Wirtschaft

Industriestrompreis Deutschland: Wie der Strom zur größten Standortbedrohung wurde

Energiekosten explodieren – deutsche Industrie unter Druck. Experten warnen vor Verlagerung von Produktionen ins Ausland.

Von ZenNews24 Redaktion 4 Min. Lesezeit Aktualisiert: 17.05.2026
Industriestrompreis Deutschland: Wie der Strom zur größten Standortbedrohung wurde
Das Wichtigste in Kürze
  • 15 bis 22 Cent pro Kilowattstunde — ohne staatliche Entlastung zahlen deutsche Industriebetriebe zu den höchsten Strompreisen weltweit
  • Was das für die Stahlindustrie, den Standort Deutschland und die Energiepolitik bedeutet, zeigt ein nüchterner Blick auf Zahlen, die Stahlunternehmerin Anne-Marie Großmann im Ronzheimer-Interview offen anspricht

Es gibt Probleme, die lange schwelen, bevor sie sichtbar werden. Der deutsche Industriestrompreis ist eines davon. Seit Jahren warnen Wirtschaftsverbände, Unternehmen und Ökonomen vor der schleichenden Erosion der Wettbewerbsfähigkeit. Im Interview mit Journalist Paul Ronzheimer bringt Stahlunternehmerin Anne-Marie Großmann die Lage auf eine Formel: Die Politik schaut zu, wie die Wirtschaft untergeht.

Das ist kein rhetorischer Ausreißer. Es ist eine präzise Beschreibung eines politischen Versagens, das sich in Zahlen ablesen lässt — nüchtern, belegt und alarmierend.

▶ Auf einen Blick
  • Deutsche Industriebetriebe zahlen ohne Subventionen 15-22 Cent pro kWh Strom, deutlich mehr als Konkurrenten in Frankreich, Spanien oder den USA.
  • Selbst mit geplanten staatlichen Entlastungen ab 2026 bleibt Deutschlands subventionierter Industriestrompreis von 5 Cent über dem französischen Niveau ohne Staatshilfen.
  • Das Kernproblem ist der deutsche Energiemix: Frankreich nutzt zu über 70 Prozent günstige Kernkraft als Grundlast, Deutschland setzt auf teurere erneuerbare Quellen.

Was deutsche Industrie für Strom zahlt

Ohne staatliche Entlastungen zahlen Industriebetriebe in Deutschland zwischen 15 und 22 Cent pro Kilowattstunde. Das ist einer der höchsten Industriestrompreise weltweit. Zum Vergleich: In Frankreich zahlen vergleichbare Betriebe 4,6 Cent, in Spanien 4,3 Cent, in den USA teilweise unter 4 Cent.

Große energieintensive Verbraucher können in Deutschland über die besondere Ausgleichsregelung des Energiewirtschaftsgesetzes Entlastungen beantragen. Mit diesen Entlastungen landen sie bei rund 5,7 Cent pro Kilowattstunde — immer noch deutlich über dem EU-Durchschnitt für Industrie.

Ab 2026 plant die Bundesregierung einen subventionierten Industriestrompreis von 5 Cent für besonders energieintensive Betriebe. Das ist eine Besserung, aber keine Lösung: Frankreich liegt schon heute darunter, ohne dass dort Staatsgeld eingesetzt werden muss. Der Unterschied liegt im Energiemix: Frankreich deckt über 70 Prozent seines Stroms durch Kernkraft — die günstigste und zuverlässigste Grundlastquelle im europäischen Netz.

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Netzentgelte: Das unterschätzte Problem

Der reine Strompreis ist nicht das einzige Problem. Die Netzentgelte — Gebühren für die Nutzung des Übertragungsnetzes — stiegen ab Januar 2024 um 130 Prozent. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl beziffert den Mehraufwand für die gesamte Branche auf jährlich 300 Millionen Euro.

Dieser Anstieg hat strukturelle Ursachen: Der Ausbau der Erneuerbaren-Energien-Infrastruktur, die Anbindung von Offshore-Windparks und der notwendige Netzumbau für die Sektorenkopplung werden zu einem erheblichen Teil über die Netzentgelte refinanziert. Das bedeutet: Die Energiewende, die die Industrie klimafreundlicher machen soll, verteuert gleichzeitig den Strom, den die Industrie braucht.

Die Schwäche der deutschen Konjunktur, die die Aktienmärkte seit Monaten belastet, ist zu einem erheblichen Teil energiepolitisch mitverursacht. Unternehmen investieren nicht, wenn die Betriebskosten nicht kalkulierbar sind.

Die Abwanderungsspirale

Laut DIHK-Energiewende-Barometer 2024 erwägen 40 Prozent aller deutschen Industriebetriebe eine Verlagerung von Produktion ins Ausland. Bei energieintensiven Betrieben ist dieser Anteil zwischen 2022 und 2024 von 25 auf 45 Prozent gestiegen. Das ist keine Drohung — das ist eine konkrete Planungsrealität.

