BVB Dortmund: 115 Jahre Identität im Ruhrgebiet
Der Borussia Dortmund ist seit über einem Jahrhundert eng mit der Entwicklung der Ruhrgebietsmetropole verflochten
Borussia Dortmund ist weit mehr als nur ein Fußballverein. In der Ruhrgebietsmetropole verkörpert der BVB seit über 115 Jahren die Identität einer ganzen Stadt, prägt deren wirtschaftliche Entwicklung und fungiert als globales Aushängeschild für die gesamte Region. Die symbiotische Beziehung zwischen Klub und Stadt hat sich über Jahrzehnte zu einer untrennbaren Verflechtung entwickelt, die sowohl kulturell als auch ökonomisch tiefgreifende Auswirkungen auf den Alltag der Dortmunderinnen und Dortmunder hat.
- Ein Jahrhundert gemeinsamer Geschichte: BVB und Dortmund wachsen zusammen
- Wirtschaftsfaktor: Wie der BVB die Dortmunder Ökonomie prägt
- Konkrete Auswirkungen auf Dortmunderinnen und Dortmunder
- Stimmen aus der Stadt: Politik, Wirtschaft und Anwohner
Ein Jahrhundert gemeinsamer Geschichte: BVB und Dortmund wachsen zusammen
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Die Geschichte von Borussia Dortmund beginnt in einer Zeit, als die Ruhrregion gerade zum Zentrum der deutschen Industrialisierung aufstieg. Gegründet wurde der Klub am 19. Dezember 1909 in einer Stadt, die vom Bergbau, von Stahlwerken und Kokereien geprägt war. Arbeiter und Handwerker fanden im Fußball eine gemeinsame Leidenschaft, die soziale Schichten überbrückte. Der BVB wuchs nicht aus wohlhabenden Bürgerschichten heraus, sondern war von Beginn an ein Verein der einfachen Leute – eine Verwurzelung, die bis heute spürbar geblieben ist.
Wie Dortmund selbst durchlebte der Klub turbulente Zeiten. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs trafen Stadt und Verein gleichermaßen hart. Doch wie Dortmund baute sich auch der BVB neu auf – ein Symbol für Resilienz und Wiederaufbau. In den 1950er und frühen 1960er Jahren folgten erste große nationale Erfolge, darunter mehrere Deutsche Meisterschaften. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Erfolgsgeschichte markierte der Champions-League-Sieg im Mai 1997 in München, der die gesamte Stadt in kollektiven Jubel versetzte und Dortmund schlagartig auf der internationalen Fußballlandkarte etablierte.
Diese historische Verflechtung ist nicht bloß nostalgisch zu verstehen, sondern hat konkrete Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Stadt. Dortmund definiert sich in weiten Teilen über seinen Klub. Wenn der BVB erfolgreich ist, strahlt dieser Erfolg auf die gesamte Stadtgesellschaft aus. Wenn der Verein schwierige Phasen durchlebt – wie die beinahe existenzielle Finanzkrise Anfang der 2000er Jahre –, leidet die Stimmung in der Stadt spürbar mit.
Lokale Zahlen: Der BVB beschäftigt derzeit rund 1.100 Mitarbeiter direkt beim Verein und seinen Tochtergesellschaften. Der Jahresumsatz lag zuletzt bei etwa 480 Millionen Euro (Geschäftsjahr 2022/23). Das Signal Iduna Park – offizieller Stadionname seit 2005 – fasst bei Bundesligaspielen rund 81.365 Zuschauer und ist damit das größte Fußballstadion Deutschlands. Die Auslastung liegt seit Jahren konstant bei nahezu 100 Prozent. Der wirtschaftliche Gesamtimpact des BVB auf die Region Dortmund wird von der Wirtschaftsförderung Dortmund auf jährlich rund 400 bis 500 Millionen Euro geschätzt. Allein an einem Heimspieltag fließen schätzungsweise vier bis sechs Millionen Euro in die lokale Wirtschaft – durch Gastronomie, Einzelhandel, Hotel- und Transportgewerbe.
