Frankfurt baut 5.000 neue Wohnungen
Neue Wohnungen sollen Mietdruck senken — doch Experten zweifeln an der Geschwindigkeit
Rund 78.000 Menschen stehen in Frankfurt am Main auf der Warteliste für eine Sozialwohnung — und die Zahl wächst. Nun verkündet die Stadt ein ambitioniertes Bauprogramm: 5.000 neue Wohneinheiten sollen den angespannten Markt entlasten. Doch Stadtplaner, Sozialverbände und Mieterorganisationen fragen lautstark: Reicht das überhaupt — und wann kommt es?
Ein Versprechen und seine Tücken
Frankfurt gehört zu den teuersten Wohnungsmärkten Deutschlands. Die Mainmetropole verzeichnet seit Jahren steigende Mieten, schrumpfenden Leerstand und einen Zuzug, der das vorhandene Wohnraumangebot bei weitem übersteigt. Laut Statistischem Bundesamt lag die durchschnittliche Nettokaltmiete für neu abgeschlossene Mietverträge in deutschen Großstädten zuletzt bei über 13 Euro pro Quadratmeter — in Frankfurt reichen die Angebotsmieten in gefragten Lagen deutlich darüber hinaus. Das geplante Neubauprogramm mit 5.000 Einheiten ist daher kein Luxusprojekt, sondern eine sozialpolitische Notwendigkeit. Die Frage ist nur: Wird es rechtzeitig kommen, und für wen wird es tatsächlich erschwinglich sein?
Das Stadtparlament hat das Programm mit breiter Mehrheit beschlossen. Ein Teil der Wohnungen soll über die kommunale Wohnungsbaugesellschaft ABG Frankfurt Holding realisiert werden, ein anderer Teil über Kooperationen mit privaten Investoren und gemeinnützigen Trägern. Dabei sieht das Konzept vor, dass mindestens 30 Prozent der neuen Einheiten im sozialen Wohnungsbau entstehen — mit Mietpreisbindung für zunächst 25 Jahre. Die verbleibenden 70 Prozent sollen im mittleren Preissegment oder frei finanziert gebaut werden.
Studienlage: Laut einer Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) fehlen bundesweit derzeit rund 700.000 Wohnungen — besonders in Großstädten und Ballungsräumen. In Frankfurt am Main liegt die Leerstandsquote bei unter einem Prozent, was Experten als "angespannten Markt" klassifizieren. Das Pestel-Institut schätzt den jährlichen Neubaubedarf allein für Frankfurt auf mindestens 5.000 bis 7.000 Einheiten — das bedeutet: Das neue Programm deckt bestenfalls den Bedarf eines einzigen Jahres. Das Statistische Bundesamt weist zudem aus, dass die Baugenehmigungen bundesweit im vergangenen Jahrzehnt zwar zeitweise anstiegen, zuletzt jedoch drastisch einbrachen — um über 20 Prozent im Vergleich zu den Vorjahreszeiträumen. Die Bertelsmann Stiftung hat in ihrer Wohnraumanalyse belegt, dass einkommensschwache Haushalte in Großstädten mittlerweile im Durchschnitt über 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für Miete aufwenden. Forsa-Umfragen zeigen regelmäßig, dass das Thema bezahlbarer Wohnraum für mehr als 60 Prozent der Stadtbevölkerung zu den drängendsten sozialen Problemen zählt. Das Allensbach-Institut hat ergänzend dokumentiert, dass das Vertrauen in die Politik, das Wohnungsproblem zu lösen, in der Bevölkerung kontinuierlich sinkt.
Die Stimmen aus dem Viertel
Wer mit Frankfurterinnen und Frankfurtern spricht, die seit Jahren auf Wohnungssuche sind, hört Erschöpfung. Fatima K., 34, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, lebt seit vier Jahren in einer zu kleinen Zweizimmerwohnung in Fechenheim. "Ich habe mich auf über 200 Wohnungen beworben. Entweder war die Miete nicht bezahlbar, oder ich bin schlicht nicht zurückgerufen worden", sagt sie. Sie hat einen WBS — den Wohnberechtigungsschein — der ihr Zugang zu geförderten Wohnungen verschaffen soll. Doch Sozialwohnungen, die frei werden, sind rar. "Von 5.000 neuen Wohnungen höre ich jetzt seit Jahren. Die kommen irgendwann. Aber wann?"
