Irans Außenminister besucht China – erste Reise seit Kriegsbeginn
Araghtschi trifft sich mit chinesischen Amtskollegen und kündigt Maßnahmen zur Hormus-Straße an.
Zum ersten Mal seit Ausbruch der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Israel und dem Iran hat Außenminister Abbas Araghtschi Peking besucht – ein Besuch mit hoher symbolischer Sprengkraft, der weit über bilaterale Höflichkeiten hinausgeht. Araghtschi kündigte dabei konkrete Maßnahmen an, die die Durchfahrt durch die Straße von Hormus betreffen könnten – eine Ankündigung, die in westlichen Hauptstädten mit größter Aufmerksamkeit verfolgt wird.
Araghtschi in Peking: Strategie hinter dem Besuch
Die chinesische Hauptstadt war für Irans obersten Diplomaten keine zufällige Wahl. China gilt als einer der wenigen verbliebenen Großmächte, die mit Teheran sowohl wirtschaftlich als auch politisch enge Beziehungen unterhalten – und gleichzeitig über ausreichend Einfluss auf beide Konfliktparteien verfügen, um als Vermittler aufzutreten. Araghtschi traf sich mit seinem Amtskollegen Wang Yi zu mehrstündigen Gesprächen, bei denen neben der militärischen Lage auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie die Frage einer möglichen diplomatischen Lösung des Konflikts auf der Tagesordnung standen.
Der Zeitpunkt des Besuchs ist kaum zufällig gewählt: Die Reise Araghtschchis nach Peking findet unmittelbar vor dem erwarteten Besuch von US-Präsident Donald Trump in China statt – ein diplomatischer Schachzug, der Teheran die Möglichkeit gibt, die eigene Lage gegenüber Peking zu konsolidieren, bevor Washington seine Positionen darlegt. Iran versucht offensichtlich, die chinesische Seite als Gegengewicht zu amerikanischem Druck zu nutzen.
Wang Yi empfing seinen iranischen Gesprächspartner mit demonstrativer Wärme. In der abschließenden Presserklärung betonte die chinesische Seite ihr Engagement für eine „politische Lösung" des Konflikts und sprach sich gegen jede „externe Einmischung" aus – eine Formulierung, die unmissverständlich auf die USA abzielt. China hat in der Vergangenheit wiederholt wirtschaftliche Sanktionen gegen Iran als völkerrechtswidrig bezeichnet und Öllieferungen aus der Islamischen Republik trotz westlicher Restriktionen aufrechterhalten.
Die Hormus-Ankündigung: Drohung oder Verhandlungsmasse?
Besonders aufhorchen ließ Araghtschchis Ankündigung, Iran halte sich das Recht vor, „Maßnahmen" hinsichtlich der Straße von Hormus zu ergreifen. Die Meerenge zwischen dem Iran und der arabischen Halbinsel ist einer der strategisch bedeutsamsten Seewege der Welt: Rund zwanzig Prozent des globalen Ölhandels werden durch diesen schmalen Korridor abgewickelt. Eine Blockade oder auch nur eine ernsthafte Bedrohung des freien Schiffsverkehrs würde die ohnehin angespannten Energiemärkte massiv destabilisieren.
Experten sind sich uneinig, ob es sich bei Araghtschchis Äußerungen um eine reale Drohung oder primär um diplomatischen Druck handelt. Einerseits hat Iran in vergangenen Konflikten wiederholt mit der Sperrung der Hormus-Straße gedroht, ohne diese Drohung jemals vollständig umzusetzen – auch weil Iran selbst auf den Exportweg durch diese Meerenge angewiesen ist. Andererseits ist die aktuelle Lage in mehrfacher Hinsicht ernster als frühere Eskalationen.
Die internationale Gemeinschaft reagierte prompt. Die US-Marine verstärkte nach Medienberichten ihre Präsenz in der Region. Mehrere europäische Regierungen gaben Empfehlungen an ihre Reedereien heraus, die Durchfahrt durch das betroffene Seegebiet sorgsam abzuwägen. Auch der Preis für Rohöl der Marke Brent stieg in Reaktion auf die Berichte zeitweise merklich an, bevor er sich wieder etwas erholte.