Wirtschaftsfaktor: Wie der BVB die Dortmunder Ökonomie prägt
Betrachtet man die wirtschaftliche Dimension, wird die Bedeutung des BVB für Dortmund unmittelbar greifbar. Der Klub zählt zu den größten Arbeitgebern der Stadt und fungiert als Magnet für Tourismus, Gastgewerbe und Einzelhandel. An einem Heimspieltag sind Hotels häufig ausgebucht, Restaurants und Gaststätten rund um das Stadionviertel sowie in der Innenstadt profitieren von Zehntausenden Besuchern, und der öffentliche Nahverkehr der DSW21 verzeichnet Rekordfahrgastzahlen.
Die Wirtschaftsförderung Dortmund betont in ihren jährlichen Berichten zur Stadtentwicklung: „Der BVB ist nicht nur ein Kulturträger, sondern ein wirtschaftliches Rückgrat unserer Stadt. Die indirekten Effekte – von Hotelübernachtungen über Gastronomie bis hin zu Einzelhandelsumsätzen – sind enorm und kaum wegzudenken." Besonders hervorzuheben ist dabei der Auswärtsbesuchereffekt: Ein erheblicher Teil der Stadiongäste reist aus anderen Bundesländern und dem europäischen Ausland an und übernachtet in Dortmund – mit entsprechend positiven Folgen für das lokale Beherbergungsgewerbe.
Für den Einzelhandel in der Dortmunder Innenstadt sowie in den stadtnahen Einkaufszentren bedeuten Heimspieltage regelmäßige Umsatzspitzen. Merchandising-Produkte des BVB werden nicht nur im vereinseigenen Fan-Shop am Stadion, sondern auch in zahlreichen lokalen Einzelhandelsgeschäften vertrieben, was die wirtschaftliche Strahlkraft des Klubs weit über das Stadionumfeld hinausträgt. Das Einzelhandelskonzept der Stadt Dortmund berücksichtigt die spieltagsbezogenen Frequenzeffekte mittlerweile explizit in seiner Standortplanung.
Konkrete Auswirkungen auf Dortmunderinnen und Dortmunder
- Arbeitsplätze: Neben den rund 1.100 Beschäftigten beim BVB selbst sichert der Klub tausende weitere Stellen in Gastronomie, Sicherheitsdiensten, Transportgewerbe, Reinigung und Einzelhandel – viele davon in einkommensschwächeren Stadtteilen rund um das Stadionviertel Westfalen.
- Infrastruktur: Der Ausbau des ÖPNV-Netzes rund um den Signal Iduna Park sowie Straßensanierungen im Stadionumfeld wurden in den vergangenen Jahren maßgeblich durch die Anforderungen des Spielbetriebs vorangetrieben.
- Soziales Engagement: Die BVB-Stiftung „leuchte auf" fördert Kinder- und Jugendprojekte in Dortmund mit jährlich mehreren hunderttausend Euro. Schulen und Jugendeinrichtungen in sozial benachteiligten Stadtteilen profitieren von Partnerschaften mit dem Verein.
- Stadtimage und Tourismus: Dortmund zieht jährlich Zehntausende Fußballtouristen an, die primär wegen des BVB in die Stadt kommen und dabei auch andere Sehenswürdigkeiten wie das Dortmunder U oder den Westenhellweg besuchen.
- Identität und Zusammenhalt: Insbesondere nach dem Strukturwandel des Ruhrgebiets, dem Wegfall von Bergbau und Schwerindustrie, hat der BVB eine wichtige Rolle als kollektiver Identitätsanker übernommen, der unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen verbindet.
- Immobilienmarkt: Stadtteile im Umfeld des Stadions, etwa Westerfilde und Hörde, profitieren von einer erhöhten Bekanntheit und stabilen Nachfrage, wie lokale Makler und der städtische Wohnungsmarktbericht belegen.
Stimmen aus der Stadt: Politik, Wirtschaft und Anwohner
Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD) bringt die besondere Stellung des Klubs regelmäßig auf den Punkt: „Der BVB ist für Dortmund kein Luxus und keine Freizeitbeschäftigung – er ist Teil unseres DNA. Kein anderer Akteur verbindet Menschen so unterschiedlicher Herkunft, Generationen und Stadtteile wie Borussia Dortmund." Westphal verweist dabei auch auf die symbolische Bedeutung des Vereins im Kontext des Strukturwandels: Der BVB stehe für Dortmunds Fähigkeit, sich neu zu erfinden, ohne die eigene Herkunft zu verleugnen.
