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Verbrenner-Verbot 2035 gekippt: Was das für Autofahrer bedeutet

Wir haben die Analyse zum Ende des Verbrenner-Verbots gesehen und haben gemischte Gefuehle

Von Kai Richter 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Verbrenner-Verbot 2035 gekippt: Was das für Autofahrer bedeutet

Rund 14 Millionen neu zugelassene Autos werden jedes Jahr in der Europäischen Union verkauft – und jahrelang stand fest, dass ab dem Jahr 2035 keines davon noch einen Verbrennungsmotor haben dürfte. Nun ist diese Gewissheit Geschichte: Die EU-Kommission hat die strikte Regelung faktisch aufgeweicht, und die Debatte darüber, was das für Autofahrerinnen und Autofahrer konkret bedeutet, hat gerade erst begonnen.

Was wurde entschieden – und was nicht

Es ist wichtig, präzise zu sein: Das sogenannte Verbrenner-Verbot, formal als Verordnung zur CO₂-Flottenemission bekannt, wurde nicht vollständig abgeschafft. Beschlossen wurde jedoch, dass Fahrzeuge, die mit synthetischen Kraftstoffen – sogenannten E-Fuels – betrieben werden, auch nach dem geplanten Stichtag noch zugelassen werden dürfen. Damit öffnet die EU einen Korridor, der für Hersteller wie Porsche, Ferrari oder diverse kleinere Sportwagenproduzenten von erheblicher Bedeutung ist.

Hinzu kommt, dass die politische Stimmung in Brüssel gedreht hat. Die neue EU-Kommission unter Ursula von der Leyen signalisiert, dass eine Überprüfung der gesamten Regelung ansteht. Es gibt belastbare Berichte, wonach die Mehrheit im Europaparlament für eine Lockerung oder zumindest Flexibilisierung der ursprünglichen Vorschrift plädiert. Ob das tatsächlich zur einer grundlegenden Revision führt, ist derzeit offen – aber die Richtung ist eindeutig.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher entsteht daraus ein Zustand der Unklarheit, der kaufentscheidende Wirkung haben kann. Wer sich in den vergangenen Monaten intensiv mit dem Kauf eines Elektroautos beschäftigt hat, fragt sich jetzt: War das die richtige Entscheidung? Wer noch einen Verbrenner fährt, fragt: Wie lange noch?

Für einen tieferen Einblick in die spezifischen Ausnahmen und deren Folgen empfiehlt sich die Lektüre unseres Artikels zu Verbrenner-Verbot 2035: Was die Ausnahmen bedeuten, der die unterschiedlichen Fahrzeugklassen und Sonderregelungen im Detail erklärt.

Die Reaktion der Automobilindustrie

Eu Flaggen Parlamentsgebaeude Bruessel Blauer Himmel Eingang Feierlich Fahnenmasten Zennews24
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Europas Automobilhersteller haben auf die politische Entwicklung mit verhaltener Erleichterung reagiert – verhaltener, als man angesichts der jahrelangen Lobbying-Bemühungen erwarten würde. Der Grund: Viele Konzerne haben bereits massiv in die Elektromobilität investiert. Volkswagen, Stellantis und Renault haben Milliarden in den Umbau ihrer Produktionslinien gesteckt. Eine vollständige Kehrtwende wäre betriebswirtschaftlich ebenfalls ein Problem – nämlich ein anderes.

Zugleich betonen Hersteller wie BMW und Mercedes-Benz öffentlich, weiterhin an ihren Elektrostrategie-Zielen festzuhalten, auch wenn der regulatorische Druck nachlässt. Das klingt nach Standfestigkeit, ist aber mindestens teilweise auch strategisch: Wer heute das E-Auto-Geschäft aufgibt, verliert den Anschluss an asiatische Konkurrenten, die diesen Markt längst besetzen.

Der ADAC hat die Diskussion um das Verbrenner-Verbot wiederholt kommentiert und dabei betont, dass Technologieoffenheit zwar sinnvoll sei, die Förderstruktur für Elektroautos in Deutschland jedoch weiterhin verbesserungswürdig bleibe. Besonders kritisiert der Club das abrupte Ende der E-Auto-Prämie sowie den unzureichenden Ausbau der Ladeinfrastruktur im ländlichen Raum.

Was das Kraftfahrt-Bundesamt sagt

Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) veröffentlicht regelmäßig Daten zur Entwicklung der Fahrzeugzulassungen in Deutschland. Die Zahlen zeigen ein klares Bild: Nach dem Ende der staatlichen Kaufprämie für Elektroautos brachen die Neuzulassungen im Segment der reinen Batteriefahrzeuge deutlich ein. Gleichzeitig stiegen die Zulassungen von Plug-in-Hybriden und konventionellen Verbrennern wieder an.

