäre, schwache Medienpräsenz, unklare Botschaften Annalena Baerbock Grüne Aufbruchsstimmung, Klimadiskurs, Anfangseuphorie Lebenslauf-Fehler, Buch-Plagiatsvorwürfe, Umfrageneinbruch Der unterschätzte Faktor: Annalena Baerbocks Aufstieg und Fall Die Geschichte des Scholz-Siegs lässt sich nicht ohne den kurzen, dramatischen Höhenflug der Grünen erzählen. Annalena Baerbock war im Frühjahr 2021 in den Umfragen zeitweise auf Augenhöhe mit der Union – ein historisch beispielloser Moment für eine Partei, die zuvor nie über 10 Prozent bei Bundestagswahlen hinausgekommen war. Hätte sich dieser Trend gehalten, wäre Baerbock möglicherweise Kanzlerin geworden, und Scholz hätte das Nachsehen gehabt. Doch dann häuften sich die Probleme. Vorwürfe wegen fehlerhafter Angaben im Lebenslauf, Plagiatsvorwürfe bei ihrem kurz vor der Wahl erschienenen Buch, unglückliche Formulierungen in Interviews – die Kombination dieser Faktoren ließ die Grünen-Kandidatin in der Gunst der Wählerinnen und Wähler abstürzen. Was für Scholz zunächst wie Konkurrenz auf der linken Seite des Spektrums aussah, verwandelte sich in eine Steilvorlage: Ein erheblicher Teil der enttäuschten Grünen-Sympathisantinnen und -Sympathisanten wanderte zur SPD ab und trug so zum überraschend starken Abschneiden bei. Was der Scholz-Coup über die SPD verrät Jenseits der taktischen Analyse stellt sich die grundsätzlichere Frage: Was sagt der Erfolg von Olaf Scholz über den Zustand der SPD im Jahr 2021 aus? Zum einen zeigt er, dass die Partei trotz aller internen Konflikte in der Lage ist, sich hinter einem Kandidaten zu sammeln, wenn die strategische Ratio eindeutig ist. Scholz war nicht geliebt – er war nützlich. Und diese nüchterne Rationalität, die in anderen Parteien als Schwäche gilt, erwies sich als Stärke. Zum anderen verdeutlicht das Ergebnis, dass Wählerinnen und Wähler in Krisenzeiten nicht unbedingt nach dem charismatischsten Kandidaten suchen, sondern nach dem verlässlichsten. Die SPD hat das früher erkannt als ihre Konkurrenten – und Scholz hat diese Erkenntnis konsequent in eine Wahlkampfstrategie übersetzt, die auf Understatement setzte, wo andere auf Inszenierung setzten. Der Coup war, am Ende, kein Zufall. Er war das Ergebnis einer nüchternen Lageanalyse, der Fehler der anderen und eines Kandidaten, der genau deshalb gewann, weil er so gar nicht nach einem klassischen Triumphator aussah. In der deutschen Politik des Jahres 2021 war das Genug – und das war mehr als die meisten erwartet hatten. Lesen Sie auchSPD-Neuaufstellung nach Scholz: Wer führt die Sozialdemokraten?SPD zwischen Koalition und IdentitätskriseFriedrich Merz wird CDU-Kanzlerkandidat Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 scholz spd kanzlerkandidat bundestagswahl J Julia Schneider Gesellschaft & International Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet. 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