Die Logik ist einfach: Wenn ein Stahlwerk in Deutschland 5,7 Cent pro Kilowattstunde zahlt und ein Konkurrent in Frankreich 4,6 Cent, dann ergibt sich allein durch den Energiepreis ein Kostennachteil von über 100 Millionen Euro pro Jahr und Betrieb. Kein Effizienzgewinn, keine Prozessoptimierung kann diesen strukturellen Nachteil vollständig ausgleichen.

Unternehmen, die einmal begonnen haben zu verlagern, kehren selten zurück. Die 120.000 verlorenen Industriearbeitsplätze des vergangenen Jahres sind zum Teil Ergebnis eben dieser Verlagerungsentscheidungen.

Carbon Border Adjustment: Schutz mit Nebenwirkungen

Auf europäischer Ebene gibt es einen Versuch, die Wettbewerbsverzerrung durch unterschiedliche Klimastandards zu korrigieren: den Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM). Ab 2026 müssen Importeure von Stahl, Aluminium, Zement, Düngemitteln und anderen emissionsintensiven Gütern ein CO₂-Zertifikat für jede importierte Tonne hinterlegen.

Das Prinzip ist richtig: Wer billiger produziert, weil er keine Klimakosten trägt, soll den Preisvorteil nicht behalten. Doch die Umsetzung hat Tücken. CBAM schützt EU-Produzenten vor billigen Importen — erhöht aber gleichzeitig die Kosten für EU-Verarbeiter, die importierten Stahl weiterverarbeiten. Und es schützt nicht vor dem Preisnachteil, den ein deutsches Unternehmen gegenüber einem französischen Konkurrenten innerhalb der EU trägt.

Was die Politik tun müsste — und was sie tut

Die Forderungsliste der Industrie ist seit Jahren dieselbe: wettbewerbsfähiger Industriestrompreis, Abbau von Überregulierung, verlässliche Planungshorizonte für Investitionen, zügige Genehmigungsverfahren. Auch Anne-Marie Großmann wiederholt diese Punkte im Ronzheimer-Interview — nicht zum ersten Mal.

Die Politik reagiert inkrementell: Der geplante Industriestrompreis von 5 Cent ab 2026 ist ein Signal, aber er kommt spät und erreicht nicht alle Betriebe. Kanzler Friedrich Merz, beim DGB-Kongress im Mai 2026 ausgebuht, hat das Thema Industriepolitik auf die Agenda gesetzt — aber zwischen Ankündigung und Wirkung liegt politischer Verhandlungsstoff.

Das grundlegende Problem bleibt: Deutschland hat sich aus der Kernkraft verabschiedet, investiert massiv in Erneuerbare, hat aber die Phase des Übergangs energiewirtschaftlich nicht sauber überbrückt. Das Ergebnis ist ein Preishoch, das genau in jenen Jahren anfällt, in denen die Industrie ohnehin unter Druck steht.

Stahl als Indikator für den Standort

Die Stahlindustrie ist kein Relikt. Sie ist Grundlage für Windkraftanlagen, Eisenbahninfrastruktur, Elektrofahrzeuge und Maschinenbau. Ohne wettbewerbsfähige Stahlproduktion im Inland verliert Deutschland nicht nur Arbeitsplätze — es verliert einen Teil seiner industriellen Souveränität.

Anne-Marie Großmann formuliert es im Ronzheimer-Interview so, dass es verständlich ist: Ihr Werk verbraucht 0,2 Prozent des deutschen Stroms. Das bedeutet: Es ist systemrelevant, und es zahlt jeden Monat einen Preis, der in keinem anderen vergleichbaren Land in dieser Höhe anfallen würde.

Die Frage, die das Interview aufwirft, ist keine wirtschaftliche — sie ist politische: Will Deutschland diese Art von Industrie noch? Wenn ja, müssen die Rahmenbedingungen es zeigen. Wenn nein, sollte die Politik das zumindest offen sagen — statt zuzuschauen, wie die Unternehmen einzeln das Land verlassen.

Quellen: DIHK Energiewende-Barometer 2024, Wirtschaftsvereinigung Stahl, AGEB, Bundesnetzagentur, EY Industriebarometer Q4 2025, Ronzheimer-Interview mit Anne-Marie Großmann (YouTube, Mai 2026), Deloitte CBAM-Analyse.

EinordnungDie hohen Strompreise gefährden die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Industrien im globalen Markt und können zu Arbeitsplatzverlusten führen. Ohne strukturelle Lösungen beim Energiemix bleibt Deutschland auch bei Subventionen im Nachteil gegenüber anderen Ländern.
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