SPD-Kanzlerkandidat Scholz: Der unterschätzte Coup der
Wie Olaf Scholz den Favoriten Laschet überholte
In der politischen Geschichtsschreibung der Bundesrepublik gibt es Momente, die im Rückblick wie unvermeidlich wirken, obwohl sie in Echtzeit als überraschend empfunden wurden. Der Aufstieg von Olaf Scholz zur Kanzlerkandidatur der SPD im Jahr 2021 gehört zweifellos zu diesen Momenten. Was heute als logische Konsequenz erscheint – ein pragmatischer, ruhiger Finanzminister, der eine zersplitterte Partei wieder zur Regierungsfähigkeit führt – war damals keineswegs ausgemacht. Im Gegenteil: Lange Zeit galt Armin Laschet als gesetzter Favorit für das Kanzleramt. Dass Scholz ihn überholte, war weniger das Ergebnis einer großen strategischen Offensive als vielmehr die Konsequenz von Fehlentscheidungen der Union, internem SPD-Pragmatismus und einer Portion politischen Geschicks, das die Berliner Politszene lange nicht von dem ehemaligen Hamburger Ersten Bürgermeister erwartet hatte.
- Der lange Weg aus dem Tief: Wie die SPD wieder ins Rennen kam
- Die Union strauchelt: Laschet und die Fehler der Favoriten
- Scholz und die Strategie des Anti-Chaos
- Der unterschätzte Faktor: Annalena Baerbocks Aufstieg und Fall
Der lange Weg aus dem Tief: Wie die SPD wieder ins Rennen kam
Um die Sensation des Scholz-Coups richtig einzuordnen, muss man sich die Ausgangslage vergegenwärtigen. Die SPD war 2020/2021 ein angeschlagenes Wrack. Die Partei hatte unter Angela Merkel Jahre der Marginalisierung erduldet, war in Wahlumfragen regelmäßig unter 20 Prozent zu finden und wirkte strukturell fragmentiert. Zwischen einem linken Flügel unter Saskia Esken und Kevin Kühnert sowie dem eher pragmatischen Establishment herrschte eine gespannte Koexistenz, die wenig hoffnungsvoll für eine baldige Rückkehr zur Macht wirkte.

Scholz war während dieser Jahre nicht die prominenteste Figur der SPD. Als Finanzminister in Merkels letzter Kabinettkoalition (bis 2021), später als Kanzler bis Februar 2025 hatte er sich zwar profiliert – insbesondere durch sein entschlossenes Handeln während der Corona-Pandemie mit massiven Hilfsprogrammen –, doch bei vielen Parteimitgliedern galt er als zu moderat, zu kühl kalkulierend, zu wenig emotional. Seine Direktheit und sein Mangel an politischer Theatralik waren eher Schwachstellen als Stärken in einer Partei, die sich nach charismatischer Führung sehnte. Und doch: Diese vermeintlichen Schwächen sollten sich genau zum richtigen Zeitpunkt in Stärken verwandeln.
Die Union strauchelt: Laschet und die Fehler der Favoriten
Armin Laschet war aus strukturellen Gründen fast schon automatisch der Kanzlerkandidat der Union. Als Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, des bevölkerungsreichsten Bundeslandes, kam ihm eine gewisse institutionelle Legitimität zu. Die CSU unter Markus Söder hätte alternative Ansprüche anmelden können – und tat dies intern durchaus –, doch die klassische Balance in der Unionsgeschichte sprach letztlich für einen CDU-Kandidaten. Laschet wurde gewählt, weil er die naheliegende Wahl war. Nicht, weil er die beste war.
Und genau dort lag das Problem. Laschet war kein schlechter Politiker, aber es fehlte ihm das, was man in Berlin schlicht „Durchschlagskraft" nennt. Seine Reden waren konventionell, seine Auftritte bisweilen verkrampft, seine Medienpräsenz unruhig. Im Gegensatz zu Scholz, der sich bewusst in die Position des ruhigen Krisenmanagers manövrierte, wirkte Laschet gehetzt und reaktiv. Als er im Juli 2021 beim Besuch eines Hochwassergebiets in Nordrhein-Westfalen gefilmt wurde, wie er lachte, während im Vordergrund die Ausmaße der Katastrophe sichtbar waren, war dies kein isolierter Skandal – es war die Verkörperung eines tieferen Unbehagens, das viele Wählerinnen und Wähler bereits empfanden: Laschet wirkte nicht ganz passend für den Moment.

Hinzu kam eine strukturelle Schwäche der Union, die in der öffentlichen Debatte zu wenig Beachtung fand. Die CDU/CSU war unter Merkel zu einem weitgehend auf Verwaltung ausgerichteten Apparat geworden. Das Personal in den mittleren Ebenen war ausgedünnt, die Wahlkampforganisation vergleichsweise schwach aufgestellt, die Botschaften unscharf. Die Partei hatte sich viel zu sehr darauf verlassen, dass Merkel die Wahlen gewinnen würde – was sie stets tat. Doch ohne Merkel fehlten plötzlich jene Muskeln, die man für einen angreifenden, offensiven Wahlkampf braucht.
