Wirtschaft

0,2 Prozent des deutschen Stroms: Was ein Stahlwerk wirklich verbraucht

Stahlproduktion benötigt enorme Energiemengen. Ein großes Werk verursacht Stromkosten von über 100 Millionen Euro jährlich.

Von ZenNews24 Redaktion 4 Min. Lesezeit Aktualisiert: 17.05.2026
0,2 Prozent des deutschen Stroms: Was ein Stahlwerk wirklich verbraucht
Das Wichtigste in Kürze
  • Ein einziges mittelgroßes deutsches Stahlwerk verbraucht 0,2 Prozent des gesamten deutschen Stroms — rund eine Milliarde Kilowattstunden pro Jahr
  • Unternehmerin Anne-Marie Großmann gewährt seltene Einblicke in den Energiehunger der Stahlindustrie und erklärt, warum der Strompreis über Existenz und Abwanderung entscheidet

Es ist eine Zahl, die den meisten Menschen nichts sagt — bis man sie einordnet. 0,2 Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs: Das verbraucht ein einziges mittelgroßes deutsches Stahlwerk im Jahr. Bei einem Gesamtverbrauch Deutschlands von rund 464 Terawattstunden (TWh) entspricht das knapp einer Milliarde Kilowattstunden — so viel wie eine Stadt mit 200.000 Einwohnern.

Stahlunternehmerin Anne-Marie Großmann nennt diese Zahl im Interview mit Paul Ronzheimer nicht, um zu beeindrucken. Sie nennt sie, um das Dilemma zu erklären: Ihr Unternehmen ist auf Strom angewiesen wie kaum ein anderes. Und genau dieser Strom ist in Deutschland so teuer geworden, dass er die gesamte Kalkulation in Frage stellt.

▶ Auf einen Blick
  • Ein mittelgroßes deutsches Stahlwerk verbraucht 0,2 Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs pro Jahr.
  • Moderne Elektrostahlwerke schmelzen Schrott ein und benötigen 350 bis 550 Kilowattstunden pro Tonne Stahl.
  • Hohe Strompreise in Deutschland gefährden die Wirtschaftlichkeit der Stahlproduktion erheblich.

Wie ein Elektrostahlwerk funktioniert

Moderne Stahlwerke, die auf den sogenannten Elektrolichtbogenofen setzen, sind technologisch auf einem anderen Niveau als die klassischen Hochofenwerke vergangener Jahrzehnte. Statt Kohle und Eisenerz wird Stahlschrott eingeschmolzen — ein Verfahren, das deutlich klimafreundlicher ist und gleichzeitig den heimischen Recyclingkreislauf schließt.

Der Nachteil: Der Lichtbogenofen ist ein extremer Stromfresser. In wenigen Minuten werden Temperaturen von über 1.600 Grad Celsius erzeugt, Tausende Tonnen Schrott verflüssigt und zu hochwertigem Stahl verarbeitet. Pro Tonne produziertem Stahl verbrauchen moderne Elektrostahlwerke je nach Anlage und Produkttyp zwischen 350 und 550 Kilowattstunden.

Ein Werk, das auf 0,2 Prozent des deutschen Gesamtstroms kommt, produziert damit — abhängig vom spezifischen Verbrauch — zwischen 1,8 und 2,5 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr. Das ist keine Kleinigkeit: Die gesamte deutsche Stahlindustrie produzierte 2024 rund 35 Millionen Tonnen. Ein Werk wie das von Großmann wäre damit für fünf bis sieben Prozent der nationalen Jahresproduktion verantwortlich.

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Der Preis des Stroms: Existenzfrage für die Branche

Laut der anhaltenden wirtschaftlichen Schwäche, die die Märkte belastet, zahlen energieintensive Industriebetriebe in Deutschland ohne staatliche Entlastungen zwischen 15 und 22 Cent pro Kilowattstunde — einer der höchsten Industriestrompreise weltweit. In Frankreich sind es 4,6 Cent, in Spanien 4,3 Cent.

Selbst mit den verfügbaren Entlastungsmechanismen (besondere Ausgleichsregelung nach dem Energiesteuergesetz) zahlen hochindustrielle Verbraucher in Deutschland noch rund 5,7 Cent pro Kilowattstunde — im internationalen Vergleich immer noch unvorteilhaft.

Für ein Werk mit einem jährlichen Stromverbrauch von rund 930 Millionen Kilowattstunden (0,2 Prozent von 464 TWh) bedeutet jeder Cent Preisunterschied 9,3 Millionen Euro Mehrkosten pro Jahr. Im Vergleich zu einem französischen Konkurrenten, der 4,6 Cent zahlt, ergibt sich allein durch den Strompreis ein jährlicher Kostennachteil von über 100 Millionen Euro — bei einem einzigen Unternehmen.

