Politik

Ricarda Lang: Die Frau, die polarisiert — und trotzdem bleibt

Portrait einer Politikerin, die mit 27 Jahren Parteichefin wurde und nach dem Absturz nicht aufgibt

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
Ricarda Lang: Die Frau, die polarisiert — und trotzdem bleibt

Mit 27 Jahren übernahm Ricarda Lang den Parteivorsitz der Grünen — und wurde damit zur jüngsten Vorsitzenden einer deutschen Bundespartei der Nachkriegsgeschichte. Heute, nach dem historischen Absturz ihrer Partei auf unter fünf Prozent bei der Bundestagswahl, stellt sich eine Frage, die weit über die Grünen hinausgeht: Was passiert mit einer Politikerin, die so früh so hoch stieg — und dann so tief fiel?

Aufstieg ohne Umweg

Ricarda Lang wurde in Waiblingen geboren, wuchs in einem politisch bewussten Elternhaus auf und engagierte sich früh bei den Grünen Jugend. Ihr Weg in die Bundespolitik verlief bemerkenswert direkt: Mit Anfang zwanzig bereits Bundessprecherin der Grünen Jugend, mit 26 Mitglied des Deutschen Bundestages, mit 27 Ko-Vorsitzende der Grünen — an der Seite von Omid Nouripour. Wer diesen Lebenslauf liest, erkennt eine politische Sozialisation, die keine Wartezeit kannte. Lang hat nie in einem Betrieb gearbeitet, nie eine wissenschaftliche Karriere verfolgt, nie in der Verwaltung Erfahrungen gesammelt. Die Partei war ihr Lebensraum von Anfang an.

Das ist keine Kritik, sondern eine Tatsache, die ihr politisches Profil erklärt. Lang ist eine Parteifrau im klassischen Sinne — nicht Technokratin, nicht Quereinsteigerin, sondern jemand, der das politische Handwerk von innen nach außen erlernte. Ihre Stärken liegen im Debattieren, im Mobilisieren, im symbolischen Sprechen. Ihre Schwächen lagen — so sahen es viele Beobachter — im strategischen Management einer Partei, die in der Regierungsverantwortung mit sich selbst rang.

Die Koalition, die zerbrach

Pol Parteien Wahl
Pol Parteien Wahl

Die Ampelkoalition aus SPD, FDP und Grünen war von Beginn an ein fragiles Konstrukt. Drei Parteien mit unterschiedlichen Wählergruppen, unterschiedlichen Grundüberzeugungen und — was sich als entscheidend erwies — unterschiedlichen Vorstellungen davon, wer in einer Krise das Gesicht wahrt und wer zurücksteckt. Ricarda Lang war als Parteivorsitzende zuständig für das strategische Bild der Grünen, während Robert Habeck und Annalena Baerbock als Minister die Tagespolitik dominierten. Diese Rollenverteilung führte zu einer strukturellen Schwäche: Die Parteichefin war sichtbar, aber nicht entscheidend. Sie kommunizierte, während andere regierten.

Als der Streit um den Bundeshaushalt eskalierte und Bundesfinanzminister Christian Lindner — nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Schuldenbremse — auf strikte Haushaltsdisziplin bestand, war der Bruch unvermeidlich. Das Bundesverfassungsgericht hatte in seinem wegweisenden Beschluss entschieden, dass zweckgebundene Sondervermögen, die an Schulden aus früheren Jahren geknüpft sind, nicht ohne weiteres umgewidmet werden dürfen — ein Urteil, das das gesamte Finanzierungsgerüst der Koalition erschütterte. Lang stand in dieser Phase für eine Linie, die staatliche Investitionen priorisierte. Die FDP wollte das Gegenteil. Und die SPD versuchte zu vermitteln, bis auch das nicht mehr gelang.

Der Koalitionsbruch im Herbst des vergangenen Jahres traf die Grünen in einem Moment, in dem die Partei ohnehin unter Druck stand. Die Debatte um das Heizungsgesetz — offiziell das Gebäudeenergiegesetz — hatte tiefe Spuren hinterlassen. Robert Habeck war zum Gesicht einer Politik geworden, die viele Bürgerinnen und Bürger als technokratisch, belehrend und praxisfern empfanden. Lang versuchte, den Schaden zu begrenzen. Es gelang ihr nicht.

2017
Ricarda Lang wird Bundessprecherin der Grünen Jugend und profiliert sich als Stimme des linken Parteiflügels auf Bundesebene.
2021
Einzug in den Deutschen Bundestag über die Landesliste Baden-Württemberg. Lang wird stellvertretende Fraktionsvorsitzende und beginnt ihre parlamentarische Arbeit.
Januar 2022
Lang wird auf dem Bundesparteitag zur Ko-Vorsitzenden der Grünen gewählt — gemeinsam mit Omid Nouripour. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 27 Jahre alt.
Herbst 2024
Nach dem Bruch der Ampelkoalition und dem beginnenden Absturz in den Umfragen tritt Lang gemeinsam mit Nouripour vom Parteivorsitz zurück.
Februar 2025
Die Grünen scheitern bei der Bundestagswahl knapp an der Fünf-Prozent-Hürde beziehungsweise ziehen nur noch marginal in den Bundestag ein. Lang kandidiert erneut und bleibt politisch aktiv.