Zahlen zur Bundestagswahl 2021
- SPD: 25,7 Prozent (+5,2 Punkte gegenüber 2017)
- CDU/CSU: 24,1 Prozent (historisches Nachkriegstief)
- Grüne: 14,8 Prozent (bestes Ergebnis der Parteigeschichte)
- FDP: 11,5 Prozent
- Wahlbeteiligung: 76,6 Prozent
- Koalition: SPD, Grüne, FDP (sogenannte Ampelkoalition)
Quelle: Bundeswahlleiter, endgültiges amtliches Ergebnis der Bundestagswahl vom 26. September 2021
Scholz und die Strategie des Anti-Chaos
Während die Union sich in Widersprüchen verfing, verfolgte die SPD unter Scholz eine brillant simple Strategie: Stabilität als Wahlversprechen. In einer Zeit, in der die Gesellschaft von Pandemie, Hochwasserkatastrophen und wirtschaftlicher Unsicherheit erschöpft war, bot Scholz sich als das Gegenteil von Chaos an. Er sprach wenig, aber präzise. Er vermied große Ankündigungen, machte dafür aber handwerklich saubere Aussagen zu konkreten Vorhaben. Sein berühmtes, scheinbar schlichtes Mantra – „Wer Führung bestellt, bekommt Führung" – war kein Zufall. Es war das Ergebnis einer gezielten Positionierung.
Entscheidend war dabei auch die visuelle und kommunikative Anlehnung an Angela Merkel. Scholz mimte bewusst – und das wurde von Kritikerinnen und Kritikern sogar spöttisch kommentiert – den ruhigen, nüchternen Regierungsstil der scheidenden Kanzlerin. Er verschränkte die Hände in der „Merkel-Raute", vermied emotional aufgeladene Gesten und sprach in einem sachlichen Duktus, der für viele Wählerinnen und Wähler nach Verlässlichkeit klang. In einer politischen Landschaft, in der Lautstärke und Dramatik oft als Kompetenz verkleidet werden, war diese demonstrative Ruhe ein kluger Kontrapunkt.
| Kandidat | Partei | Stärken im Wahlkampf | Schwächen im Wahlkampf |
|---|---|---|---|
| Olaf Scholz | SPD | Ruhe, Merkel-Analogie, Krisenmanagement-Image | Geringe Begeisterungsfähigkeit, Cum-Ex-Vorwürfe |
| Armin Laschet | CDU/CSU | Institutionelle Legitimität, NRW-Rückhalt | Lach-Affäre, schwache Medienpräsenz, unklare Botschaften |
| Annalena Baerbock | Grüne | Aufbruchsstimmung, Klimadiskurs, Anfangseuphorie | Lebenslauf-Fehler, Buch-Plagiatsvorwürfe, Umfrageneinbruch |
Der unterschätzte Faktor: Annalena Baerbocks Aufstieg und Fall
Die Geschichte des Scholz-Siegs lässt sich nicht ohne den kurzen, dramatischen Höhenflug der Grünen erzählen. Annalena Baerbock war im Frühjahr 2021 in den Umfragen zeitweise auf Augenhöhe mit der Union – ein historisch beispielloser Moment für eine Partei, die zuvor nie über 10 Prozent bei Bundestagswahlen hinausgekommen war. Hätte sich dieser Trend gehalten, wäre Baerbock möglicherweise Kanzlerin geworden, und Scholz hätte das Nachsehen gehabt.
Doch dann häuften sich die Probleme. Vorwürfe wegen fehlerhafter Angaben im Lebenslauf, Plagiatsvorwürfe bei ihrem kurz vor der Wahl erschienenen Buch, unglückliche Formulierungen in Interviews – die Kombination dieser Faktoren ließ die Grünen-Kandidatin in der Gunst der Wählerinnen und Wähler abstürzen. Was für Scholz zunächst wie Konkurrenz auf der linken Seite des Spektrums aussah, verwandelte sich in eine Steilvorlage: Ein erheblicher Teil der enttäuschten Grünen-Sympathisantinnen und -Sympathisanten wanderte zur SPD ab und trug so zum überraschend starken Abschneiden bei.
Was der Scholz-Coup über die SPD verrät
Jenseits der taktischen Analyse stellt sich die grundsätzlichere Frage: Was sagt der Erfolg von Olaf Scholz über den Zustand der SPD im Jahr 2021 aus? Zum einen zeigt er, dass die Partei trotz aller internen Konflikte in der Lage ist, sich hinter einem Kandidaten zu sammeln, wenn die strategische Ratio eindeutig ist. Scholz war nicht geliebt – er war nützlich. Und diese nüchterne Rationalität, die in anderen Parteien als Schwäche gilt, erwies sich als Stärke.
Zum anderen verdeutlicht das Ergebnis, dass Wählerinnen und Wähler in Krisenzeiten nicht unbedingt nach dem charismatischsten Kandidaten suchen, sondern nach dem verlässlichsten. Die SPD hat das früher erkannt als ihre Konkurrenten – und Scholz hat diese Erkenntnis konsequent in eine Wahlkampfstrategie übersetzt, die auf Understatement setzte, wo andere auf Inszenierung setzten.
Der Coup war, am Ende, kein Zufall. Er war das Ergebnis einer nüchternen Lageanalyse, der Fehler der anderen und eines Kandidaten, der genau deshalb gewann, weil er so gar nicht nach einem klassischen Triumphator aussah. In der deutschen Politik des Jahres 2021 war das Genug – und das war mehr als die meisten erwartet hatten.






