Chinas Balanceakt zwischen Teheran und Washington

Für Peking stellt Araghtschchis Besuch eine diplomatische Herausforderung dar. China pflegt enge Wirtschaftsbeziehungen zu Iran – die beiden Länder haben einen umfassenden Kooperationsvertrag mit einer Laufzeit von 25 Jahren unterzeichnet, der milliardenschwere Investitionen und enge energiepolitische Verflechtungen vorsieht. Gleichzeitig will China seine wirtschaftlichen Beziehungen zur arabischen Halbinsel, insbesondere zu Saudi-Arabien, nicht gefährden – und auch das Verhältnis zu den USA, das trotz aller Spannungen von enormer wirtschaftlicher Bedeutung ist, nicht unnötig belasten.
Dieser Balanceakt wird dadurch erschwert, dass die Gespräche zwischen den USA und China nach einer langen Eiszeit erst kürzlich wieder aufgenommen wurden und Peking kein Interesse daran hat, mühsam erarbeitete diplomatische Fortschritte durch allzu offensichtliche Parteinahme für Teheran zu gefährden. Wang Yi formulierte deshalb betont vorsichtig: China unterstütze die „legitimen Sicherheitsinteressen aller Parteien" und trete für eine Lösung auf dem Verhandlungsweg ein.
Beobachter der chinesischen Außenpolitik werten den Besuch dennoch als Signal: Peking lässt sich den Zugang zu Teheran nicht nehmen und positioniert sich als unverzichtbarer Mittler – eine Rolle, die China auch im Nahen Osten zunehmend für sich beansprucht, seit es den historischen Aussöhnungsprozess zwischen Saudi-Arabien und Iran vermittelt hat.
Europas Reaktion: Berlin und Brüssel unter Zugzwang
In Europa und insbesondere in Berlin hat der Besuch erhebliche Aufmerksamkeit erzeugt. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz steht vor der schwierigen Aufgabe, sowohl die transatlantische Allianz zu stärken als auch eigene europäische Interessen im Nahen Osten zu wahren. Deutschland als eine der größten Volkswirtschaften der Welt ist auf stabile Energiemärkte angewiesen – eine Eskalation rund um die Hormus-Straße würde unmittelbare wirtschaftliche Folgen haben.
Das Auswärtige Amt erklärte auf Anfrage, man verfolge die Entwicklungen „mit großer Aufmerksamkeit" und halte engen Kontakt zu europäischen Partnern sowie zur Bundesregierung der USA. Konkrete Reaktionen auf Araghtschchis Hormus-Ankündigung blieben jedoch zunächst aus. Kritiker werfen der Bundesregierung vor, in der Iran-Politik zu zögerlich zu agieren. Dabei verdient ein Blick auf die jüngere Geschichte der deutschen Außenpolitik Beachtung: Wie die Bilanz der früheren Außenministerin Annalena Baerbock zeigt, ist eine konsequente wertebasierte Außenpolitik zwar von hohem moralischen Anspruch, stößt jedoch in Krisenmomenten wie diesen an pragmatische Grenzen.
Seit dem Amtsantritt von Merz hat die deutsche Außenpolitik eine spürbare Neuausrichtung erfahren. In Merz' erstem Amtsjahr zeichneten sich außenpolitische Erfolge ab, während innenpolitische Schwächen sichtbar wurden – ein Befund, der sich auch bei der Reaktion auf die Iran-China-Achse widerspiegelt. Während Berlin in der NATO und gegenüber der Ukraine klare Positionen bezieht, fehlt im Umgang mit Teheran bislang eine kohärente europäische Strategie.
Was steht auf dem Spiel: Energie, Handel, Geopolitik
Die geopolitischen Implikationen des Araghtschi-Besuchs lassen sich kaum überschätzen. Die enge Abstimmung zwischen Teheran und Peking signalisiert, dass Iran trotz militärischer Belastungen diplomatisch handlungsfähig bleibt – und dass China bereit ist, diese Handlungsfähigkeit zu stützen. Das verändert die Kräfteverhältnisse in der Region.
Gleichzeitig zeigt der Besuch, dass die von den USA und ihren Verbündeten verhängten Sanktionen Iran zwar wirtschaftlich erheblich belasten, das Land jedoch nicht vollständig isolieren konnten. Die strategische Partnerschaft mit China bietet Teheran einen Rettungsanker: wirtschaftlich durch den Ölabsatz, diplomatisch durch chinesische Rückendeckung in internationalen Foren und geopolitisch durch die Einbettung in eine eurasische Sicherheitsarchitektur, die dem westlichen Einfluss trotzt.
