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KI soll Restaurantgründung demokratisieren – Wonder plant

Der Unternehmer Marc Lore sieht in robotergestützten Küchen die Zukunft der Gastronomie.

Von Markus Bauer 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
KI soll Restaurantgründung demokratisieren – Wonder plant

Rund 60 Prozent aller Restaurantgründungen scheitern innerhalb der ersten drei Jahre – eine Statistik, die Marc Lore, Gründer des US-amerikanischen Lieferdienstes Jet.com und ehemaliger Walmart-Manager, als Ausgangspunkt für ein ambitioniertes Projekt nimmt. Mit seinem Unternehmen Wonder will er die Gastronomiebranche von Grund auf neu denken: mithilfe von Roboterküchen, künstlicher Intelligenz und einem Franchise-Modell, das angeblich auch Gründern ohne Gastro-Erfahrung den Einstieg ermöglichen soll.

Was Wonder plant – und was dahintersteckt

Wonder ist kein klassisches Restaurant und kein reiner Lieferdienst. Das Unternehmen versucht, beide Welten zu verbinden: Kunden können Gerichte aus verschiedenen Küchen – von asiatisch bis mediterran – in einem einzigen Bestellvorgang kombinieren, die dann zentral in einer sogenannten Multi-Brand-Küche zubereitet werden. Diese Küchen setzen auf ein hohes Maß an Automatisierung. Roboter übernehmen repetitive Aufgaben wie das Rühren, Frittieren oder Portionieren, während menschliche Mitarbeiter Qualitätskontrolle, Kreativarbeit und Kundenkommunikation verantworten.

Das eigentlich Neue an Wonders Ansatz ist der geplante Franchise-Arm des Geschäftsmodells. Lore hat öffentlich erklärt, dass er eine Plattform schaffen will, auf der Unternehmer ohne tiefgreifende Gastro-Kenntnisse eine Restaurantmarke aufbauen können – indem die Technologie viele der operativen Hürden übernimmt. Rezeptentwicklung, Bestandsverwaltung, Bestelloptimierung und Qualitätssicherung sollen dabei durch KI-Systeme gestützt werden. Das klingt nach einer demokratisierenden Vision – aber ob sie so funktioniert, wie versprochen, bleibt zu prüfen.

Kerndaten: Wonder wurde von Marc Lore gegründet, dem früheren CEO von Walmart eCommerce US und Gründer von Jet.com. Das Unternehmen hat bislang mehrere hundert Millionen US-Dollar an Risikokapital eingesammelt. Der Betrieb konzentriert sich derzeit auf den US-Markt mit Standorten im Großraum New York. Die Plattform kombiniert mehrere Restaurantmarken unter einem Dach – mit Bestellabwicklung über eine einzige App. Robotergestützte Küchenautomation soll Betriebskosten senken und die Reproduzierbarkeit von Gerichten sicherstellen.

Wie die Technologie funktioniert – einfach erklärt

Wer sich fragt, was „KI in der Küche" konkret bedeutet, dem hilft ein Blick auf die einzelnen Systemschichten. Im Wesentlichen lassen sich drei Technologieebenen unterscheiden, die Wonder – und ähnliche Konzepte – nutzen oder anstreben:

Erstens die Prozessautomation: Hier kommen Roboterarme oder spezialisierte Maschinen zum Einsatz, die exakt definierte Handgriffe ausführen – etwa das Wenden von Burgern, das gleichmäßige Befüllen von Schüsseln oder das Temperaturmanagement beim Frittieren. Diese Geräte arbeiten nach festen Programmen und haben mit KI im engeren Sinne wenig zu tun. Sie reduzieren jedoch den Personalbedarf für monotone Tätigkeiten erheblich.

Zweitens das KI-gestützte Bestandsmanagement: Algorithmen analysieren Bestellhistorien, Tageszeiten, Wetterdaten und lokale Ereignisse, um vorherzusagen, welche Zutaten in welcher Menge benötigt werden. Das reduziert Lebensmittelverschwendung und Lieferengpässe – zwei klassische Schwachstellen im Gastronomiegeschäft.

Drittens die Qualitätssicherung durch Computer Vision: Kameras überwachen den Kochprozess in Echtzeit. KI-Systeme erkennen, ob ein Gericht die vorgegebenen Standards erfüllt – etwa ob die Bräunung stimmt oder die Portionsgröße korrekt ist. Weicht das Ergebnis ab, schlägt das System Alarm. Diese Technologie ist in der Industrie seit Jahren etabliert, in der Gastronomie aber noch vergleichsweise neu.

Ähnliche technologische Entwicklungen sind auch in anderen Branchen zu beobachten. Während Google KI-Steuerung für Mac-Computer plant und damit die Kontrolle über Betriebssysteme neu definiert, versucht Wonder, KI auf die physische Welt der Lebensmittelzubereitung zu übertragen – mit anderen, aber vergleichbar disruptiven Implikationen.