Das KBA weist in seinen Berichten auch darauf hin, dass der Bestand an Elektrofahrzeugen im Verhältnis zur Gesamtflotte weiterhin gering ist. Rund 97 Prozent aller in Deutschland zugelassenen Fahrzeuge fahren noch mit Benzin, Diesel oder einem Hybridantrieb – ein Beleg dafür, dass die Transformation trotz aller politischen Bekenntnisse strukturell noch am Anfang steht (Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt).

Für Kaufinteressierte bedeutet das: Die Entscheidung für oder gegen einen Verbrenner ist in absehbarer Zeit weiterhin technisch und wirtschaftlich viable. Das Netz an Werkstätten, Ersatzteilen und verfügbarem Know-how ist für Verbrenner-Fahrzeuge noch auf Jahrzehnte hin gesichert.

Was Käufer jetzt wissen müssen

Die politische Unsicherheit hat direkte Auswirkungen auf die Kaufentscheidung. Wer heute ein Auto kauft, tut das unter veränderten Vorzeichen – und sollte einige zentrale Punkte beachten:

Restwert und Wiederverkauf: Die Diskussion über das Verbrenner-Verbot hatte in den vergangenen Jahren bereits messbare Auswirkungen auf den Restwert älterer Dieselfahrzeuge. Mit dem Signal, dass Verbrenner länger erlaubt bleiben könnten, stabilisieren sich diese Werte tendenziell. Wer ein gebrauchtes Fahrzeug mit Verbrennungsmotor kaufen oder verkaufen möchte, sollte diese Entwicklung im Blick behalten.

Elektroautos bleiben sinnvoll – aber ohne staatliche Förderung teurer: Die weggefallene Kaufprämie macht Elektroautos in der Anschaffung wieder deutlich teurer als vergleichbare Verbrenner. Gleichzeitig sind die Betriebskosten bei günstigem Ladestrom weiterhin niedriger. Wer über längere Haltedauer kalkuliert, kann trotzdem auf einem positiven Saldo landen – das hängt jedoch stark vom individuellen Fahrprofil und den lokalen Strompreisen ab.

E-Fuels: Keine Lösung für die breite Masse: Die Ausnahme für synthetische Kraftstoffe klingt attraktiver, als sie ist. E-Fuels sind derzeit extrem teuer in der Herstellung, und es gibt keine Infrastruktur, um sie flächendeckend anzubieten. Die Ausnahme betrifft faktisch Nischenfahrzeuge – Sportwagen, Oldtimer, Sammlerfahrzeuge. Wer einen Familien-SUV oder ein Pendlerfahrzeug sucht, wird von E-Fuels in absehbarer Zeit nicht profitieren.

Faktencheck: Das EU-weite „Verbrenner-Verbot" ab dem Jahr 2035 wurde nicht vollständig aufgehoben. Die beschlossene Ausnahme betrifft ausschließlich Fahrzeuge, die nachweislich ausschließlich mit klimaneutralen synthetischen Kraftstoffen (E-Fuels) betrieben werden. Eine entsprechende Zertifizierungsregelung steht noch aus. Reine Benzin- und Dieselmotoren ohne E-Fuel-Kompatibilität sind von dieser Ausnahme nicht erfasst. Die grundsätzliche CO₂-Regulierung für Neufahrzeuge bleibt bestehen. Aussagen, das Verbrenner-Verbot sei „gekippt", sind vereinfachend und teilweise irreführend (Quellen: Europäisches Parlament, EU-Kommission, ADAC).

Vergleich: Antriebsarten im Überblick für Kaufinteressierte

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Eckdaten zu den gängigsten Antriebsarten zusammen, die für Neuwagenkäufer derzeit relevant sind. Die Preisangaben sind Richtwerte auf Basis aktueller Marktdaten und können je nach Modell und Ausstattung erheblich abweichen.

Antriebsart Beispielmodell Einstiegspreis (ca.) Ø Kraftstoffkosten/100 km Zukunftssicherheit
Benziner VW Golf 1.5 TSI ab ca. 27.000 € ca. 8–10 € Mittel – Regulierung offen
Diesel BMW 320d ab ca. 42.000 € ca. 6–8 € Gering – Fahrverbote möglich
Plug-in-Hybrid Toyota RAV4 PHEV ab ca. 47.000 € ca. 3–7 € (je nach Nutzung) Mittel – Übergangsantrieb
Vollelektrisch (BEV) Renault Scenic E-Tech ab ca. 35.000 € ca. 3–5 € (Heimladen) Hoch – regulatorisch begünstigt
E-Fuel-Verbrenner Porsche 911 (zukünftig) ab ca. 130.000 € unklar – E-Fuel ca. 3–5 €/Liter Hoch – Nischenlösung

Die Ladeinfrastruktur bleibt das zentrale Problem

Unabhängig davon, wie die politische Debatte ausgeht, bleibt die Ladeinfrastruktur das entscheidende Hindernis für eine breitere Akzeptanz von Elektroautos. Während Städte wie Hamburg, München und Berlin inzwischen eine verhältnismäßig dichte Ladeinfrastruktur aufgebaut haben, ist die Situation auf dem Land nach wie vor unbefriedigend. Wer in einem Einfamilienhaus mit eigenem Stellplatz lebt und eine Wallbox installieren kann, profitiert am stärksten von der Elektromobilität. Mieterinnen und Mieter in Mehrfamilienhäusern sind hingegen auf öffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen – und die ist häufig überlastet, defekt oder schlicht nicht vorhanden.