Im Dortmunder Stadtrat wird die Förderung der Infrastruktur rund um den Signal Iduna Park fraktionsübergreifend als Investition in die gesamte Stadt verstanden. Bei der jüngsten Beratung zum städtischen Haushalt 2024 hob die CDU-Fraktion hervor: „Jeder Euro, den die Stadt in die Verkehrsinfrastruktur rund um das Stadion investiert, kommt durch Steuereinnahmen und Wirtschaftseffekte mehrfach zurück." Die Grünen mahnen dabei allerdings, den Ausbau des Radwegenetzes und barrierefreier Zugänge nicht zu vernachlässigen.
Auch lokale Unternehmer sehen den BVB als unverzichtbaren Wirtschaftspartner. Gastronomiebetreiberin Sabine Krämer, die seit 20 Jahren eine Gaststätte in Stadionnähe im Stadtteil Westfalen betreibt, sagt: „Ohne den BVB hätte ich mein Lokal längst schließen müssen. An Heimspieltagen machen wir manchmal mehr Umsatz als in der ganzen restlichen Woche." Ähnlich äußern sich Hoteliers in der Innenstadt, die den BVB-Kalender längst als festen Bestandteil ihrer Jahresplanung betrachten.
Anwohner rund um den Signal Iduna Park haben naturgemäß eine ambivalentere Beziehung zu den Spieltagen. Verkehrslärm, Parkplatznot und gelegentliche Auseinandersetzungen randständiger Fangruppen werden von einem Teil der Nachbarschaft kritisch gesehen. Das städtische Ordnungsamt hat in den vergangenen Jahren gemeinsam mit dem BVB und der Polizei Dortmund ein Anwohnerkonzept erarbeitet, das Lärmschutzmaßnahmen und verbesserte Parkraumkonzepte umfasst. „Wir nehmen die Sorgen der Anwohnerinnen und Anwohner ernst und arbeiten kontinuierlich daran, die Belastungen zu minimieren", erklärt ein Sprecher des Stadtplanungsamts Dortmund.
Kulturerbe und Zukunft: Der BVB als Identitätsanker im Wandel
Mit dem Strukturwandel im Ruhrgebiet hat der BVB eine neue, noch zentralere Rolle als Identitätsträger übernommen. Als Zechen schlossen und Stahlwerke abgebaut wurden, blieb der Verein als eines der wenigen Symbole, das die kollektive Identität der Arbeiterstadt Dortmund weiterhin verkörperte. Diese Funktion wird in der Stadtsoziologie zunehmend ernst genommen: Der Bochumer Soziologe Professor Klaus Dörre bezeichnete den BVB in einem viel zitierten Interview als „sozialen Kitt einer postindustriellen Stadtgesellschaft".
Gleichzeitig steht der Verein vor der Herausforderung, seine lokale Verwurzelung gegenüber wachsenden internationalen Interessen zu behaupten. Globale Sponsoren, internationale Marketingstrategien und die zunehmende Kommerzialisierung des Profifußballs stehen in einem Spannungsverhältnis zur Tradition als Volksverein. Die BVB-Führung betont regelmäßig, dass Dortmund und seine Fans der unverzichtbare Mittelpunkt aller Aktivitäten bleiben – eine Aussage, die von der Fanszene aufmerksam beobachtet und eingefordert wird.
Für die Stadt Dortmund bleibt der BVB in jedem Fall ein Asset, das in der Stadtentwicklungsstrategie Dortmund 2030 explizit als Standortfaktor erster Ordnung aufgeführt wird. Die Kombination aus sportlichem Ehrgeiz, sozialer Verwurzelung und wirtschaftlicher Strahlkraft macht Borussia Dortmund zu einem Phänomen, das weit über den Fußball hinausweist – und das Dortmund zu einer Stadt macht, die man kennt, auch wenn man noch nie dort war.
- dpa Regionaldienst
- Bundesinnenministerium — bmi.bund.de
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