Wo die Technologie an ihre Grenzen stößt

So überzeugend die technische Vision klingt, so real sind die Grenzen. Roboter sind gut darin, standardisierte Aufgaben zuverlässig zu wiederholen. Sie scheitern jedoch bei Variabilität: Ein zu weiches Gemüse, ein anderes Mehl, eine veränderte Liefercharge – und der Algorithmus muss neu kalibriert werden. Köche passen sich intuitiv an. Maschinen tun das nicht, jedenfalls nicht ohne menschliche Eingriffe oder aufwendiges Nachtraining der Modelle.

Hinzu kommt der Wartungsaufwand. Küchenumgebungen sind feucht, heiß und fettig – keine ideale Umgebung für Elektronik. Die Ausfallsicherheit industrieller Küchenroboter ist ein offenes Thema, über das in der Branche wenig gesprochen wird. Ein Geräteausfall in einem herkömmlichen Restaurant bedeutet: Ein Mitarbeiter macht mehr. In einer weitgehend automatisierten Küche kann es den gesamten Betrieb lahmlegen.

Marktforscher von Gartner weisen in ihren Analysen zur Industrieautomation regelmäßig darauf hin, dass der sogenannte „Hype Cycle" bei Robotik-Lösungen häufig überschätzt wird: Die tatsächliche Marktdurchdringung hinkt den Erwartungen oft um mehrere Jahre hinterher. (Quelle: Gartner)

Das Franchise-Versprechen: Demokratisierung oder neues Abhängigkeitsverhältnis?

Marc Lores Rhetorik ist geschickt gewählt. „Demokratisierung" klingt nach Empowerment, nach Chancengleichheit, nach einem Gegenmodell zur kapitalintensiven klassischen Gastro-Gründung. Wer ein Restaurant eröffnen will, braucht traditionell Startkapital für Mietkaution, Küchenausstattung, Personaltraining und Marketing – oft mehrere hunderttausend Euro. Wonder verspricht, diese Hürde zu senken.

Doch der Begriff Franchise bringt strukturelle Abhängigkeiten mit sich. Wer unter einem Franchise-System operiert, ist an Markenstandards, Lieferanten und Technologieplattformen des Franchisegebers gebunden. Die Kontrolle über das eigene Geschäft ist begrenzt. Wenn Wonder die Algorithmen ändert, die Plattformgebühren erhöht oder die Partnerschaft beendet, hat der einzelne Gründer wenig Spielraum.

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Bildmaterial: ZenNews24 Mediathek

Statista-Daten zur Franchise-Wirtschaft in den USA zeigen, dass Franchise-Nehmer im Schnitt geringere Gewinne erzielen als unabhängige Restaurantbetreiber, wenn man die Lizenzgebühren und laufenden Plattformkosten einrechnet. Gleichzeitig ist die Überlebensrate von Franchise-Betrieben statistisch höher – was auf den Wert des strukturierten Systems verweist, nicht unbedingt auf dessen finanzielle Überlegenheit. (Quelle: Statista)

Es ist also ein Kompromiss: weniger Risiko beim Markteinstieg, dafür weniger Unabhängigkeit im laufenden Betrieb. Ob das als „Demokratisierung" gelten kann oder als neue Form der Plattformabhängigkeit, ist eine Frage des Standpunkts.

Wer profitiert – und wer trägt das Risiko?

Investoren haben bereits signifikante Summen in Wonder investiert. Das Geschäftsmodell ist aus Kapitalgeber-Perspektive attraktiv: Wächst die Plattform, wachsen die Lizenzeinnahmen. Das unternehmerische Risiko liegt hingegen bei den Franchise-Nehmern, die ihre Ersparnisse einsetzen und mit dem System arbeiten – das sie weder entwickelt haben noch vollständig verstehen müssen.

IDC-Analysen zur Plattformökonomie im Bereich Food Tech zeigen, dass das Machtverhältnis zwischen Plattformbetreibern und abhängigen Anbietern strukturell zugunsten der Plattform verschoben ist. Wechselkosten sind hoch, Alternativen oft begrenzt. (Quelle: IDC)

Das ist kein Argument gegen das Konzept an sich. Aber es relativiert die Erzählung der Demokratisierung erheblich. Wer in das Wonder-System einsteigt, sollte die Bedingungen genau prüfen – und nicht allein auf die Vision vertrauen.