Der ADAC kritisiert in seinen regelmäßigen Infrastrukturberichten, dass die Zahl der öffentlichen Ladepunkte zwar wächst, aber deutlich langsamer als ursprünglich geplant. Die Bundesregierung hatte ehrgeizige Ziele ausgegeben – die Realität auf Autobahnparkplätzen und in Innenstädten sieht oft anders aus (Quelle: ADAC Infrastrukturreport).

Dieser Zustand gibt all jenen ein starkes Argument, die den Verbrenner weiterhin für alltagspraktisch halten. Es wäre jedoch vorschnell, daraus zu schließen, dass sich daran nichts ändern wird. Der Ausbau ist im Gang – langsam, aber real.

Politische Signale und ihre Wirkung auf den Markt

Was in Brüssel beschlossen oder diskutiert wird, hat unmittelbare wirtschaftliche Folgen – und das nicht nur für die Automobilindustrie. Zulieferer, Tankstellenbetreiber, Elektriker und Stadtplaner richten ihre Investitionsentscheidungen an politischen Rahmenbedingungen aus. Wenn diese Rahmenbedingungen als unzuverlässig gelten, entstehen Investitionshemmnisse auf breiter Front.

Genau dieses Problem beschreibt auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) regelmäßig: Planungssicherheit fehle, und die ständig sich verändernde Förderpolitik mache es für Verbraucherinnen und Verbraucher wie für Unternehmen schwer, verlässliche Entscheidungen zu treffen. Diese Kritik ist berechtigt – unabhängig davon, welchen Antrieb man bevorzugt.

Einen interessanten Parallelfall zur Frage, wie politische Verbote und Kehrtwenden auf Bürgerinnen und Bürger wirken, bietet übrigens die aktuelle Debatte um das TikTok-Verbot in den USA und seine Auswirkungen auf Europa – auch dort zeigt sich, dass staatliche Eingriffe in etablierte Märkte massive Unsicherheiten erzeugen können.

Was kommt als nächstes?

Die EU-Kommission hat angekündigt, die Umsetzung der CO₂-Flottenregulierung bis Mitte dieses Jahrzehnts zu evaluieren. Das bedeutet: Die Debatte ist nicht beendet, sondern tritt in eine neue Phase. Es ist durchaus möglich, dass die ursprünglichen Ziele verschärft, abgeschwächt oder durch alternative Mechanismen ersetzt werden.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher bedeutet das vor allem eines: Wer ein Auto kauft, sollte sich nicht auf politische Versprechen oder Verbote verlassen, sondern pragmatisch entscheiden. Das bedeutet: die eigene Fahrsituation analysieren, Ladeinfrastruktur vor Ort prüfen, Gesamtkosten über die Haltedauer berechnen – und sich nicht von kurzfristigen politischen Meldungen leiten lassen.

Wer sich zudem für das Thema Verbote und deren gesellschaftliche Dynamik interessiert, findet in unserem Überblick zur AfD-Verbotsdiskussion und den Prüfungsmaßstäben des Gerichts interessante Parallelen dazu, wie rechtliche Rahmenbedingungen politische Debatten strukturieren – ein Thema, das auch für die Frage der Fahrzeugregulierung relevant bleibt.

Weitere Einblicke in die juristischen Hintergründe bietet auch der Bericht zum AfD-Verbotsantrag und den Prüfungsschritten des Bundesverfassungsgerichts, der verdeutlicht, wie komplex legislative Entscheidungen in demokratischen Systemen sind – ein Aspekt, der auch auf EU-Ebene bei der Fahrzeugregulierung gilt.

Für Autokäuferinnen und -käufer bleibt die Empfehlung klar: Informiert bleiben, flexibel planen und sich nicht auf ein politisches Versprechen festlegen, das sich in Brüssel gerade einmal mehr im Wandel befindet. Der Verbrennungsmotor stirbt nicht morgen – aber er hat keine gesicherte Zukunft mehr. Das gilt es nüchtern zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn es keine einfache Antwort liefert.

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Kai Richter
Unterhaltung & Auto

Kai Richter beobachtet Trends in Streaming, Kultur und Mobilität. Er testet, analysiert und ordnet ein — ob neue Serienformate, Kinostarts oder die Entwicklungen auf dem Automobilmarkt.

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