Netzentgelte als unterschätzte Größe

Zum Strompreis kommen die Netzentgelte. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl beziffert den Anstieg der Netzentgelte ab Januar 2024 auf 130 Prozent — was die gesamte Stahlindustrie jährlich rund 300 Millionen Euro zusätzlich kostet. Für ein einzelnes Werk wie das von Großmann sind das Millionenbeträge, die jährlich fällig werden, unabhängig davon, wie gut das operative Geschäft läuft.

Anne-Marie Großmann macht im Ronzheimer-Interview unmissverständlich deutlich: Diese Entwicklung ist nicht dauerhaft tragbar. Stahl ist ein Grundstoff — er steckt in Maschinen, Autos, Gebäuden, Windkraftanlagen und Eisenbahnschienen. Wer Stahl nicht mehr produzieren kann oder will, ist von Importen abhängig. Und Importe aus Ländern ohne europäische Umwelt- und Sozialstandards sind billiger — nicht weil sie effizienter wären, sondern weil der Preis externe Kosten nicht einschließt.

Das Paradox der Energiewende

Hier liegt ein tief verwurzeltes Paradox der deutschen Energiepolitik. Die Energiewende soll den Klimawandel bekämpfen — dazu braucht sie grünen Stahl, Wasserstoff-Direktreduktion und elektrisch betriebene Industrie. Gleichzeitig macht der hohe Strompreis genau jene Unternehmen unwirtschaftlich, die die Dekarbonisierung der Industrie vorantreiben könnten.

Elektrostahlwerke wie das von Großmann sind im Vergleich zu konventionellen Hochöfen schon heute bis zu 60 Prozent klimafreundlicher. Sie verarbeiten Schrott statt Erz, benötigen keine Kohle und emittieren weit weniger CO₂ pro Tonne Stahl. Wenn diese Werke wegen des Strompreises nicht mehr konkurrenzfähig sind und schließen müssen, übernehmen Hochofenwerke in China, Indien oder Brasilien die Produktion — mit einem deutlich schlechteren ökologischen Fußabdruck.

Deindustrialisierung ist also kein Klimagewinn. Sie ist eine Verlagerung von Emissionen an Standorte, an denen keine europäischen Klimavorgaben gelten.

Was die Zahlen bedeuten

Die 0,2 Prozent, die Anne-Marie Großmann nennt, sind mehr als eine technische Kennzahl. Sie sind ein Spiegel der gesamten Lage: Ein Unternehmen, das für sich allein so viel Strom wie eine mittlere deutsche Großstadt verbraucht, ist Teil der Grundversorgung. Es schafft direkte und indirekte Arbeitsplätze, zahlt Steuern und Sozialbeiträge und liefert Halbzeuge, ohne die zahlreiche nachgelagerte Industrien nicht produzieren können.

Die 120.000 verlorenen Industriearbeitsplätze im vergangenen Jahr sind auch das Ergebnis dieser Energiepolitik. Wenn Unternehmen abwandern oder schließen, weil die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen, dann ist das kein abstraktes wirtschaftliches Signal — dann verlieren Menschen ihren Lebensunterhalt.

Ansiedlungen wie Teslas Batteriewerk in Grünheide zeigen, dass Deutschland als Industriestandort grundsätzlich attraktiv sein kann — wenn die Bedingungen stimmen. Für die Stahlindustrie stimmen sie gerade nicht.

Strom als Systemfrage

Die 0,2 Prozent, die Großmann nennt, sind keine technische Kuriosität. Sie sind ein Politikum: Wer bestimmt, was dieser Strom kostet? Wie wird der Preis reguliert? Und wer zahlt am Ende die Kosten des Umbaus? Die Antworten auf diese Fragen entscheiden über die Zukunft des Standorts Deutschland — und damit über Millionen von Arbeitsplätzen, die direkt und indirekt an der Schwerindustrie hängen.

Quellen: Wirtschaftsvereinigung Stahl (Daten und Fakten 2024), AGEB (Gesamtstromverbrauch Deutschland 2024), Bundesnetzagentur, Ronzheimer-Interview mit Anne-Marie Großmann (YouTube, Mai 2026), DIHK Energiewende-Barometer 2024.

EinordnungDie Stahlbranche in Deutschland steht unter Druck: Teure Elektrizität macht die energieintensive Produktion zunehmend unrentabel. Dies könnte die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts gefährden und Arbeitsplätze gefährden.
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