Diese Erfahrung ist kein Einzelfall. Der Mieterverein Frankfurt hat zuletzt dokumentiert, dass Bewerber auf freie Sozialwohnungen im Schnitt zwischen drei und sieben Jahren auf eine Zusage warten. Das liegt auch daran, dass der Bestand an Sozialwohnungen in den vergangenen Jahrzehnten drastisch geschrumpft ist: Wohnungen, deren Mietpreisbindung ausläuft, fallen in den freien Markt zurück — ohne Ersatz durch Neubau. Das Programm der Stadt soll diesen Negativtrend nun stoppen. Ob es gelingt, ist eine offene Frage.
Experten mahnen: Tempo und Qualität entscheiden
Stadtplanerin Dr. Maren Voß, die an der Goethe-Universität Frankfurt zu urbaner Wohnungspolitik forscht, sieht das Programm grundsätzlich positiv, warnt aber vor überzogenen Erwartungen. "5.000 Wohnungen sind eine erhebliche Leistung — wenn sie tatsächlich gebaut werden. Das setzt voraus, dass Genehmigungsverfahren beschleunigt, Baukosten im Zaum gehalten und die städtische Infrastruktur mitgedacht wird", erklärt sie. Denn eines der strukturellen Probleme in deutschen Großstädten ist nicht nur der Mangel an Wohnraum, sondern auch das chronisch überlastete Baugenehmigungswesen. Durchschnittlich dauert ein Genehmigungsverfahren in Frankfurt derzeit zwischen 14 und 22 Monaten — ein Zeitraum, der die ohnehin knappen Kapazitäten von Bauträgern strapaziert.
Hinzu kommt die Kostenfrage. Die Baupreise sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen — Materialkosten, Energiepreise und Fachkräftemangel haben das Bauen deutlich verteuert. Was als günstige Sozialwohnung geplant wird, kann sich durch Kostensteigerungen während der Bauphase als unwirtschaftlich erweisen. Die Bertelsmann Stiftung hat in diesem Zusammenhang auf das Risiko hingewiesen, dass gut gemeinte Wohnbauprogramme an fehlender Finanzierbarkeit scheitern können, wenn Bund und Länder ihre Förderanteile nicht stabil halten.
Auch Architektursoziologin Prof. Claudia Hennig sieht Nachholbedarf: "Wir bauen Wohnungen, aber wir müssen Quartiere denken. Schulen, Kitas, Grünflächen, ÖPNV-Anbindung — wer in einer neuen Siedlung wohnen soll, braucht auch eine funktionsfähige Umgebung." Gerade Familien und ältere Menschen seien auf gut ausgestattete Nachbarschaften angewiesen — Kriterien, die bei reinen Bauzahlenprogrammen zu kurz kämen.
Politik zwischen Anspruch und Umsetzungsdruck
Stadtrat Thomas Birkenfeld (SPD), zuständig für Wohnen in der Stadtregierung, verteidigt das Programm als "historisch" und "überfällig zugleich". "Wir haben jahrelang zu wenig gebaut. Das war ein politischer Fehler. Wir korrigieren ihn jetzt mit einem Kraftakt", sagt er. Die Stadt setze dabei auf drei Säulen: Neubau auf städtischen Grundstücken, Nachverdichtung in bestehenden Quartieren sowie die Umnutzung von Gewerbegebäuden zu Wohnraum. Gerade letztere Option gilt unter Experten als besonders vielversprechend — nicht zuletzt, weil leerstehende Büroflächen in manchen Stadtteilen reichlich vorhanden sind.

Die Oppositionsfraktion der Grünen im Stadtparlament begrüßt die Stoßrichtung, fordert jedoch höhere Quoten für sozialen Wohnungsbau: "30 Prozent reichen nicht. In einer Stadt wie Frankfurt brauchen wir mindestens 50 Prozent geförderte Wohnungen, wenn wir den Mietdruck für einkommensschwache Haushalte wirklich senken wollen", erklärt Fraktionssprecherin Lena Hofer. Die FDP hingegen mahnt, Bürokratie abzubauen und private Investoren stärker einzubinden: "Ohne Renditeerwartung wird kein privater Bauträger bauen. Das ist die Realität — und damit müssen wir politisch arbeiten, nicht gegen sie."