Für den US-Außenminister, der die Iran-Operation zuletzt für beendet erklärt hatte, bedeutet Araghtschchis Peking-Besuch eine schwierige Botschaft: Der diplomatische Kampf um Iran ist nicht entschieden. Teheran sucht aktiv nach Wegen, um den westlichen Druck durch Annäherung an China und andere Mächte zu kompensieren – und Peking lässt sich diese Option nicht nehmen.
Fraktionspositionen:
CDU/CSU: Die Unionsfraktion fordert eine klare europäische Reaktion auf Irans Hormus-Ankündigung und spricht sich für eine Verschärfung der Sanktionspolitik aus. Außenpolitiker der Union mahnen, die Bundesregierung dürfe China nicht als neutralen Vermittler überschätzen, solange Peking offen an der Seite Teherans stehe.
SPD: Die Sozialdemokraten betonen die Notwendigkeit diplomatischer Kanäle und warnen vor einer weiteren Eskalation. Die SPD-Fraktion setzt auf den multilateralen Rahmen – insbesondere auf die Vereinten Nationen und europäische Formate – und spricht sich für die Wiederaufnahme von Verhandlungen über das iranische Atomprogramm aus.
Grüne: Die Grünen-Fraktion kritisiert die chinesische Iran-Politik scharf und fordert von der Bundesregierung mehr Druck auf Peking. Gleichzeitig plädiert die Fraktion für humanitäre Korridore und einen sofortigen Waffenstillstand. Die enge Abstimmung zwischen Iran und China sei ein beunruhigendes Signal für die regelbasierte internationale Ordnung.
AfD: Die AfD-Fraktion nutzt den Besuch für innenpolitische Kritik an der Bundesregierung und fordert ein Ende der deutschen Beteiligung an Sanktionsregimen, die nach ihrer Auffassung europäische Wirtschaftsinteressen schädigten. Die Fraktion stellt die Wirksamkeit westlicher Iran-Politik grundsätzlich infrage.
| Land / Akteur | Position zu Iran | Verhältnis zu China | Haltung zu Hormus-Ankündigung |
|---|---|---|---|
| USA | Konfrontativ / Sanktionspolitik | Strategische Rivalität | Scharf verurteilt, Marinepräsenz erhöht |
| China | Strategische Partnerschaft | — | Keine Verurteilung, Deeskalationsappell |
| EU / Deutschland | Sanktionen, Gesprächsbereitschaft | Wirtschaftspartner mit Spannungen | Besorgnis geäußert, konkrete Schritte offen |
| Russland | Enge Kooperation | Strategische Annäherung | Keine öffentliche Kritik |
| Saudi-Arabien / Golfstaaten | Tiefes Misstrauen, Normalisierungsprozess | Wirtschaftlich eng verflochten | Höchste Alarmstufe, eigene Seestreitkräfte mobilisiert |
Ausblick: Zwischen Verhandlung und Eskalation
Die nächsten Wochen dürften entscheidend dafür sein, ob Araghtschchis Peking-Besuch als Auftakt zu einem ernsthaften Deeskalationsprozess in die Geschichtsbücher eingeht – oder als ein weiterer Schachzug in einem zunehmend gefährlichen Kräftemessen, das die gesamte Region zu destabilisieren droht. Entscheidend wird sein, ob China bereit ist, seine Vermittlerrolle tatsächlich mit Substanz zu füllen, oder ob Peking primär eigene strategische Interessen verfolgt.
Die Bundesregierung und ihre europäischen Partner werden genau beobachten, welche Signale der erwartete Trump-Besuch in China aussendet. Eine Koordination zwischen Washington und Peking in der Iran-Frage wäre ein diplomatisches Novum – und würde die Handlungsspielräume Teherans erheblich einschränken. Ob eine solche Koordination realistisch ist, bleibt jedoch fraglich angesichts der tiefgreifenden Spannungen zwischen den USA und China in nahezu allen anderen strategischen Fragen.
Eines hat Araghtschchis Reise in jedem Fall gezeigt: Iran ist trotz militärischer Belastung und internationaler Isolation kein passiver Akteur. Teheran agiert strategisch, nutzt die Rivalitäten zwischen den Großmächten und hält sich mit der Hormus-Ankündigung eine Druckoption offen, deren Einsatz die gesamte Weltwirtschaft erschüttern würde. Die diplomatische Uhr tickt – und die Zeit für eine verhandelte Lösung könnte kürzer sein, als viele westliche Hauptstädte wahrhaben wollen.


