Polarisierung als politisches Schicksal

Kaum eine Politikerin der jüngeren Generation wird so intensiv diskutiert wie Ricarda Lang — und das in einem Ton, der sachliche Kritik und persönliche Angriffe oft untrennbar vermischt. In sozialen Netzwerken ist sie Zielscheibe von Kommentaren, die ihren politischen Positionen gelten, aber auch ihrer Person, ihrer Herkunft, ihrem Körper. Diese Form der Anfeindung ist nicht neu in der deutschen Politik, aber sie trifft Lang mit besonderer Wucht.

Was diese Dynamik politisch bedeutsam macht: Lang hat nie aufgehört, dazu öffentlich zu sprechen. Sie hat den Hass nicht ignoriert, nicht privatisiert, sondern thematisiert — in Interviews, in sozialen Medien, im Bundestag. Das ist eine bewusste Strategie, die sie selbst als Teil ihrer politischen Arbeit versteht. Wer über Hass auf Politikerinnen schweigt, normalisiert ihn. Wer darüber spricht, macht ihn sichtbar und läuft gleichzeitig Gefahr, als wehleidig oder taktierend zu gelten. Lang hat sich für das Sichtbarmachen entschieden.

Inhaltliche Kritik und ihre Berechtigung

Jenseits der persönlichen Angriffe gibt es eine ernsthafte inhaltliche Debatte über Langs politische Arbeit. Kritiker — auch innerhalb der Grünen — werfen ihr vor, die Partei zu weit nach links geführt zu haben, Milieuverengung betrieben zu haben und in der Ampel zu wenig Profil gezeigt zu haben. Diese Kritik hat Substanz. Die Grünen verloren unter ihrer Führung kontinuierlich an Breite: Die einstmals bürgerlichen Wählerinnen und Wähler aus Akademikerhaushalten blieben, aber die Partei gewann kaum neue Schichten dazu. Gleichzeitig wurde sie für viele Ältere und Konservative unwählbar.

Langs Gegenargument — das sie selten explizit, aber oft implizit vertritt — lautet: Klimaschutz ist keine Frage der Mitte, sondern der Dringlichkeit. Wer die Transformation der Wirtschaft ernsthaft will, wird immer Widerstände produzieren. Das mag stimmen. Es erklärt aber nicht, warum die Kommunikation dieser Inhalte so oft als bevormundend ankam. Die Tankrabatt-Debatte um die Weitergabe an Verbraucher zeigte exemplarisch, wie schwer es den Grünen fiel, Wirtschaftspolitik verständlich und alltagsnah zu vermitteln — ein strukturelles Problem, das nicht allein Langs Verantwortung ist, aber in ihre Amtszeit fällt.

Die soziale Frage als blinder Fleck

Ein weiterer Kritikpunkt, der Lang persönlich trifft: die soziale Frage. Lang selbst betont regelmäßig, dass Klimapolitik soziale Politik sein muss — dass die Transformation der Gesellschaft nur gelingt, wenn sie nicht auf Kosten der Schwächeren geht. In ihrer Rhetorik ist das überzeugend. In der konkreten Koalitionspolitik der Ampel war diese Verbindung jedoch oft nicht erkennbar. Die Energiepreise stiegen, die sozialen Ausgleichsmechanismen kamen zu spät oder zu klein. Lang war nicht Bundesministerin — aber sie war Vorsitzende der Partei, die für diese Verbindung stand. Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit schadete ihr politisch.

Die Debatte um Ostdeutschland 36 Jahre nach der Wende illustriert dieses Dilemma: Die Grünen blieben in ostdeutschen Bundesländern strukturell schwach, erreichten kaum Arbeiterinnen und Arbeiter, kaum Menschen in wirtschaftlich abgehängten Regionen. Lang erkannte das Problem. Lösungen blieben vage.

Fraktionspositionen zur Grünen-Führungsfrage:

CDU/CSU: Sehen in Langs Rücktritt eine Bestätigung ihrer Kritik an der grünen Regierungspolitik. Fordern eine programmatische Neuausrichtung der Grünen hin zur Mitte als Bedingung für künftige Kooperationen.

SPD: Betont die gemeinsamen Erfolge der Ampelkoalition, weist Mitverantwortung für das Scheitern jedoch zurück. Bleibt in der Frage der grünen Zukunft diplomatisch zurückhaltend.

Grüne: Diskutieren intern eine strategische Neuausrichtung zwischen stärkerem Pragmatismus (Habeck-Linie) und pointiertem Linksprofil (Fraktionslinie). Lang gilt als Vertreterin einer integrativen Position, die beide Flügel zusammenhalten soll.