Diese Debatte ist kein Frankfurter Sonderphänomen. In ganz Deutschland streiten Kommunen, Länder und der Bund über die richtige Rezeptur gegen die Wohnungsnot. Dabei zeigt sich, dass gesellschaftliche Schieflagen — etwa steigende Obdachlosigkeit, zunehmende Wohnkostenbelastung bei Geringverdienern oder die Verdrängung ganzer Bevölkerungsgruppen aus bestimmten Stadtteilen — politische Reaktionen erfordern, die über einzelne Bauprogramme hinausgehen. Die gesellschaftspolitische Dimension reicht tief: Wohnungslosigkeit ist ein Faktor, der Menschen in soziale Krisen treibt — bis hin zu häuslicher Gewalt und psychischen Erkrankungen. Wie eng Wohnungsnot mit anderen sozialen Druckfeldern verknüpft ist, zeigen Berichte wie der über ein Suizid nach häuslicher Gewalt, der gerichtlich als Femizid eingestuft wurde — Fälle, die häufig in Kontexten sozialer Enge und ökonomischer Abhängigkeit entstehen.
Was kommt wann — und für wen?
Ein zentrales Problem ist die Zeitachse. Selbst optimistische Schätzungen der Stadtplanung gehen davon aus, dass die ersten nennenswerten Kontingente der 5.000 geplanten Wohnungen frühestens in drei bis vier Jahren bezugsfertig sein werden. Für Menschen, die heute keine bezahlbare Wohnung finden, ist das eine lange Wartezeit. Und wer garantiert, dass die Zahl der Wohnungssuchenden bis dahin nicht noch weiter steigt?
Demografen weisen darauf hin, dass Frankfurt zu den am stärksten wachsenden deutschen Großstädten zählt. Die Prognosen des Statistischen Bundesamts gehen davon aus, dass die Bevölkerung in westdeutschen Ballungsräumen trotz bundesweit rückläufiger Gesamtentwicklung weiter zunehmen wird. Urbanisierung, Binnenmigration und internationaler Zuzug treiben die Nachfrage an. Das bedeutet: Ein Programm, das heute 5.000 Einheiten verspricht, muss in wenigen Jahren bereits durch das nächste ersetzt werden.
Hinzu kommt das Phänomen des "sozialen Durchgangs": Geförderte Wohnungen, die für einkommensschwache Haushalte gedacht sind, werden häufig von Haushalten bewohnt, deren Einkommen zwischenzeitlich gestiegen ist — weil Wechsel teuer und aufwendig sind. Das Ergebnis: Die eigentlich Bedürftigsten kommen trotzdem zu kurz. Experten fordern daher regelmäßige Einkommensüberprüfungen bei der Vergabe von Sozialwohnungen sowie flexiblere Mietmodelle, die sich an der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage der Mieterinnen und Mieter orientieren.
Die gesellschaftliche Diskussion über Wohnraum und soziale Gerechtigkeit ist dabei eingebettet in einen breiteren Kontext politischer Glaubwürdigkeit. Wenn Versprechen nicht eingehalten werden, schwindet Vertrauen — in Institutionen, in Medien, in demokratische Prozesse. Wie dieses Vertrauensproblem auch in anderen europäischen Kontexten aufbricht, zeigt etwa die Berichterstattung über Tausende Protestierende in Tschechien gegen Medienpläne der Regierung. Die Erosion öffentlichen Vertrauens ist kein nationales Spezifikum — sie ist ein europäisches Phänomen.
Auch die soziale Schere zeigt sich andernorts in spektakulären Bildern: Während sich Millionen Menschen in Frankfurt keine Wohnung leisten können, sorgt die Meldung, dass Jeff Bezos eine 127-Meter-Luxusjacht verkauft, die für die meisten Häfen zu groß ist, für symbolkräftigen Kontrast. Ungleichheit ist nicht abstrakt — sie ist konkret, messbar und wächst.