Marktkontext: Automatisierung in der Gastronomie im Überblick

Wonder ist nicht das einzige Unternehmen, das auf automatisierte Gastronomie setzt. Der Markt für Food-Robotik und KI-gestützte Küchentechnologie wächst schnell. Zum Vergleich: Mitbewerber und verwandte Konzepte im Überblick:

Anbieter / Konzept Kernansatz Automatisierungsgrad Zielgruppe Markt
Wonder (Marc Lore) Multi-Brand-Küche, KI-Optimierung, Franchise-Plattform Mittel bis hoch (Teilautomation) Franchise-Gründer, Endkunden USA (Schwerpunkt New York)
Miso Robotics (Flippy) Roboterarm für Frittier- und Grillstationen Hoch (Einzelaufgaben vollautomatisch) Fast-Food-Ketten USA
Pazzi (Frankreich) Vollautomatische Pizzazubereitung ohne Personal Sehr hoch (vollautomatisch) Endkunden, Einzelhandel Europa
Keatz / Rebel Foods Ghost Kitchen mit zentraler Markensteuerung Niedrig bis mittel (primär logistisch) Lieferdienst-Kunden Europa, Asien
Spyce (Boston) Roboter-Wok-System für Schnellrestaurants Hoch (Kochprozess automatisiert) Innenstadtgäste USA (eingestellt / übernommen)

Die Tabelle zeigt: Automatisierung in der Gastronomie ist kein Einzelphänomen. Unterschiedliche Ansätze konkurrieren darum, welcher Grad der Automatisierung wirtschaftlich tragfähig ist. Vollautomatische Konzepte wie Pazzi kämpfen mit Akzeptanzproblemen bei Verbrauchern. Hybridmodelle wie Wonder setzen auf eine Kombination aus Technik und menschlicher Arbeit – was flexibler, aber auch teurer ist.

Bitkom hat in einer Erhebung zur Digitalisierung des Gastgewerbes in Deutschland festgestellt, dass erst ein kleiner einstelliger Prozentsatz der Betriebe systematisch KI-gestützte Prozesse im Küchenbereich einsetzt. Das Potenzial gilt als groß, die tatsächliche Umsetzung hinkt den Erwartungen hinterher. (Quelle: Bitkom)

Einordnung: Nachrichtenwert und kritische Perspektive

Wonders Ansatz ist aus technologischer Sicht interessant und aus unternehmerischer Sicht ehrgeizig. Aber er ist auch ein Geschäftsmodell, das Investor-Interessen bedient und Franchise-Nehmer in eine strukturelle Abhängigkeit führt. Die Framing-Entscheidung, das als „Demokratisierung" zu bezeichnen, ist eine PR-Strategie – keine neutrale Beschreibung.

Ähnliche Dynamiken lassen sich in anderen Tech-Branchen beobachten. Wenn Apple sein erstes Foldable iPhone plant, entscheidet letztlich ein Konzern über die technologische Richtung des Marktes – Verbraucher folgen. Wenn Plattformen wie Wonder das Restaurantgeschäft neu definieren, gestalten sie die Regeln des Spiels – und die Franchise-Nehmer spielen nach diesen Regeln, ohne sie geschrieben zu haben.

Das ist kein Urteil gegen Technologie oder gegen Innovation. Es ist eine Einladung zur Nüchternheit: Disruption bedeutet nicht automatisch Fortschritt für alle Beteiligten. Manchmal verschiebt sie nur, wer die Kontrolle hat.

Die digitale Infrastruktur, auf der solche Plattformen laufen, ist ihrerseits im Wandel. Dass A1 Telekom Austria den 2G-Mobilfunkstandard beendet, ist ein Symbol für diesen Wandel: Ältere Technologieebenen weichen neueren, schnelleren, leistungsfähigeren Netzen – und damit wächst die Basis für datenintensive Anwendungen wie Echtzeit-KI in Gastroküchen.

Auch auf der Netzwerkebene zeigen sich strukturelle Verschiebungen: Vodafone übernimmt Three für fünf Milliarden Euro – Konsolidierungen im Telekommunikationsmarkt, die letztlich bestimmen, wie leistungsfähig die Datenleitungen sind, auf denen KI-Anwendungen laufen. Und auch im Energiebereich bleibt der Wandel nicht aus: Der Entwurf des Wirtschaftsministeriums zum Heizungsgesetz zeigt, wie stark regulatorische Rahmenbedingungen technologische Entscheidungen beeinflussen – ein Muster, das auch im Food-Tech-Bereich früher oder später relevant werden dürfte.

Was Wonder anstrebt, ist strukturell verwandt mit dem, was andere Technologieunternehmen in anderen Branchen versuchen: komplexe Prozesse in eine Plattformlogik überführen, skalierbar machen und dabei einen erheblichen Teil der Wertschöpfung zentral bündeln. Ob das für die Gastronomie als Branche insgesamt vorteilhaft ist – für die Beschäftigten, für lokale Betreiber, für die kulinarische Vielfalt – ist eine Frage, die über das Technologische hinausgeht. Sie ist gesellschaftlicher Natur. Und sie wird nicht von Algorithmen beantwortet.

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Weiterführende Informationen: BSI Bundesamt fuer Sicherheit

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Markus Bauer
Technologie & Digitales

Markus Bauer verfolgt die Entwicklungen in Tech, KI und Digitalpolitik. Er analysiert, wie neue Technologien Gesellschaft und Wirtschaft verändern — von Datenschutz bis Plattformregulierung.

Quelle: TechCrunch DE
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