AfD: Nutzt Langs Person und die grünen Verluste intensiv für eigene Mobilisierungskampagnen. Sachliche Auseinandersetzung findet nicht statt — im Vordergrund stehen Personalisierung und Verhöhnung.

Nach dem Absturz: Was kommt?

Ricarda Lang hat nach ihrem Rücktritt vom Parteivorsitz nicht aufgehört, politisch zu arbeiten. Sie ist Mitglied des Bundestages — so lange, wie die Grünen im Parlament vertreten sind — und meldet sich regelmäßig zu Wort. Der Ton hat sich verändert: weniger Parteistrategie, mehr inhaltliche Positionierung. Lang spricht häufiger über Feminismus, über soziale Gerechtigkeit, über die Demokratie als solche. Das wirkt weniger wie das Profil einer künftigen Parteichefin und mehr wie das einer Politikerin, die sich ihren eigentlichen Überzeugungen zuwendet.

Ob das politisch trägt, ist offen. Die Grünen befinden sich in einer Neuaufstellungsphase, deren Ausgang ungewiss ist. Die Partei steht vor der Frage, ob sie sich als Milieupartei der urbanen Akademikerschaft konsolidiert oder ob sie eine neue Breite sucht. Diese Entscheidung wird nicht allein Langs Zukunft bestimmen — aber sie wird bestimmen, ob es in dieser Partei noch Raum für eine Politikerin gibt, die ihr Profil aus dem linken Flügel heraus entwickelt hat.

Auch außenpolitisch positioniert sich Lang zunehmend. In der Debatte um Selenskyjs Forderungen nach einer unbefristeten Waffenruhe hat sie sich klar auf die Seite der ukrainischen Souveränität gestellt — eine Position, die innerhalb der Grünen weniger umstritten ist als in anderen Parteien, aber dennoch Kontur zeigt. Und beim Thema deutsches Rüstungsbudget und Entwicklungshilfe mahnt sie, die Aufrüstungsdebatte nicht ohne Diskussion um internationale Verantwortung zu führen. Das sind keine spektakulären Positionen — aber sie sind konsistent.

Wahl / Zeitraum Grüne (Ergebnis) Koalitionspartner Langs Rolle
Bundestagswahl 2021 14,8 % SPD, FDP (Ampel) Stellv. Fraktionsvorsitzende, ab Jan. 2022 Ko-Vorsitzende
Umfragehoch 2022 bis zu 23 % (Infratest dimap) Ampelkoalition aktiv Ko-Vorsitzende; Partei auf Umfragehoch
Umfragetief 2023–2024 unter 12 % (diverse Institute) Ampel unter Druck Ko-Vorsitzende; Kommunikation des GEG-Debakels
Rücktritt Herbst 2024 ca. 10–11 % (Umfragen) Ampel zerbrochen Rücktritt vom Parteivorsitz gemeinsam mit Nouripour
Bundestagswahl 2025 unter 5 % / Grenzbereich Opposition Bundestagsmandat; kein Parteiamt

Polarisierung als Spiegel

Ricarda Lang polarisiert — das ist unstrittig. Was in dieser Feststellung jedoch oft untergeht: Polarisierung entsteht nicht im Vakuum. Sie entsteht dort, wo jemand Positionen vertritt, die bestehende Verhältnisse in Frage stellen. Lang hat als junge Frau, als Körper, der nicht dem politischen Normtypus entspricht, als Vertreterin explizit feministischer Politik eine Zielscheibe geboten, die weit über das Politische hinausgeht. Die Feindseligkeit, die ihr entgegenschlägt, sagt deshalb ebenso viel über den Zustand der politischen Kultur in Deutschland aus wie über Lang selbst.

Das entbindet sie nicht von politischer Verantwortung. Die Grünen haben unter ihrer Mitführung Fehler gemacht — strategische, kommunikative, inhaltliche. Aber die Reduktion Langs auf eine gescheiterte Parteichefin wäre unvollständig. Sie ist auch ein Beispiel dafür, was passiert, wenn eine Partei eine junge Frau an ihre Spitze setzt und erwartet, dass sie unter Bedingungen performt, die erfahrenen Männern mittleren Alters schwergefallen wären.

Die Debatte über das wirtschaftliche Nordgefälle und Bayerns Dominanz zeigt zudem, in welchem strukturellen Kontext grüne Politik operiert: In wirtschaftlich starken Regionen ist grünes Wählen einfacher, weil die Kosten der Transformation abstrakter wirken. In abgehängten Regionen, wo Industrie wegbricht und Löhne stagnieren, klingt das grüne Versprechen einer gerechten Transformation nach einer leeren Formel. Lang hat diesen Widerspruch benannt. Gelöst hat ihn die Partei unter ihrer Führung nicht. Und auch das fragile Erholungssignal im deutschen Maschinenbau erinnert daran, wie schmal der wirtschaftspolitische Pfad ist, auf dem Klimapolitik und Industriepolitik gleichzeitig funktionieren müssen.

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Weiterführende Informationen: Bundestag.de

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

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