Was kann getan werden — heute und strukturell
Das Frankfurter Wohnungsprogramm ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch Schritte allein reichen nicht, wenn der Rückstand jahrzehntelang gewachsen ist. Strukturelle Antworten erfordern strukturelle Maßnahmen — auf allen Ebenen von der Kommunalpolitik bis zur Bundesgesetzgebung. Wie sich gesellschaftliche Problemlagen durch koordiniertes Eingreifen abmildern lassen, zeigen auch andere Bereiche: So etwa der Umgang mit öffentlicher Sicherheit, wenn — wie im Fall des Verdächtigen der Amokfahrt in Leipzig, der in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde — Prävention, Versorgung und öffentliche Ordnung zusammengedacht werden müssen. Auch im Wohnungsbereich braucht es diesen integrierten Ansatz.
Wichtig ist dabei: Wohnungspolitik ist Sozialpolitik. Sie entscheidet darüber, wer in einer Stadt wohnen kann — und wer verdrängt wird. Sie beeinflusst Bildungschancen von Kindern, Gesundheitszustand von Älteren, Integrationsmöglichkeiten von Zugewanderten. Wer das ignoriert und Wohnungsbau nur als wirtschaftliche Variable betrachtet, verpasst den gesellschaftlichen Kern der Debatte.
- Wohnberechtigungsschein (WBS) beantragen: Einkommensschwache Haushalte in Frankfurt können beim Stadtplanungsamt Frankfurt einen WBS beantragen, der Zugang zu geförderten Mietwohnungen eröffnet. Zuständig ist das Stadtplanungsamt Frankfurt, Adickesallee 67–69.
- Mieterverein Frankfurt nutzen: Der Mieterverein Frankfurt e.V. bietet Beratung zu Mietrecht, Kündigungsschutz und Wohnungsvermittlung. Wer sich in einer Mietsituation unter Druck sieht, sollte dort frühzeitig Beratung suchen — bevor rechtliche Fristen verstreichen.
- Sozialer Wohnraumsuchdienst der AWO: Die Arbeiterwohlfahrt Frankfurt betreibt einen sozialen Wohnraumsuchdienst, der insbesondere für Familien, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen Wohnraumvermittlung anbietet.
- Kommunale Wohnungsgesellschaft ABG direkt kontaktieren: Die ABG Frankfurt Holding verwaltet den größten Bestand städtischer Mietwohnungen. Bewerberinnen und Bewerber können sich direkt auf der Plattform der ABG registrieren und ihr Profil für Wohnungsangebote schärfen lassen.
- Politische Mitsprache einfordern: Wer in Frankfurt wohnt, kann über Stadtteilbeiräte, Bürgerversammlungen und Petitionen aktiv auf die Wohnungspolitik einwirken. Das Frankfurter Stadtparlament bietet regelmäßige offene Sprechstunden für Bürgeranliegen an — auch zu Wohnfragen.
- Notunterkunftssystem des Frankfurter Sozialamts: Wer von akutem Wohnungsverlust bedroht ist oder obdachlos wird, kann sich rund um die Uhr an das Sozialamt Frankfurt wenden. Es gibt Bereitschaftsdienste, die sofortige Notunterbringung koordinieren — Informationen unter der städtischen Sozialhilfenummer.
Fazit: Bauen ist notwendig — aber nicht hinreichend
Frankfurts Wohnungsprogramm ist mehr als eine Absichtserklärung. Es ist eine politische Weichenstellung, die in der Theorie Leben verbessern kann. Ob es gelingt, hängt von Faktoren ab, die über das Bauen selbst hinausgehen: Genehmigungsgeschwindigkeit, Kostenstabilität, Flächenverfügbarkeit, Infrastrukturinvestitionen und — vielleicht am entscheidendsten — der politische Wille, das Programm über Legislaturperioden hinweg konsequent umzusetzen. Die Bertelsmann Stiftung hat wiederholt dokument
Weiterführende Informationen: Statistisches Bundesamt















